Eine Metropole mit mehr als 3,5 Mio. Einwohnern. Zunehmender Tourismus. Eine sichere Versorgung der Infrastruktur auf einer Gesamtfläche von knapp 900 km²: Besondere Herausforderungen für die brandschutztechnische und gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung. Wilfried Gräfling, Landesbranddirektor der Berliner Feuerwehr, erläuterte CP im Gespräch, welchen Anforderungen er sich gegenüber gestellt sieht und wie die Berliner Feuerwehr dem begegnet. Die ­Fragen stellte Peter C. Franz, Objektleiter CRISIS PREVENTION.

CP: Herr Gräfling, vielen Dank für die Einladung zum Gespräch. Bitte stellen Sie sich und die Berliner Feuerwehr unseren Lesern kurz vor.

Hr. Gräfling: Gerne, gebürtig komme ich aus dem Ruhrgebiet, wo auch meine Feuerwehrkarriere begann. Mit 18 Jahren bin ich in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten und habe parallel Elektrotechnik an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Anschließend habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und mich für den aktiven Feuerwehrdienst entschieden. Während meiner Zeit als Brandreferendar der Stadt Leverkusen habe ich Berlin kennen und lieben gelernt. So bin ich nach meiner Referendarzeit zur Berliner Feuerwehr gegangen, um erste Erfahrungen innerhalb einer großen Feuerwehr zu sammeln und bin bis heute geblieben.

Als größte und zugleich dienstälteste Feuerwehr ist die Berliner Berufsfeuerwehr mit 3 910 Männern und Frauen auf 35 Feuerwachen auf insgesamt knapp 892 km² über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr betreiben wir 43 Rettungswachen. Die Gesamtstärke der Freiwilligen Feuerwehr beläuft sich auf 1 361 Kräfte, die sich auf 57 Einheiten verteilen. Ergänzt werden diese durch insgesamt 978 Mitglieder aus den Jugendfeuerwehren.

2013 hatten wir insgesamt 379 521 Einätze zu bewältigen, von denen 7 330 auf Brandeinsätze entfielen, 19 194 auf den Bereich Technische Rettung und der Großteil von 304 483 Einsätzen auf die Notfallrettung.

CP: Welche Stationen haben Sie innerhalb Ihres langjährigen beruflichen Werdegangs hier in Berlin durchlaufen?

Hr. Gräfling: Begonnen hat meine Zeit bei der Berliner Feuerwehr in der Abteilung für Fernmeldewesen, die später zur IT-Abteilung wurde. Dort war ich am Aufbau des neuen Steuerungsmodells beteiligt. Schon damals war ich immer an einer effizienten und effektiven Aufgabenerfüllung interessiert. Anschließend war ich dann im Steuerungsdienst tätig und nach der Umstrukturierung auch kurzzeitig Direktionsleiter. Zwischenzeitlich war ich auch bei der Berliner Polizei und habe beim Aufbau der Funkbetriebszentrale geholfen. Im Anschluss wurde ich zum stellvertretenden Behördenleiter und Ständiger Vertreter der Behördenleitung ernannt. Als mein Vorgänger Albrecht Broemme 2006 zum THW wechselte, habe ich die Chance ergriffen, in seine Fußstapfen zu treten. Und so habe ich mich gegen die damals parallel ausgeschriebene Stelle als Leiter der Hamburg Feuerwehr entschieden, die mich damals sehr reizte. Im November 2006 wurde ich dann zum Landesbranddirektor ernannt.

CP: Welche Veränderungen hat der Amtswechsel mit sich gebracht?

Hr. Gräfling: Im Großen und Ganzen habe ich die Linie meines Vorgängers fortgesetzt. Natürlich hat es seither viele Änderungen bzw. Neuerungen gegeben, wie beispielsweise die Umsetzung der europäischen Arbeitszeitrichtlinie, die eine große Herausforderung für uns darstellte. Mit dem Beschluss, dass diese Richtlinie auch für die Berufsfeuerwehren verbindlich ist und eine Verkürzung der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit auf 45 Stunden pro Woche bedeutete, haben wir das „Einsatzkonzept 6“ entwickelt und 2008 umgesetzt – ein Meilenstein für die Berliner Feuerwehr! Derzeit erarbeiten wir ein neues Konzept, weil sich die Herausforderungen wieder verändert haben.

