Hygiene im Rettungsdienst – Verantwortung, Dringlichkeit und Unberechenbarkeit dominieren dieses Setting. Dass Maßnahmen der Infektionsprävention unabdingbar in den medizinischen Alltag gehören, wird im Allgemeinen immer dann deutlich, wenn Hygienefehler auftreten. Mangelnde Hygiene wird mit großen Schlagzeilen kommuniziert und Sanktionen dieser Missstände vehement gefordert. Dabei ist wissenschaftlich längst klar, wie es funktioniert.

Es ist bewiesen, dass die meisten Infektionen mit übertragbaren Mikroorganismen vermeidbar sind, insbesondere die so genannten Krankenhausinfektionen. Erweiterte Erregerspektren, die Herausforderung der Antibiotikaresistenzen und neue Risiken, die durch medizinischen Fortschritt entstehen, weil Diagnostik- und Therapietechniken Eintrittspforten am menschlichen Körper provozieren, die es noch vor wenigen Jahren einfach nicht gab – all dem ist die Hygiene gewachsen! Sie funktioniert.

Basishygiene

Händehygiene, vor allem die Händedesinfektion, ist als wirksamste Infektionsprävention anerkannt. Es liegt – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Hand und insofern auch da das größte Potential, krankmachende Bakterien und Viren NICHT zu übertragen.
Die Aufbereitung der Flächen ist akzeptierte Notwendigkeit für die Keimreduktion und Verhinderung einer Rekontamination desinfizierter Hände oder steriler Materialien und Kontaktgegenständen des Patienten. Darüber hinaus gibt es eine nahezu rasante Entwicklung im Wettkampf der großen Marktführer zur Verbesserung der Anwendbarkeit, Erreichbarkeit, Praktizität und das Wichtigste: der Wirksamkeit! Dabei werden die Produkte zunehmend gesundheits- und umweltverträglicher. Absolut fortschrittlich ist der Trend zur Verwendung von Einwegprodukten. Unzureichend aufbereitete Arbeitsmaterialien sind so weniger Gegenstand skandalöser Schlagzeilen.
Die Theorie ist also richtig gut. Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Umsetzung der Basishygiene sowie zusätzlicher gezielter Maßnahmen ermöglichen eine sichere Routine im medizinischen Alltag.
Der Haken, die Lücken für das dennoch häufige Zustandekommen von Infektionskrankheiten und deren Ausbreitung, müssen also an anderer Stelle zu finden sein.
Eine allgemeine Eigenschaft von Menschen ist es, nur das zu glauben, was man auch sieht. Hygiene ist jedoch da, bevor man etwas sieht und bekämpft unsichtbare Gefahren. Nur dann ist sie gut. Alles andere sind Korrekturen mangelnder Hygiene bzw. zugehöriger Desinfektionsmaßnahmen.
Wichtigster Fortschritt auf dem Gebiet der Präventivmedizin wäre demnach die unabdingbare Akzeptanz und Verantwortungsbewusstsein all derer, die in der Pflicht sind, hygienisch zu handeln. Praktische Standardhygiene muss als ein Bestandteil der medizinischen Leistung selbst und nicht als geforderter Mehraufwand akzeptiert sein. Die Intensität und Frequenz der Basishygiene bestimmt das Infektionspotential. Gegenüber technisierten Verfahren sind manuelle Durchführungen fehleranfällig, können aber durch Routine und Wiederholung auch ausgeglichen werden. Häufig entscheidet nicht ein einzelner Erreger selbst, sondern die vorhandene Konzentration derer über das Zustandekommen einer übertragbaren Krankheit beim Menschen.

