Chemische Industrie in der Stadt und im Umland, Hochwassergefahren am Rhein, eine der vier deutschen Millionenstädte mit rund 1 030 000 Einwohnern, der die Stadtplaner auch künftig ein kontinuierliches Wachstum prognostizieren. Kein leichtes Umfeld und vielfältige Aufgaben für die Gefahrenabwehr einer Stadt. Mit CP sprach Johannes Feyrer, Direktor der Feuerwehr Köln, über die Herausforderungen seiner Feuerwehr im Hinblick auf die Entwicklung, besondere Gefahrensituationen und den Einsturz des Stadtarchivs, dem wohl traumatischsten Erlebnis der jüngeren Vergangenheit für die Stadt Köln. Das Interview führten Dr. Horst Schöttler und Sarah Heggen.

CP: Herr Feyrer, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch mit CP genommen haben. Bitte stellen Sie sich und die Feuerwehr Köln unseren Lesern kurz vor.

Hr. Feyrer: Ich bin 55 Jahre alt, seit 38 Jahren im Dienst der Feuerwehr und seit 28 Jahren bei der Feuerwehr Köln. Nach zwölf Jahren als stellvertretender Amtsleiter wurde ich am 1. März diesen Jahres zum Nachfolger von Stephan Neuhoff bestellt.

Bei der Feuerwehr Köln sind insgesamt 1 900 Menschen haupt- und ehrenamtlich tätig, bei einem Etat von 90 Mio. Euro. 910 Feuerwehrfrauen und -männer sind auf den Feuerwachen im Einsatzdienst. Hinzu kommt noch der hauptamtliche Teil des Rettungsdienstes der Hilfsorganisationen, der bei der Feuerwehr unter Vertrag steht.

Die Gesamteinsatzzahl von Feuerwehr und Rettungsdienst beläuft sich für 2013 auf 115 915 Einsätze, wobei der Rettungsdienst mit 102 109 Einsätzen den weitaus größeren Anteil zählte.

CP: Welchen Anforderungen sehen Sie und Ihre Mitarbeitenden sich in Ihrer alltäglichen Feuerwehrarbeit in der Millionenstadt Köln gegenüber gestellt?

Hr. Feyrer: Die Einwohnerzahl wird ebenso wie die bauliche Verdichtung und die wirtschaftliche Entwicklung zunehmen. Die Folge: Der innerstädtische Verkehr und vor allem die Rhein­überquerung werden zu neuen Herausforderungen und Belastungen für die zeitnahe Gefahrenabwehr führen.

CP: Wie gestaltet sich die Arbeit in Ihrer integrierten Leitstelle, in der alle feuerwehrspezifischen Einsätze wie Brände, technische Rettung oder Katastropheneinsätze neben der Koordinierung des Rettungsdienstes (RettD) erfolgt?

Hr. Feyrer: Wir sind nach dem Feuerschutz- und Hilfeleistungs-Gesetz des Landes Nordrhein-Westfalen als kreisfreie Stadt Träger des Rettungsdienstes. RettD-Einsätze machen zur Zeit 85 % aller Einsätze aus. Leistungen, die von uns selbst nicht erbracht werden, haben wir ausgeschrieben; sie umfassen die Bereitstellung von Personal und Fahrzeugen. Bei dieser Ausschreibung haben die großen Hilfsorganisationen, ASB, DRK, JUH und MHD gewonnen. Sie arbeiten in den verschiedenen Feuerwachen mit uns unter einem Dach. Die Aktualisierung des Rettungsdienstbedarfsplanes erfolgt alle fünf Jahre. Private Anbieter sind für den Krankentransport zuständig.

CP: Wie würden Sie die Entwicklung im Einsatzgeschehen beschreiben?

Der DL5 ist Teil des Fuhrparks der Hauptfeuerwache 5.

Der DL5 ist Teil des Fuhrparks der Hauptfeuerwache 5.

Hr. Feyrer: Die Brandeinsätze nehmen ab, die Hilfeleistungseinsätze bleiben konstant, doch die Rettungsdiensteinsätze nehmen zu. Ein expandierender Sektor ist hierbei der Spezialrettungsdienst mit Intensivmedizin, Schwergewichtigen- oder Infektionstransport. In diesem Bereich möchten wir unsere Kernkompetenz ausbauen. Wir haben dazu entsprechende, ständig von der Feuerwehr besetzte Fahrzeuge. Somit sind wir derzeit die einzige Feuerwehr in Deutschland, die Intensivmedizin auf diese Art und Weise betreibt. Mit Blick in die Zukunft sowie auf die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit sehe ich dies als richtigen Schritt.

CP: Neben der Besonderheit, dass Sie den Rettungsdienst der Stadt Köln betreiben, gibt es innerhalb der Berufsfeuerwehr das Institut für Notfallmedizin. Was verbirgt sich dahinter?