Abb. 2: Die Rüstgruppe des Technischen Dienst 1 der Berliner Feuerwehr. (Bild: Detlef Machmüller)

Abb. 2: Die Rüstgruppe des Technischen Dienst 1 der Berliner Feuerwehr. (Bild: Detlef Machmüller)

CP: Wie gestaltet sich Ihr neues Konzept inhaltlich und welche Veränderungen hat es gegeben?

Hr. Gräfling: Aufgrund der verkürzten Arbeitszeiten haben wir ein komplett neues Konzept aufgestellt mit einer bedarfsgerechten Fahrzeugaufstellung. Das führte einerseits zu einer Reduzierung an Löschfahrzeugen, andererseits aber zu einer höheren Anzahl fest besetzter Rettungswagen. Mit der Neukonzeptionierung können wir neben einer höheren Verfügbarkeit auch eine höhere Zuverlässigkeit gewährleisten, weil wir die Fahrzeugflotte konsequent nach einem einheitlichen taktischen Einsatzwert besetzt haben. Dabei werden die Löschfahrzeuge der Berliner Feuerwehr stets mit sechs voll einsatztauglichen Kräften besetzt. Restriktionen für einzelne gesundheitlich eingeschränkte Kameraden aufgrund der gewählten Kategorisierungen und Eignungsvorschriften hatten natürlich nicht den Ausschluss aus dem Feuerwehrdienst zur Folge. Wir haben Einsatzmöglichkeiten geschaffen, um genau diese Kollegen weiterhin einsetzen zu können. Hier haben wir in Deutschland Pionierarbeit geleistet und waren die ersten, die auf Basis einer Risikobeurteilung bewertet haben, welche Gefährdung auf welchem Fahrzeug bzw. in welcher Funktion besteht und wie sich die gesundheitlichen Anforderungen diesbezüglich gestalten. Dadurch konnten wir viele Feuerwehrleute wieder in den Einsatzdienst zurückführen, die ursprünglich nicht mehr auf den Feuerwachen für den Einsatzdienst eingeplant waren. Das hat den notwendigen Raum geschaffen, um die geforderten Arbeitszeitrichtlinie umzusetzen, da wir plötzlich wieder aus einem größeren Potenzial schöpfen konnten.

CP: Gilt dieses Konzept sowohl für die Berufs- als auch für die Freiwilligen Feuerwehren?

Hr. Gräfling: In Berlin gelten für die Freiwilligen Feuerwehren die gleichen Regeln wie für die Berufsfeuerwehr. Dies war nicht einfach umzusetzen. Ich denke, das ist eine besondere Situation, die sich in Deutschland in der Fläche nur schwer umsetzen lässt.

CP: Sie sprechen das Thema Personalstärke an. Hierzu zählt natürlich auch die Nachwuchsgewinnung. Wie sind Sie hier aufgestellt?

Hr. Gräfling: Das Thema Nachwuchsgewinnung ist eine Herausforderung, die im Zuge der demografischen Entwicklung auf uns zukommt. Deshalb ist es sehr wichtig, Jugendarbeit zu betreiben, indem die Freiwilligen Feuerwehren attraktive Angebote schaffen. Während meiner Zeit als Jugendfeuerwehrleiter habe ich auch Jugendarbeit betrieben. Wichtig für mich war immer, dass Feuerwehrarbeit auch Spaß macht. Heutzutage gestaltet sich die Situation um die Nachwuchsgewinnung natürlich wesentlich anders: Die Feuerwehren konkurrieren mit Sport- und Musikvereinen, mit Hilfsorganisationen oder dem Technischen Hilfswerk.

