Ein Wegweiser für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Unsere immer komplexere und globalisierte Gesellschaft eröffnet gleichermaßen Chancen wie Risiken, produziert Gewinner ebenso wie Verlierer. Die jüngsten terroristischen Anschläge in unseren Anrainerstaaten, wiederkehrende Bedrohungslagen an unseren Bahnhöfen und Stadien, Gewaltübergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten und nicht zuletzt die zunehmende Diebstahlskriminalität, insbesondere beim Wohnungseinbruch, lassen jeden von uns die Risiken hautnah spüren, wenn nicht sogar unmittelbar erleben.

Leistungsvermögen der Kriminalprävention

Auf den Punkt gebracht, leistet Kriminalprävention einen wertvollen Beitrag zur Anerkennung von Regeln, Werten und Normen, bevor diese gebrochen werden. Eine ganzheitliche und wirkungsorientierte Präventionsstrategie, die das Wissen und die Impulse vielfältiger Präventions­akteure aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Präventionspraxis und Gesellschaft aufgreift und bündelt, ist deshalb ein zentraler Eckpfeiler einer funktionierenden Sicherheitsarchitektur. Zur besseren Orientierung lässt sich die Kriminalprävention in Deutschland in universelle, situative bzw. selektive und indizierte Prävention sowie Täter-, Situations- und opferbezogene Prävention unterscheiden:

Allgemein förder­liche Maßnahmen der universellen Prävention berühren diverse Ressortzuständigkeiten. Eine weit ausgelegte Kriminalprävention versteht sich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die vernetzt, interdisziplinär, ressort- und institutionsübergreifend auf Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes kooperiert. Wissensbasiert und wirkungsorientiert bekämpft sie Kriminalität an ihrer Wurzel.

Situative bzw. selektive Kriminalprävention zielt unmittelbar oder mittelbar auf die Verhinderung und Verringerung von Kriminalität bzw. auf die Verbesserung von Sicherheitslage und Sicherheitsgefühl. Sie fokussiert persönliche und soziale Defizite mit dem Ziel, diese als mögliche Kriminalitätsursachen zu be­seitigen, Tatgelegenheiten zu verringern und das Entdeckungs­risiko zu erhöhen.

Programme und Maßnahmen für straffällig gewordene Personen und kriminogene Sachlagen („Kriminalitätsbrennpunkte“) sind der indizierten Prävention zuzuordnen. Sie strebt an, weitere Straffälligkeit und Straftaten zu verhindern oder zumindest zu verringern. Kriminalitätsauffällige sollen resozialisiert werden. Der Kriminalität wird mit (staatlichen) Kontroll- und Eingriffsmaßnahmen entgegengewirkt.

Ausgewählte Akteure

Die Community der Präventionsakteure in Bund und Ländern ist vielfältig. Dieser Beitrag beschränkt sich auf drei Akteure und erhebt damit ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

DFK – Vernetzung und Service für staatliche und nichtstaat­liche Präventionsakteure

Gemeinsam gründeten Bund und Länder im Jahr 2001 die Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK) als gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechts. Die Anbindung an eine Stiftung setzt das Signal, dass Kriminalprävention keine ausschließlich staatliche Aufgabe ist. Das breitgefächerte Kuratorium aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Präventionspraxis soll die relevanten gesellschaftlichen Kräfte – auf Chef­ebene – zu gemeinsamer Verantwortung zusammenführen. Stiftungszweck ist die Förderung der Kriminalprävention in allen Aspekten, was ein umfassendes Aufgabenspektrum widerspiegelt, in dem die Kooperation und Vernetzung der staatlichen wie nichtstaatlichen Akteure in einer föderalistischen Präventionslandschaft besondere Bedeutung erlangt. Eine solch anspruchsvolle Arbeit in dieser Dimension erfordert ein gelebtes politisches Bekenntnis, ausreichend Personal sowie Fördermittel und Spenden.

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Das DFK empfiehlt qualitätsgeprüfte Programme. (Grafik: DFK)

Einer der Arbeitsschwerpunkte der Stiftung ist die Entwicklungsförderung und Gewaltprävention für junge Menschen. Empirische Forschungen belegen, dass Prävention nicht nur und erst dann einsetzen sollte, wenn Kinder und Jugendliche auffällig werden bzw. geworden sind. Erforderlich ist stattdessen eine möglichst frühzeitige Förderung zentraler Schutzfaktoren, was bedeutet, bereits Kinder in ihrer normalen Entwicklung zu unterstützen, Ressourcen der Kinder und Schutzbedingungen zu aktivieren und erste Risiken aus dem Weg zu räumen.

