5. September 1972, acht bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September stürmen das Wohnquartier der israelischen Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele in München und nehmen elf Mannschaftsmitglieder als Geiseln. Zwei bei dem Angriff bzw. wenig später durch Schüsse schwer verletzte Israelis sterben bereits in den ersten Stunden der Geiselnahme.

Ein Querschnitt möglicher Gefahren: Terror, Versagen und Pech

Dieses Massaker von München hat Spuren hinterlassen. Weltweit gelten seitdem Großveranstaltungen als potenzielle Angriffsziele für terroristische Aktionen. Sie genießen ohnehin schon mediales Interesse und garantieren damit die sofortige großflächige, ja weltweite Verbreitung der Aktion und damit auch der politischen Forderungen.

Zuletzt erlebten wir die Nervosität der Geheimdienste im Vorfeld der olympischen Spiele im russischen Sotschi. Wenige Tage vor der Eröffnung hat ein ranghoher amerikanischer Anti-Terror-Beamter vor möglichen Anschlägen auf das Großereignis gewarnt. Es gebe derzeit «eine Reihe von spezifischen Bedrohungen», sagte der Direktor des nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung, Matthew Olsen vor dem Kongress in Washington. Zwei Selbstmordattentate im 700 Kilometer von Sotschi entfernten Wolgograd, bei denen Ende Dezember 2013 34 Menschen getötet wurden, verliehen der Warnung den medialen Rahmen und die passenden Fotos.

Doch nicht nur die Sportstätten selber stehen unter Beobachtung. Spätestens seit dem Fußball-Sommertraum von 2006 ist das „Rudel-Gucken“ oder, wie es vornehmer heißt, das Public Viewing im Trend. Und diese Veranstaltungen bringen all das mit sich, was sie als Terrorziel attraktiv macht: eine gute Stimmung, die unaufmerksam werden lässt, viele Menschen auf engem Raum, Handys mit Zugang zu den sozialen Medien. Es bedarf heute nicht mehr der Fernsehkameras, um Bilder und Videos zu verbreiten.

So hatte das Bundeskriminalamt vor dem Champions-League-Finale 2013, das Borussia Dortmund und Bayern München in London bestritten, vor einem möglichen Terror-Anschlag in Deutschland gewarnt. Nach Informationen von „Spiegel Online“ hat BKA-Chef Jörg Ziercke den Innenministern von Bund und Ländern in einer vertraulichen Sitzung am Freitag vorher von Hinweisen auf ein möglicherweise geplantes Attentat berichtet. Gefährdet, so Ziercke, seien möglicherweise die Fanmeilen. In zahlreichen deutschen Städten wollten Fans die Fußballübertragung auf Großbildleinwänden verfolgen.

Abb. 2 a:Kurz nach den Explosionen beim Anschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013. Bild: Magnus Manske/wiki commons.

Abb. 2 a:Kurz nach den Explosionen beim Anschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013. Bild: Magnus Manske/wiki commons.

Angeblich wären die Hinweise vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB gekommen, der in den Wochen zuvor Telefonate zwischen Tschetschenen im Kaukasus und in Europa abgehört hätte. Über Inhalt und Zweck der Gespräche seien die deutschen Behörden informiert worden.

Aus dieser Warnung lassen sich verschiedene Erkenntnisse ableiten. Offensichtlich ist der Terrorismus ein Phänomen, das auch extrem unterschiedliche Staaten dazu bringt, ihre geheimdienstlichen Erkenntnisse miteinander zu teilen. Der Terrorismus, so hat es den Anschein, wird als Bedrohung gesehen, die systemunabhängig jeden treffen kann und daher der gemeinsamen Bekämpfung bedarf. Dieser Gefahr ist sich offensichtlich die Politik bewusst. Berlins Innensenator Frank Henkel jedenfalls reagierte gelassen auf die Warnungen. Er stufte die Sicherheitsbehörden der Stadt mit Blick auf die Champions-League-Fanmeile als gut vorbereitet ein. Man habe reichlich Erfahrung bei der Durchführung von Großveranstaltungen, sagte Henkel: “Es ist seit längerem klar, dass Deutschland und damit auch ihre Hauptstadt im Fadenkreuz von Terroristen steht. Das ist nicht neu”.

