Vom 8. bis zum 12. Februar 2016 haben Deutsche und Belgier gemeinsam die „biologische Aufklärung“ in der Münchner Ernst-von-Bergmann-Kaserne geübt. 23 zivile und militärische Experten beider Nationen trainierten intensiv die Verfahren zur Bestimmung eines unbekannten Erregers beim Ausbruch einer fiktiven tödlichen Infektionskrankheit.

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Der Handschuhkasten wird zur Probeninaktivierung genutzt. (Bild: H.Derschum)

„Der Anstoß zu dieser Übung kam von Professor Gala“, erklärt Oberstleutnant Dr. Kilian Stoecker vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. „Er hatte damals sein gesamtes Personal an dem von uns entwickelten mobilen Labor der Europäischen Union in München ausbilden lassen, bevor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Zuge der letzten Ebola-Epidemie in den Einsatz nach Westafrika gingen“, so Stoecker.

Der Brüsseler Universitätsprofessor Dr. Jean-Luc Gala ist der Leiter des „B-LiFE“ (BioIogical Light Fieldable Laboratory For Emergencies), einem verlegbaren Labor, bestehend aus zwei großen Zelten, Solarpanel, Satellitenkommunikation und einer modernen Laboreinrichtung. Das Material dieses belgischen zivil-militärischen Gemeinschaftsprojekts passt in einen Container und wurde mit dem Lkw nach München gebracht. „Wir wollen die Interoperabilität zweier Labore im Feldeinsatz und die Diagnostik herausfordernder Proben trainieren“, erläutert der 39-jährige Stoecker den Übungszweck. Ähnlich äußert sich Gala: „Mir geht es um die Harmonisierung von Arbeitsprozessen und das Testen der Qualität unserer Verfahren zur schnellen Bestimmung der Ursachen tödlicher Infektionskrankheiten.“

Die Qualität mache er am Ausbildungsstand des Personals, an der Eignung des Materials, den genutzten Analysemethoden, an der Fähigkeit zur Interoperabilität, dem Austausch von Expertenwissen und an den Ideen zur Verbesserung fest. Sein Ziel sei der „Aufbau eines vorläufigen europäischen Teams mit der Fähigkeit zur gemeinsamen Zusammenarbeit trotz bestehender Unterschiede, das im Fall einer größeren Krise in und außerhalb Europas eingesetzt werden kann“.

So üben neun deutsche und 14 belgische Spezialisten gemeinsam die Diagnostik für einen Krankheitsausbruch wie bei einer Ebola-Epidemie. Allerdings bekommen sie es dieses Mal mit einem neuen, unbekannten Krankheitserreger zu tun. „Wir haben für die Übung ein fiktives Krankheitsbild entwickelt, das beim Symptom ‚blutiger Durchfall‘ einen positiven Test auf einen simulierten Erreger ergibt. Dazu haben wir Blutproben von freiwilligen Spendern mit selbstgezüchteten, für Menschen absolut ungefährlichen, Bakteriophagen versetzt, die es in unterschiedlicher Konzentration zu analysieren gilt“, erklärt Stoecker.

Trotz etwas unterschiedlicher Methoden kämen beide Labore zu den richtigen Ergebnissen. Stoecker weiß, wovon er spricht. Als ziviler Mitarbeiter kam er zum Institut für Mikrobiologie. Dort war er maßgeblich an der Realisierung des europäischen mobilen Labor-Projektes beteiligt. „Frische Mitarbeiter, die neue Ansätze mitbringen, sind für jede Forschungseinrichtung überlebenswichtig und beugen Betriebsblindheit vor“, betont der Experte. Seit September letzten Jahres ist er Soldat: „Ich bin fasziniert von den hiesigen Möglichkeiten, die die universitäre Grundlagenforschung nicht bieten kann.“ Sein Aufgabenfeld in der mobilen B-Aufklärung sei „extrem spannend und sehr sinnvoll“. Mit den entwickelten Fähigkeiten könne er den Menschen wirklich helfen. Dies habe die Arbeit im europäischen mobilen Labor zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie gezeigt.

Deswegen sei jetzt auch der beste Zeitpunkt für die Übung. Die Erfahrungen seien noch frisch und flössen in das Training ein. „Fünf Minuten bevor, die Party losgeht, ist es zu spät, tanzen zu lernen!“, meint der überzeugte Offizier und unterstreicht: „Fight as you train, train as you fight!“. Die Kooperationspartner probieren demzufolge auch eine neue Technologie zur „Vollgenomsequenzierung“ aus. Um einen Erreger zu identifizieren, wird seine komplette Erbgutsequenz analysiert. Über seine genaue Charakterisierung wird schließlich die Infektionskette bestimmt. Seit eineinhalb Jahren wird dieses Verfahren erprobt. Bislang ist es aber in einem schnell verlegbaren Labor nicht etabliert. Wesentliche Herausforderung ist dabei, die riesigen Datenmengen vor Ort im Einsatz zu analysieren bzw. zu übertragen. Die Deutschen nutzen dazu eine mitgeführte, lokale Lösung, während die Belgier auf die Satellitenkommunikation setzen – unterschiedliche, aber trotzdem funktionierende Wege zum gemeinsamen Ziel einer zuverlässigen mobilen Diagnostik von Infektionskrankheiten im Feld.

 

(Aus „Sanitätsdienst Intern“ 03/2016,
Text: Oberleutnant Siegfried Jooß, Fotos: H. Derschum,
Infos zum Laborprojekt: www.emlab.eu/)