In Berlin wurde dieses Thema von der Politik aufgegriffen und ein Sonderinvestitionsprogramm für die Freiwilligen Feuerwehren geplant. So sollen die teilweise im sehr schlechten Zustand befindlichen Gebäude sowie die Materialausstattung der Freiwilligen Feuerwehren bedeutend verbessert werden. Das beginnt bei den sanitären Einrichtungen und reicht bis zur Fahrzeughalle. Dank des allmählich konsolidierten Haushaltes sehen wir in Hinblick auf notwendige Investitionen wieder optimistisch in die Zukunft, denn uns werden zusätzliche Finanzmittel in Höhe von 9 Mio. € zur Verfügung gestellt.

CP: Der eben thematisierte demographische Wandel greift noch weiter und wirkt sich auf die Versorgung der Bevölkerung aus. Welche Tendenzen sehen Sie bei der Entwicklung der Einsatzzahlen der Berliner Feuerwehr?

3: Dachstuhlbrand in der Fregestr. in Berlin-Friedenau am 11.10.2014. (Bild: Stefan Rasch)

3: Dachstuhlbrand in der Fregestr. in Berlin-Friedenau am 11.10.2014. (Bild: Stefan Rasch)

Hr. Gräfling: Ich blicke mit großer Sorge auf die Entwicklung der Einsatzzahlen. Wir beobachten seit Jahren eine Verlagerung des Verantwortungsbereichs hin zur Feuerwehr – nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. Ich bin der Überzeugung, dass das Gesundheitswesen, so wie es jetzt aufgestellt ist, dem Bedarf nicht Rechnung trägt. Obwohl wir in Bezug auf die ärztliche Situation in Berlin komfortabel ausgestattet sind, werden die Bürger aus unterschiedlichen Gründen nicht in dem Maße versorgt, wie es sein sollte. Das führt dazu, dass wir immer stärker in Anspruch genommen werden. In den Bereichen Brandbekämpfung und Technische Hilfeleistung bleiben die Zahlen konstant. Anders bei der Notfallrettung: Hier steigen die Einsatzzahlen seit 10 – 15 Jahren kontinuierlich an.

CP: Wie erklären Sie sich den steten Anstieg im Notfallrettungsdienst?

Hr. Gräfling: Ein Punkt ist die Veränderung im Gesundheitswesen, die wiederum durch die demografische Entwicklung überlagert wird. Unsere Gesellschaft wird immer älter und dadurch krankheitsanfälliger, was sowohl unser Gesundheitssystem als auch uns vermehrt beansprucht, wie die steigenden Einsatzzahlen in Pflegeheimen oder in Altenheimeinrichtungen belegen. Hier sehe ich Ärzte, Kranken- und Sozialversicherungen sowie den Staat in der Pflicht, langfristige Konzepte zu entwickeln gemäß den Vorgaben im Sozialgesetzbuch. Durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Bundesinnenministerium und dem Gesundheitswesen bekämpft man das Problem direkt an der Wurzel und wir könnten im Zuge dessen unsere Einsatzzahlen in diesem Bereich reduzieren, um das Personal in anderen Bereichen einsetzen zu können. Es besteht immer höherer Bedarf im Notfallrettungsdienst bei sinkendem Personalstand.

CP: Gibt es aus Ihrer Sicht eine Lösung dafür?

Hr. Gräfling: Leider sehe ich hier keine Lösung. Mehr Personal kann meiner Meinung nach auf lange Sicht nicht die Lösung sein, denn es mangelt uns schon jetzt daran und löst nicht das ursprüngliche Problem. Wir müssen gemeinsam mit Politik und Gesundheitswesen Konzepte entwickeln, die unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung den Notfallrettungsdienst sicherstellen.

CP: Wie begegnen Sie dieser Situation innerhalb Ihres Einsatzkonzeptes und Ihrer Bedarfsplanung?

