Chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrenlagen (CBRN-Gefahrenlagen) sind hoch dynamisch und zudem sehr zeitkritisch. Sie können jederzeit und an jedem Ort in der Bundesrepublik auftreten und sich schnell zu national bedeutsamen Gefahren- und Schadenlagen entwickeln. Der Bund ergänzt die Ausstattung des Katastrophenschutzes der Länder u. a. im Aufgabenbereich CBRN-Schutz.

Grundlagen

CBRN-Gefahrstoffe sind aus Deutschland nicht wegzudenken. Deutschland ist einer der größten und bedeutendsten Chemiestandorte weltweit. Mehrere Millionen Tonnen unterschiedlicher Chemikalien werden hier produziert, gelagert, verarbeitet und transportiert. Zu den biologischen Agenzien gehören insbesondere Mikroorganismen, die Infektionen hervorrufen können oder Toxine biologischen Ursprungs. Sie kommen in zahlreichen Laboratorien des Gesundheitswesens und in der pharmazeutischen Industrie vor. Radioaktive Stoffe werden sowohl in der Medizin, als auch in der Industrie in einer Vielzahl von Anwendungen eingesetzt. Und nukleare Stoffe sind für die Kettenreaktion in kerntechnischen Anlagen unverzichtbar.

Zudem liegt Deutschland auf Grund seines außenpolitischen, humanitären und militärischen Engagements im Interessensgebiet des Terrorismus, wie die allgemein anerkannten Bedrohungseinschätzungen belegen. Ebenso kann auch eine Gefährdung durch die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Trotz strenger Gesetze und scharfer Sicherheitsvorkehrungen lassen sich weder unbeabsichtigte, noch vorsätzliche Gefahrstofffreisetzungen verhindern. Sie können ohne jede Vorwarnung jederzeit und an jedem Ort in der Bundesrepublik auftreten. Für die Bewältigung eines CBRN-Ereignisses sowie für die Wirkung auf Betroffene ist die Ursache der Freisetzung unerheblich. Das Schadensausmaß solcher Lagen hängt wesentlich davon ab, wie schnell die Gefahr erkannt wird, wie konsequent ein angemessener Eigenschutz angewendet wird und wie wirksam die weitere Ausbreitung bzw. Verschleppung des Gefahrstoffes verhindert werden kann. Daher fließen diese drei Aspekte auch in besonderem Maße in die Bewältigungsstrategien des Bundes ein.

Nach § 13 des Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetzes ergänzt der Bund den Katastrophenschutz der Länder u. a. im Aufgabenbereich CBRN-Schutz durch zusätzliche Ausstattung und Ausbildung. In konstruktiver Zusammenarbeit haben Bund und Länder den Ergänzungsumfang im Rahmen eines Ausstattungskonzeptes abgestimmt.

Detektion von Gefahrstoffen

Eine besondere Gefahr geht bei CBRN-Gefahrstoffen von luftgetragenen Schadstoffen aus. Sie können sich leicht in Windrichtung ausbreiten, werden von den Betroffenen über die Atmung in den Körper aufgenommen und können dort sehr schnell ihre akut toxische Wirkung entfalten. Biologische Agenzien verfügen über die Fähigkeit sich im Körper zu vermehren und die Wirkung zu verstärken.

 

Abb. 1: Messcontainer des ABC-Erkundungskraftwagens

Abb. 1: Messcontainer des ABC-Erkundungskraftwagens

 

Die wichtigste Maßnahme ist es daher, zunächst einmal festzustellen, ob ein Gefahrstoff in der Luft vorliegt. Diese Erkundung muss sehr schnell erfolgen, um das betroffene Gebiet abzusperren und den Eintritt weiterer Personen zu verhindern bzw. Personen im betroffenen Gebiet zu warnen und zu informieren. Die Fähigkeit zur Gefahrstoffdetektion unterstützt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) durch die Entwicklung und Bereitstellung von ABC-Erkundungskraftwagen (ABC-ErkKW). Derzeit stehen 333 Bundesfahrzeuge zur Verfügung. Ein Bestand von 500 ABC-Erkundungskraftwagen ist geplant. Diese Fahrzeuge sind mit moderner Messtechnik ausgestattet und können chemische und radioaktive Kontaminationen kontinuierlich in Echtzeit erfassen. Die Messdaten können auch während der Fahrt bei moderater Geschwindigkeit erhoben und hinreichend genau mit einer Ortskoordinate verknüpft werden. Dadurch eignet sich der ABC-ErkKW insbesondere dazu, großflächige Kontaminationen rasch zu erfassen und betroffene Gebiete einzugrenzen. Leider fehlen derzeit validierte, mobile, kontinuierlich messende Nachweissysteme für biologische Agenzien auf dem Markt, so dass eine B-Detektion nicht möglich ist.

