Dr. Markus Moke, Dr. Jürgen Clemens, David Hugenbusch

Darstellung des Verhältnisses von Nutzen zu Kosten (Nutzen dividiert durch Kosten) aller 117 analysierten Katastrophenvorsorgemaßnahmen differneziert nach den betrachteten Naturrisiken.

Darstellung des Verhältnisses von Nutzen zu Kosten (Nutzen dividiert durch Kosten) aller 117 analysierten Katastrophenvorsorgemaßnahmen differneziert nach den betrachteten Naturrisiken.

Die Aktion Deutschland Hilft e. V. veröffentlichte kürzlich eine Meta-Analyse zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Katastrophenvorsorgemaßnahmen im internationalen und sektoralen Überblick. In der Fachöffentlichkeit sowie in politischen Stellungnahmen wird oft und gerne konstatiert, dass Katastrophenvorsorge – im Vergleich zu Nothilfe und Wiederaufbaumaßnahmen nach Katastrophenfällen – eine besonders kosteneffiziente Form der Schadensbegrenzung und Reduzierung von Todesfällen ist. Der Stellenwert, welcher Katastrophenvorsorge in der Fachliteratur und öffentlichen Diskursen zugesprochen wird, steht jedoch in starkem Kontrast zum politischen und wirtschaftlichen Willen, in größerem Umfang in Präventionsmaßnahmen zu investieren.

Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, dass sich die Vorteile der Katastrophenvorsorge in der Form von vermiedenen Schäden in der Zukunft manifestieren und daher meist unsichtbar oder zumindest weniger „publikumswirksam“ sind als die medienwirksame Freigabe von Geldern nach einer Naturkatastrophe. Zum anderen wird argumentiert, dass nicht ausreichend belastbare Informationen über zu erwartende soziale und ökonomische Vorteile von Katastrophenvorsorgemaßnahmen bereit stehen.

Die Kosten-Nutzen-Analyse als ein Standardwerkzeug in öffentlichen Entscheidungsprozessen scheint eine geeignete Methode zu sein, um die ökonomische Effizienz der Katastrophenvorsorge systematisch zu erfassen. In einer Kosten-­Nutzen-Analyse werden Kosten und Nutzen einer Katastrophenvorsorgemaßnahme zueinander in Verhältnis gesetzt, um deren Kosteneffizienz zu beurteilen. Investitionen in eine Katastrophenvorsorgemaßnahe werden als Kosten veranschlagt, und der Nutzen ergibt sich aus dem Schaden, welcher durch die Umsetzung der Maßnahme vermieden wird. Übersteigt der Nutzen die Kosten der Maßnahme, zahlt sich Katastrophenvorsorge aus.

In der Katastrophenvorsorge wird jedoch bisher nur selten auf die Kosten-Nutzen-Analyse zurückgegriffen. Bei konkreten Angaben werden speziell in der öffentlichen Debatte meist pauschale Werte genutzt. So wird der Weltbank die Aussage zugesprochen, dass jeder in die Katastrophenvorsorge investierte Dollar (Kosten) durchschnittlich sieben Dollar an Schäden infolge einer Katastrophe vermeidet (Nutzen). Der genaue Ursprung dieser Werte ist jedoch ungeklärt, und die Weltbank hat sich von dieser Aussage mittlerweile distanziert.

Das Beispiel zeigt aber, dass bisher wenig über die ökonomische Effizienz von Katastrophenvorsorgemaßnahmen bekannt ist. Die Datenlage zu vorhandenen Studien ist insgesamt unübersichtlich, und ein ad-hoc-Vergleich ist meist nicht möglich, da unterschiedliche Vorgehensweisen zur Ermittlung der Kosten und des Nutzens herangezogen werden. Es besteht ein dringender Bedarf die Ergebnisse solcher Studien transparent und vergleichbar darzustellen.