Abb. 2 b: Erstversorgung der Opfer am ersten Explosionsort. Bild: Magnus Manske/ wiki commons.

Abb. 2 b: Erstversorgung der Opfer am ersten Explosionsort. Bild: Magnus Manske/ wiki commons.

Dass die Gefahr nicht nur fiktiv ist, sondern gerade der Sport mit seinem gesamten Umfeld durchaus ein Ziel darstellt, wurde kurz nach der Fußball-WM 2010 deutlich. Zwei Bomben explodierten am späten Sonntagabend kurz hintereinander in der ugandischen Hauptstadt Kampala in einem äthiopischen Restaurant und in einem Rugbyclub, wie Sicherheitskräfte sagten. 70 Fußballfans, die dort das Endspiel der WM zwischen Spanien und den Niederlanden in Südafrika auf Großleinwänden verfolgten, wurden in den Tod gerissen. Die Polizei geht von einem Terrorakt aus und vermutet radikalislamische Extremisten aus Somalia als Täter. Für radikale Muslime ist Fußball „unislamisch“.

 

Sportstadien als komprimierte Ansammlung zahlreicher Menschen mit eingeschränkten Fluchtmöglichkeiten, Public Viewing-Plätze ebenfalls als Sammelort für viele Menschen, gutgelaunt und daher mit eher verminderter Gefahrensensibilität, sind für Terroranschläge prädestiniert. Am 15. April 2013 lernten wir allerdings, dass aus Sicht eines Terroristen noch weitere Sportveranstaltungsarten als Ziel effektiv im Sinne seiner Betrachtung sind. So explodierten beim Boston-Marathon, der jährlich am Patriots’ Day als Stadtmarathon ausgetragen wird, zwei Sprengkörper im Zielbereich. Durch die Explosionen wurden drei Menschen getötet und 264 weitere verletzt. US-amerikanische Bundesbehörden stuften den Bombenanschlag als terroristischen Akt ein.

Aber auch andere Ursachen gehören in die Risikoanalyse anstehender Sportgroßveranstaltungen. Vor genau 25 Jahre ereignete sich in Sheffield die so genannte Hillsborough-Katastrophe. Im Fußballstation kam es zu einer Panik, in deren Folge schließlich 96 Tote und 766 Verletzte zu beklagen waren. Eine unabhängige Kommission legte mit ihrem Bericht im Jahr 2012 nahe, dass Mitglieder der Polizei und der Hilfskräfte eine erhebliche Schuld trifft – und zwar sowohl mit Blick auf die Ursachen der Katastrophe, als auch hinsichtlich des Ausmaßes. Aber auch ein unüberlegtes Handeln der Ordnungskräfte und bauliche Umstände trugen zur Katastrophe bei.

Das Wetter wurde 18. August 2011 beim jährlich stattfindenden Rockmusikfestival bei Hasselt (Belgien) zum Problem. Von den Veranstaltern war die Schwere des heftigen Unwetters nicht berücksichtigt worden. Sturm, Starkregen und Hagel überraschten die Besucher, zwei Bühnen sowie mehrere Leinwände, Zelte und Metallkonstruktionen stürzten zusammen. Dabei kamen fünf Personen ums Leben, etwa 70 weitere wurden verletzt.

