Ein “ad hoc”-Ansatz zum Schutz kritischer Infrastrukturen

Ein ad hoc realisierbares Bevölkerungs-Frühwarnsystem, das von Behörden, Landkreisen und  Hilfsorganisationen gleichermaßen anerkannte Notwendigkeit in vielen Strategie-Papieren und “To-Do-Listen“ ist, lässt seit Jahren auf Realisierung warten. Das ist blamabel für ein Land mit Hochtechnologie in vielen Bereichen und dem bekannten “Exporteur-Image”. Was wirklich gebraucht wird, ist ein Informations- und Kommunikationsmanagement für die Alarmierung, das mit “M O S A I K” bezeichnet werden kann.

Das Akronym steht für Modulare Software für Alarm-Informations- und Katastrophenmanagement. Analysiert man aktuelle Bedrohungslagen und untersucht die Vorgaben zum Schutz kritischer Infrastrukturen, führt dies zu einer Bestandsaufnahme, die nicht beruhigen kann und darf. In diesem Zusammenhang ist auffällig, dass die verantwortlichen Behörden aus nicht nachvollziehbaren Gründen sich einem Dialog bisher verweigert haben. Ziel ist es einen konkreten Lösungsansatz zu finden, der dieser Haltung entgegenwirkt.

Der Vorschlag basiert auf Aussagen und Publikationen des Bundesamtes für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, unterschiedlichen Presse-Meldungen, sowie einer Präsentation des Vizepräsidenten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Tiesler, bei der Paging Tagung 2010.

Worum geht es eigentlich? Eine Zusammenstellung des BBK soll verdeutlichen, dass Störungen und Ausfälle in der Energieversorgung, in den Bereichen der Mobilität, Kommunikation und des Notfall- und Rettungswesens erhebliche volkswirtschaftliche Schäden nach sich ziehen und weite Teile der Bevölkerung unmittelbar betreffen können. Und dass der Schutz von Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden, die vorrangig wichtige Aufgabe vorsorgender Sicherheitspolitik ist.

Seit 2006 besteht Veröffentlichungen zufolge die Absicht, ein neues Warnsystem zu schaffen!

In diesem Zusammenhang hat C. Unger, Präsident des BBK, am 21. Nov. 2006 folgende Aufgaben postuliert: „Im Einzelnen ergeben sich folgende Kernpunkte, die im Rahmen der „Neuen Strategie“ gemeinsam von Bund und Ländern verfolgt werden sollen, ja müssen: Gefahrenerfassung und -bewertung  (Risikoanalysen), verbesserte Zusammenarbeit der Behörden von Bund und Ländern, verbesserte Information/Kommunikation, neues Warnsystem für die Bevölkerung, effizientes neues Planungs- und Krisenmanagement, Modernisierung der Ausstattungen, …“

Nur 5 Jahre später stellen wir fest: Das neue digitale Polizeifunknetz in München ist am 18. Februar 2011 nach nur zweieinhalb Monaten Betriebszeit vorübergehend abgeschaltet worden. Einem Bericht der Zeitung “Münchner Merkur” zufolge erfolgte die Abschaltung wegen zahlreicher ungelöster Probleme, die “trotz des Einsatzes von Technikern nicht gelöst werden konnten”. Es habe “Schwierigkeiten bei der Sprachqualität” gegeben, die offenbar durch die “besonders sichere Verschlüsselung der Gespräche” verursacht wurde. Bemängelt wurden auch die für den Alltagsbetrieb zu komplizierte Menüführung der Digital-Funkgeräte und die schlechte Erreichbarkeit innerhalb von Gebäuden.

Probleme gibt es nicht nur in München. Bereits im Ansatz ist die Interoperabilität des neuen, vielgepriesenen, digitalen BOS-Netzes im höchsten Maße diskussionswürdig. Hierbei darf nicht verschwiegen werden, dass es seit 13 Jahren immer wieder zu einem kritischen “Aufbäumen” kam und es einem Technologie-Staat wie der Bundesrepublik Deutschland an sich besser zu Gesicht stünde, hier nun endlich positive Fakten zu präsentieren. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Und es geht weiter: „Die schlechte Funkabdeckung wurde bereits im Vorfelde mehrfach kritisiert. So wies z.B. der Bayerische Rundfunk in der Sendung “Report München” im November vergangenen Jahres darauf hin, dass der digitale Polizeifunk im gesamten Tunnelnetz der Münchner U-Bahn nicht funktioniert, weil dort keine entsprechenden Antennen installiert sind. Eine Nachrüstung würde ca. 20 Millionen Euro kosten und die Münchner Verkehrsbetriebe wüssten nicht, woher sie das Geld nehmen sollen…“

