Auswirkungen der demo­grafischen Entwicklung und der Aussetzung der Wehrpflicht auf Hilfsorganisationen

In den letzten Jahren wird immer wieder der „demografische Wandel” als eines der gravierenden Probleme für Staat und Gesellschaft beschrieben. Die Notfallversorgung in Deutschland bleibt davon nicht unberührt. Möglicherweise ist sie sogar viel stärker betroffen als andere Systeme. Denn in Deutschland basiert die Notfallvorsorge ganz elementar auf der Säule des „Ehrenamtes“. Und dieses Ehrenamt wird natürlich dem Prozess der Überalterung anheimfallen. Gegenwärtig sprechen keine Anzeichen dafür, dass Deutschland dem durch andere Gegentrends entgegensteuern kann oder will.

Doch welche Auswirkungen hat der demografische Wandel auf die ­Hilfsorganisationen?

Bis zum Jahr 2050 wird die Einwohnerzahl von Deutschland voraussichtlich auf 70 Mio. Menschen sinken. Das sind 12,4 Mio. weniger als heute. In ca. 40 Jahren wird jeder Dritte älter als 65 Jahre sein. Das bedeutet für 2050 30 % weniger Arbeitstätige in der Bevölkerung und 15 Mio. weniger Beitragszahler in die Systeme, die heute das gesellschaftliche Leben funktionieren lassen.

Das heißt auch, weniger Infrastruktur, Schulen, Kindergärten, Ver- und Entsorgungsunternehmen und keine Investitionen mehr in sich entvölkernde Gebiete. Der Trend der Verstädterung, der aktuell etwa 80% beträgt, wird sich verstärken. Die Kommunen werden immer weniger Mittel zur Verfügung haben, die Sicherheit auch im Hinblick auf die Gesundheit zu gewährleisten. Die Arbeitsverdichtung wird zunehmen und die freie Zeit der Beschäftigten noch stärker beschneiden. Die knappe Ressource „Freizeit“ wird sehr gut abgewogen werden und für die Bereiche investiert, die der Erholung, der Familie, der Freunde gelten. Und so wird sich schleichend auch das soziale Engagement in der Fläche aus der Gesellschaft verabschieden und die Sport- und Kulturvereine, aber auch die Feuerwehren oder die Hilfsorganisationen treffen (Abb. 1).

Abb. 1: Bedingungsfaktoren für den Bevölkerungsschutz

Abb. 1: Bedingungsfaktoren für den Bevölkerungsschutz

Ehrenamtliches Engagement ist ein hoher gesellschaftlicher Wert. Menschen, die sich füreinander einsetzen, sind zudem weniger anfällig für extreme Gesinnungen, sie erleben sich im Miteinander und vor allem auch in vielfältigen Lebensentwürfen, die unter Umständen gänzlich von ihren eigenen abweichen und so den eigenen Horizont erweitern können. Diese Aspekte müssen neben den direkten Wirkungen des freiwilligen Engagements in der Gefahrenabwehr beachtet werden.

Die demografische Entwicklung hat natürlich unterschiedlich gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft. Bei der Gefahrenabwehr für die Bevölkerung ist die sinkende Anzahl an Jugendlichen in der Gesellschaft insofern relevant, als dass der Hilfebedarf immer mehr Älterer proportional dazu ansteigt. Der Hilfebedarf steigt jedoch auch durch zunehmende klimatische Extremereignisse, die in ihren Auswirkungen flächenübergreifend sein werden. Hinzu kommt ein verstärkter Wettbewerb um Hilfskräfte unter den Organisationen selbst.

Die Leistungsfähigkeit des Staates zur Gefahrenabwehr wird perspektivisch abnehmen, unter anderem durch die zu erwartenden Mindereinnahmen. Somit stehen immer weniger Finanzmittel zur Verfügung, die für die Gefahrenabwehr investiert werden könnten.

Die Feuerwehr-Jahrbücher dokumentieren seit 1997 einen kontinuierlichen Rückgang der Mitgliederzahlen der Freiwilligen Feuerwehren. Dieser Rückgang ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Im Osten ist mit 9 % der Rückgang stärker als im Westen (4,5 %). Der Anteil der Frauen bei den Feuerwehren ist stabil. Die Zahlen bestätigen die in verschiedenen Publikationen beschriebenen Erschwernisse, den Brandschutz in der Fläche sicher zu stellen.

