– Entwicklung, Organisation und aktuelle Zahlen –

In letzter Zeit erlangte das TraumaNetzwerk DGU immer mehr Aufmerksamkeit. Es sind nicht zuletzt große Massenunfälle, wie im November 2011 auf der A31 bei Heek, welche das gesamte Projekt auf die Probe stellen und in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Hier verunfallten damals 53 Fahrzeuge, sodass 35 schwerstverletzte in kurzer Zeit versorgt werden mussten. Durch die gute Arbeit der Rettungsdienste und eine optimale Organisation der Schwerverletztenversorgung im TraumaNetzwerk NordWest konnte selbst diese Katastrophe erfolgreich bewältigt werden. Im folgenden Artikel soll ein Überblick über die Entwicklung, die Organisation und die aktuellen Zahlen des TraumaNetzwerkes DGU gegeben werden.

Das Polytrauma in der Bundesrepublik Deutschland

Insgesamt ereigneten sich im Jahr 2010 in Deutschland 2 411 271 Verkehrsunfälle. Hierbei wurden 3 648 Menschen getötet. Eine Anzahl von 62 620 schwerverletzten Patienten musste entsprechend versorgt werden (Statistisches Bundesamt). Natürlich erleiden nicht alle polytraumatisierten Patienten einen Verkehrsunfall, so dass auch eine Vielzahl an Patienten nach Freizeitunfällen oder Stürzen aus großer Höhe in die Kliniken gebracht werden. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass die jährliche Anzahl an polytraumatisierten Patienten in der Bundesrepublik ca. 33 000 bis 35 000 beträgt (Haas).
Aus dem TraumaRegister DGU liegen Zahlen über die Verletzungsmuster dieser Patienten vor (Jahresbericht). Im Jahr 2010 erlitten 96,6 Prozent aller Patienten ein stumpfes Trauma. 70 Prozent der Unfallopfer waren männlich und im Durchschnitt 45,9 Jahre. Der Thorax und der Kopf sind die Organregionen, welche mit Abstand am häufigsten betroffen sind. In absteigender Reihenfolge folgen Verletzungen der Arme, Beine, der Wirbelsäule und des Abdomens.
Diese Zahlen machen deutlich, dass insgesamt eine große Anzahl an Verletzten mit komplexen Verletzungen anfällt. Deshalb gilt es, für alle dieser polytraumatisierten Patienten eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Kliniken der Maximalversorgung sehen sich häufig mit der Versorgung von polytraumatisierten Patienten konfrontiert, wohingegen dies in kleineren Häusern eine Ausnahme darstellen kann, für welche es keine organisierten Abläufe gibt. Vor der Einführung des Projektes TraumaNetzwerk DGU war die Versorgung von Schwerverletzten in der Bundesrepublik sehr inhomogen. Schon vor einigen Jahren konnten mehrere Studien aufzeigen, dass sich die Ergebnisse der Versorgung von schwerverletzten Patienten in verschiedenen Regionen, aber auch in verschiedenen Versorgungsstufen, deutlich voneinander unterschieden (Kühne, Biewener). Ebenfalls gab es große Unterschiede in der Ausstattung der versorgenden Kliniken (Beck).

Das TraumaNetzwerk DGU

In Zusammenschau der oben genannten Situation ergab sich die Notwendigkeit, die Versorgung von polytraumatisierten Patienten neu zu organisieren. Hierzu wurde durch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) im Jahr 2004 die Initiative TraumaNetzwerk ins Leben gerufen. Hieraus ging im Jahr 2006 der Arbeitskreis zur Umsetzung des Weißbuch/TraumaNetzwerk (AKUT) hervor. Als grundlegender Bestandteil wurde ebenfalls im Jahr 2006 das Weißbuch Schwerverletztenversorgung herausgegeben. Mittlerweile wurde dies überarbeitet und erscheint jetzt in der 2. Auflage. Im Weißbuch werden erstmalig Empfehlungen zur Struktur, Organisation und Ausstattung der Schwerverletztenversorgung gegeben. Zudem wird darin erstmals die Zertifizierung der versorgenden Kliniken in drei verschiedene Versorgungsstufen gefordert. Diese Versorgungsstufen sind lokale, regionale und überregionale TraumaZentren.
Durch das Projekt TraumaNetzwerk soll eine flächendeckende Versorgung von schwerstverletzten Patienten gewährleistet werden. Jeder dieser Patienten soll innerhalb von 30 Minuten nach dem Unfall in einem TraumaZentrum versorgt werden. Wichtige Bestandteile eines TraumaNetzwerkes sind definierte Kriterien zur Aufnahme eines Patienten in den Schockraum eines TraumaZentrums, die Formulierung von standardisierten Behandlungsabläufen, die verpflichtende ärztliche Fortbildung und die Teilnahme an qualitätssichernden Massnahmen (Ruchholtz). Zudem sollen, wie bereits erwähnt, einheitliche personelle, strukturelle und organisatorische Voraussetzungen eingeführt werden (Abb. 1).