Die Frage bleibt: Können wir uns dies eigentlich in Zeiten immer teurer werdender Manpower noch erlauben? Allerorts werden operative Lösungen bevorzugt, bei denen Optimierungsmaßnahmen den Einsatz von Menschen verbessern, was nichts anderes heißt, als dass Unwägbarkeiten, hervorgerufen durch die Unzulänglichkeiten menschlichen Verhaltens, kompensierbar werden. Sie werden schlichtweg durch Software mit hoher Intelligenz eliminiert und bereits im Ansatz vermieden.

Angestellte im Leitstand können dabei nicht mithalten, wenn unter Belastungen Grenzwertbetrachtungen und rationale Entscheidungen verlangt werden. Computer können das nun einmal ermüdungsfreier!

Kommen wir zurück zum geforderten Warnsystem. Die Ausgangslage ist bekannt: Es gibt kein Warn-System in Bund und Ländern mit Weckeffekt, und: Es gibt keine Vernetzung der Warnsysteme von Bund und Ländern! Darüber hinaus ist kein Alarmierungssystem in der Lage, den wirklichen Bedarf zu jeder Tages- und Nachtzeit und unter allen denkbaren Szenarien zu erfüllen. Eine Detailbetrachtung erfordert notwendigerweise Fachwissen und so ist es nicht verwunderlich, wenn bundesweit mangels Detailwissen eine gewisse Zufriedenheit mit dieser o. a. Lösungspalette suggeriert wird.

Radio und TV als die Lösungsvariante mit eklatantem Nachteil

Die Wahrheit sieht erschreckend anders aus: Radio/TV die Lösungsvariante überhaupt, zu Recht an oberster Stelle erwähnt, hat nur klitzekleine, aber eklatante Nachteile: Soll nachts um 3.30 Uhr gewarnt werden, hat kaum ein(e) Bundesbürger/-in das Radio oder TV-Gerät eingeschaltet. Außerhalb von Gebäuden und PKW ist die Wahrscheinlichkeit, Menschen über das Radio zu erreichen, ebenfalls gering – jedenfalls laufen nur wenige mit  “Radio am Ohr” durch die Gegend. Außerdem setzen fast alle Systeme auf die Verfügbarkeit der Stromversorgung. Auch ohne größere Katastrophen werden wir es erleben: Die Stromlos-Zeiten – wenn auch meist nur von kurzer Dauer – sie werden mehr. Unsere Energieversorgung ist nicht nur im Umbruch, sondern es gibt auch Schwachstellen bei den Netzen und der Netz-Intelligenz. Aber das zu erläutern wäre ein eigenes Kapitel.

Sirene – bewährt, bekannt – aber nicht mehr existent

Von einst 117.000 Sirenen sind weniger als 35.000 übrig geblieben. Der Kalte Krieg und damit das Bewusstsein äußerer Bedrohung waren 1995 definitiv vorbei und die den Kommunen angebotenen Sirenen-Anlagen waren schlicht zu teuer in Unterhalt und Wartung. Darüber hinaus fehlte letztlich auch die Vernetzung. Müßig zu erwähnen, dass heute kein Drehstrom-Motor mehr benötigt wird, um Sirenentöne zu produzieren, ebenfalls müßig zu bemerken, dass die heutige Stromversorgungstechnik von Windenergie über Fotovoltaik bis Brennstoffzelle erlaubt, Sirenen autark von der zentralen Stromversorgung zu positionieren.

Ob Sirenen unter diesen Voraussetzungen wirklich auch heute zu teuer sind, darf mindestens in Zweifel gezogen werden.

Pager als Bevölkerungswarnsystem?

Wie vernünftig es ist, sogenannte Pager als Bevölkerungswarnsystem in Betracht zu ziehen, mag jeder selbst beurteilen. Soll man von jedem in Deutschland lebenden Menschen in Zukunft erwarten, ein solches Gerät – geladen und empfangsbereit – stets bei sich zu tragen? Dann sollte auch berücksichtigt werden, dass der hierzu notwendige Funksignalempfang überall zu funktionieren hat, in Gebäudeteilen (Keller etc.) ebenso wie irgendwo fernab in freier Natur.

