Die Aufgaben der Feuerwehr als Katastrophenschutzbehörde sind die Katastrophenabwehr und das Treffen der dafür notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen. Wie diese für die Stadt Bonn und auch bundesweit aussehen, interessiert CRISIS PREVENTION. Die Redaktion hatte im Mai die Möglichkeit, Jochen Stein, Leitender Branddirektor der Feuerwehr Bonn, in der Hauptwache Bonn Nord zu besuchen. Das Interview führten Peter C. Franz, Objektleiter CP, und Sarah Heggen, Redaktion CP.

CP: Herr Stein, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit uns über die Arbeit der Feuerwehr Bonn zu sprechen. Bitte stellen Sie Ihre Dienststelle unseren Lesern kurz vor.

Herr Stein: Die Feuerwehr Bonn wird im nächsten Jahr 150 Jahre alt, ist eine der ältesten in Deutschland. Wir waren wohl auch die erste Feuerwehr in Deutschland, die einen Rettungsdienst betrieben hat. Dieser feiert nächstes Jahr sein 130-jähriges Jubiläum. Die Feuerwehr Bonn hat ca. 350 hauptamtliche Mitarbeiter und etwa 600 aktive freiwillige Feuerwehrleute. Dazu kommen etwa 300 Jugendliche in Jugendfeuerwehren und eine Alters- und Ehrenabteilung.

CStein_webP: Wie viele Einsätze haben Sie im Jahr?

Herr Stein: Wir fahren etwa 3 000 Brand- und technische Einsätze und technische pro Jahr. Bei der Notfallrettung, dem, was Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge an Einsätzen abarbeiten, sind es mittlerweile etwa 30 000 pro Jahr, davon etwa 9 500 mit Notarzt. Der Part des Krankentransportes, der wie die Notfallrettung zum Rettungsdienst dazugehört, beläuft sich jährlich auf etwa 28 000 Einsätze.

CP: Wie schnell ist die Feuerwehr in Bonn am Einsatzort?

Herr Stein: Wenn Sie nach den Durchschnittswerten fragen, muss man den Mittelwert angeben. In der Notfallrettung erreichen wir den Einsatzort in etwa fünf Minuten, hier mit mindestens zwei Einsatzkräften. Bei Brandeinsätzen und technischen Hilfeleistungen in etwa sieben Minuten, hier mit mindestens zehn Einsatzkräften. Diese Werte sind gut. Aber unsere Messlatte liegt deutlich höher. Für die Beurteilung der Hilfsfristen nehmen wir nicht den Mittelwert, sondern die Erreichungsgrade. Das ist jeweils der Anteil der Einsätze, in denen wir unsere Schutzziele erreichen. Der Wert liegt bei 90 % im Rettungsdienst und 80 % im Brandschutz; wobei das Schutzziel ein Eintreffen mit zehn Einsatzkräften acht Minuten nach Alarmierung fordert. Nach weiteren fünf Minuten müssen weitere sechs Einsatzkräfte eintreffen. Das ist eigentlich bundesweiter Standard.

CP: Ist die Stadt Bonn mit ihren vier Standorten der Feuerwehr dafür gut aufgestellt?

Herr Stein: Wir haben drei hauptamtliche Standorte im Bereich des Brandschutzes und der Hilfeleistung bei Feuerwachen am Standort Hauptfeuerwache Bonn-Nord, in Bonn-Beuel und Bad Godesberg. Dann gibt es noch einen vierten Standort im Stadtbezirk Hardtberg, wo in Duisdorf zwar eine Rettungswache hauptamtlich besetzt ist, aber kein Standort der Berufsfeuerwehr. Das heißt, dieser Standort ist als einer von 19 ehrenamtlich besetzt. Allein die Löscheinheit Duisdorf am Standort der Rettungswache hat mehr als 60 aktive Einsatzkräfte. Die Zusammenarbeit zwischen Berufsfeuerwehr und Freiwilliger Feuerwehr klappt hervorragend, beide ergänzen sich sehr gut. Zur Unterstützung der Tagesverfügbarkeit der Freiwilligen Feuerwehr haben wir im Bezirk Hardtberg mit dem BBK und der THW-Leitung eine ganz interessante Kooperation: Dort steht ein Einsatzfahrzeug von uns. In der Bundesleitung von BBK und THW sind mehrere aktive Feuerwehrleute, die dort ihren Arbeitsplatz haben, nicht nur aus Nordrhein-Westfalen, sondern auch aus Rheinland-Pfalz. Die Kameraden haben wir als sogenannte Doppelmitglieder aufgenommen. Sie helfen uns tagsüber in dem Stadtbezirk, um die Verfügbarkeit der Einsatzkräfte zu erhöhen. Ich bin der Leitung von BBK und THW sehr dankbar, dass sie dies aktiv unterstützen.

CP: Welche Besonderheiten gibt es für Bonn, mit denen Sie als Feuerwehr umgehen müssen?