Diesen Forschungsbedarf adressiert eine Meta-Analyse von Studien zur Kosten-Nutzen-Analyse, welche von Aktion Deutschland Hilft e.V. in Auftrag gegeben und nun in einer Kurzfassung veröffentlicht wurde. Diese Querschnittsstudie analysiert 117 internationale Fallstudien zu Katastrophenvorsorgemaßnahmen aus dem Zeitraum der letzten 20 Jahre. Ziel der strukturierten Synthese dieser vorliegenden Studien ist, belastbare Aussagen zu dem Verhältnis von Kosten und Nutzen von Katastrophenvorsorgemaßnahmen bezogen auf unterschiedliche Naturrisiken sowie hinsichtlich unterschiedlicher Kategorien von Vorsorgemaßnahmen treffen zu können.

Im Kern bestätigt diese Meta-Analyse, dass Vorsorgemaßnahmen nicht nur aus humanitärer und ethischer Perspektive unerlässlich, sondern zudem generell kosteneffizient sind. In 102 der 117 untersuchten Fallstudien übersteigt der Nutzen die Kosten, wobei die Bandbreite je nach Naturrisiko deutlich variiert (s. Grafik „Kosten-Nutzen-Verhältnis“).

Zudem zeigt diese Studie deutlich, dass nicht-strukturelle Katastrophenvorsorgemaßnahmen – wie z. B. die Erarbeitung von Katastrophenplänen sowie Informations- und Ausbildungskampagnen für die Bevölkerung – im Schnitt ökonomisch effizienter sind als „klassische“ strukturelle bzw. investive Maßnahmen wie z. B. der Bau von Deichen oder die Stabilisierung von Gebäuden. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist die Beobachtung, dass der ökonomische Nutzen von Katastrophenvorsorgemaßnahmen in einkommensschwachen Ländern durchweg deutlich höher ist als in wohlhabenden Ländern. Die Entwicklung von armen Ländern wird aber nicht nur durch singuläre Großschadensereignisse, sondern insbesondere durch häufige Ereignisse mit einer vergleichsweise geringen Intensität behindert. Die Schäden „kleinerer Katastrophen“ können durchweg durch sehr kostengünstige Maßnahmen wirksam reduziert werden. Sie leisten somit einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen und stetigen Entwicklung eines Landes.

Die Studie kann mit ihren Ergebnissen – Katastrophenvorsorge zahlt sich aus! – und Empfehlungen einen wichtigen Betrag dazu leisten, die Vorteile der Katastrophenvorsorge sachlicher und umfassender in der Fachöffentlichkeit sowie in der Medienarbeit und gegenüber Entscheidungsträgern in Politik und bei Geberorganisationen darzustellen. Außerdem hilft sie dabei, Hemmnisse abzubauen und gezielte Investitionen in Katastrophenvorsorge zu befördern. Die Kurzfassung der Studie in deutscher und englischer Sprache ist auf der Webseite von Aktion Deutschland Hilft e.V. abrufbar:

https://www.aktion-deutschland-hilft.de/fileadmin/fm-dam/pdf/publikationen/aktion-deutschland-hilft-studie-zur-katastrophenvorsorge.pdf

Englisch: https://www.aktion-deutschland-hilft.de/fileadmin/fm-dam/pdf/publikationen/ADH_Studie_EN_rev3.pdf

Dr. Markus Moke
Abteilungsleiter Projekte und Qualitätssicherung,
Aktion Deutschland Hilft
E-Mail: moke@aktion-deutschland-hilft.de  

Dr. Jürgen Clemens
Senior Program Advisor: Malteser International
E-Mail: juergen.clemens@malteser-international.org

Thomas Neumann
STELLA Consulting
E-Mail: tneumann@stellaconsulting.com

David Hugenbusch
Leitung, Referat E1 (Grundsatz/Einsatz): Bundesanstalt Technisches Hilfswerk
E-Mail: david.hugenbusch@thw.de