Ein großflächiger und lang anhaltender Stromausfall würde zu einer extremen Belastung der staatlichen Katastrophenschutzkräfte führen. Umso wichtiger ist die Beantwortung der Frage, wie Bürgerinnen und Bürgern in die Bewältigung der Katastrophe einbezogen werden können. Welche Bedarfe hat die Bevölkerung im Falle eines Stromausfalls und welche Bereitschaft und Möglichkeiten zur Hilfeleistung bestehen? Diese Fragen werden im Rahmen des BMBF-geförderten Forschungsprojekts „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ (www.kat-leuchtturm.de) untersucht. Der vorliegende Beitrag präsentiert erste Ergebnisse einer Bürgerbefragung zum Thema „Hilfebedarf und Hilfeleistung bei Stromausfall“.

Notwendigkeit eines bürgernahen ­Krisenmanagements bei Stromausfall

Im Rahmen der derzeit stattfindenden Energiewende kommt immer häufiger und vielschichtiger das Thema der elektrischen Versorgungssicherheit zur Sprache. Die Wahrscheinlichkeit eines Stromausfalls besteht aufgrund der schwer planbaren Energiegewinnung aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft. Aber auch weitere Faktoren wie technische Störungen, Naturereignisse oder vorsätzliche Angriffe auf die Stromnetze können einen Stromausfall verursachen. So haben schon die Ereignisse im Münsterland 2005, in Hannover 2012 oder in München 2013 gezeigt, dass auch Deutschland mit Stromausfällen rechnen muss. Der Gedanke an einen mehrtägigen Ausfall über ein größeres Gebiet, wie etwa das der Stadt Berlin mit seinen knapp dreieinhalb Millionen Einwohnern, ist nicht mehr auszuschließen. Neben den offensichtlichen Folgen, wie etwa ausfallenden Kühlschränken, Fernsehern und Computern, sind diese bei der Dauer von mehreren Tagen sehr viel weitereichender und als katastrophal zu bezeichnen. In den ersten Stunden stünden ausgefallene Ampeln und S-/U-Bahnen sowie in Fahrstühlen eingeschlossene Personen im Vordergrund. Mit der Zeit entstehen massive Probleme durch die nicht funktionierende Kommunikation und Versorgung. Der Ausfall der Telekommunikationsnetze oder der Trinkwasser- und der Lebensmittelweiterversorgung sind nur einige Schwierigkeiten, die sowohl die Bevölkerung, als auch die zuständigen Katastrophenschutzbehörden betreffen.

Mag unser staatliches Krisen- und Katastrophenmanagement bei zeitlich und räumlich begrenzten Schadensereignissen noch gut aufgestellt sein, so offenbaren sich mit zunehmender Dauer und Erstreckung verschiedene Schwachpunkte. Auch die Einsatzkräfte der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) werden mit der zusammengebrochenen Treibstoffinfrastruktur und den fehlenden Möglichkeiten zur drahtlosen Kommunikation zu kämpfen haben. Hinzu kommt die fast aussichtslos erscheinende Aufgabe, sich ausreichend um die Millionen von betroffenen Bürgerinnen und Bürgern zu kümmern. Dies gilt etwa sowohl bei der Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten als auch bei der Weitergabe von Informationen und der Betreuung von Personen, die dringend auf fremde Hilfe angewiesen sind. Die hier aufgezeigten Grenzen sind jedoch nicht als Anklage an den staatlich organisierten Bevölkerungsschutz zu verstehen. Um sich auf ein derartiges Ereignis umfassend vorzubereiten, wären enorme finanzielle Mittel nötig. Umso wichtiger ist es, auch Ressourcen in die Katas­trophenbewältigung mit einzubinden, die bislang nur unzureichend in die bewährte command & control Struktur der Einsatzkräfte eingeplant wurden: die Hilfsmöglichkeiten der Bevölkerung!

Das Hochwasser in Mitteleuropa im Juni 2013 hat, ebenso wie zahlreiche Katastrophenereignisse auf der ganzen Welt, gezeigt, dass die Bereitschaft der Bevölkerung zu helfen wesentlich zur Schadensbewältigung beiträgt. Während des Hochwassers war besonders auffällig, dass sich die Bürgerinnen und Bürger unter Rückgriff auf moderne Kommunikationsmedien in weiten Bereichen selbst organisiert haben und dabei erst im Prozess der Katastrophenbewältigung Verbindung zwischen den offiziellen BOS-Akteuren und den „spontanen“ Freiwilligen geknüpft wurden.

Auch bei einem großflächigen und anhaltenden Stromausfall werden viele Bürger nicht untätig zuhause ausharren und auf Hilfe warten. Vielmehr werden sie versuchen, sich aktiv in die Überwindung einer solchen Extremsituation einzubringen. Ohne Zweifel wird es bei dieser ungeplanten und „spontanen“ Hilfe auch zu Problemen kommen. Umso mehr benötigt Deutschland ein überzeugendes Konzept, welches die Potenziale einer aktiven Bürgereinbindung erkennt und in das Krisen- und Katastrophenmanagement einbezieht.