Herr Stein: Der Rhein ist etwas, das die Feuerwehr und die ganze Stadt Bonn prägt. Wenn man einen so großen Fluss in der Stadt hat, auf dem auch Schiffsverkehr stattfindet, ist das schön und hat auch einen Naherholungswert. Für uns ist das ein Risikopotential, was Großschadenslagen angeht, wenn sehr große Mengen gefährlicher Stoffe und Güter auf dem Rhein transportiert werden. Das muss man einsatzplanerisch in den Griff bekommen, auch was die Ausstattung und die Ausbildung betrifft. Das andere sind die Alltagseinsätze auf dem Fluss: Das Schwimmen im Rhein. Wir haben regelmäßig Einsätze, die von besorgten Bürgern in der Regel vom Ufer aus ausgelöst werden, die nicht auf die Entfernung – der Rhein ist hier 400 m breit – unterscheiden können, ob es diesem Schwimmer noch gut geht oder ob er Hilfe braucht. Wenn solche Anrufe in der Leitstelle eingehen, ist es für uns ganz schwer, damit umzugehen. Oft muss eine sehr umfangreiche Einsatzkette ausgelöst werden: Verschiedene Boote gehen dann zu Wasser, Beobachtungsfahrzeuge am Ufer kommen in den Einsatz, der Hubschrauber kommt nach Möglichkeit dazu. Die Herausforderungen beim Hochwasser sind immer die Prognosen der Hochwasserstände. Der präventive Hochwasserschutz mit Dammbau ist jetzt rechtsrheinisch auf 9,50 m Bonner Pegel erhöht worden. Ab bestimmten Wasserständen kann man sich mit Stegebau behelfen. Wir machen das mit der Freiwilligen Feuerwehr mit Unterstützung des THW.

CP: Welche städtischen Besonderheiten gibt es außerdem?

Herr Stein: Wir haben ein umfangreiches Autobahnetz und auch die Eisenbahn birgt ein erhebliches Risikopotential: Die zwei am stärksten befahrenen Güterzugstrecken gehen mitten durch das Stadtgebiet. Auf dieses Risiko müssen wir uns entsprechend vorbereiten. Eine weitere Besonderheit ist der Straßentunnel Bad Godesberg. Dieser wird vom Tiefbauamt der Stadt Bonn betrieben und wir sind die dafür vorgeschriebene Sicherheitszentrale. Dies hat für uns den Vorteil, dass wir ständig Videobilder aus dem Tunnel, wie mittlerweile auch für die U-Bahn, sehen. Das ist ein Bereich, den wir auch mit unserer neuen Leitstelle noch weiter ausbauen wollen.

Übung mit BW_web

Abb. 1: Gemeinsame Übungsdarstellung von Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Bundeswehr beim Tag der Deutschen Einheit 2011 in Bonn. ein Pionierbatallion ermöglicht hier das Übersetzen von Waldbrandlöschfahrzeugen über den Rhein.

CP: Erfolgen die aktuellen Maßnahmen, das Austauschen der LED-Leuchten und die Lautsprecherinstallation, am Godesberger Tunnel im Rahmen dieser Brandschutzvorkehrungen?

Herr Stein: Genau. Das ist aber ein landes- bzw. sogar in diesem Fall ein bundesweites Thema. Die Verordnungen zum Betrieb dieser Straßentunnels haben sich verschärft nach den Unfällen, die mit entsprechend großen Schäden und vielen Toten passiert sind. Die Maßnahmen, die im Straßentunnel Godesberg durchgeführt werden, dienen der Verbesserung der Rettungswegkennzeichnung, der Notausgangsbeschilderung, aber auch Dingen, die man nicht so sehr sieht, wie die Beschallungsfähigkeit. Wir haben mit diesem Tunnel schon einen sehr guten Standard. Der Vorteil ist, dass er zwei Röhren hat, die bis auf eine Stelle baulich voneinander getrennt sind. Wir können im Ereignisfall mit der zuständigen Feuerwache, die glücklicherweise auch direkt am Tunneleingang in unmittelbarer Nähe liegt, sofort in die nicht betroffene Röhre einfahren.

CP: Einsatzplanungen betreffen auch Großveranstaltungen im Raum Bonn, etwa Events in den Rheinauen wie Rhein in Flammen. Wie sieht hier Ihre Gefahrenabwehrplanung aus? Hat sich seit der Loveparade in Duisburg etwas für Sie verändert?

Herr Stein: Es hat sich vieles weiterentwickelt nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg. Das kann man aber auch nicht verallgemeinern, da hat es vor allen Dingen in Nordrhein-Westfalen aus meiner Sicht zu deutlichen Verbesserungen geführt. Das, was in unserem Bundesland heute unter dem Stichwort Sicherheitskonzepte für Großveranstaltungen im Freien gemacht wird, ist ein sehr hoher Standard. Wir haben uns natürlich hinsichtlich der Gefahrenabwehr bei Großveranstaltungen immer schon besonders vorbereitet. Die grundsätzlichen Fragestellungen für uns sind gleich geblieben, aber die Vorbereitungen, insbesondere des Veranstalters und der Ordnungsbehörden, für die Großveranstaltungen im Rahmen der präventiven Sicherheit sind deutlich besser geworden. Der Veranstalter muss heute ein Sicherheitskonzept bei Großveranstaltungen mit über 5 000 Personen vorlegen, das alle Behörden gegengezeichnet haben müssen. Es gibt noch kein Veranstaltungsgesetz in Nordrhein-Westfalen, auf dem das beruht. Ich habe die Hoffnung und den Wunsch, dass es das in Zukunft geben wird.