Der Vielfalt existierender Präventionsaktivitäten stehen jedoch ein deutlicher Mangel an methodisch gut evaluierten Programmen und ein noch größeres Defizit an ihrer nachhaltigen Umsetzung gegenüber. Und das, obwohl die internationale Forschung nahelegt, dass sich entwicklungsbezogene Prävention auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten rechnet. Folgerichtig legt das DFK sein Augenmerk auf wissensbasierte und wirkungsorientierte Prävention. Durch entsprechende Auftragsvergaben zu systematischen Evaluationsstudien sowie Maßnahmen zu nachhaltiger Implementierung von Programmen, einschlägiger Wirkungsforschung, Kosten-Nutzen-Analysen und „Social Return on Investment (SROI)“ präventiver Arbeit stellt das DFK diese qualitätsorientierten Instrumente für die Präventions-Community zur Verfügung (www.wegweiser-praevention.de).

In der Rolle eines Impulsgebers greift das DFK auch auf anderen Handlungsfeldern strategische und politisch relevante Fragestellungen auf, um Handlungs- und Lösungsansätze anzustoßen bzw. auf den Weg zu bringen. Beispiele aus der jüngsten Zeit sind die vom DFK entworfene Handreichung zur Wanderausstellung „VorBILDER – Sport und Politik vereint gegen Rechtsextremismus“ und die Entwicklung eines Handlungskonzepts zur Prävention von Wohnungseinbruch, mit dem Ergebnis, dass über die KfW-Bankengruppe nunmehr eine staatliche Förderung von Sicherungstechnik ermöglicht wird.

Für seinen kontinuierlichen Wissenstransfer nutzt das DFK vielfältige Kanäle. Über sein Engagement in ausgewählten Netzwerken hinaus informiert das DFK mit unterschiedlichen Informa­tionsportalen auf seiner Website www.kriminalpraevention.de, seinem elektronischen Newsletter sowie Publikationen einschließlich einer eigenen Zeitschrift „forum kriminalpräven­tion“. Gemeinsam mit dem vom DFK initiierten Sachverständigenrat zur Entwicklungsförderung und Gewaltprävention für junge Menschen werden wissenschaftliche Erkenntnisse praxisgerecht aufbereitet. Letztlich sieht die Netzwerkfunktion des DFK die wegweisende Einbindung politischer, präventionspraktischer, unternehmerischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Akteure in eine gelingende Kriminalprävention vor.

 NZK – Forschung für Kriminalpolitik und Präventionspraxis

Im Rahmen des Zukunftsdialoges der Bundeskanzlerin in der 17. Wahlperiode regte die Arbeitsgruppe „Kriminalität und Sicherheit“ die Einrichtung eines Nationalen Zentrums für Kriminalprävention (NZK) an. Dieses soll kurz-, mittel und langfristig empirisch fundiertes Wissen für eine evidenzbasierte Präven­tion und Kontrolle von Kriminalität erarbeiten und für die Politik handlungsorientiert aufarbeiten. Im Januar 2016 nahm das NZK in einer Bürogemeinschaft mit dem DFK seine Arbeit auf. In einem ersten Projektzeitraum bis zum 31. Dezember 2018 ist beabsichtigt, erste inhaltliche und organisatorische Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten. Das Bundesministerium des Innern setzt für das NZK in dieser Gründungsphase 500 000 € p. a. für Personal-, Sach- und Projektausgaben ein.

ProPK – Drehscheibe für die Polizeiliche Kriminalprävention

Bei der „Beurteilung der (Kriminalitäts-) Lage“, der Feststellung der Präventionsbedarfe und der Entwicklung von Lösungsansätzen ist die Polizei ein zentraler Player unter den Präventionsakteuren.

Das Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) verfolgt seit mehr als 40 Jahren das Ziel, die Bevölkerung, Multiplikatoren, Medien und andere Präventionsträger über Erscheinungsformen der Kriminalität und Möglichkeiten zu deren Verhinderung aufzuklären (www.polizei-beratung.de).

Um die Präventionsarbeit besser zu koordinieren und Kräfte zu bündeln, wurden im Jahr 1997 die Projektleitung als strategisches Gremium und die Kommission Polizeiliche Kriminalprävention gebildet. Die zeitgleich eingerichtete Zentrale Geschäftsstelle in Stuttgart führt die Geschäfte der beiden zuständigen Gremien.