Hr. Gräfling: In unserem neuen Einsatzkonzept tragen wir den steigenden Einsatzzahlen im Rettungsdienst Rechnung, was bedeutet, dass wir mehr Einsatzmittel im Notfallrettungsdienst benötigen und noch stärker bedarfsgerecht einsetzen. Doch wir arbeiten schon jetzt am Rande unserer Kapazitätsgrenzen und haben in den vergangenen Jahren bei einem Anstieg von mehr als 55 000 Einsätzen lediglich 80 Mitarbeiter zusätzlich einstellen können.

CP: Welche weiteren Herausforderungen weist die Hauptstadt Berlin für den feuerwehrtechnischen Einsatz auf?

Hr. Gräfling: Hier kommen neben der steten abstrakten Bedrohungslage seit den Ereignissen um den 11. September 2001 zwei Aspekte besonders zum tragen: Zum Einen der Tourismus und zum anderen der BER-Flughafen. Berlin ist eine der beliebtesten Städte Europas, was uns vor Herausforderungen bei der feuerwehrtechnischen Versorgung der Infrastrukturen stellt. Sorgen bereitet uns daneben aber auch der im Bau befindliche neue Hauptstadtflughafen. Einerseits ist der Flughafen Tegel an der Kapazitätsgrenze angekommen, anderseits birgt ein innerstädtischer Flughafen natürlich besondere Risiken für die angrenzenden Stadtteile.

Natürlich begrüßen wir eine zeitnahe Eröffnung des BER, denn unser Ziel ist die Nachnutzung vom Flughafen Tegel. Hier wollen wir unsere Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie (BFRA) unterbringen, da bei unserem derzeitigen Standort im Norden am Rande der Stadt die Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten beschränkt sind. In Tegel können wir die Flugzeughangars als Übungshallen zur witterungsunabhängigen Aus- und Fortbildung nutzen, was erhebliche Kostenersparnisse bedeutet. Als Unterrichtsräume können Gebäudeteile der Flughafenfeuerwehr übernommen und zu Übungsobjekten umfunktioniert werden. Neben der Fortbildung, die durch die Berliner Beuth Hochschule für Technik erweitert werden soll, um einen dualen Studiengang anbieten können, stellen wir auch den Schutz des Geländes durch eine Werkfeuerwehr sicher. Damit wirken wir zugleich auch Vandalismus und Zerstörung entgegen.

CP: Auch die Berliner Feuerwehr ist ein ATF-Standort. Kommt Ihnen das bei der Bewältigung eben erwähnter Einsatzlagen zugute?

Hr. Gräfling: Selbstverständlich, insbesondere da der Berliner ATF-Standort eine Besonderheit aufweist: historisch bedingt ist sie beim Berliner Landeskriminalamt angesiedelt. Bevor die Analytische Task Force an den bundesweit sieben Standorten eingeführt wurde, gab es in Berlin bereits einen Vorläufer. Grund war die Räumung der Zitadelle in Spandau, bei der innerhalb der letzten Kriegsjahre Kampfstoffe entwickelt und erprobt wurden. Natürlich hält die Berliner Feuerwehr gemäß dem bundesweiten Ausstattungskonzept das Erkundungsfahrzeug vor.

CP: Betreibt die Feuerwehr Berlin Forschungsaktivitäten, um den bestehenden und künftigen Gefahren effizient begegnen zu können?

Hr. Gräfling: Die Berliner Feuerwehr ist seit einigen Jahren stark im Bereich der Sicherheitsforschung engagiert. Grund dafür ist, dass es auf viele Fragen aus meiner Sicht (noch) keine Antworten gibt – von brandschutztechnischen Fragestellungen über Arbeitsoptimierung bis hin zur Ortung von Feuerwehrleuten innerhalb von Gebäuden. Es ist natürlich unser dringendes Interesse, aktuelle Forschung zum Schutz der Bevölkerung aber auch unserer Feuerwehrmänner und -frauen zu betreiben.

CP: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Für die Zukunft der Berliner Feuerwehr wünschen wir Ihnen alles Gute!

Aufmacherbild: LDB Wilfried Gräfling (li.) und Pressesprecher Stephan Fleischer (mi.) im Gespräch mit CP-Objektleiter Peter C. Franz.