Die Planungen zur Bewältigung von CBRN-Gefahrenlagen im Bevölkerungsschutz haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Bis in die 1990er-Jahre hinein waren chemische, biologische, radiologische oder nukleare Einsatzszenarien (CBRN-Szenarien) ein fast ausschließliches Betätigungsfeld des Zivilschutzes und des Militärs. Der Fokus aller Planungen lag dabei auf der Bewältigung von Szenarien mit großflächiger radioaktiver Kontamination nach einer Kernwaffenexplosion bzw. Szenarien nach dem Einsatz chemischer Kampfstoffe.

Die Dekontaminationsaufgaben in einer solchen Lage waren im zivilen Bereich den ABC-Zügen des Katastrophenschutzes zugeordnet. Diese Einheiten wurden jedoch nach Ende der Konfrontation der beiden Machtblöcke des „Kalten Krieges“ aufgelöst, da die Bedrohung der Bevölkerung in Deutschland durch den Einsatz von CBRN-Waffen als unwahrscheinlich eingeschätzt wurde.

Heute werden die Dekontaminationsaufgaben nach CBRN-Ereignissen in erster Linie von den Feuerwehren ausgeführt. Das führt dazu, dass sich die Feuerwehren nun mit einem sehr breiten Szenarienspektrum befassen müssen. Dieses ist einerseits die Hilfeleistung nach Unfällen mit der Freisetzung von Gefahrstoffen oder die Bewältigung biologischer Szenarien, z. B. dem Ausbruch der Vogelgrippe Anfang 2006. Andererseits ergeben sich durch die geänderte Sicherheitslage („Asymmetrische Bedrohung“) neue denkbare Szenarien mit Beteiligung von CBRN-Gefahrstoffen, wie z. B. eine vorsätzlich herbeigeführte Freisetzung von giftigen Chemikalien oder biologischen Agenzien oder die Ausbringung radioaktiven Materials.

Die Bewältigung von CBRN-Gefahren verlangt einerseits die Verfügbarkeit einer robusten, an der Einsatzstelle einsetzbaren Technologie zur schnellen Detektion freigesetzter CBRN-Schadstoffe. Andererseits ist es erforderlich, über die entsprechenden Fähigkeiten zu verfügen, Personen schnell und zielgerichtet von CBRN-Schadstoffen dekontaminieren zu können. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ergänzt daher im Bereich des CBRN-Schutzes die Ausstattung der Feuerwehren über die Bundesländer mit Fahrzeugen und Geräten für die Bewältigung von CBRN-Lagen.

Nach einem Ereignis mit Freisetzung von CBRN-Gefahrstoffen muss grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass alle Personen, die sich im Gefahrenbereich aufgehalten haben, dekontaminiert werden müssen. Die Dekontamination von Personen steht dabei an erster Stelle. Dies gilt insbesondere für radiologisch / nukleare und chemische Ereignisse. Die zeitliche Kritikalität gilt in besonderem Maße für Personen, die ungeschützt mit hochtoxischen oder radioaktiven Stoffen in Kontakt gekommen sind. Doch auch für Einsatzkräfte mit persönlicher Schutzausrüstung (PSA), die sich nach einem Einsatz in kontaminiertem Gebiet einer Dekontamination unterziehen müssen, gelten enge Zeitvorgaben: Die bei CBRN-Lagen maßgebliche Feuerwehr-Dienstvorschrift (FwDV 500) schreibt vor, dass ein Dekon-Platz grundsätzlich spätestens 15 Minuten nach dem ersten Anlegen einer persönlichen Schutzausrüstung (Anschluss des Pressluftatmers / Filters) betriebsbereit sein muss.

Um eine zeitnahe Verfügbarkeit der Fähigkeit „Dekontamination“ nach einem Ereignis sicherstellen zu können, ist deren flächendeckende Verteilung unerlässlich. Darüber hinaus müssen die bei der Dekontamination tätig werdenden Einsatzkräfte über das entsprechende Fachwissen und die notwendige Einsatzroutine verfügen. Gerade weil CBRN-Lagen nicht zu den alltäglichen Ereignissen zählen, muss die Befähigung zur Bewältigung solcher Lagen durch regelmäßige Übungen auf hohem Niveau gehalten werden.