Auf jeden Fall aber heißt die Einrichtung eines solchen Systems: Alles ist zu entwickeln, zu produzieren und entsprechende Infrastruktur zu installieren – ähnlich wie bei der Einführung des digitalen BOS Funks (s. o.). Dürfen wir wieder mit 13 Jahren Planungsphase rechnen?

Rauchwarnmelder sind nach wie vor nicht in allen Bauvorschriften

Trotz lauter Proklamation des Rauchwarnmelders als allgemeines Warnsystem ist die technische Lösung kaum überzeugend, denn: Der seit 10 Jahren offerierte Heimrauchmelder in jedem Haushalt ist ohne Zweifel eine der sinnvollsten Kampagnen der letzten 30 Jahre. Aber ist auch bekannt, dass sich selbst nach 10 Jahren noch nicht alle Bundesländer entschlossen haben, diesen auch in der Bauvorschrift als “ein Muss” zu übernehmen?  Hier scheint die notwendige Überzeugungsarbeit noch längst nicht flächendeckend erledigt zu sein. Und schon versucht eine Lobby, mit enormem Aufwand das “Bevölkerungsfrühwarnsystem” in diesen Apparat zu packen.

Die momentane Energieversorgung ist auf den gepulsten Einsatz von Messelektronik entwickelt und optimiert worden. 10 Jahre Betrieb mit modernsten Batterie-Technologien sind offensichtlich realisierbar. Wie sieht es aber aus, wenn z. B. ein kontinuierlich in Empfangsbereitschaft befindlicher Funk-Empfänger auf das Warnsignal zu warten hat – zeitgleich mit seiner eigentlichen Rauchwarn-Funktion? Im Übrigen mag jeder sich selbst beantworten, wie die spätere Empfangssituation im Einzelnen sein mag, wenn er mit eingeschaltetem tragbaren Radio durch seine Wohnung geht und einmal ermittelt, wo die Lücken des Radioempfangs in der eigenen Wohnung sind! Wo hängt eigentlich der Rauchwarnmelder bei einem Spaziergang durch den Park – wenn angeraten ist, beschützende Gebäude aufzusuchen, weil irgendeine Emission eines Störfallbetriebes, eines Terror-Anschlags o.ä. dies zwingend gebietet? Nein, dies ist keine Polemik, kein Populismus und auch keine ausufernde Phantasie, dies sind Szenarien, die es in heutiger Zeit zu berücksichtigen gilt.

Mobiltelefon – nicht zur Bevölkerungs­warnung tauglich

Kein Kommunikationsmedium hat eine derart rasante Entwicklung erlebt wie das Mobiltelefon. Leider ist diese rein privatwirtschaftliche Einrichtung aber so lange nicht als Warnsystem zu nutzen, wie nicht Redundanz konsequent sichergestellt ist.

Wenn einfache Großveranstaltungen sportlicher oder sozialer Art bereits – wie jeden Tag erlebbar – die Netze zusammenbrechen lassen, ist das so beliebte „Handy” nicht zur Bevölkerungswarnung tauglich. Inwieweit dabei der ältere Mensch überhaupt handhabungsgerechte Technik erhält, ist ebenfalls ein wichtiger Gesichtspunkt, der berücksichtigt werden muss. Das aber scheint angesichts der grundsätzlichen Problematik eher zweitrangig zu sein.

Smart Metering kann bei Fehlerbeseitigung und -kompensation helfen

Unter dem Begriff “smart metering” – die intelligente Messung von Strom-, Wasser-, Gas- und Wärmeverbrauch – wird sicherlich in naher Zukunft diverse Technik Veränderung in unseren täglichen Ablauf und Alltag bringen. Wie hilflos wir gegenwärtig im Allgemeinen auf Herausforderungen reagieren, wird in folgendem Beispiel deutlich: Wir stellen in unseren eigenen vier Wänden fest: Der Strom ist weg. Was machen die meisten in solch einem Fall? Sie schalten die Beleuchtung oder irgendeinen Verbraucher an, um informiert zu sein, wenn “er dann wieder da ist”. Das allerdings könnte fatal sein, wenn der Ausfall durch Überlastung begründet ist ­– die unvorhersehbare neuerliche Belastung und eventuell Überlastung lässt durch eingeschaltete Beleuchtung eine Netz-Fehlerkompensation um Einiges problematischer werden. Abhilfe wird hier auf geniale Weise das “smart metering” bringen, bei dem gezieltes Einschalten ferngesteuert möglich wird und sukzessive Belastung bei der Fehlerbeseitigung bzw. -kompensation hilft.