Interessanterweise finden sich in den statistischen Zahlen der Organisationen aber gegensätzliche Tendenzen bei den Mitgliederzahlen. Die Mitgliederzahlen der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. (JUH) sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen (von 2002 ca. 15.000 auf ca. 30.000 im Jahre 2010). Bezogen auf die ehrenamtlich Mitwirkenden im Bereich der Gefahrenabwehr zeigt sich, zumindest für die JUH, dass diese über die letzten zehn Jahre nahezu konstant geblieben sind. Die Zunahme dürfte somit bezogen auf Zugewinne in anderen Tätigkeitsfeldern (Soziale Arbeit, Betreuung etc.) zu finden sein. Ein Rückgang der Mitgliederzahlen wird jedoch mit einer zeitlichen Verzögerung in den nächsten Jahren im Zivil- und Katastrophenschutz der Hilfsorganisationen einsetzen.

In der JUH zeigt sich, dass nur eine sehr geringe Quote von 2 % von der Möglichkeit der Freistellung vom Wehrdienst gem. § 13a WpfG Gebrauch machen. Vergleiche mit den anderen Hilfsorganisationen unterstreichen diese Tendenz. Lediglich beim Technischen Hilfswerk (THW) liegt vermutlich die Freistellungsquote höher. Der Wegfall der Wehrpflicht stellt daher für die Hilfsorganisationen zunächst auch keine existentielle Bedrohung dar. Anders sieht diese Bewertung allerdings aus, wenn die Rekrutierungsquote von Freiwilligen aus dem Zivildienst, der mit Wegfall der Wehrpflicht dann auch ausgesetzt wird, betrachtet wird. In der JUH waren immerhin 33 % vor dem Freiwilligendienst im Zivildienst tätig. Damit bekommt die Aussetzung der Wehrpflicht eine erhebliche Bedeutung, da damit der Sektor der höchsten Gewinnungschancen wegbricht. Die Vergleiche mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) zeigen spürbar niedrigere Erfolgsquoten (ca. 6 %), was zeigt, dass dieses bislang nicht zur Gewinnung Ehrenamtlicher auf Dauer fungieren konnte. Hier besteht Handlungsbedarf.

Nach einer im Jahre 2006 bundesweit bei den Ehrenamtlichen der JUH durchgeführten Befragung sind im Bevölkerungsschutz überwiegend jüngere Menschen tätig sind (s. Abb. 2). Das Altersspektrum von 16 bis 30 Jahren deckt fast 50 % der Aktiven bei der JUH ab. Es ist anzunehmen, dass dies in den anderen Organisationen grundsätzlich vergleichbar ist. 57,3 % sind Männer und der Anteil der Frauen in den technischen Diensten ist damit niedriger als bei den sozialen Hilfsorganisationen. Ebenso ist der Anteil der Menschen mit einem Migrationshintergrund eher niedrig einzustufen.

Der Zivildienst war eine stabile Rekrutierungsplattform zur Gewinnung von Ehrenamtlichen in den Hilfsorganisationen. Und damit wirkt die Aussetzung der Wehrpflicht mittelbar auf die Quote der Ehrenamtlichen in den Hilfsorganisationen. In der öffentlichen Diskussion werden nun neue Modelle beschworen, um dem Wegbrechen der Ehrenamtlichen in der Gefahrenabwehr zu trotzen. Bleibt die Frage, ob die vom Bund initiierten Programme im Rahmen der Wehrpflichtdiskussion auf fruchtbaren Boden fallen werden.

Hier ist vor allem der neue Bundesfreiwilligendienst (BFD) zu nennen. In seiner Zielsetzung richtet er sich erstmals ohne Altersbegrenzung an Menschen. Grund sätzlich orientiert er sich am Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), dauert 15 bis max. 24 Monate in Teilzeit (20 h) oder Vollzeitbeschäftigung (40 h). Ein Nachteil ist, dass Organisationen, die über keine hauptamtlich besetzte Basis verfügen, Interessierten hier kaum ein Betätigungsfeld bieten können. Dies trifft vor allem für die freiwilligen Dienste in der Gefahrenabwehr zu. Dieser Dienst ist doch gerade als berufsbegleitender Dienst ausgelegt. Der Nutzen für die Freiwilligen Feuerwehren ist somit also eher gering. Das Technische Hilfswerk mag durch die hauptamtliche Struktur der Ortsverbände mehr Möglichkeiten haben. Die Hilfsorganisationen können den BFD jedoch sehr gut für ihre Angebote nutzen. Besonders positiv dabei ist, dass bei einer Tätigkeitsdauer von 24 Monaten auch eine Qualifizierung attraktiv ist. Die Ausbildung zum Rettungssanitäter ist i. d. R. nach vier Monaten abgeschlossen, so dass der Freiwillige die restliche Zeit sehr gezielt im Bereich der Notfallrettung oder anderer medizinischer Hilfsdienste eingesetzt werden kann. Ähnlich wie beim Zivildienst bleibt dann die Hoffnung, dass dieser Freiwillige nach Absolvierung des BFD der Organisation als Ehrenamtlicher erhalten bleibt. Es muss sich zeigen, wie dieser Dienst von den Organisationen genutzt und vor allem auch von der Bevölkerung in Anspruch genommen wird. Er kann ein flankierender Baustein zur Sicherung der Leistungsfähigkeit in der Gefahrenabwehr sein. Der BFD wird kein Selbstläufer sein. Deshalb müssen die Organisationen aktiv diesen Dienst bewerben und vor allem für die Qualifizierung nutzen. Gelingt die Motivation, ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Menschen über den BFD hinaus der Organisation erhalten bleiben.