Neben der Messtechnik verfügt der ABC-ErkKW über einen Probenahmesatz, mit dem Luft-, Boden- und Wasserproben für die weiterführende Analytik genommen werden können. Ausstattung zur Erhebung lokaler Wetterdaten sowie Markierungsmaterial zur Kennzeichnung kontaminierter Gebiete runden die Ausstattung ab.

Werden bei einer großflächigen Lage mehrere ABC-ErkKW zum Einsatz gebracht, so bedürfen diese der Führung und Koordination. Ein Messleitfahrzeug, das diese Aufgabe erfüllen kann, wird aktuell im BBK entwickelt. Im Messleitfahrzeug sollen die Messergebnisse von bis zu fünf Erkundungskraftwagen zusammengeführt, vorläufig bewertet und grafisch aufbereitet werden sowie die CBRN-Gesamtlage dargestellt werden.

Die sieben ATF-Standorte mit den Einsatzradien von ca. 200 km.

Die sieben ATF-Standorte mit den Einsatzradien von ca. 200 km.

Erst im zweiten Schritt steht bei solch komplexen Lagen die Identifikation der Gefahrstoffe an. Hierzu wurde die so genannte Analytische Task Force (ATF) an sieben Standorten in Deutschland etabliert. Sie muss bei Bedarf von der örtlichen Einsatzleitung angefordert werden und unterstützt diese insbesondere bei

  • der Detektion und Identifikation chemischer Substanzen und Substanzgemische,
  • der Überwachung großer Areale mittels Fernerkundung,
  • der Lokalisation und Identifikation luftgetragener Schadstoffe,
  • der Situationsbewertung basierend auf Lageinformationen und Expertenwissen,
  • der Prognose der Lageentwicklung,
  • der Empfehlung geeigneter Einsatzmaßnahmen (z. B. Warnung der Bevölkerung, Evakuierung, Dekontamination, …)

Als mobile Spezialeinheit ist sie rund um die Uhr einsatzbereit. Die Bandbreite der Unterstützungsleistung reicht von der telefonischen Fachberatung bis zur Entsendung eines kompletten ATF-Teams an die Einsatzstelle. Dabei übernimmt der Leiter der ATF die Rolle eines Fachberaters und niemals die Leitung des Einsatzes. Die ATF verfügt über hoch qualifiziertes Personal und eine moderne, feldtaugliche Spezialausstattung für die chemische Analytik. Daneben verfügt sie über ein Hintergrundnetzwerk von Experten verschiedener Fachrichtungen.

In einem derzeit laufenden Beschaffungsverfahren werden die Standorte der ATF mit empfindlicher Nachweistechnik für radioaktive Stoffe ausgestattet, die auch eine erste Identifizierung radioaktiver Nuklide ermöglicht.

Eine Task Force für biologische Gefahrenlagen ist derzeit noch in der Planungsphase des BBK.