Hr. Feyrer: Das Institut der Notfallmedizin der Feuerwehr Köln wird von Prof. Dr. Dr. Alex Lechleuthner, dem ärztlichen Leiter Rettungsdienst, geleitet. Dieses Institut fasst unabhängig von der organisatorischen Zuständigkeit alle am Rettungsdienst interessierten Kreise des Amtes zusammen.

CP: Was gibt es Besonderes im Rettungsdienst?

Hr. Feyrer: Wir beschäftigen über 30 eigene Ärzte, davon rund 20 in Teilzeit, in unterschiedlichen Funktionen als Leitende Notärzte in der Leitstelle, als ärztlicher Leiter der Rettungsdienstschule oder als leitende Notärzte.

Die Abteilung RettD ist auch verantwortlich für die Planung der sanitätsdienstlichen Versorgung bei Großveranstaltungen und überwacht die Krankenhausplanungen bei Notfällen, wie etwa Räumung bzw. Evakuierung von Patienten.

Einmalig in Deutschland ist die Präsenz eines Arztes mit der Qualifikation „Oberarzt“. Er steht jüngeren Assistenzärzten bei besonders komplizierten Notfalleinsätzen mit fachlichem Rat zur Seite. Es gibt auch einen Notarzt mit Anbindung an die Leitstelle. Neben der Funktion des Leitenden Notarztes kümmert er sich z. B. um Intensivverlegungen oder auch Fälle nach dem PsychKG.

CP: Aufgrund ihrer geographischen Lage muss sich die Stadt Köln auch mit dem Thema Hochwasserschutz auseinander setzen. Betreibt die Feuerwehr Köln von Amtswegen eine Hochwasserschutzprävention?

Hr. Feyrer: Ursprünglich war die Stadtentwässerung Teil des städtischen Tiefbauamtes. Im Zuge von Optimierungen des Hochwasserschutzes erhielt die Stadt durch die EU und das Land NRW mehrere hundert Millionen Euro an Zuschüssen, die fach- und zeitgerecht nur durch ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen einzusetzen waren. Deshalb wurde die Stadtentwässerung vom Eigenbetrieb zu einer GmbH, die vertraglich für den Hochwasserschutz zuständig ist. Folglich ist die Feuerwehr nicht für die Schutzmaßnahmen bzw. die bauliche Prävention verantwortlich.

Erst nach Eintritt eines planerisch nicht erfassten Schadensereignisses wie Überflutung, Beschädigung der Schutzwände oder Zerstörung der Infrastruktur kommt die Feuerwehr zum Einsatz.

CP: Wie ist die Stadt Köln im Hinblick auf den Hochwasserschutz aufgestellt?

Hr. Feyrer: Der bauliche Hochwasserschutz ist auf einen maximalen Pegelstand zwischen 11,30 m und 11,90 m ausgerichtet. Bereits beim Anstieg der Fluten ab ca. 7,50m stehen wir im engen Kontakt mit der Hochwasserschutzzentrale. Übrigens lag der letzte Hochwasserstand 1995 bei 10,69 m. Aber: Der Aufbau von Schutzwänden oder deren ergänzende Sicherung durch Sandsäcke für planbare Ereignisse ist nicht die Aufgabe einer Gefahrenabwehrbehörde, also der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehr. Wir beschränken uns in diesen Fällen auf die Planung und Durchführung der rettungsdienstlichen und feuerwehrtechnischen Versorgung in überfluteten Gebieten.

Seit fünf Jahren befasst sich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe “Katastrophales Hochwasser“ im Rahmen des Krisenmanagements für Großschadensereignisse für Pegelstände ab 12,50 m mit entsprechende Szenarien.

CP: Über wie viele Feuerlöschboote verfügt die Feuerwehr Köln?

Hr. Feyrer: Wir haben drei Boote. Eines ist ein durch das Land Nordrhein Westfalen in den 1960er Jahren zur Verfügung gestelltes Feuerlöschboot. Das zweite ist ein kommunales Feuerwehrlöschboot, das baugleich mit dem kleinen Landesfeuerwehrlöschboot ist. Daneben gibt es noch ein Rettungsschnellboot. Alle drei Boote liegen an der Feuerlöschstation im Deutzer Hafen. Vier Einsatzkräfte sind rund um die Uhr auf dieser Feuerlöschstation und besetzen insbesondere das Rettungsschnellboot. Jährlich werden in unserem Stadtgebiet 20 bis 30 Menschen aus dem Rheinstrom gerettet. Personal- und Materialkosten für das große Landesboot werden vom Land NRW übernommen.

CP: Eine weitere Besonderheit bündelt besondere Kompetenzen am Standort Köln – die Analytische Task Force (ATF).

Hr. Feyrer: Wir sind einer von fünf ATF-Standorten in Deutschland. Hier haben wir richtig Pionierarbeit in Organisation, Ausbildung und Ausstattung geleistet. Die ATF ist in einem großen Bereich im Umfeld von Köln tätig, teils gemeinsam mit unserem Nachbarstandort in Dortmund, mit dem wir auch die Grundausbildungslehrgänge absolvieren. Die ATF passt zum Grundaufgabengebiet der Feuerwehr und ist eine gute Antwort des Bundes auf verschiedene Gefahren- und Bedrohungslagen.