Konsequenzen für Behörden und ­Organisationen

Kommunikation, Planung und Kontrolle
Sportliche Großveranstaltungen finden in der Regel in entsprechenden speziellen Räumlichkeiten statt. Dies sind große Stadien für Fußball- oder Leichtathletikveranstaltungen oder Veranstaltungshallen zum Beispiel für Boxmeisterschaften. In aller Regel stehen hinter diesen Veranstaltungen professionellen Organisatoren. Und für diese Orte gibt es Sicherheitskonzepte. Es gibt Entfluchtungspläne mit dazugehöriger Ausschilderung. In der Regel verfügen die Veranstalter auch über fest angestelltes Personal, das mit den Räumlichkeiten und den Konzepten vertraut ist. Dazu kommen ergänzend für Veranstaltungen eingestellte Ordnungskräfte, die diese Aufgabe überwiegend auch regelmäßig wahrnehmen. Die für diese Veranstaltungsorte zuständigen Ordnungsbehörden haben die Sicherheitskonzepte grundsätzlich abgenommen, die Auflagen für bestimmte Veranstaltungsarten sind fixiert oder werden bedarfsangepasst abgestimmt. Die untere Katastrophenschutzbehörde muss sich dabei bewusst sein, dass sie gleichermaßen Ordnungsbehörde, Bauamt, Gesundheitsverwaltung und Brandschutzamt ist. Diese und weitere Aufgaben werden in der Kreisverwaltung bzw. Stadtverwaltung wahrgenommen, so dass das Objekt sich im Bereich einer kreisfreien Stadt befindet. Wichtige Aufgabe ist hier also das Zusammenwirken der zuständigen Fachabteilungen, um auf den diversen gesetzlichen Grundlagen aufbauend ein solches Konzept zu erstellen. Dabei sind natürlich Externe, insbesondere die Polizei, mit einzubeziehen. Da ergänzendes Sicherheitspersonal für Großveranstaltungen oft aus den Kreisen der (privaten) Hilfsorganisationen gewonnen wird, sollten diese in die Konzept-erstellung auch aufgrund ihrer Erfahrungen einbezogen werden.

Sportveranstaltungen, die als Wettkampf zwischen zwei Personen oder zwei Gruppen ausgetragen werden, ziehen auch als Zuschauer entsprechend zwei Fangruppen an. Hier sind die Planungen und personellen Vorbereitungen situativ auszurichten. Einen wesentlichen Aspekt stellt die klare und eindeutige Festlegung der Schnittstelle der Zuständigkeiten dar. Dies gilt sowohl räumlich als auch aufgabenspezifisch (Veranstalter – Ordnungsbehörde – Polizei). In Zusammenarbeit mit der Polizei richtet sich der Blick dabei über den Veranstaltungsort hinaus auf die gesamte Anreisestecke und Bewegungsfläche der Fangruppen. Zur Einschätzung der Sensibilität kann dazu ein Kontakt mit der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei hilfreich sein. Seit 20 Jahren sorgt sie durch ihre bundesweite sowie internationale Arbeit für mehr Sicherheit im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen. Mit ihrer Arbeit stellt die ZIS sicher, dass die für einen Veranstaltungsort zuständige Polizeidienststelle über alle polizeilich bekannten Hintergrundinformationen verfügt, um mit angemessenem Personaleinsatz die Sicherheit der Zuschauer in und um Veranstaltungsorte wie Stadien oder Plätze sowie auf den An- und Abreisewegen gewährleisten zu können. Dieses Ziel erreicht die ZIS im In- und Ausland gleichermaßen durch stetigen, engen Kontakt und Austausch mit Spielortbehörden, den in jedem Bundesland etablierten Landesinformationsstellen Sporteinsätze (LIS), der Informationsstelle Sporteinsätze beim Bundespolizeipräsidium Potsdam (BPolP-IS) sowie den internationalen Partnerdienststellen. Da es sich bei zahlreichen Veranstaltungen um Fußballspiele mit internationaler Beteiligung handelt, hält die ZIS besonders engen Kontakt zu den im europäischen Bereich einheitlich benannten National Football Information Points (NFIP).

Abb. 3: Beim Lokalderby zwischen FC Köln und Bayer Leverkusen im Rhein-Energie-Stadion am 25.02.2012 zünden Fans der Gastmannschaft Bengalos. Bild: Markus Unger/ wiki commons.

Abb. 3: Beim Lokalderby zwischen FC Köln und Bayer Leverkusen im Rhein-Energie-Stadion am 25.02.2012 zünden Fans der Gastmannschaft Bengalos. Bild: Markus Unger/ wiki commons.

