2002 haben sich Bund und Länder auf eine neue Strategie zum Bevölkerungsschutz geeinigt. Grund war die Erkenntnis, dass der Schutz vor den Auswirkungen von Schadenslagen durch CBRN-Gefahrenstoffe verbessert werden muss. Mit der Aufrüstung von Mess- und Analysetechnik zur Detektion und Identifikation gefährlicher Substanzen an speziellen Einsatzfahrzeugen und der Ausbildung entsprechenden Fachpersonals, der Analytischen Task Force (ATF), macht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) einen großen Schritt in Richtung Schutz und Sicherheit.

Die sieben ATF-Standorte mit den Einsatzradien von ca. 200 km.

Die sieben ATF-Standorte mit den Einsatzradien von ca. 200 km.

„Jährlich gibt es in Deutschland 25 große Störfälle in Industrieanlagen, bei denen chemische Substanzen freigesetzt werden“, resümiert Christoph Unger, Präsident des BBK. „Pro Jahr ereignen sich auch 250 Unfälle mit Gefahrguttransportern“, so Unger weiter. Mit mehr als 200 Chemiebetrieben und Gefahrenguttransporten von jährlich etwa 340 Mio. Tonnen ist auf deutschen Straßen das Risiko einer Freisetzung von chemischen Stoffen trotz hoher Sicherheitsstandards groß. Kommt es zu benannten Störanfällen oder Verkehrsunfällen, kann die ATF zur Aufklärung der Schadenslage hinzugezogen werden: Entweder direkt von den Einsatzleitungen oder vermittelt durch das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum beim BBK.
Die Bilanz der ATF ist nach einer fünfjährigen Erprobungsphase sehr erfolgreich: „Der Bund hat in den Aufbau, die Ausstattung und die Ausbildung im Rahmen der Analytischen Task Force annähernd zehn Millionen Euro investiert“, so der BBK-Präsident. Im Jahr 2011 gab es insgesamt 180 Einsätze der ATF.
An bundesweit sieben Standorten wurde eine ATF eingerichtet. Diese besteht jeweils aus besonders für die Bewältigung von CBRN-Lagen ausgebildeten Einsatzkräften mit dem notwendigen naturwissenschaftlichen Hintergrundwissen. Ein, mit ­spezieller Messtechnik ausgestattetes, 15 Mann starkes Einsatzteam ist mit insgesamt vier Fahrzeugen in einem Umkreis von 200 km zuständig für das Aufspüren von CBRN-Gefahrenstoffen im Schadensfall. In Nordrhein-Westfalen sind aufgrund der Größe des Bundeslandes und der Ballung von Chemiebetrieben unterschiedlicher Größenordnung gleich zwei ATF den Feuerwehren angegliedert: in Dortmund und in Köln. Weitere Standorte in der Republik sind das Landeskriminalamt Berlin, die Feuerwehr Hamburg, das Institut der Feuerwehr Sachsen-Anhalt in Heyrothsberge bei Magdeburg sowie die Feuerwehren in Mannheim und München.

Blick in den Geräteraum des Einsatzleitwagens der Analytischen Task Force; in der Mitte ist das Fernerkundungsgerät SIGIS 2 zu sehen. (Bild: BBK).

Blick in den Geräteraum des Einsatzleitwagens der Analytischen Task Force; in der Mitte ist das Fernerkundungsgerät SIGIS 2 zu sehen.
(Bild: BBK).

Das Aufgabenspektrum der ATF ist sehr umfangreich: Es reicht von der Detektion und Identifikation gefährlicher chemischer Substanzen und Substanzgemische bzw. der Lokalisation und Identifikation luftgetragener Schadstoffe, der Detektion von Alpha-, Beta- und Gammastrahlung, Nuklid­identifikation über die Überwachung großer Areale (Fernerkundung) bis hin zu auf Analyseergebnissen und toxikologischen Aspekten basierender Situationsbewertungen sowie der Einschätzung der Lageentwicklung und Erarbeitung geeigneter Einsatzmaßnahmen.
Neben dem Einsatzleitwagen ATF und dem Gerätewagen ATF ergänzt der ABC-Erkundungskraftwagen ATF die Fahrzeugflotte. Spezielle Messinstrumente befinden sich an Bord der Einsatzfahrzeuge, darunter HazMat ID – ein kleiner Transportkoffer, der feste und flüssige Gefahrenstoffe analysiert. Im Einsatzleitwagen ATF und auch im Gerätewagen ATF wird das abbildende Ferndetektionssystem SIGIS 2 (Scannendes Infrarot-Gasvisualisierungssystem) mitgeführt. Die Funktionsweise basiert auf dem FTIR-Spektrometer (FTIR = Fourier Transform Infrared). Dieses tastet die Umwelt mittels eines in zwei Achsen beweglichen Spiegelsystems ab. SIGIS 2 eignet sich zur Identifikation, Quantifizierung und Visualisierung von Gefahrstoffwolken aus bis zu fünf km Entfernung. In der Datenbibliothek sind rund 400 verschiedene Stoffe gespeichert.
Die biologische Komponente muss bei der Detektion und Identifikation allerdings ausgeklammert werden. Solcherlei Kampf- und Gefahrenstoffe können mit der vorhandenen Messtechnik nicht erfasst werden. Der Bund plant dafür vier weitere ATF-Standorte speziell für die biologische Gefahrenabwehr, die die Bevölkerung vor Angriffen mit Krankheitserregern oder biologischen Giften, wie Antrax oder Pesterregern, schützen soll. Derzeit sind zwei Pilotstandorte in Planung, einer davon wird voraussichtlich in NRW stationiert. Ein wichtiges Kriterium dabei sind die passenden Arbeitsbedingungen: Die Standorte müssen an Biolabore der Klasse 4 gekoppelt sein, führt Präsident Unger aus.     (SH)