Am 31. Oktober 2012 geht in den meisten Ländern Europas (wie jedes Jahr) das sogenannte „hydrologische Jahr“ zu Ende. Abgesehen von einigen regional bedeutsamen Sturzfluten traten keine größeren Hochwasserschaden-Ereignisse ein. Nicht so im Jahr 2002, vor allem an der Elbe und an der Donau.

Zehn Jahre nach der Augustflut 2002 im Elbegebiet

Für viele Menschen gilt inzwischen vor allem die Augustflut 2002 im Elbegebiet als Synonym eines überraschenden und herausragenden Extremhochwassers. Wenige in Deutschland haben z. B. wahrgenommen, dass im Juni und Juli des Jahres 2007 – also vor fünf Jahren – hunderttausende von Menschen in England und Wales ebenfalls von ungewöhnlich starken und schadbringenden (Binnen-)Überschwemmungen betroffen waren. Dort verloren 13 Menschen ihr Leben, ungefähr 48 000 Haushalte waren direkt betroffen und 7 300 Gewerbebetriebe überflutet. Die Schäden werden im sogenannten „Sir Michael Pitt´s review of the summer 2007 Floods“ auf mehrere Milliarden Britische Pfund beziffert – allein die versicherten Schäden sollen drei Milliarden Pfund betragen haben (www.defra.gov.uk oder http://archive.cabinetoffice.gov.uk).

Im Elbeeinzugsgebiet kam es in Folge der Augustfluten 2002 zu insgesamt 37 Todesopfern (davon 21 in Deutschland). Allein im Freistaat Sachsen beläuft sich die Anzahl beschädigter Wohngebäude auf rund 25 000 (davon 400 Totalverluste), 740 Kilometer zerstörter Straßen, über 450 beschädigter Brücken sowie rund 12 000 unmittelbar geschädigter Gewerbegebiete. Im Rückblick beziffert sich die Gesamtsumme der Hochwasserschäden auf 8,6 Milliarden Euro. Bei einem Etat des Landeshaushaltes in Sachsen von 16 Milliarden Euro pro Jahr ist das eine gewaltige Schadenssumme.

Sie gab vielfältigen Anlass zur kritischen Auseinandersetzung insbesondere zum Umgang mit dem Hochwasserrisiko. Noch im November 2002 veranstaltete das Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft in Dresden unter großer medialer Beteiligung eine „Hochwasserkonferenz“. In kürzester Zeit wurden dann z. B. für alle Gewässer 1. Ordnung – für die der Freistaat Sachsen die Verantwortung trägt – sogenannte Hochwasserschutzkonzepte erarbeitet. In 48 solcher Konzepte wird inzwischen dar- und offengelegt, welche Gefahren und Risiken in den jeweiligen Regionen bzw. Flussabschnitten durch Hochwasser entstehen können.

Eigenverantwortung der Bevölkerung

Jeder Bürger kann und sollte sich über seine potenzielle Betroffenheit informieren. Wird doch bei allen schadbringenden Hochwasserereignissen nach der obligatorischen Schuldfrage vor allem der Vorwurf der mangelhaften Informiertheit von den Betroffenen laut. Mit dem Informationsgrad der potenziell betroffenen Bevölkerung und der Bereitschaft, im Hochwasserfall aktiv an der Bewältigung mitzuwirken und das Richtige zu tun, steht und fällt ein erfolgreicher Umgang mit Hochwassergefahren.

Risikokommunikation

Anstatt beispielsweise Hochwasserschutz oder Sicherheit vor Hochwassern zu versprechen, wie es häufig nach Extremereignissen von Behörden, Kommunal- und Landespolitikern getan wird, kommt es darauf an, die mit Hochwasser verbundenen Gefahren und Risiken zu kommunizieren. In den Medien erfolgt so etwas vor allem ereignisorientiert und dramatisierend. Es kommt aber darauf an, diese Risikokommunikation nicht als einmaligen Vorgang zu verstehen, sondern als eine permanente Aufgabe, die insbesondere in Zeiten mit wenig Hochwasserereignissen aufrechterhalten werden muss. Insofern liefern Anlässe, wie der (zehnte oder fünfte) Jahrestag solcher Katas­trophen günstige Gelegenheit über das Erinnern hinaus zu hinterfragen, wie diesbezüglich verantwortliche Behörden und Institutionen mit der Öffentlichkeit kommunizieren, wie die Medien über Risiken aber auch Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten berichten und was letztlich die Bevölkerung über Hochwasserrisiken bzw. Risikovorsorge und -bewältigung weiß.