Komplizierter wird die Vorbereitung der Katastrophenschutzbehörde und der Hilfsorganisationen auf Freiluftveranstaltungen. Dies sind einerseits die im Zusammenhang mit Sportgroßveranstaltungen in Mode geratenen Public Viewing-Plätze. Ihre Organisation liegt vielfach in den Händen privater Veranstalter, die vielleicht alle zwei oder vier Jahre einmal die Gelegenheit nutzen, auf diese Art Werbung zu machen oder ihrem Gastronomiebetrieb einen kräftigen Schub zu geben. Andererseits sind es Sportveranstaltungen, die Fläche brauchen. So etwa Marathonveranstaltungen oder Radrennen. Hier verteilen sich die aus Sicherheitssicht kritischen Punkte über die ganze Veranstaltungsstrecke. Neben dem Start- und Zielbereich sind dies Stellen, an denen die Teilnehmer mehrfach vorbeikommen, die durch ein Rahmenprogramm besonders aufgewertet werden oder die dem voyeuristischen Bedürfnis der Zuschauer dadurch verstärkt entgegenkommen, dass sie einen besonders risikoreichen Abschnitt darstellen. Veranstalter sind oft Sportvereine. Diese Events können jährlich mit einer gewissen Routine oder auch einmalig zum Beispiel aufgrund eines Jubiläums organisiert werden. All diese Freiluftveranstaltungen können im Unterschied zu den Hallen- oder Stadionveranstaltungen überall stattfinden. Sie stellen damit insbesondere für in dieser Hinsicht unerfahrene Genehmigungsbehörden eine Herausforderung dar.

Als Freiluftveranstaltungen sind auch Sportgroßveranstaltungen zu sehen, die zwar unter freiem Himmel, aber trotzdem in einem abgeschlossenen Areal stattfinden. Zu denken ist hier insbesondere an Motorsportveranstaltungen. Neben Anschlägen und Unfällen spielt hier wie bei allen Freiluftveranstaltungen das Wetter als Unwägbarkeit eine große Rolle. Panikartiger Aufbruch der Zuschauer, begleitet von Starkregen, Orkanböen, die Dächer, Fassaden und Vegetation beschädigen und Teile durch die Luft wirbeln, Gewitter, deren Blitze Bäume spalten, Parkflächen, auf denen die Autos nun im Morast stecken. Das sind Bilder, die eine vernünftige Planung langfristig im Auge haben muss und die die Verantwortlichen kurzfristig aufgrund der Wetterprognosen zu Entscheidungen zwingen. Daher gehört zu einer Planung die fortdauernde Kommunikation mit den Beteiligten und die frühzeitige Festlegung von Alternativen, was die Absage und den Abbruch mit allen rechtlichen und finanziellen Konsequenzen einschließt.

Fazit

Sportgroßveranstaltungen sind in aller Regel unproblematische Unterhaltung. Sie können jedoch durch polarisiertes Publikum, durch Unfälle, durch Wettereinflüsse oder als attraktives weiches Ziel terroristischer Fanatiker zu einem „Problem“ werden. Daher müssen Veranstalter, Genehmigungsbehörden und alle am Schutz der Bevölkerung beteiligte Organisationen und Einrichtungen im Dialog diese Veranstaltungen vom ersten Gedanken bis zur nachbereitenden Auswertung begleiten.

Quellangaben und Literaturhinweise beim Verfasser.

Bildnachbweis Abb. 1: Public Viewing birgt aufgrund der großen innerstädtischen Menschenansammlungen große sicherheitstechnische Gefahren. Bild: wandersmann/pixelio.de.

Anschrift des Verfassers:
Dieter Franke
Pädagogischer Leiter
Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Ramersbacher Straße 95
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel.: 0228 99/550-7090
www.bbk.bund.de

PassbildDieter Franke
Regierungsdirektor
Jahrgang 1954
1975 – 1980: Studium (Mathematik/Physik)
1981 – 1982: Referendariat
Seit 1983: Dozent an der Katastrophenschutzschule des Bundes (KSB) bzw. an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) in verschiedenen Bereichen
Aktuell: Pädagogischer Leiter der AKNZ sowie Lehrbereichsleiter „Strategische Führungsausbildung, Notfallvorsorge/-planung