Großschaden- und Katastrophenereignisse sind aufgrund des Schadensbildes oder -umfangs im Regelfall nicht mehr alleine durch die für alltäglich auftretende Einsatzgeschehen zur Verfügung stehenden Ressourcen der Gefahrenabwehr zu bewältigen. Im Bereich der nicht-polizeilichen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) bedarf es bei diesen Einsatzlagen somit der Unterstützung weiterer lokaler wie auch (über-)regionaler Einheiten. Neben den für den Regelfall lokal vorgehaltenen Ressourcen, beispielsweise bei den Feuerwehren und im Rettungsdienst, ist dies zur erfolgreichen Erfüllung der umfangreichen Aufgaben notwendig.
Die derzeitigen Entwicklungen zur zukünftigen Ausstattung im Katastrophenschutz in Deutschland und Europa sowie zu erwartende Katastrophenlagen durch Naturereignisse werden nachfolgend behandelt.

Die Ursachen von derart komplexen Einsatzlagen sind, angefangen von Naturereignissen wie Sturm oder Hochwasser bis hin zu denkbaren Anschlägen mit terroristischem Hintergrund, sehr vielschichtig. Gerade vor dem Hintergrund einer unter Umständen sehr großen Anzahl an betroffenen Personen, deren Gesundheit oder Leben dabei gegebenenfalls in Gefahr sein kann, gilt es umso mehr, wirksame Strukturen bei allen Beteiligten im Katastrophenschutz vorzuhalten.

Übung eines Massenunfalls von Verletzten (MANV) in München.

Übung eines Massenunfalls von Verletzten (MANV) in München.

Die Vorsorge im Bereich des Katastrophenschutzes ist in Deutschland seit jeher in erster Linie eine staatliche Aufgabe. Bereits im Jahr 2002 haben sich Bund und Länder nach den am 11. September 2001 verübten Anschlägen in den USA auf eine neue Rahmenkonzeption für den Zivil- und Katastrophenschutz verständigt: die „Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland“. Dadurch sollen insbesondere nicht alltägliche, großflächige Schadenslagen mit unter Umständen auch nationaler Bedeutung bewältigt werden können. Im Rahmen einer ergänzenden Ausstattung für den Katastrophenschutz wird von Seiten des Bundes die für diesen Zweck bei den nicht-polizeilichen BOS in den Ländern für den Regeleinsatz bereits vorhandene Ausstattung in den Bereichen Brandschutz, Betreuung, CBRN und Sanitätswesen erweitert. Den Schwerpunkt bilden dabei Beschaffungen von Fahrzeugen und Geräten für Einsätze, bei denen ein Massenanfall von Verletzten zu bewältigen ist (Medizinische Task Force), sowie die Abwehr im Zusammenhang mit CBRN-Gefahren.
Wie gut sich staatliche und kommunale Strukturen im Katastrophenschutz ergänzen, wird am Beispiel der Analytischen Task Force (ATF) deutlich. Einer von insgesamt sieben ATF-Standorten im Bundesgebiet ist seit nunmehr fast zwei Jahren bei der Branddirektion München. Die Ausstattung von Fahrzeugen und Geräten erfolgt durch den Bund. Personelle Ressourcen stellt die Branddirektion zur Verfügung und sorgt zudem für die regelmäßige Aus- und Weiterbildung der eingesetzten Beamtinnen und Beamten am Standort.

Umsetzung der Beschaffungsmaßnahmen

Personal und Geräte der Analytischen Task Force (ATF) bei der Branddirektion München

Personal und Geräte der Analytischen Task Force (ATF) bei der Branddirektion München

Trotz dieser erfreulichen Tatsache muss in Bezug auf die oben genannten Beschaffungen derzeit allerdings festgestellt werden, dass diese überwiegend bereits begonnen, aber bis dato noch nicht im vorgesehenen Umfang abgeschlossen wurden. Hier besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf zur Umsetzung. Auf Länderebene wurden in den vergangenen Jahren ebenfalls Planungen zur Beschaffung von Fahrzeugen und Geräten initiiert, die wiederum den Einheiten der nicht-polizeilichen BOS vor Ort zur Verfügung gestellt werden. So beschloss zum Beispiel die Bayerische Staatsregierung hierfür erstmals im Doppelhaushalt 2009/2010 ein 10-Jahres-Investitionsprogramm für den Katastrophenschutz mit einem Gesamtvolumen in Höhe von 40 Mio. €. Dieses Programm beinhaltet unter anderem Mannschaftstransportwagen, Strahlenschutzfahrzeuge, Wasserförderkomponenten für größere Wald-, Flächen- oder Industriebrände sowie die Ersatzbeschaffung von Löschwasseraußenlastbehältern. Teilweise konnten die ersten Fahrzeuge und Geräte aus diesem Investitionsprogramm in den letzten beiden Jahren an die Träger der nicht-polizeilichen BOS in Bayern übergeben werden.
Die dargestellten derzeitigen Bemühungen auf Seiten des Bundes und der Länder zur Aufrechterhaltung und Stärkung der Ausstattung im Katastrophenschutz in Deutschland sind aus Sicht der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr sehr zu begrüßen. Auf diese Weise kann das über Jahrzehnte bewährte System der Ausstattungsergänzung im Katastrophenschutz durch Bund und Länder im Zusammenspiel mit dem auf den Fahrzeugen und Geräten geschulten Personal der regionalen Gefahrenabwehreinheiten zukünftig erfolgreich weiter fortgeführt werden. Die Umsetzung der ausstehenden Maßnahmen muss jedoch gerade im Hinblick auf zukünftig bevorstehende Großschadens- oder Katastrophenereignisse nachhaltig weiter verfolgt und jeweils zeitnah abgeschlossen werden.
In der Europäischen Union sind in jüngster Zeit hingegen Überlegungen zur Schaffung von eigenen EU-Ressourcen im Katastrophenschutz in der Diskussion. Diese hoch spezialisierten Einsatzmittel sollen in europäischen Mitgliedsstaaten stationiert und im Einsatzfall dann zur Katastrophenabwehr in das betroffene Land entsendet werden. Dieses Vorgehen birgt aus Sicht unterschiedlicher Beteiligter im Katastrophenschutz in Deutschland die Gefahr, dass Mitgliedstaaten der EU ihrer Verpflichtung zur Vorsorge für Katastrophenfälle im eigenen Zuständigkeitsbereich nicht oder nicht ausreichend nachkommen könnten, sondern sich vielmehr auf die bereitgestellten EU-Ressourcen verlassen. Das Ziel eines auf europäischer Ebene funktionsfähigen Katas­trophenschutzes sollte vielmehr sein, dass in den Mitgliedsstaaten leistungsfähige Strukturen im Katastrophenschutz geschaffen werden, um dann bei Bedarf in einem hilfebedürftigen Mitglied aus der Solidargemeinschaft eingesetzt werden zu können. Die Bildung von vordefinierten Modulen aus den bestehenden Einheiten der beteiligten Staaten kann dabei nur förderlich sein und sollte daher unterstützt werden. Durchaus positiv zu bewerten ist der Ansatz der EU, die Zusammenarbeit der bestehenden Katastrophenschutzeinheiten in den Mitgliedstaaten im Rahmen des EU-Gemeinschaftsverfahrens, zum Beispiel durch gemeinsame Ausbildungen und Übungen, zu intensivieren.