Fünf Jahre nach der Flut stellte der damalige Umweltminister Stanislaw Tillich im August 2007 auf der „Hochwasserschutz-Konferenz“ in Dresden diesbezüglich fest: „Eine Katastrophe wie im August 2002 würde uns nicht mehr so unvorbereitet treffen“. Der damalige Wirtschaftsminister Thomas Jurk ließ erklären, dass alle Schäden an der Infrastruktur sowie bei den von Hochwasser betroffenen Unternehmen beseitigt und überall Normalität eingezogen sei. Finanziell zu danken war dies vor allem rund 4,8 Milliarden Euro „Fluthilfe“ der deutschen Bundesregierung für den Freistaat Sachsen aber auch vielen hundert Millionen Euro Spenden aus dem In- und Ausland sowie einem staatlichen Förderprogramm der Sächsischen Aufbaubank von mehr als einer Milliarde Euro.

Das Hochwasser 2002 im Elbegebiet – eine Chance für Sachsen?

Im hydrologischen Jahr 2012 fand keine „Hochwasserrisikokonferenz des Freistaates Sachsen“ o. ä. statt. Erfreulicherweise griffen aber die Printmedien in Sachsen das Thema „Augustfluten 2002“ ebenso zahlreich auf wie die im Hochwasserjahr 2002 betroffenen Kommunen. Neben Hochwasserausstellungen, wie die in der Landeshauptstadt („Dresden – 10 Jahre nach der Flut“), Hochwasserwanderungen oder Vorführungen zum Aufbau von Flutschutzwänden gab es vielfältige Artikelserien in verschiedenen regionalen Zeitungen, in denen eine kritische und meist sachliche und gut recherchierte Auseinandersetzung über Ursachen, Verlauf und Folgen der Augustflut 2002 vorgenommen wurde. Auch der sächsische Ministerpräsident Tillich nahm an einer „Gedenk-Radtour“ mit etwas mehr als 200 Teilnehmern durch das vom Hochwasser 2002 besonders stark betroffene Müglitztal im Osterzgebirge teil.  Zu dieser Eröffnung stellte er fest: „Die Flut war eine Krise, aber auch eine Chance für das Land.“ Auch wenn sich seine Aussage zunächst auf die Schadensbeseitigung und den Wiederaufbau nach dem Hochwasser bezieht, scheint gegenwärtig in Sachsen auf vielen Ebenen diesbezüglich eine hohe gesellschaftliche Sensibilität, Akzeptanz und Mitwirkungsbereitschaft für Fragen der Hochwasservorsorge und -bewältigung zu bestehen.

Offensichtlich trifft hier die bekannte Erfahrung zu, dass sich Hochwasserbewusstsein vor allem durch eigene persönliche Erfahrungen prägt. Im Jahr der Elbeflut 2002 hat die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) diesen Sachverhalt in ihrer Broschüre „Hochwasservorsorge – Maßnahmen und ihre Wirksamkeit“ in Form der Abbildung 1 popularisiert.

Kurz nach dem Ereignis ist dieses Bewusstsein bei den Betroffenen sehr ausgeprägt. Mit dem Ausbleiben von Überschwemmungen und Schäden sinkt dieses aber schnell (nach sieben Jahren) auf ein minimales Niveau. Demzufolge gilt es, durch Informationsveranstaltungen, öffentlichkeitswirksame Symbole (Hochwassermarken, Hinweistafeln, Lehrpfade o. ä.) dieses gesellschaftliche Bewusstsein immer wieder zu wecken und aufrechtzuerhalten.

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Vom „Sicherheitsversprechen“ zum nüchternen und sachlichen Umgang mit dem Hochwasserrisiko

Eine der entscheidenden Lehren aus der offensichtlichen Ballung von extremen Hochwassern der letzten Jahre (auch wieder in Europa) war der europaweite Übergang vom Hochwasserschutzversprechen hin zur Erarbeitung und Umsetzung der EG-Hochwasser-Risiko-Management-Richtlinie. Sie wurde im Jahre 2007 verabschiedet und verpflichtet alle Mitgliedsstaaten die Hochwasserrisiken systematisch zu bewerten und bis zum Jahr 2015 für alle Gebiete mit signifikantem Hochwasserrisiko entsprechende Hochwasserrisiko-Managementpläne zu erstellen. Das ist vor allem im föderalen Deutschland kein einfacher Prozess. Liegt doch der „Schutz vor Hochwasser“ vollständig in Verantwortung der Bundesländer. In der „lessons learned“-Studie „Hochwasservorsorge in Deutschland – Lernen aus der Katastrophe 2002 im Elbegebiet“ des Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge (DKKV) wurde dargelegt, wie es zwar auf „Bundesebene einen Rahmen für alle“ gab, dass aber auf „Landesebene jedes seins machte“ (http://www.dkkv.org/DE/publications/schriftenreihe.asp?h=5) und welche Probleme daraus z. B. entlang der Flussläufe bzw. in den Gewässereinzugsgebieten resultierten.

Internationale Kommission zum Schutz der Elbe

Inzwischen zeigt der unmittelbar nach der Konferenz zum 10. Jahrestag des Hochwassers 2002 am 14. und 15. August 2012 in Prag (zu deren Schlussfolgerungen und Empfehlungen siehe http://www.ikse-mkol.org) veröffentlichte Abschlussbericht der Internationalen Kommission zum Schutz der Elbe IKSE „über die Erfüllung des Aktionsplans Hochwasserschutz Elbe 2003-2011“ die erreichten Fortschritte auf (Abb. 2).