CP-312_30_Abb_2_Dekon-Platz

Dekontamination von (Einsatz-)Personal

Werden Feuerwehreinsatzkräfte in CBRN-Einsätzen tätig, werden sie bzw. ihre Schutzkleidung fast zwangsläufig kontaminiert. Um eine Kontaminationsverschleppung und so eine Gefährdung ungeschützter Einsatzkräfte außerhalb des unmittelbaren Gefahrenbereichs zu verhindern, erfolgt eine Dekontamination (Dekon). Die Feuerwehren sind im Rahmen der kommunalen Aufgaben mit ihrer Ausstattung in der Lage, Einsatzkräfte bei CBRN-Einsätzen in alltäglichem Umfang, beispielsweise einem Gefahrgutunfall, zu dekontaminieren. Sind Dekon-Maßnahmen bei größeren Lagen mit vielen kontaminierten Einsatzkräften notwendig, greifen die Feuerwehren i. d. R. auf die Ausstattung des Bundes, den Dekontaminationslastkraftwagen Personen (Dekon P), zurück. Mit dem Dekon P ist es möglich, einen Dekontaminationsplatz aufzubauen und mit einem in Übungen ermittelten Durchsatz von etwa 50 Personen pro Stunde zu betreiben.

Die Dekon P wurden in den Jahren 1998 bis 2000 vom damaligen Bundesamt für Zivilschutz, heute BBK, beschafft und den Ländern im Rahmen der bundesseitigen Ergänzung der Katastrophenschutzausstattung der Länder (§ 13 ZSKG) zur Verfügung gestellt. Sie dienten als Ersatz für die in die Jahre gekommenen Dekontaminationsmehrzweckfahrzeuge (DMF) und sind hauptsachlich bei den Feuerwehren stationiert.

Mit der auf dem Dekon P verlasteten Ausstattung kann ein autark betriebener Dekontaminationsplatz errichtet werden. Die Infrastruktur besteht aus einem Stromerzeuger, einem Wasserdurchlauferhitzer, Pumpen zur Wasserförderung, Schlauchmaterial und den nötigen Armaturen. Mit den bordeigenen Betriebsmitteln ist ein zweistündiger Einsatz möglich, bevor Nachschub erforderlich wird. Die Dekontamination von Einsatzkräften, die mit kontaminierter Schutzkleidung den Gefahrenbereich verlassen, erfolgt in einem zweistufigen Prozess: Zunächst wird der Chemikalienschutzanzug (CSA) der Einsatzkraft in der Einpersonen-Duschkabine äußerlich von anhaftenden CBRN-Substanzen befreit. Das ermöglicht es der Einsatzkraft, den CSA gefahrlos abzulegen. Für die nachfolgende hygienische Reinigung der Einsatzkraft steht ein luftgestütztes Duschzelt mit sich anschließendem Ankleidezelt zur Verfügung.

Neben der ursprünglichen Aufgabe der Dekontamination ist das System auch für andere Zwecke einsetzbar. So bieten die Zelte bei größeren Einsätzen einen guten Witterungsschutz und können beispielsweise als Aufenthaltsräume für Einsatzkräfte oder Betroffene genutzt werden. Bei niedrigen Temperaturen besteht durch das Zeltheizgerät zudem die Möglichkeit der Beheizung. Besonders bei großen und lang andauernden Einsätzen können diese Teile der Ausstattung für Einsatzkräfte und Betroffene von großem Wert sein.

Fortentwicklung des Dekon P

Die in den vergangenen Jahren bei Einsätzen und Übungen gewonnene Erfahrung mit dem System haben eine Vielzahl an Verbesserungsmöglichkeiten und -wünschen zu Tage gefördert. Das Referat „Technischer CBRN-Schutz“ im BBK steht regelmäßig in engem Kontakt mit den Nutzern der bundeseigenen Ausstattung. So konnten viele Wünsche und Anregungen der Nutzer bei der Fortentwicklung des Dekon P umgesetzt werden. Im Juni dieses Jahres erfolgte die Ausschreibung von insgesamt 95 neuen Ausstattungssätzen und Trägerfahrzeugen, die Auftragserteilung wird Ende November 2012 erfolgen. In die Beschaffung flossen gegenüber den bestehenden 325 Einheiten folgende zentrale Änderungen ein:

  • Erhöhung der Zeltfläche (größere Zelte oder ein drittes Zelt), um auch das Auskleiden in einem umschlossenen Raum zu ermöglichen.
  • Anpassung der Wasser führenden Teile an die geänderten Anforderungen der Trinkwasserverordnung (Auswahl der Materialien, Trennung von Duschwasser und Heizkreislauf).
  • Separate dieselbetriebene Zeltheizung.
  • Ergänzung der Ausstattung um einen Beleuchtungssatz.
  • Zusätzliche trinkwassergeeignete Armaturen und Schlauchmaterial.
  • Kleinteile, wie z. B. Sitzgelegenheiten, Abfallbeutel und Absperrmaterial.

Nach Abschluss der Maßnahme werden den Einheiten des Katastrophenschutzes somit vielfältig nutzbare moderne Dekontaminationssysteme zur Verfügung stehen; eine Erhöhung der Gesamtanzahl der Dekon P auf 450 gemäß Ausstattungskonzept ist angestrebt. Der Schutz der Bevölkerung in Deutschland wird im Aufgabenbereich der Dekontamination somit weiterhin auch im europäischen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau gehalten.

Dekontamination Verletzter

Im Rahmen der Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 rückte das Thema „Dekontamination Verletzter“ in den Fokus der Verantwortungsträger der Gefahrenabwehr. In einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe wurde ein gemeinsames „Rahmenkonzept zur Dekontamination Verletzter“ entwickelt. Einige wenige Bundesländer entwickelten dieses Konzept im Nachgang der WM weiter und stellten Einheiten für die Dekontamination Verletzter (Dekon-V) auf. Der Bund greift das Thema nunmehr im Rahmen der Einführung seiner Medizinischen Task Force (MTF) auf, die unter anderem eine Teileinheit „Dekon-V“ vorsieht.

Nähert man sich dem Thema inhaltlich, so ist zunächst der Begriff Verletzter zu klären. Laut Rahmenkonzept ist in diesem Zusammenhang hierunter jede Person zu verstehen, die sich ungeschützt im kontaminierten Bereich aufgehalten hat. Der Begriff umfasst also auch Personen, die körperlich neben der Kontamination nicht weiter beeinträchtigt wurden, einschließlich der Einsatzkräfte, die ohne geeignete Schutzausrüstung vorgegangen sind. Zweckmäßig ist daher eine weitere Unterteilung in die Dekontamination (unverletzter) Betroffener, die Dekontamination gehender Verletzter und die Dekontamination liegender Verletzter.

Eine Nassdekontamination kann für kontaminierte Betroffene durch die bereits bestehenden Einheiten zur Dekontamination von Personen erfolgen. Hierzu werden in der Regel die Fahrzeuge Dekon P genutzt, die ursprünglich ausschließlich zur Dekontamination von Personal unter geeigneter Schutzkleidung konzipiert wurden. Auch gehfähige Verletzte können bei entsprechender Unterstützung durch geeignetes Personal auf diesem Weg dekontaminiert werden. Für liegende Verletzte ist die personelle und materielle Ausstattung der Dekon-P-Einheiten nicht ausgelegt.

Einige Landkreise, Städte, Berufsfeuerwehren und Bundesländer haben sich mit der Dekontamination liegender Verletzter intensiv auseinander gesetzt. Sie haben Ausstattung beschafft und entsprechende Einheiten aufgestellt. So wird auch die Nassdekontamination von liegenden Verletzten ermöglicht.

Durch die Nassdekontamination wird die Kontamination nach einem standardisierten Verfahren vom Körper entfernt, so dass eine Verschleppung der Kontamination aus dem Gefahrenbereich hinaus vermieden werden kann. Gleichzeitig wird die Einwirkung des kontaminierenden Stoffes auf die Person unterbunden. Aus medizinischer Sicht ist gerade letzteres der entscheidende Effekt der Dekontamination, um die Gesundheit der kontaminierten Personen zu schützen.