Abb. 1: Kriterien für die Versorgung eines Unfallpatienten in einem Traumazentrum entsprechend der S3-Leitlinie Polytraumaversorgung  (http://www.awmf.org/leitlinien).

Abb. 1: Kriterien für die Versorgung eines Unfallpatienten in einem Traumazentrum entsprechend der S3-Leitlinie Polytraumaversorgung
(http://www.awmf.org/leitlinien).

Eine weitere wichtige Idee ist die Verbesserung der Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern im TraumaNetzwerk. So wurde bereits versucht, die Kooperation mit den Rettungsdiensten und somit die präklinische Versorgung der schwerverletzten Patienten zu optimieren. Aktuell gibt es mehrere Projekte, welche ihr Augenmerk auf die Rehabilitation von polytraumatisierten Patienten legen.
Im Folgenden sollen kurz die organisatorischen Strukturen des TraumaNetzwerkes beschrieben werden. Eine der wichtigsten Voraussetzungen in der Organisation ist die Freiwilligkeit. Jedes Krankenhaus kann selbst entscheiden, ob und in welcher Versorgungsstufe es sich anmeldet. Für die drei verschiedenen Versorgungsstufen lokales, regionales und überregionales TraumaZentrum bestehen verschiedene Anforderungen. Diese müssen die Häuser erfüllen, um erfolgreich zertifiziert zu werden. Nach der Anmeldung und dem Ausfüllen einer sogenannten Checkliste werden die Unterlagen durch die Firma DIOCert geprüft. Bei DIOCert handelt es sich um ein Unternehmen aus Mainz, welches über eine langjährige Erfahrung im Bereich der Zertifizierung im medizinischen Bereich verfügt. Nach der Prüfung der Unterlagen erfolgt ein Vor-Ort-Audit, bei dem ein speziell geschulter Auditor prüft, ob tatsächlich alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zertifizierung gegeben sind. Sollte dies der Fall sein, erfolgt im Anschluss die Zertifizierung als TraumaZentrum einer der drei Versorgungsstufen. Nach drei Jahren muss dann eine Re-Zertifizierung der einzelnen Kliniken erfolgen. Die erffolgreich zertifizierten Kliniken organisieren sich selbst in regionalen TraumaNetzwerken. Auch diese Organisation beruht auf dem Bottom up-/Top down-Prinzip, welches den einzelnen Kliniken eine Vielzahl an Möglichkeiten bei der Organisation ihres Netzwerkes bietet. Im Rahmen der Top down-Maxime müssen sich natürlich alle Kliniken an die oben beschriebenen Vorgaben der DGU halten. Der Bottom up-Ansatz erlaubt es allerdings, die Zusammensetzung der TraumaNetzwerke selbst zu bestimmen und diese, vertreten durch gewählte Netzwerksprecher, selbst zu verwalten.
Seit der Gründung im Jahr 2006 durchlebte das gesamte Projekt TraumaNeztwerk eine rasante Entwicklung. Im Jahr 2007 waren noch 204 Kliniken in 18 TraumaNetzwerken organisiert. Nach nur zwei Jahren konnten 2009 bereits 660 Kliniken in 41 Netzwerken verzeichnet werden. Ebenfalls konnte im Jahr 2009 mit dem TraumaNetzwerk Ostbayern das erste TraumaNetzwerk erfolgreich zertifiziert werden (Abb. 2).

Abb. 2: Entwicklung der Anzahl der teilnehmenden Kliniken im TraumaNetzwerk DGU.

Abb. 2: Entwicklung der Anzahl der teilnehmenden Kliniken im TraumaNetzwerk DGU.