Zu erwartende Katastrophenlagen

Welche Bedeutung einem funktionsfähigen Katastrophenschutz zukünftig als Ergänzung der bereits bestehenden Strukturen in der alltäglichen Gefahrenabwehr zuteil werden kann, wird beispielsweise bei Betrachtung der prognostizierten Klimaentwicklung in Bayern und der sich daraus ergebenden Naturereignisse mit unter Umständen katastrophalen Auswirkungen deutlich. Bis Mitte des Jahrhunderts ist nach Modellrechnungen des Deutschen Wetterdienstes in diesem Bereich mit einem Temperaturanstieg im Durchschnitt von ca. 1,5 – 2 Grad Celsius zu rechnen. Über das Jahr gerechnet werden dabei insbesondere im Süden mehr heiße Tage mit Temperaturen von über 30 Grad Celsius erwartet. Die  Niederschlagsmenge wird tendenziell im Sommer ab- und im Winter in Form von Schneeregen oder Regen zunehmen, da die Schneefallgrenze weiter ansteigen wird. Ereignisse mit Starkniederschlägen treten darüber hinaus deutlich häufiger als bisher das ganze Jahr über auf. Die Folgen dieser Klimaveränderungen gehen mit einer im Vergleich zu heute höheren Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Überschwemmungen, Hochwasser, Murenabgängen und Hangrutschungen, insbesondere im Alpenraum, einher.

Zusammenarbeit von Einsatzkräften verschiedener Organisationen im Rahmen einer Hochwasserschutz-Übung in München. (Fotos: Branddirektion München - Bildstelle)

Zusammenarbeit von Einsatzkräften verschiedener Organisationen im Rahmen einer Hochwasserschutz-Übung in München.
(Fotos: Branddirektion München – Bildstelle)

Durch längere Hitzeperioden in den Sommermonaten steigt zum einen die Gefahr von Kreislauferkrankungen gerade bei älteren Menschen, zum anderen wird die Häufigkeit von Waldbränden zunehmen.

Ausblick

Die dargestellten Prognosen zur Entwicklung des Klimas und den daraus folgenden Einsatzlagen sind sicherlich auf weitere Bereiche innerhalb Deutschlands und darüber hinaus in vielerlei Hinsicht übertragbar. Obwohl diese Ereignisse nicht zwangsläufig zu einer Großschadenslage bzw. Katastrophe führen müssen, muss mit sehr großer Wahrscheinlichkeit trotzdem in Verbindung mit weiteren Schadensereignissen aus den unterschiedlichsten Gründen mit einer Zunahme derartiger Einsatzlagen mit erhöhtem Koordinierungs- und Ressourcenbedarf gerechnet werden. Um diesen vielfältigen Herausforderungen weiterhin gewachsen zu bleiben, ist es unabdingbar, sich gerade im Bereich des Katastrophenschutzes auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die Zukunft vorzubereiten und die begonnenen Planungen umzusetzen.

Anschrift des Verfassers:

Schaeuble Wolfgang  2009_04_14_064_webDipl. Ing. Wolfgang Schäuble
Branddirektion München
An der Hauptfeuerwache 8
80331 München

 

 

Oberbranddirektor Dipl.-Ing.
Wolfgang Schäuble
geb. am 24. August 1962 in ­Radolfzell am Bodensee

1985 – 1992: Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Universität Kaiserslautern
1992 – 1994: Ausbildung zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst als Brandreferendar der Branddirektion München
1994 – 1997: Abschnittsleiter in der Abteilung Vorbeugender Brandschutz, persönlicher Mitarbeiter des Dienststellenleiters der Branddirektion München
1997 – 2004: Abteilungsleiter Einsatz bei der Branddirektion München
Seit 2005: Leiter der Branddirektion München und Leiter der Gefahrenabwehr des Katastrophenschutzes in der Landeshauptstadt München
Seit 2006: Vorsitzender des Arbeitskreises Grundsatzfragen (AK-G) der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren Bund (AGBF Bund)