Hygieneverständnis und -akzeptanz

Abbildung 2

Abklatschproben im RTW aus der Studie „Gefahren des Unsichtbaren – Status der Flächendesinfektion im RTW“ (Januar- Oktober 2014). (Bilder: Helen Kaden)

Die zusätzliche Schwierigkeit im Rettungsdienst bieten die Einsatzszenarien im unbekannten Umfeld mit den unterschiedlichsten Patienten. Beides kann nicht geplant werden. Einsatzkräfte in der Notfallrettung müssen jederzeit und überall handeln. Aber bitte hygienisch! In jedem Fall hat die lebensrettende Maßnahme Vorrang vor der Sicherstellung von Hygienemaßnahmen. Denn Hygiene kann nicht im Einsatzalltag entstehen. Kommt es zum Patientenkontakt, muss sie längst erfahren, begriffen und akzeptiert sein.
Aufgrund der körperlich großen Beanspruchung der Patienten im rettungsdienstlichen Notfall ist dieser extrem schutzbedürftig; so kann eine zusätzliche Infektion eine nachträgliche Lebensgefahr zur Folge haben. Das Immunsystem ist weniger in der Lage, auch geringe Konzentrationen von Infektionserregern abzuwehren.
Umgekehrt ist das Überleben des Patienten wichtigstes Ziel der Notfallversorgung, selbst dann, wenn die Einsatzbedingungen unhygienisch sind und die Gefahr einer im Nachhinein aufkommenden Infektionsgefahr besteht. Die Relation ist eindeutig.

Hygienisches Handeln

Den Effekt hygienischen Handelns bestimmt der Mitarbeiter im Rettungsdienst selbst, indem er unsichtbare Gefahren erkennt ohne sie zu sehen. Voraussetzung sind Wissen und Routine. Ohne Wahrnehmung, kein Effekt – die Compliance des Mitarbeiters ist die wertvollste Ressource zur Optimierung. Der Umfang von Hygienemaßnahmen ist nahezu unendlich erweiterbar. Den größten Effekt erzielt der Komplex der Basishygiene sowie eine gute Organisation und Überschaubarkeit. Manuell durchgeführte Verfahren haben immer eine andere Qualität – die Qualität desjenigen, der sie ausführt.

Unsichtbare Gefahren können sichtbar gemacht werden und mehr Verständnis bewirken. Mittels fluoreszierenden Präparaten und Abklatschproben kann der Status auf Händen und Flächen geprüft und veranschaulicht werden. Benetzungs­lücken werden so sichtbar und können als Schulungsgrundlage genutzt werden.

Fazit

Ressourcenknappheit, Personal- und Zeitmangel sind häufig Ausreden für unzureichende Hygiene. Je weniger Ressourcen zur Verfügung stehen, desto besser und kompetenter müssen die Mitwirkenden ausgebildet und über bestehende Risiken informiert werden. Infektionsrisiken lassen sich mit den Methoden der Basishygiene und dem Verantwortungs- und Handlungsbewusstsein des Personals minimieren. Information und Motivation der Mitarbeiter können herausstellen, dass jede einzelne Maßnahme sinnvoll und effektiv ist, auch wenn es immer Personen geben wird, die das Potential unterschätzen und die Durchführung vernachlässigen. Solange der Ausgleich durch verantwortungsbewusstes Personal und wiederkehrende Routinemaßnahmen erfolgt, können Infektionsgefahren dennoch gering gehalten werden. Wir haben es an (auf) der Hand!

Aufmacherbild: Benetzungslücken nach durchgeführter Händedesinfektion mit einem fluoreszierenden Präparat unter UV Licht. (Bild: H. Kaden)

Helen Kaden

IMG_8046 2Anschrift der Verfasserin:
Helen Kaden
Frankfurter Institut für Rettungsmedizin & Notfallversorgung
Feuerwehrstraße 1
60435 Frankfurt a. M.
Tel.: 069/9511569-37

Gesundheitswissenschaftlerin
Fachkraft für Hygieneüberwachung
­Staatlich anerkannte Desinfektorin

geb. am 28. Februar 1987 in Freiberg
2010 – 2014: Studium Angewandte Gesundheitswissenschaften, (2012 Gesundheitsmanagement), Hochschule Magdeburg-Stendal
07/2008 – 03/2013: Fachkraft für Hygiene­überwachung im Gesundheitsamt (LK Freiberg/LK Mittelsachsen)
Seit 01/2013: Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Frankfurter Institut für Rettungsmedizin & Notfallversorgung der Berufsfeuerwehr Frankfurt
03/013 – 02/2015: Hygienebeauftragte des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt Wiesbaden e. V.
Seit 02/2015: Fachdienstleitung Hygiene bei mfs – medizinische service- und fahrdienstgesellschaft & mfs Rettungsdienst gGmbH