Unverzichtbare Erfolgsfaktoren

Wie dargelegt ist Kriminalprävention eine gesamtgesellschaft­liche Herausforderung für alle relevanten Präventionsakteure aus Gesellschaft, Praxis, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Grundlage für ein nachhaltiges Wirken präventiver Maßnahmen sollte eine ganzheitliche, nationale Präventionsstrategie sein, die genügend Raum für die Spezifika „vor Ort“ in den Ländern, Kommunen und Stadtvierteln lässt.

Kriminalprävention geht uns alle an: Bürgerschaftliches En­ga­ge­­ment stärkt die Bindekräfte der Gesellschaft, ist ein Ausdruck von Solidarität und ermöglicht soziale Teilhabe, wie die vielfältige Unterstützungsbereitschaft unserer ehrenamtlicher Helfer aus Anlass der Flüchtlingsaufnahme ausdrucksstark zeigt. Die Bürger müssen in vernetzten Sicherheitskooperationen Kriminalprävention mitgestalten. Gleichermaßen von Bedeutung ist die Präventionspraxis mit ihren zahlreichen Akteuren sowie vielfältigen Programmen und Projekten: Sie ist für Politik und Wissenschaft Feedbackgeber und Richtungsweiser in der Entwicklung der Krimi­nal­präven­tion. Doch es bedarf auch der Schubkraft der Präventionspolitik: Sie schafft die erforderlichen Rahmenbedingungen, ebenso wie die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen. Das ist dauerhaft nur dann leistbar, wenn sich die Präventionspraxis bei ihrer „Arbeit vor Ort“ auf Theorie und Empirie stützt sowie nachhaltig Wirkungen erzielt. Insofern braucht die Kriminalprävention zwingend die Präventionswissenschaft als Lieferanten der theoretischen wie der empirisch gesicherten Grundlagen. Gleichermaßen ist sie als Beraterin bei der Planung, Umsetzung und Verbreitung präventiver Programme sowie bei der Überprüfung von Projekten auf ihre Praxistauglichkeit und Wirksamkeit hin gefragt. Derartige qualitätsgeprüfte Präventionsmaßnahmen zahlen sich nicht nur für die Politik, sondern auch für Unternehmen ganz unmittelbar aus. Denn die Kinder und Jugendlichen von heute sind die Auszubildenden und Beschäftigten von morgen.

Gelingende Kriminalprävention – ein Baustein für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Eine zukunftsorientierte Kriminalprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe fordert daher neue strategische Allianzen, in denen die relevanten Akteure im eigenen Interesse ihre Rollen neu bestimmen, ihre Kompetenzen und Ressourcen bündeln und gemeinsam neue Lösungswege gehen. Für eine gelingende Kriminalprävention braucht es diese „Koalition der Willigen“, um mit einem systematischen Präventionsmanagement einen nachhaltigen Beitrag für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten.

Aufmacherbild: Starke Partner – gemeinsam für die Kriminalprävention. (Grafik: DFK)

Kriminaldirektorin Martina Kessow

Foto KessowAnschrift der Verfasserin:
Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK)
c/o Bundesministerium des Innern
Graurheindorfer Straße 198
53117 Bonn
Tel.: 0228/99681-3355

geb. am 28. Januar 1964 in Köln
1987 – 1995: Einsatz im Bundeskriminal­amtes im gehobenen Kriminaldienst des Bundes 1997: Laufbahnprüfung höherer Kriminaldienst des Bundes
1997 – 2001: Sachgebietsleiterin im BKA, Referentin im BMI im Referat „Einsatzangelegenheiten des Bundesgrenzschutzes“
2002 – 2004: Leiterin des Aus- und Fort­bildungszentrums des Grenzschutzpräsi­diums Ost
2004 – 2008: Hauptsachgebietsleiterin Einsatz zugleich stellvertretende Amtsleiterin im Bundespolizeiamt Frankfurt (Oder), Leiterin Bundespolizeiinspektion Magdeburg und Sachbereichsleiterin „Gefahrenabwehr für Angelegenheiten der Grenzpolizei, Bahnpolizei und Luftsicherheit“ in der Bundespolizeidirek­tion Pirna
2008 – 2014: Leiterin des Referates IK 24 „Ausbildungs- und ­Ausstattungshilfe“, Projektbeauftragte der Abteilung Sicherungsgruppe aus Anlass der FIFA Frauen-Fußball-WM 2011 und  Leiterin des Referates IK 11 „Strategische Planung und Früherkennung“
seit 2014: Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention mit dem Schwerpunkt Unterstützung des DFK-Vorstands bei der Zusammenarbeit mit den im Stiftungs­kura­torium vertretenen Wirtschaftsunternehmen und -verbänden