 

Eigenschutz der Einsatzkräfte

Kommt es zu einer Freisetzung von chemischen, biologischen oder radioaktiven Substanzen, so kann es erforderlich sein, dass sich die Einsatzkräfte im kontaminierten Gebiet bewegen müssen. Dabei ist der Schutz der eigenen Gesundheit das oberste Gebot. Maßnahmen zum Eigenschutz der Einsätzkräfte beinhalten das Tragen einer wirksamen Atem- und Körperschutzausrüstung, das Durchführen von Dekontaminationsmaßnahmen und die konsequente Einhaltung von Verhaltensmaßnahmen am Einsatzort. Für den persönlichen Schutz der Einsatzkräfte der Bundesfahrzeuge wurden insgesamt rund 53.000 Sätze Persönliche CBRN-Schutzausrüstung (PSA) beschafft. Sie besteht u. a. aus einem Overgarment zum Schutz gegen chemische Kampfstoffe, einem flüssigkeitsdichten Spritzschutzanzug, der auch als Kontaminationsschutzanzug in biologischen und/oder radiologischen Lagen eingesetzt werden kann, einer Atemschutzmaske mit zwei Filtern sowie Hand- und Fußschutz.

 

Abb. 3: Spritzschutzanzug

Abb. 3: Spritzschutzanzug

 

Wenn Einsatzkräfte das kontaminierte Gebiet verlassen, müssen sie sich zunächst mit ihrer Schutzausrüstung der Dekontamination unterziehen. Die Maßnahme beginnt in der „Einpersonenduschkabine“. Dort werden Gefahrstoffe, die der Schutzausrüstung anhaften, entfernt, so dass anschließend ein gefahrloses Ablegen der Ausrüstung ermöglicht wird. Abgeschlossen wird der Vorgang mit der hygienischen Reinigung der Einsatzkräfte im Duschzelt. Das BBK entwickelte und beschaffte für diesen Zweck Dekontaminations-Lastkraftwagen Personen. Gemäß Ausstattungskonzept soll die derzeitige Anzahl von 323 Fahrzeugen auf 450 anwachsen. Die Fahrzeuge dienen primär dem Transport der Ausstattung für den Aufbau des Dekontaminationsplatzes.

 Vermeidung der Kontaminationsverschleppung

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung bzw. Verschleppung eines Gefahrstoffes ist das Absperren des kontaminierten Gebietes. Sie wird ergänzt durch die Dekontamination aller Personen, die dieses Areal verlassen und zu einer Weiterverbreitung beitragen würden. Dies gilt nicht nur für die Einsatzkräfte, sondern auch für Verletzte, die in Krankenhäuser eingeliefert werden müssen. Sie würden ansonsten die Rettungsfahrzeuge und die Krankenhäuser kontaminieren und dadurch

Abb. 4: Dekontamination in der Einpersonendusche (Bilder: BBK)

Abb. 4: Dekontamination in der Einpersonendusche
(Bilder: BBK)

das Personal gefährden. Durch das künftige Modul „Dekontamination Verletzter“ (Dekon-V) in der Medizinischen Task Force des Bundes (MTF) soll an 61 Standorten eine standardisierte Vorhaltung von Einheiten zur

Dekontamination verletzter Personen bereits an der Schadenstelle etabliert werden. Der Einsatz der Dekon-V-Module ist dabei sowohl direkt an der Schadenstelle als auch vor der Notaufnahme zum Schutz eines Krankenhauses gegen Kontaminationsverschleppung durch „Selbsteinweiser“ möglich. Weitere Anregungen zur Vermeidung der Kontamination in Krankenhäusern gibt das durch das BBK geförderte Forschungsprojekt „Dekontamination von Verletzten im Krankenhaus bei ABC-Gefahrenlagen“. Es stellt ein Konzept mit konkreten Handlungsempfehlungen, Einsatzplänen, Ausbildungsinhalten und Materialempfehlungen zur Verfügung (Band 9 der Reihe „Forschung im Bevölkerungsschutz“). Diese Empfehlungen wurden in vielen Städten durch ausgewählte Kliniken in eigener Zuständigkeit und Verantwortung umgesetzt.

Fazit

Der Staat nimmt die Gefährdung durch CBRN-Gefahrenlagen ernst und unterhält ein leistungsfähiges Hilfeleistungssystem, in dem der Bund und die Länder wirkungsvoll zusammenarbeiten. Obwohl sich dieses System in der Vergangenheit sehr gut bewährt hat, ist es erforderlich, es stets an die aktuellen Herausforderungen sowie die technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Dies gilt insbesondere für die Bewältigung von biologischen Gefahrenlagen.

Dr. Karin Braun
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Provinzialstr. 93
53127 Bonn