Hochschulen bringen immer ausgefallenere Studiengänge auf den Markt. Auch im Bereich Risiko- und Katastrophenforschung wird das Angebot immer ausgefeilter, greift auch moderne Themen aus Forschung und Praxis auf. Welchen Beitrag leisten Themen der Resilienzforschung, der Verwundbarkeit gegenüber Naturkatastrophen und der Verflechtungen moderner Infrastruktursysteme für den klassischen Katastrophenschutz, Rettungsdienste, die Industrie aber auch den „Otto Normalverbraucher“?

Neue Fachrichtung

An der Fachhochschule Köln wird aktuell die neue Fachrichtung „Risiko- und Krisenmanagement“ eingeführt. Sie ergänzt das bestehende Angebot des Instituts für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) u. a. um Themen der Naturgefahrenforschung, des Klimawandels, der Kritischen Infrastrukturen und des Bevölkerungsschutzes. Ab dem Wintersemester 2013 werden sowohl für Bachelor- als auch Masterstudenten im Studiengang Rettungsingenieurwesen speziell entwickelte Module zu Kernthemen der modernen Risikoforschung angeboten: Grundlagen der Entstehung von Naturgefahren werden erfasst, komplexe Interdependenzen moderner Versorgungsinfrastrukturen analysiert, Anpassungsfähigkeiten von Menschen an Krisen, Katastrophen und Veränderungen wie der Klimawandel untersucht. Gleichzeitig vermittelt das Studium verschiedene Ansätze zur Risiko- und Krisenkommunikation.

Verschulte Hochschule war gestern
Die Fachhochschule Köln ist Vorreiterin moderner Lehrformate und verändert damit grundlegend die bisherige oft als „verschult“ bekannte Unterrichtsform und den Charakter von Fachhochschulen: bedeutend weniger Frontalunterricht sondern stattdessen problemzentriertes, projektbasiertes, kooperatives Lernen mit großem Eigenengagement der Studierenden findet statt. Moderne Formen eines „blended learning“ nutzen aktiv den Zugang über neue Informationstechnologien und soziale Medien. Dazu zählt u. a. die Nutzung von Web-Inhalten und E-Learning-Phasen; die Studierenden entwickeln selbständig E-Portfolios, Blogs und ganze Forschungsprojekte.

Modernes Lernen
Diese neuen Formen der Didaktik dienen dazu, die Studierenden zu unterstützen, die Vielfalt ihrer Interessen und Kompetenzen zu entdecken und bewusst auch jene Fähigkeiten (weiter-) zu entwickeln, die sie bisher möglicherweise noch wenig genutzt haben. Denn in der modernen Arbeitswelt ist nicht nur die Beherrschung der Grundlagen der Mathematik und der Rechtschreibung das A und O, immer stärker rücken Vielseitigkeit und vernetztes, integratives Denken in den Vordergrund – ob in einer Behörde, in der Forschung oder in der Industrie. Gerade Themen wie Hochwasser, neue digitale Medien und Datensicherheit fordern auch uns als „Otto Normalverbraucher“ auf, uns mit Veränderungen, Risiken und Eigenvorsorge zu befassen.

Diversity und Integratives Denken
Die neue Fachrichtung soll aber nicht nur neue Inhalte und Kompetenzen vermitteln, sondern auch Menschen mit unterschiedlichen thematischen Zugängen für das Studium gewinnen. „Diversity“ steht hier für die aktive Integration von Menschen unterschiedlicher Nationalität, mit unterschiedlichen Begabungen und Einschränkungen (z. B. Behinderungen) und eine ausgeglichene Anzahl von Männern und Frauen. Damit will das IRG neue Impulse setzen im bislang eher traditionellen Bereich des Katastrophenschutzes und Rettungswesens und gleichzeitig die klassische Rolle des FH-Studenten erweitern. Von diesem Ansatz sollen langfristig nicht nur die Studenten sondern vor allem auch die FH und das System Katastrophenschutz profitieren.