Aktuell sind im TraumaNetzwerk der DGU insgesamt 885 Kliniken angemeldet. Diese organisieren sich in 55 TraumaNetzwerken. Bis Ende April 2012 haben 538 Audits stattgefunden. Bisher konnten 411 TraumaZentren in 31 TraumaNetzwerken erfolgreich zertifiziert werden. Davon sind 190 Kliniken als lokale TraumaZentren, 146 als regionale und 75 als überregionale TraumaZentren zertifiziert (Abb. 3).
Im Durchschnitt besteht ein TraumaNetzwerk aus 14 Kliniken. Das kleinste Netzwerk stellt das TraumaNetzwerk Oberrhein mit fünf TraumaZentren dar. Das zurzeit größte Netzwerk ist mit 29 Kliniken das TraumaNetzwerk Westsachsen. Auch die Zusammensetzung der Netzwerke aus Kliniken der einzelnen Versorgungsstufen unterscheidet sich deutlich. Ein durchschnittliches TraumaNetzwerk besteht aus sechs lokalen, fünf regionalen und drei überregionalen TraumaZentren. Insgesamt zeigt sich, dass sich verschiedene Strukturen von Netzwerken herausgebildet haben. So gibt es beispielsweise in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ganze „Bundesland-Netzwerke“. Auf der anderen Seite gibt es etwa im Ruhrgebiet kleinere „Regional-Netzwerke“ oder „Stadt-Netzwerke“ in Hamburg und Berlin. Allen gemeinsam ist, dass im Zertifizierungsprozess eine flächendeckende Versorgung gewährleistet wird. Sowohl in Ballungsgebieten als auch in strukturschwächeren Regionen können ausreichend Kliniken die Anforderungen der DGU erfüllen und somit eine qualitative hochwertige Versorgung von schwerverletzten Patienten bieten. Diese flächendeckende Versorgung kann gewährleistet werden, obwohl nicht alle Kliniken erfolgreich zertifiziert werden können. Betrachtet man die Anzahl der ursprünglich angemeldeten Kliniken, so beträgt die sogenannte Drop-Out-Rate zur Zeit ca. 33 Prozent. Diese ungefähr 200 Kliniken, welche bislang noch nicht erfolgreich zertifiziert sind, haben natürlich im weiteren Verlauf noch die Gelegenheit, sich nachträglich zu zertifizieren. Insgesamt dauert der Zertifizierungsprozess von der Anmeldung bis zur Zertifizierung des gesamten TraumaNetzwerkes im Durchschnitt 41 Monate. Während dieses Prozesses gibt es in der Regel sieben Netzwerktreffen, um alle nötigen organisatorischen Notwendigkeiten zu besprechen. Auch dem Gedanken der gemeinsamen Fortbildung wird mit durchschnittlich sieben Fortbildungsveranstaltungen Rechnung getragen.
Eine Besonderheit des Projektes ist die Teilnahme von Kliniken aus dem europäischen Ausland. Diese, meist grenznahen Kliniken, nehmen am

Abb. 3: Deutschlandkarte mit allen erfolgreich zertifizierten TraumaNetzwerken und TraumaZentren. (Stand April 2012).

Abb. 3: Deutschlandkarte mit allen erfolgreich zertifizierten TraumaNetzwerken und TraumaZentren. (Stand April 2012).

Projekt teil und lassen sich ebenfalls nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie als TraumaZentrum zertifizieren. Im Anschluss  werden sie dann in die bestehenden TraumaNetzwerke integriert. Insgesamt beteiligen sich bisher 18 ausländische Kliniken. Die Hälfte dieser Kliniken befindet sich in Österreich, wo in naher Zukunft mit dem TraumaNetzwerk Salzburg das erste ausländische Netzwerk zertifiziert wird. Weitere Kliniken befinden sich in den Niederlanden, Luxemburg und der Schweiz. Eine Ausnahme stellt das Rashid Hospital in Dubai dar, welches im Jahr 2011 als isoliertes TraumaZentrum nach den Standards der DGU zertifiziert wurde.

Fazit

Insgesamt zeigt sich, dass das TraumaNetzwerk der DGU ein weltweit einzigartiges Projekt ist. Auch in anderen Ländern, wie beispielsweise England, Norwegen und den USA, wird der Versuch unternommen, die Versorgung von polytraumatisierten Patienten in flächendeckenden Netzwerken zu organisieren. Hier ist der gesamte Prozess jedoch noch lange nicht so weit vorangeschritten. Die rasante Entwicklung und die hohe Anzahl an teilnehmenden Kliniken deuten auf eine hohe Akzeptanz und ein deutliches Interesse aller Beteiligten hin, die Schwerverletztenversorgung weiter zu verbessern. In der Auswertung der vorliegenden Daten zeigt sich, dass trotz der oben beschriebenen Drop-Out-Rate auch in strukturschwächeren Regionen eine flächendeckende Versorgung gewährleistet werden kann. Aufgrund der hohen Standards, welche die DGU für ihre TraumaZentren definiert hat, ist von einer qualitativ hochwertigen Versorgung der schwerverletzen Patienten auszugehen. Analysen des Zertifizierungsprozesses zeigen einen akzeptablen Aufwand für die teilnehmenden Kliniken auf ihrem Weg zum TraumaZentrum. Mit der Revision des Weißbuches wird aktuell ein weiteres wichtiges Ziel erreicht. Zudem sollen im Jahr 2012 alle angemeldeten Kliniken auditiert sein. Insgesamt ist am Ende des Jahres mit 40 zertifizierten TraumaNetzwerken zu rechnen.

Anschrift des Verfassers:

Debus-Foto_webFlorian Debus
Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie
Universitätsklinikum, Standort Marburg
Baldingerstraße
35043 Marburg
Tel: 06421/58-66216
E-Mail: debusfl@med.uni-marburg.de

 

Florian Debus
geb. am 05. August 1982
in Frankenberg/Eder

Studium der Humanmedizin in Göttingen und Magdeburg, Staatsexamen
Nov. 2009: Anstellung als Assistenzarzt Spital Wattwil (Schweiz)
Seit 2011: Assistenzarzt Uniklinikum Marburg