Das Projekt Kat-Leuchttürme

An diesem Punkt setzt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt „Katastrophenschutz-Leuchttürme als Anlaufstelle für die Bevölkerung in Krisensituationen“ (Kat-Leuchttürme) an. Das dreijährige Projekt (2012 – 2015) baut auf den Erfahrungen aus dem Vorgängerprojekt TankNotStrom auf, welches die Treibstoffversorgung und

-logistik von Tankstellen und Notstromaggregaten bei Stromausfall erforscht hat.

Ein Katastrophenschutz-Leuchtturm, so die Projekt­idee, stellt die Verbindung zwischen den BOS und der Bevölkerung bei einem Stromausfall her. Flächen­deckend über die Stadt verteilt sollen z. B. Einrichtungen der Bezirksämter, Feuerwachen oder Krankenhäuser als notstromversorgte Anlaufstellen für die Bürger dienen. Als „leuchtende Inseln in der Dunkelheit“ sind die Katastrophenschutz-Leuchttürme zentrale Anlaufstellen des lokalen Krisenmanagements. Modular aufgebaut können hier insbesondere Informationen weitergegeben, eine (technische) Kommunikationsinfrastruktur aufgebaut und eine Grundversorgung sichergestellt werden. Aber auch die Koordinierung der hilfsbereiten Bürger und der Einsatzkräfte vor Ort stellt eine wesentliche Aufgabe eines Kat-Leuchtturms dar:

An dem interdisziplinären Vorhaben sind die Berliner Feuerwehr, das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin und die Charité-Universitätsmedizin Berlin als Praxispartner, das Forschungszentrum Katastrophenrecht der Humboldt-Universität zu Berlin und die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin als wissenschaftliche Partner, die Beuth Hochschule für Technik Berlin und die Firma TimeKontor AG (Verbundkoordinator) als Entwicklungspartner beteiligt.

Erste Ergebnisse des Forschungsprojektes

Will man mehr darüber erfahren, wie die Bürgerinnen und Bürger im Katastrophenfall einbezogen werden können, sind sozialwissenschaftliche Untersuchungen notwendig. Die Erforschung der persönlichen Hilfebedarfe und der -bereitschaft der heterogenen Bevölkerungsgruppen stellt einen Schwerpunkt der HWR Berlin im Projekt dar. Ausgangspunkt bildet die Erkenntnis, dass die Hilfebedarfe der Menschen stark von den individuell und gruppenspezifisch zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten (Ressourcen) sowie von den Verletzbarkeiten (Vulnerabilitäten) abhängen. Ebenso unterliegt die Bereitschaft der Bürger, Hilfe zu leisten, großen Schwankungen innerhalb einer Stadt und bezogen auf den Katastrophenverlauf. Hier spielen Faktoren wie die zur Verfügung stehende Zeit, berufliche und private Kenntnisse, der eigene Vorrat an lebenswichtigen Gütern und die Einbindung in sozialen Strukturen eine wesentliche Rolle.

Um einen ersten Einblick in die Hilfsbedarfe und -bereitschaft der Berliner Bevölkerung zu erhalten, wurde eine quantitative Befragung durchgeführt. Diese fand in drei sich (sozio-ökonomisch und kulturell) stark voneinander unterscheidenden Berliner Bezirken (Lichtenberg, Mitte und Steglitz-Zehlendorf) statt. Erste Ergebnisse dieser Befragung, an der 800 Berlinerinnen und Berliner teilnahmen, sollen im Folgenden dargestellt werden. Detaillierte Informationen können in naher Zukunft auf der Homepage des Projektes www.kat-leuchtturm.de eingesehen werden.

Wie sieht es mit der Versorgung der befragten Bürger aus? Sind sie gut genug mit Wasser und Nahrungsmittel auf einen längeren Stromausfall vorbereitet? Nur 12,5 % der Befragten hätten genug Nahrungsmitteln auf Vorrat, um einen sechstägigen Stromausfall, wie im Projektszenario angenommen, eigenständig zu überstehen. Bei der Bevorratung an Getränken wären es immerhin 22,8 %. Für die BOS würde sich die Aufgabe stellen, ein Fünftel der befragten Berliner/innen bereits nach zwei Tagen mit Wasser und Nahrung versorgen zu müssen.

