Die Zahl der Naturkatastrophen und extremer Wetterereignisse verzeichnet in den vergangenen zwanzig Jahren einen rasanten Anstieg. Industrieländer, wie etwa die Vereinigten Staaten, Japan oder Deutschland – das zeigten jüngst die Überschwemmungen –, sind davon ebenso betroffen wie Entwicklungsländer. Dabei werden Katastrophen immer häufiger in Zusammenhang mit dem Klimawandel gebracht. In vielen Fällen werden gerade Entwicklungsländer häufig ohne ausreichende Schutzmechanismen für ihre Bevölkerung getroffen und sind damit in weit größerem Umfang Zerstörungen ausgesetzt.

Berechnungen der International Disaster Database gehen davon aus, dass allein das Erdbeben auf Haiti im Jahr 2010 über 220 000 Menschenleben kostete. Die Überschwemmungen in Pakistan 2010 verwüsteten weite Landstriche und vernichteten Hab und Gut von mehr als 18 Millionen Menschen.

Naturkatastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürme, Überschwemmungen oder Vulkanausbrüche ziehen in der Regel auch hohe wirtschaftliche Schäden nach sich. Häufig führt die Zerstörung von Lebensgrundlagen dazu, dass bereits anfällige Bevölkerungsgruppen immer stärker von Armut bedroht sind. Dies wiederum kann zu Migrations- bzw. Flüchtlingsbewegungen führen, die neue Konflikte entstehen lassen oder bestehende verschärfen können. Katastrophenvorsorgemaßnahmen können dazu beitragen, dass die Kette von Armut, Migration und Konflikt unterbrochen wird und extreme Naturereignisse die Entwicklung eines Landes nicht zwangsläufig schädigen. Damit ist die Katastrophenvorsorge als ein wichtiger Bestandteil jeglicher Strategie einer nachhaltigen Entwicklung zu sehen.

Vor diesem Hintergrund bilden Katastrophenvorsorgemaßnahmen einen Schwerpunkt der humanitären Arbeit von Aktion Deutschland Hilft (ADH). Das Bündnis der Hilfsorganisationen fördert bereits im Vorfeld extremer Naturereignisse notwendige Maßnahmen, die Menschen besser auf Auswirkungen von Ka­tas­trophen vorbereiten und damit Leben und Lebensgrundlagen sichern helfen. Beleg dafür ist, dass ADH mittels seines Katas­trophenvorsorgefonds Bündnisorganisationen jährlich eine Million Euro für Katastrophenvorsorgeprojekte zur Verfügung stellt.

Was heißt Katastrophenvorsorge?

Katastrophenvorsorge, Prävention, Hilfsorganisationen

Abb. 2: Die Durchführung von Katastrophenschutzübungen über lebensrettende Verhaltensweisen rettet im Ernstfall Leben. (Bild ADH/Alice Smeets)

Katastrophenvorsorge bedeutet alle Maßnahmen zu ergreifen, die in ihrer Wirkung darauf abzielen, Auswirkungen extremer Naturereignisse auf Menschen und wirtschaftliche Strukturen zu vermeiden bzw. zu minimieren. Entsprechend umfasst die Ka­tas­trophenvorsorge drei grundlegende Elemente: Risikoeinschätzung, Katastrophenvorbeugung und Vorbereitung auf den Katas­trophenfall.

Die Risikoeinschätzung betrachtet die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Katastrophe in einem Gebiet eintritt und nimmt eine Bewertung der direkten Bedrohung durch ein Naturereignis in Bezug auf die gesellschaftliche Anfälligkeit für Katastrophen vor.

Die Katastrophenvorbeugung umfasst alle Aktivitäten, die mittel- und langfristig die negativen Auswirkungen von Katastrophen verhindern oder abfedern sollen.

Bei der Vorbereitung auf den Katastrophenfall wird versucht, die Reaktionsfähigkeit einer gefährdeten Gesellschaft durch entsprechende frühzeitige Vorkehrungen zu stärken (z. B. Notfallpläne, Katastrophenschutzübungen, Fortbildung, Logistik, Frühwarnsysteme).

Damit extreme Naturereignisse nicht zwingend immer zu einer menschlichen Katastrophe führen, setzt sich Aktion Deutschland Hilft für eine vorsorgeorientierte humanitäre Hilfe ein, die darauf ausgerichtet ist, die Bewältigungskapazität der Bevölkerung zu stärken und damit die gesellschaftliche Anfälligkeit zu verringern. Dieser Ansatz entspricht damit den Forderungen auf europäischer Ebene, Katastrophenvorsorge als integralen Bestandteil strategischer und programmatischer Überlegungen in Bezug auf die Stärkung von Resilienz im Rahmen nachhaltiger Entwicklung und Armutsbekämpfung zu betrachten.