Abb. 2: Verteilung der Altersgruppen in der JUH e. V.

Abb. 2: Verteilung der Altersgruppen in der JUH e. V.

Doch wie kann, unter Berücksichtigung der oben dargelegten Faktoren und Bedingungen, das gut funktionierende deutsche System der Gefahrenabwehr in Zukunft erhalten werden? Vor allem wird es darauf ankommen, dass durch eine vertrauensvolle Kooperation aller Organisationen die ressortübergreifende Vernetzung verbessert wird. Das kann dann bedeuten, dass sich alle Organisationen darüber verständigen müssen, in welchem Sektor sie zukünftig verstärkt aktiv sein wollen. Das bedeutet auch, dass unsinnige Doppel- oder Mehrfachvorhaltungen von Ressourcen vermieden werden (in einem Ort z. B. nur eine SEG Rettungsdienst oder Rettungshundestaffel).

Ehrenamtliche sollten professionell und effizient begleitet und unterstützt werden. Eine Form des Ehrenamtsmanagements sollte greifen, das die Übergänge zwischen Lebensabschnitten (Umzug, Familiengründungen etc.) berücksichtigt und eine gesunde Balance zwischen Ehrenamt und Privatleben ermöglicht. Außerdem müsste in den Hilfsorganisationen eine gelungene Bindung der Jugendorganisationen an den Erwachsenenbereich gelingen, damit mehr Jugendliche in den Erwachsenenverband überwechseln. Ebenso sollte die Umsetzung des Diversity-Ansatzes konsequent angegangen werden. Die Organisationen müssen in Zukunft den veränderten Erwartungen von Ehrenamtlichen an Teilhabe und Mitbestimmung gerecht werden und die Politik muss auf allen Ebenen das Ehrenamt ernsthaft wertschätzen und nicht als leere Worthülse nutzen, ohne es mit materiellen Ressourcen zu hinterlegen.

Die Sicherstellung der Gefahrenabwehr mit dem heutigen Modell einer gelungenen Mischung aus Haupt- und Ehrenamt kann nur gelingen, wenn alle Mitwirkenden gemeinsam an dem einen Ziel der Erhaltung dieses hohen Gutes mitarbeiten. Die strukturellen Veränderungen werden dazu führen, dass Einzellösungen nur wenig Aussicht auf Erfolg haben. Wenn alle das gleiche Ziel haben, sollte auch ein gemeinsamer Weg denkbar und begehbar sein.

Anschrift des Verfassers:

Kopie von Leander_webLeander Strate
Fachbereichsleiter Rettungsdienst,
Notfallvorsorge und Fahrdienste
Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., Bundesgeschäftsstelle
Lützowstraße 94
10785 Berlin
Tel.:     030 / 26997 162
Mobil:             0173 / 3054677
Fax:     030 / 26997159
www.johanniter.de

 

Leander Strate

Fachbereichsleiter Rettungsdienst, Notfallvorsorge und Fahrdienste Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. Bundesgeschäftsstelle, Berlin

Studium der Erziehungs- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld (1997); Studium der Sozialpädagogik an der FH Bielefeld (1987).

Seit Ende 2001 in der Bundesgeschäftsstelle der Johanniter zuständig für Fragen der Fort- und Weiterentwicklung der Notfallrettung und des Bevölkerungsschutzes, Förderung und Aufbau der Psychosozialen Notfallversorgung in der JUH, Tätigkeit in der Fachfort- und Weiterbildung.

Zuvor langjährige Tätigkeit als Regionalvorstand der Johanniter in NRW.

Ehrenamtliches Engagement im Bereich der Jugend- und Bildungsarbeit NRW und Berlin.