Inter- und Transdisziplinär
Das IRG will die bereits etablierte Interdisziplinarität mit der neuen Fachrichtung noch weiter ausbauen. Die FH Köln als größte Hochschule für angewandte Wissenschaften in Deutschland bietet mit einer großen Vielfalt an Nachbardisziplinen optimale Voraussetzungen für den Aufbau und die Ausweitung von Kontakten bzgl. Forschungsprojekten und gemeinsamer Lehrmodule.
Einer der größten Stärken des IRG ist die enge Verknüpfung von Forschung und Praxis. So studieren hier viele, die bereits Berufserfahrung in verschiedensten Bereichen mitbringen. Diese „Bodenhaftung“ trägt dazu bei, dass Studenten selbst wichtige Expertise und Lehrinhalte in den Unterricht einbringen können. Durch ein Vorpraktikum sowie das verpflichtende Praxissemester sammeln Studenten außerdem weitere berufsrelevante Erfahrungenund knüpfen nützliche Kontakte für die Zeit nach dem Studium. Das große regionale und überregionale Netzwerk der Fachhochschule Köln stellt dabei einen wichtigen Standortfaktor für Studenten und Absolventen des IRG dar.

Forschung zum Anfassen
Ein wesentlicher Baustein der neuen Fachrichtung „Risiko- und Krisenmanagement“ ist die Erhöhung des Forschungsprofils der FH und die Ausweitung der Internationalisierung. Als Teil der Gesamtstrategie der FH ist eine Angleichung der öffentlichen Anerkennung zu den Universitäten das Ziel. Bislang sind Fachhochschulen im Ansehen oft nur Hochschulen zweiter Klasse. Der Anwendungsbezug und die Modernität der Themen erhalten nicht das gleiche Ansehen wie etwa in anderen Ländern. Das zu ändern, bedarf der Veränderung der „Verschulung“, aber auch eines höheren wissenschaftlichen Niveaus der Absolventen. Um das zu ermöglichen, ist neben der Änderung der Ausbildungsformen und Inhalte auch die Intensivierung der Durchführung von Forschungsprojekten geplant. Das IRG hat bereits seit Jahren erfolgreich nationale wie EU-Projekte durchgeführt, durch die neben der Kooperation und Vernetzung mit anderen Forschungsinstitutionen und Praxispartnern auch wichtige Grundlagen für das wissenschaftliche Umfeld geschaffen wurden. Arbeitsbereiche im Fachbereich „Risiko- und Krisenmanagement“ sind:

  • Anpassung an den Klimawandel,
  • Bevölkerungsschutz,
  • Business Continuity Management,
  • Entwicklungszusammenarbeit,
  • Humane und zivile Sicherheit,
  • Interdisziplinarität,
  • Kritikalität von Infrastrukturen,
  • Natural & Man-made hazards,
  • Risikoanalyse,
  • Risikokommunikation,
  • Risikomanagement / RiskGovernance,
  • Sozialökologische Systeme / Systemtheorie,
  • Verwundbarkeit und Resilienz.

Kritische Infrastrukturen

Im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katas­trophenhilfe (BBK) erarbeitet das Projekt KritisF&E in Koopera­tion mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) einen internationalen Überblick über relevante Forschungsprojekte. Internationale Projekte werden hinsichtlich ihrer Relevanz und der Generierung eines Mehrwertes zunächst in einer übersichtlichen „Steckbriefform“ zusammengefasst. Anhand zuvor entwickelter und bzgl. ihrer Eignung überprüfter Evaluierungskriterien werden Zusammenhänge und potentielle Nutzbarkeit neuer Methoden, Anwendungen und Konzepte für das BBK untersucht. Das Projekt deckt eine große Bandbreite an Ländern und alle Sektoren Kritischer Infrastrukturen ab – von der Wasser-, Strom-, Informations- und Nahrungsversorgung bis hin zu Versicherungen, Kulturgütern und Medien. Das Ergebnis des Projektes KritisF&E wird eine Studie sein, die eine intensivere und effektivere Nutzung von Forschungsergebnissen für den Bevölkerungsschutz als bisher erlaubt. Zudem können zukünftige Projekte leichter an den aktuellen Stand der Forschung anknüpfen und Synergien von mehreren Forschungsinitiativen zu gleichen Themen herausgestellt werden.