Dabei ist es zentral, dass die Menschen sich selber vorbereiten und alle Organisationen, die im Falle einer Katastrophe zum Einsatz kommen sollen – Rettungsdienste, Feuerwehren oder Polizei – dies in abgestimmter Weise tun. Es muss dafür Sorge getragen werden, dass die gefährdeten Menschen, Hilfsorganisationen und andere Institutionen vor dem Auftreten eines extremen Naturereignisses wissen, was im Ernstfall zu tun ist.

ADH und die Katastrophenvorsorge

Auch Zuwendungsgeber wie das Auswärtige Amt sehen zunehmend einen Bedarf an Katastrophenvorsorge, das als ein Schwerpunkt im Rahmen seiner Förderarbeit in der humanitären Hilfe benannt wird.

Je nach Risikoeinschätzung müssen in Katastrophenvorsorgeprojekten spezifische Maßnahmen ergriffen werden, allerdings sollten diese nach international anerkannten Standards erfolgen und Katastrophenvorsorge als Querschnittsthema grundsätzlich in alle Programm- und Projektaktivitäten integriert werden. Eine Forderung, die in diesem Zusammenhang immer wieder an die Politik gestellt wird, ist, das Konzept des „Linking Relief Rehabilitation and Development“ weiter zu stärken, weil nur dadurch gewährt werden kann, dass Katastrophenvorsorgemaßnahmen, die bereits in der Phase humanitärer Hilfsleistungen, begonnen wurden, auch sinnvoll in entwicklungsorientierte Maßnahmen eingebaut werden können.

Katastrophenvorsorge, Prävention, Hilfsorganisationen

Grafik: Bestandteile der Katastrophenvorsorge. (Quellen: BMZ, GIZ, Sphere-Handbuch, UNDP, © 2013 Aktion Deutschland Hilft)

Erfahrungswerte belegen, dass eine effektive Katastrophenvorsorge die Zahl der Opfer und die Sachschäden um ein Vielfaches reduzieren kann. Das bedeutet, je besser Vorsorgemaßnahmen umgesetzt werden, desto weniger ist eine Gesellschaft auf Hilfe von anderen Staaten angewiesen. Es ist daher zentral, in Regionen, die besonders anfällig für Katastrophen sind, den Kreislauf struktureller Armut zu durchbrechen. Vorbeugende Maßnahmen retten nicht nur Menschenleben, sondern ersparen auch im Nachhinein ein Vielfaches an Kosten, etwa beim Wiederaufbau zerstörter Lebensgrundlagen. Berechnungen der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass Investitionen in die Katastrophenvorsorge die Kosten um den Faktor sieben reduzieren. Mit anderen Worten heißt das, dass ein Euro, der in Katas­trophenvorsorgeprojekte investiert wird, den Schaden um sieben Euro reduziert.

Die Zerstörungen, die der Taifun „Haiyan“, der am 8. November mit Spitzengeschwindigkeiten von 380 km/h über die Philippinen hinweg zog, hinterließ, verdeutlichen einmal mehr wie wichtig Katastrophenvorsorgemaßnahmen sind. Insgesamt kamen bei dem verheerenden Tropensturm über 4 000 Menschen ums Leben; mehr als 18 000 wurden verletzt. Rund 13 Millionen Menschen sind von den Auswirkungen des Taifuns betroffen. Laut UN Angaben sind rund 41 000 Häuser in den Kommunen, Städten und Gemeinden teilweise oder ganz beschädigt. Allein in der Region Capiz wurden schätzungsweise 90 Prozent aller Häuser zerstört. Um die Schadensanfälligkeit der Menschen zu minimieren, ist es daher unerlässlich, zukünftig gezielter in Katastrophenvorsorgeprojekte wie etwa erdbeben- und sturm­sicheres Bauen zu investieren und so Kosten für notwendige Wiederaufbaumaßnahmen nachhaltig zu senken.

Eine nachhaltige Katastrophenvorsorge setzt allerdings auch voraus, dass sie in einem gut vernetzten Umfeld umgesetzt wird. Daher fördert Aktion Deutschland Hilft die Zusammenarbeit mit Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Überdies ist das Bündnis aktiv am internationalen Sphere-Projekt beteiligt und setzt Maßnahmen mit DIPECHO um. Eine wichtige Kooperation stellt auch die Partnerschaft mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) dar. So sind aktuelle Wetterdaten abrufbar, die es den Hilfsorganisationen ermöglichen, ihre Arbeit besser planen und gezielter koordinieren zu können.