Vom wem wird in einer derartigen Situation Hilfe erhofft oder erwartet? Für die Befragten bildet die eigene Familie den wichtigsten Bezugspunkt, von dem Unterstützungsleistungen erwartet werden. Allerdings ist die Familie nur noch für gut ein Drittel der Befragungsteilnehmenden fußläufig zu erreichen. Dieser Umstand ist im Fall ausfallender ÖPNV-Netze und knapper Treibstoffvorräte zu beachten. Nach der Familie wird von Freunden und Bekannten und schließlich von Nachbarn Hilfe erhofft. Die Zahlen belegen, dass Nachbarschaftsnetzwerke umso bedeutender werden, je länger die Betroffenen bereits in ihrem jeweiligen Wohnumfeld leben. Gleichzeitig nimmt die Hilfsbereitschaft gegenüber Unbekannten mit zunehmender räumlicher Entfernung und der damit verbundenen sozialen Distanz stetig ab. So können sich tendenziell 81 % der Befragten vorstellen, im eigenen „Kiez“ aktiv zu werden, während nur knapp über die Hälfte in anderen Berliner Stadtteilen Hilfe leisten würden.

Was erwarten die Bürger von den BOS im Falle des lang anhaltenden Stromausfalls? Die Polizei wäre für die meisten Befragten der erste Anlaufpunkt (64 %). Die Befragten erwarten von den BOS vor allem, dass diese aktuelle Informationen weitergeben (86 %), Wasser verteilen (84 %) und die medizinische Versorgung gewährleisten. Am wenigsten wären die Befragten nach jetziger Einschätzung an der Verteilung von Treibstoff und der Bereitstellung von Bargeld interessiert.

Wie sieht es mit der Hilfsbereitschaft der Befragten aus? Das Ergebnis zeigt eine hohe Bereitschaft zu prosozialem Verhalten: Über 70 % geben an, Hilfebedürftige ins Krankenhaus zu bringen, falls dies nicht mehr von den regulären Kräften erledigt werden könnte. Etwa die Hälfte der Menschen wäre bereit, knappe Güter mit Fremden zu teilen. Weniger positiv fällt das Antwortverhalten bei der Unterbringung eines fremden Hilfesuchenden aus. Aber immerhin noch fast jeder Fünfte wäre dazu in jedem Fall bereit.

Hervorzuheben ist die allgemeine Bereitschaft der Menschen, private und berufliche Kenntnisse und Fähigkeiten zur Bewältigung der Situation zur Verfügung zu stellen. 97 % der Befragten können sich das tendenziell vorstellen und dies umso mehr, je älter sie sind. Welche konkrete Hilfe würden die Menschen anbieten? Häufigste Antwort war die Unterstützung bei der medizinischen Versorgung, zweithäufigste das Einbringen eigener Organisationstalente sowie handwerklicher und alltäglicher Fähigkeiten.

Diese nur auszugsweise dargelegten Ergebnisse sind besonders für die Planung der Katastrophenschutzbehörden wichtig. Diese müssen wissen, was im Krisenfall auf sie zukommt und was von ihnen, jenseits des gesetzlichen Auftrages, erwartet wird. Außerdem ist es interessant zu erfahren, welche Aufgaben Teile der Bevölkerung übernehmen würden. Diese quantitative Befragung stellt nur den ersten Schritt dar, um differenzierte Antworten zu gewinnen. Besonders die nachbarschaftlichen Netzwerke und die damit verbundenen Möglichkeiten zur gegenseitigen Hilfeleistung werden im weiteren Projektverlauf durch qualitative Studien eingehender untersucht.

Fazit

Die Katastrophenschutzkräfte werden sich in Zukunft – ob es sich hierbei um einen länger andauernden Stromausfall oder ein anderes Katastrophenszenario handelt – vermehrt mit der (spontanen) Hilfsbereitschaft der Bevölkerung konfrontiert sehen, diese aber zugleich auch dringend benötigen. Um nicht unvorbereitet in eine solche Situation zu geraten, sind Konzepte zur Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in die Krisen- bzw. Katastrophenbewältigung notwendig. Voraussetzung hierzu ist allerdings mehr Wissen über „die Bürger“: Welche Bedarfe bestehen bei einer Katastrophe? Von wem wird Hilfe erwartet? Wer ist bereit wem welche Hilfe zu geben? Wie kann die Hilfsbereitschaft gezielt abgerufen und koordiniert werden? Die im Forschungsprojekt Kat-Leuchttürme bereits gewonnenen Erkenntnisse und die noch zu gewinnenden Antworten sollen dazu beitragen, dass sich alle Verantwortlichen mit dieser Thematik stärker beschäftigen. Durch die Umsetzung eines bürgernahen Katastrophenmanagements wird ein wichtiger Schritt getan, zukünftige Katastrophen gesamtgesellschaftlich zu bewältigen bzw. bewältigen zu können.

Aufmacherbild: Module eines Kat-Leuchtturms. (Bild: Fa. TimeKontor)

Julian Röpcke, Benedikt Schweer

Anschrift der Verfasser:
Julian Röpcke
Benedikt Schweer
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Fachbereich 5
Polizei und Sicherheitsmanagement
Alt-Friedrichsfelde 60
10315 Berlin