CP: Gibt es Besonderheiten wegen des Kölner Chemiegürtels?

Hr. Feyrer: Die umliegenden Chemiebetriebe bieten ein besonderes Risiko. 24 von 55 Störfallbetrieben, die in Nordrhein-Westfalen ansässig sind, liegen auf Kölner Stadtgebiet. Das ist auch daran sichtbar, dass Köln die Stadt mit den meisten Werkfeuerwehren in Deutschland ist. In zehn Betrieben sind rund 1 000 Feuerwehrmänner und -frauen beschäftigt, die uns bei Spezialeinsätzen unterstützen können.

Gemeinsam mit der chemischen Industrie wurde ein Netz von 75 Sirenen in einem ersten Schritt rund um die chemischen Werke und in einem zweiten Schritt entlang des Rheins und der Verkehrswege aufgebaut, nachdem die ehemaligen Luftschutzsirenen wie vielerorts auch in Köln abgebaut wurden. Im Hinblick auf die Warnung der Bevölkerung sind wir somit gut aufgestellt, was die jüngsten Einsätze belegen.

CP: Gibt es ein besonderes Ereignis, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Hr. Feyrer: Ein besonders tragisches Stück Kölner Geschichte ist der Einsturz und der damit verbundene Einsatz am Kölner Stadtarchiv vor fünf Jahren, der zum heutigen Tag immer noch nicht beendet ist. Nach wie vor ist das Gebiet um das Kölner Stadtarchiv eine Einsatzstelle unter Führung der Feuerwehr Köln auf Basis des Feuerwehrschutz- und Hilfeleistungsgesetzes Nordrhein-Westfalen. Der Einsatzort unterliegt dem Weisungsrecht des Einsatzleiters der Feuerwehr, mit dem jeder Arbeitsschritt abzustimmen ist. Die Feuerwehr hat somit eine hohe Verantwortung vor allem in der Beweissicherung für die Unfallursache.

CP: Wie war die Wahrnehmung der Bevölkerung bei den unterschiedlichen Arbeiten und Aufgaben aller Beteiligten anlässlich des Einsturzes des Stadtarchives?

Der „Ohren-Orden“ ehrt die Feuerwehr Köln für Ihren Einsatz beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs. (Bild: Sarah Heggen)

Der „Ohren-Orden“ ehrt die Feuerwehr Köln für Ihren Einsatz beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs. (Bild: Sarah Heggen)

Hr. Feyrer: Zum damaligen Zeitpunkt gab es eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung zwischen der Stadtverwaltung und der Feuerwehr. Die Bürger haben auf der einen Seite der Stadtverwaltung wegen ihres Krisenmanagements schlechte Noten gegeben und die Feuerwehr auf der anderen Seite als den Heil- und Glücksbringer erlebt. Sie haben nicht erkannt, dass die Feuerwehr ein wichtiger Teil der Stadtverwaltung ist.

An meinen Vorgänger Stephan Neuhoff wurde im Zuge dessen von der Bürgergesellschaft Köln der Ohrenorden „Das Ohr am Puls der Zeit“ verleihen. Dieser wird Menschen verliehen, die sich um Transparenz in der Informationspolitik und um tatkräftige Hilfe für die Bürgerschaft verdient gemacht haben. Im Jahr des Stadtarchiveinsturzes hat Herr Neuhoff diesen stellvertretend für die Feuerwehr Köln entgegen genommen. Wir halten ihn immer noch in Ehren.

CP: Das erste halbe Jahr Ihrer Amtszeit als Direktor der Kölner Feuerwehr verlief – glücklicherweise – ohne große Turbulenzen. Wo sehen Sie kommenden Anforderungen und Herausforderungen?

Hr. Feyrer: Hier beschäftigen mich zwei Themen: 1. Die Verkehrssituation in Köln hat sich gravierend verschlechtert. Die maroden Rheinbrücken werden dem Verkehr im Kölner Norden in den nächsten zehn Jahren erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Das hat zur Folge, dass die Einsatzorganisation für Köln diesem Sachverhalt angepasst und die Planung so umgestellt werden muss, dass die Brücken als sichere Verkehrswege entfallen können. Das bedeutet, dass wir u. a. unsere beiden Spezialeinheiten Rüstzug mit dem Kranwagen, die bisher Nord-Süd verteilt sind, in Zukunft rechts- und linksrheinisch aufstellen müssen. 2. Ein weiterer Punkt stellt der Brandschutzbedarfsplan darf, der derzeit auf Wunsch der Politik gutachterlich überprüft wird. Dieser umfasst eine Vergrößerung der Feuerwehr Köln um 10 % aufgrund der eingangs genannten Zunahme der Bevölkerung.

CP: Herr Feyrer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch. Für die Bewältigung der kommenden kleinen und großen Aufgaben wünschen wir Ihnen viel Erfolg und Geschick.

(Aufmacherbild: Feuerwehr Köln)