Beispiele effektiver Katastrophenvorsorgeprojekte

In Myanmar entwickeln Malteser International in Zusammenarbeit mit Gemeinden Vorsorgepläne. Zudem werden Freiwillige ausgebildet. Um eine sichere Evakuierung im Katastrophenfall zu ermöglichen, wurden etwa Fluchtwege aufgeschüttet und zyklonresistente Gesundheitszentren und Schulen als Evakuierungszentren ausgebaut. Dass das System funktioniert zeigte sich, als im Jahr 2010 Zyklon Giri über das Land zog: Die Katas­trophenvorsorgekomitees organisierten den rechtzeitigen Rückzug in Evakuierungszentren.

Neben effektiven Frühwarn- und Schutzmaßnahmen spielen auch Trainings- und Katastrophenschutzübungen eine wichtige Rolle. So hat die Johanniter Unfall-Hilfe beispielsweise in Indonesien „Trainer of Trainers“ (Erste-Hilfe-Kurse) durchgeführt, damit anschließend die ausgebildeten Trainerinnen und Trainer Kurse an Schulen, Universitäten, Gesundheitsstationen, lokale Verwaltungen, Frauen- und Jugendorganisationen und weitere Gemeindegruppen durchführen konnten. Mit Kursen in Katas­trophenvorsorge und Erster Hilfe konnten in den Regionen Aceh, Nias, Padang, Westpapua und Sulawesi fast 60 000 Menschen erreicht werden.

Um den Auswirkungen von Überschwemmungen in gefährdeten Küstenregionen vorzubeugen, hat World Vision nach dem Erdbeben in Haiti damit begonnen, einen 40 Hektar großen Landstreifen wieder aufzuforsten. Unter Einbindung der lokalen Bevölkerung wird ein rund 50 Kilometer langer Küstenstreifen aufgeforstet. Damit werden zwei wichtige Ziele erreicht: Zum einen schützt die Bepflanzung die Küste nachhaltig vor Erosion, zum anderen wird die Wiederaufforstung der einheimischen Bevölkerung Grundlagen für Einkommen schaffende Maßnahmen im Rahmen forstwirtschaftlicher Aktivitäten geboten.

Dorfbewohnern an der Ostküste Madagaskars, die regelmäßig von Zyklonen und Überschwemmungen betroffen sind, unterstützt CARE. Sie erhalten unter anderem Saatgut, das einen kürzeren Reifezyklus hat. Damit kann die Ernte bereits vor der Zyklonsaison eingeholt werden. Außerdem werden Dorfbewohner bei der Erarbeitung von Notfallplänen unterstützt und sturmsichere Fluchtorte in Schulen errichtet (siehe Grafik).

Fazit

Diese skizzierten Projekte sind nur einige Beispiele effizienter Katastrophenvorsorge. Damit Maßnahmen jedoch wirkungsvoll und effektiv umgesetzt werden können, muss die Kommunikation zwischen amtlichen Behörden und der Bevölkerung gewährleistet sein.

Hinzu kommt, dass die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in der Katastrophenvorsorge ein immenses Reservoir an Wissen bietet, insofern als sie spezifische Erfahrungen und Kenntnisse lokaler Gegebenheiten in die Projektarbeit einbringen können. Ebenso sind lokale Strukturen bei der Planung und Implementierung zu berücksichtigen, um Kapazitäten vor Ort zu stärken. Sie bilden damit einen wertvollen Bestandteil im Rahmen nachhaltiger Katastrophenvorsorge.

Aufmacherbild: Abb. 1: Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen sind ein wichtiger Bereich der Katastrophenvorsorge. (Bild: Brice Blondel/Handicap International)

Dr. Markus Moke

Moke_PassbildAnschrift des Verfassers:
Dr. Markus Moke
Projekte / Qualitätssicherung
Aktion Deutschland Hilft e. V.
Bündnis deutscher Hilfsorganisationen
Kaiser-Friedrich-Straße 13
53113 Bonn
Tel.: 0228/242 92-320

Studium der Publizistik & Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Politik, Ruhr-Universität Bochum Dr. phil. M. A.
Seit 2012: Abteilungsleiter Qualitätssicherung und Projekte bei Aktion Deutschland Hilft, e. V.