Bei Einsatzlagen mit einer größeren Zahl von kontaminierten Personen ist jedoch von einer längeren Wartezeit bis zur Nassdekontamination auszugehen. Daher müssen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit der kontaminierten Personen bereits vor der eigentlichen Dekontamination erfolgen. Einfache aber effektive Maßnahmen können häufig selbst oder gegenseitig von den betroffenen Personen durchgeführt werden. Am wichtigsten ist hierbei das vorsichtige Ablegen der Oberbekleidung. Im Regelfall können so bis zu 90 % der Kontamination entfernt werden. Darüber hinaus können beispielsweise sichtbar kontaminierte Hautoberflächen behelfsmäßig abgespült werden.

Im Rahmen der Entwicklung der Teileinheit Dekontamination Verletzter widmet sich die Arbeitsgruppe Dekon-V am Pilotstandort MTF 40 (Rheinland-Pfalz – Süd) intensiv der Frage, welche Maßnahmen bereits vor der Dekontamination erfolgen können bzw. müssen, um die Gesundheit der kontaminierten Personen zu schützen und ggf. sogar deren Überleben zu sichern. Die Sicherstellung von lebensrettenden Sofortmaßnahmen bereits im kontaminierten Bereich durch sanitätsdienstlich geschulte Einsatzkräfte in geeigneter Schutzkleidung spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Diese können neben der Durchführung medizinischer Maßnahmen auch die Selbsthilfemaßnahmen anleiten und unterstützen.

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Zusammenfassung/Ausblick

Die Dekontamination von Personen, Einsatzkräften oder auch Betroffenen, spielt im alltäglichen Einsatzgeschehen im Bevölkerungsschutz nur eine untergeordnete Rolle. Selbst in der Mehrzahl der CBRN-Einsätze der Feuerwehr, umgangssprachlich Gefahrguteinsätze, müssen oft nur wenige Einsatzkräfte dekontaminiert werden. Diese Aufgabe wird von den zuständigen Gefahrenabwehrbehörden, i. d. R. den Feuerwehren mit kommunaler oder der beschriebenen Bundesausstattung Dekon P gut bewältigt.

Eine große Herausforderung stellt hingegen die Dekontamination einer größeren Anzahl insbesondere nicht gehfähiger Betroffener dar. Szenarien mit mehr als 100 Betroffenen waren und sind Bestandteil der Planungen bei Massenveranstaltungen. Nicht zuletzt zeigte der Terroranschlag in Tokio im Jahr 1995, bei dem durch die Freisetzung des Nervenkampfstoffs Sarin zwölf Personen getötet und ca. 1 500 Personen verletzt wurden (weit über 4 000 Personen suchten seinerzeit medizinische Hilfe), dass solche Szenarien in den Planungen für den Bevölkerungsschutz nicht vernachlässigt werden dürfen. In solchen Fällen wird die Dekontamination von Menschen schnell zu einem kräftezehrenden und die Einsatzmaßnahmen dominierenden Faktor. Die Dekontamination stellt dann in der Rettungskette einen Flaschenhals dar, der alle nachfolgenden Schritte beeinflusst.

Aus diesem Grund stellt die Ausstattung für Dekontaminationsmaßnahmen aus Sicht des Bundes einen wesentlichen und unverzichtbaren Bestandteil der Ausstattung dar, die gemäß § 13 ZSKG an die Länder zur Unterstützung des Katastrophenschutzes übergeben wird.

Die an der Dekontamination beteiligten Kräfte müssen zudem durch fundierte Ausbildung und regelmäßige Beübung ihrer Aufgabe ein hohes Einsatzniveau halten, um im Einsatzfall schnell und gezielt Hilfe leisten zu können. Mit der Kombina­tion aus technisch hochwertiger Ausstattung und gut ausgebildetem Personal lässt sich ein optimaler Schutz von Einsatzkräften sowie Bürgerinnen und Bürgern vor den Auswirkungen von CBRN-Gefahren gewährleisten.

Autoren:
Matthias Drobig, Dr. Roman Trebbe, Steffen Lensing

Anschrift für die Verfasser:
Matthias Drobig
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Provinzialstr. 93
53127 Bonn
www.bbk.bund.de

Matthias Drobig

  • 1998 – 2003: Studium Technische Chemie an der FH Nürnberg
  • 2009 – 2011: Studium Katastrophenvorsorge und Katastrophenmanagement an der Universität Bonn
  • Seit 2004: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Referat Technischer CBRN-Schutz