Brandschutz

Am IRG gibt es auch eine weitere neue Fachrichtung, die aktuell große Nachfrage erhält: “Brandschutz“. Darin werden u. a. Grundlagen von Brandverläufen, technische und organisatorischen Konzepte sowie Maßnahmen des Brandschutzes vermittelt. Nicht nur beim Thema Evakuierungen und Ausfällen in der Kritischen Infrastruktur bestehen hier enge Verknüpfungen zum Bereich „Risiko- und Krisenmanagement“. In gemeinsamen Lehrveranstaltungen haben die Studierenden die Integration und Relevanz beider Bereiche bereits am Beispiel der Megastadt Tokio, aber auch „draußen vor der Tür“, also vor Ort in Köln, erfahren.

Das IRG ist neben dem Brandschutz noch in einer Vielzahl von Projekten und Netzwerken aktiv, z. B. in der Arbeitsgruppe Veranstaltungssicherheit, in der Experten aus der Praxis mit Wissenschaftlern zusammen bundesweit operierende veranstaltungswirtschaftliche Verbände beraten und Konzepte zur Planung von Großveranstaltungen entwickeln.

Internationale Sommerschule

Das IRG führt zusammen mit dem Institut für Technologie und Ressourcenmanagement in den Tropen und Subtropen (ITT) und der United Nations University – Institute for Environment and Human Security (UNU-EHS) vom 4. bis 8. November 2013 die DAAD Alumni Summer School durch. Die Summer School mit dem Titel „Coping with Disasters and Climate Extremes“ bringt Expertinnen und Experten sowie junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zu den Themenbereichen Klimawandel, Risikomanagement und Bevölkerungsschutz sowie Ressourcenmanagement zusammen. Die Veranstaltung ist Teil der DAAD-Initiative 2013 „Learning from crises: The challenge of building disaster resilient societies“.

Kooperationsvertrag

Die Fachhochschule Köln und das BBK unterzeichneten 2013 einen Kooperationsvertrag. Damit soll der Ausbau von Lehrangeboten, studentischen Praktika und der Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten gefördert werden. Für die FH bedeutet dies aber auch einen sehr wertvollen Baustein, um Forschungsschwerpunkte auszubauen. Diese werden neben dem Bevölkerungsschutz auf allen administrativen Ebenen insbesondere die Themen Kritische Infrastrukturen, Risiko- und Krisenkommunikation, Integratives Management und moderne Formen der Risikoanalyse sein.
Weitere Informationen zum Institut: http://www.f09.fh-koeln.de/ institute/irg/ bzw. zur Fachrichtung und den oben genannten Inhalten: http://riskncrisis.wordpress.com

Anschrift des Verfassers:

Prof. Dr. Alexander Fekete
Fachhochschule Köln
Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG)
Betzdorfer Straße 2, 50679 Köln

 

Prof. Dr. Alexander Fekete

2004: Diplom (Dipl.-Geogr.) an der Universität Würzburg
2005: Nebenberuflicher wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fernerkundung, Universität Würzburg
2005 – 2009: Promotion im Rahmen des Projektes „DISFLOOD“ an der UNITED NATIONS UNIVERSITY – Institute for Environment and Human Security (UNU-EHS) in Kooperation mit der Universität Bonn
2009 – 2012: Referent am Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Bonn, im Referat II.4: Gefährdungskataster und Schutzkonzepte Kritischer Infrastrukturen
2011 – 2012: Projektgebundener Mitarbeiter am Lehrstuhl I – Physische Geographie am Institut für Geographie und Geologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Seit 2012: Professor für Risiko- und Krisenmanagement am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) der Fachhochschule Köln