Nur mit viel Phantasie lässt sich auch in diesem Zusammenhang eine Verbraucherinformation bzw. ein Warnsystem als “realisierbar” denken. Konzepte zu erstellen, Geräte zu entwickeln zu produzieren und obendrein zu verbreiten, dies würde  ein Aufgabenpaket für die nächsten 10 Jahre darstellen. Wo aber bleibt das seit 2006 geforderte „Ad hoc Frühwarnsystem“? Seit langem sind bei den deutschen Behörden die Warnlücken in der Ausgangslage bekannt.

Abb. 1: Einsatz Mobiler Technik im Dialog

Abb. 1: Einsatz Mobiler Technik im Dialog

Bei realistischer Betrachtung ist die Sirene das Medium mit den meisten Pluspunkten für alle Eventualitäten. Mit einer Voraussetzung ist ein Sirenennetz schon morgen nutzbar, aber: Es muss intelligent verknüpft werden – wir nennen dies nicht erst  heute Vernetzung.

Darüber hinaus warten auf den „ad hoc“ Einsatz elektronische Alarmsysteme und Sensoriken mit bis zu 50 Jahren Praxis-Erfahrung aus vielfältigen Szenarien und allen Anwendungsbereichen unseres Lebens. Erfahrungen und damit Referenzen gibt es in Hülle und Fülle, so bei Gewerbe- und Industrieobjekten, Überwachung in Justizvollzugsanstalten, Schutz von Menschen und öffentlichen Anlagen, Polizei, Kraftwerken, Kliniken und Krankenhäusern, Bahnhöfen u. Peripherie, Flughäfen, Hafenanlagen sowie generell bei Gebäude- und Zaunsicherung.

Das modulare, bundesweite Warnsystem für alle Gefahrenlagen soll dezentral aktiviert werden können, alle Kommunikationsmedien des Alltags einbeziehen, ausfallsicher und kostengünstig sein. Ein satellitengestütztes Warnsystem bildet die Basis für eine erfolgreiche Alarmierung über alle Medien. Aber auch hier ist der Schwachpunkt: Mit welchem Medium werde ich nachts im Schlaf alarmiert?

Die Lösung

Die erfolgreiche Lösung muss nicht erst entwickelt werden – sie ist im Mittelstand abrufbar. Eine Vernetzung aller Sensoriken mit allen Kommunikationsmitteln und die Information und Alarmierung der Bevölkerung ist möglich – unabhängig von jeglicher Infrastruktur und mit allen vorhandenen Systemen. Dazu bedarf es des Einsatzes Mobiler Technik, vernetzt und im Dialog, wie die Abbildung 1 zeigt. Die Alarmierung der Bevölkerung erfolgt dabei mit allen verfügbaren Mitteln, Sirenen, Lautsprechern, Funkrauchmeldern, Mobiltelefonen, Rundfunk- und TV-Sendungen, RDS-Signalen und das Internet. Ein MOSAIK, nämlich ein Modular-Software-Alarm-Informations- und Katastrophenmanagement wird benötigt. Dabei ist die Vernetzung mit und über existierende(n) Netze(n) eine logische Folge.

Die Bedeutung rechtzeitiger Alarmierung bei Gefahrenlagen ist nicht zu unterschätzen. Daher der dringliche Appell: Bisherige Bestrebungen, die Warnung und Alarmierung mit Weckfunktion umzusetzen, sollten nicht vergeblich sein. Ein modulares System, welches alle Systeme zur Anwendung bringt, ist nicht nur aus technischer Sicht das „Gebot der Stunde“. Alle bisherigen Aktivitäten in Einklang gebracht, kann heute mit der Realisierung begonnen werden – regional oder auch zentral.

Anschrift des Verfassers:

Skubsch_webDipl.-Ing. Ulrich Skubsch
Heisterbusch 12
23684 Scharbeutz
Tel.: 04524 / 74447
Fax: 04524 / 74448
www.skubsch.de

 

Dipl.-Ing.
Ulrich Skubsch
Seit 1977 Inhaber Ing. Büro f. Alarm u. Sicherheitstechnik – Unternehmensberatung USK-Consult.

Von der IHK Lübeck „Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für elektronische Alarmsysteme und z. Funkübertragung”.