CP: Die Stadt Bonn hat einen Sonderstatus als ehemalige Bundeshauptstadt und nun Bundesstadt mit vielen Ministerien und dementsprechend auch mit Gefahrenlagen. In wie weit betrifft das die Feuerwehr?

Herr Stein: Bonn als Bundesstadt und als zweiter Sitz der Bundesregierung mit noch vielen ersten Dienstsitzen von Ministerien ist natürlich eine Besonderheit. Sowohl die Stadt Bonn als auch die Feuerwehr Bonn sind es noch von den Zeiten als Bundeshauptstadt gewohnt, was z. B. das Betreten exterritorialer Gelände auf Botschaften angeht. Die haben wir heute kaum noch. Neu hinzugekommen ist aber der UN-Campus, der ebenfalls als exterritoriales Gelände eingestuft ist.

CP: Sie haben kürzlich eine Ihrer viermal im Jahr stattfindenden Probefahrten zur Sensibilisierung der Bürger absolviert. Diese sollen darauf achten, wo sie ihre Autos abstellen, damit im Katastrophen- oder Schadensfall der Löschzug sein Ziel erreichen kann. Kommt das beim Bürger an?

Herr Stein: Ja, davon gehe ich aus. Wenn jemandem einmal sein Auto abgeschleppt wurde, weil man so geparkt hat, dass das Feuerwehrfahrzeug nicht durchkommt, dann wird man das längere Zeit in Erinnerung behalten und es vielleicht nicht mehr machen. Das ist auch das wesentliche Ziel. Diese viermaligen Aktionen im Jahr sind schon eine große Hilfe, überhaupt dafür zu sensibilisieren. Wir hatten in Bonn einige Einsätze, insbesondere hier in der Nordstadt, wo Löschfahrzeuge in einer ganz kritischen Situation Zeitverzögerungen hatten oder blockiert worden sind. Das darf nicht passieren und das muss man auch in Richtung des Autofahrers sagen. Für ihn kann das falsche Parken im schlimmsten Fall mehr als eine Ordnungswidrigkeit bedeuten.

CP: Wo liegen die Herausforderungen der Zukunft, einmal für die Stadt Bonn, aber auch für den nationalen Ausblick. Was glauben Sie, vor welchen Aufgaben wir stehen?

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Abb. 2: Aktive Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, um die Bevölkerung zu erreichen. In Bonn werden, hier bei einem Tag der Feuerwehr auf dem zentralen Münsterplatz, Technik und Einsatzabläufe gezeigt und für Prävention geworben.
(Bilder: Feuerwehr Bonn)

Herr Stein: Nach meiner Meinung steigt mit einer zunehmenden gesellschaftlichen Entwicklung – Verbesserung von Infrastruktureinrichtungen, Erhöhung des gesamten Lebensniveaus – auch die Anfälligkeit der Gesellschaft. Für uns als Feuerwehren, die wir auch untere Katastrophenschutzbehörde sind, ergibt sich die Herausforderung, dass mit dieser stetigen Verbesserung des allgemeinen Lebensniveaus auch die Absicherung mitwachsen muss: Alles was Großschadenslagen und Prävention angeht, muss man als Feuerwehr immer wieder bewerben und sagen: „Bereitet Euch auch auf den Ernstfall vor!“ Das sehe ich als eine wichtige Aufgabe an. Es gibt aber auch einen Dissens in der Wahrnehmung auf beiden Seiten, den man stetig aufklären muss. Ich glaube, da gibt es auf beiden Seiten eine zu hohe Erwartung. Die Behörden haben tendenziell eine zu hohe Erwartung an die Bereitschaft der Bevölkerung, sich überhaupt mit Präventivmaßnahmen zu beschäftigen und prangern das oft zu Recht an. Auf der anderen Seite hat die Bevölkerung eine zu hohe Erwartung an die Behörden, was sie im Schadenfall für die Bevölkerung tun könne. Beispielsweise wird es uns nicht möglich sein, bei einem längeren und großflächigen Stromausfall allen Bedürftigen zu helfen. Das sehe ich als eine der wesentlichen Herausforderungen der Kommunikation zwischen Behörden und Bevölkerung: Die jeweiligen Möglichkeiten kennen und auch die Grenzen offen ansprechen. Wir haben zahlreiche Informationen auf unserer Internetseite. Da gibt es bei dem Thema Selbsthilfe auch keine Lücke. Die Schwierigkeit ist das Wachrütteln und das Aufmerksammachen.

CP: Vielen Dank für das interessante und informative Gespräch.