Hervorgehoben wird darin, dass mit der Einführung und Umsetzung des Aktionsplanes entscheidend dazu beigetragen werden konnte, dass z. B. die Elbe-Hochwasserereignisse im Frühjahr 2006 und im Januar 2011 zu deutlich geringeren Schäden und Opfern führten, als es bei vergleichbaren Situationen früher der Fall gewesen wäre. „Damit haben die Staaten im Einzugsgebiet der Elbe eindrücklich nachgewiesen, dass sie den Übergang von nationalen Einzelmaßnahmen zum flussgebietsweiten Hochwasserrisikomanagement bewältigt haben. Sie erarbeiteten in enger gegenseitiger Abstimmung die nunmehr notwendigen nationalen und internationalen Pläne und Maßnahmen. Diese neue europäische Form der Zusammenarbeit wird geleitet vom Solidaritätsprinzip, im Rahmen dessen Ober- und Unterlieger Pläne und Maßnahmen gemeinsam ableiten, ohne dabei das Risiko anderer zu erhöhen.“

Diesem Zitat aus dem dortigen Vorwort kann durchaus zugestimmt werden, wenngleich die Prager Hochwasserkonferenz vom August 2012 u. a. in ihren 16 Schlussfolgerungen und Empfehlungen darauf hinweist, wo weitere Ansätze zur Verbesserung der Arbeit gesehen werden. Wie nötig die darin auch hervorgehobene stetige öffentliche Kommunikation zu den Risiken des Naturereignisses Hochwasser sowie zur Vorsorge und Bewältigung ist, zeigte sich beispielsweise bei den Hochwassern im August und September 2010 an der Neiße in Sachsen, einer Region, die im Jahre 2002 vom Hochwasser verschont geblieben war. Als der sächsische Ministerpräsident Tillich mehr Eigenvorsorge der Bevölkerung vor hochwasserbedingten Risiken anmahnte, wurde er gnadenlos von betroffenen Bürgern in Zittau und Görlitz ausgepfiffen. Offensichtlich halten die meisten „Schutz vor Hochwasser“ für eine „Aufgabe der öffentlichen Hand“ und demzufolge wird die finanzielle Verantwortung nach wie vor bei der Landes- und Bundesregierung gesehen.

Fazit

Insgesamt lässt sich feststellen, dass bezüglich Hochwasservorsorge und Hochwasser(katastrophen)bewältigung in den letzten zehn Jahren vor allem im Elbegebiet viel erreicht wurde. Es zeigt sich aber auch – wie bereits in der DKKV-„lessons learned“-Studie dargelegt –, dass diese Aufgaben aber Querschnittsaufgaben sind und ein hohes Maß an Kommunikation, Kooperation und Führung erfordern.

Zur weiteren erfolgreichen Umsetzung von integrierten Schutzkonzepten bedarf es der Fortsetzung des Diskussionsprozesses, wie die verschiedenen Akteure über Fach- und Raumgrenzen hinweg stärker zu verknüpfen sind. Dieser Diskussionsprozess muss weiter unter Einbeziehung der Bevölkerung erfolgen. Erfolgreich lässt sich dieser Prozess nur führen, wenn die Prinzipien von Nachhaltigkeit und Sachlichkeit in der gesamten Öffentlichkeit von Politik, Verwaltung, Medien bis zur Bevölkerung Akzeptanz finden, schnelles Verdrängen und Vergessen unterbleibt sowie einzugsgebietsbezogen gehandelt wird.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. rer. nat. habil. Uwe Grünewald
Professur Hydrologie und Wasserwirtschaft
Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Postfach 101344
03013 Cottbus

Prof. Dr. rer. nat. habil. Uwe Grünewald
geb. am 8. Juni 1944 in  Jena

  • 1964 – 1969: Hydrologiestudium an der Humboldt-Universität Berlin und der Technischen Universität (TU) Dresden
  • 1969/71: Forschungsstudium an der TU Dresden mit anschließender Dissertation an der TU Dresden
  • 1971 – 1974: Wissenschaftlicher Assistent im Bereich Hydrologie und Meteorologie der Sektion Wasserwesen der TU Dresden
  • 1974 – 1979: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Wasserwirtschaft (IfW) in Erfurt und Berlin
  • 1978: Habilitation an der TU Dresden
  • 1979: Berufung zum ordentlichen Dozenten für Hydrologie / Wassermengenwirtschaft der Sektion Wasserwesen der TU Dresden
  • 1992: Berufung zum Universitäts­professor für Hydrologie und Wasserwirtschaft an die TU Cottbus
  • 04/1993 – 09/2011: Tätigkeit als Universitätsprofessor für Hydrologie und Wasserwirtschaft an der TU Cottbus, der heutigen Brandenburgischen Technischen Universität (BTU)
  • Seit 10/2011: Gastprofessor Professur Hydrologie und Wasserwirtschaft