Bewährungsprobe für das Landeskommando und die Krisenstäbe

Wie kam es zur Hochwasser­katastrophe?

Was noch 2002 unvorstellbar schien, wurde im Juni 2013 zur unerwarteten und bitteren Realität: Zum zweiten Mal innerhalb von elf Jahren war eine große Region in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern von einem Hochwasser betroffen. Für die Bundeswehr und das Landeskommando (Lkdo) Sachsen bedeutete das einen Einsatz in enger Zusammenarbeit mit den zivilen Akteuren und eine Bewährungsprobe für Einsatzstäbe und nicht zuletzt die 4 200 Soldatinnen und Soldaten an den Deichen, den Sandsackfüllstationen und anderswo.

Hochwasser, Bundeswehr, THW, ZMZ, zivil-militärische Zusammenarbeit

Fünf Flüsse waren in Sachsen im Juni 2013 über die Ufer getreten, so dass Hochwasser-Alarm ausgelöst werden musste. (Bild: Reisenbüchler/Lkdo Sachsen)

Das Hochwasser 2013 in Sachsen begann mit einem deutlich zu nassen Mai, auf den ein extrem nasser Juni folgte. An insgesamt 1 800 Kilometern der Gewässerläufe bzw. an über zwei Dritteln der 105 Hochwassermeldepegel wurden im Sommer 2013 die Richtwerte der Alarmstufe 3 bzw. 4 erreicht oder überschritten. Die Folge waren Wasserstände, die die Werte des Augusthochwassers 2002 noch übertrafen.

Bereits am 30. und 31. Mai hatte es ergiebige Regenfälle gegeben. Und das nicht nur in Sachsen: Auch im Einzugsgebiet von Elbe und Moldau auf tschechischem Gebiet wurden an mehreren Tagen große Niederschlagsmengen gemessen, ebenso im Bereich der Mulde und Weißen Elster im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. In Westsachsen waren bereits am 1. Juni eine Reihe von Flüssen und Bächen über die Ufer getreten und hatten die Hochwasseralarmstufen 1 bis 3 teilweise überschritten. Um den 5. Juni spitzte sich die Lage an den sächsischen Elbepegeln weiter zu: In Schöna, Dresden und Riesa war der Richtwert der Alarmstufe 4 erreicht. In der Folge mussten unter anderem an rund 40 Deichbrüchen Sofortsicherungsmaßnahmen vorgenommen werden.

Für das Lkdo Sachsen in der Dresdner Graf-Stauffenberg-Kaserne bedeuteten diese Entwicklungen im Frühsommer 2013 eine Bewährungsprobe nach der Umstrukturierung Anfang des Jahres. Denn das 2007 in den Dienst gestellte Lkdo Sachsen ist im Freistaat für die Zivil-Militärische Zusammenarbeit verantwortlich. Im Katastrophenfall wie dem Hochwasser im Juni ist das Lkdo mit seinen gut 60 Mitarbeitern und rund 200 Reservisten damit erster Ansprechpartner für die sächsische Staatsregierung und zivile Behörden. Das Kommando untersteht dem Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr und ist damit im Freistaat gefragt, wenn in Notlagen die Mittel der zivilen Helfer, etwa des Technischen Hilfswerks und der Feuerwehr, mit militärischen Fähigkeiten ergänzt werden müssen.

Aufgabe des Lkdos ist es auch, die Leiter der zivilen Krisenstäbe zu den Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch die Bundeswehr zu beraten. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Bezirks- und Kreisverbindungskommandos. Die Reservisten dieser Verbindungskommandos unterstützen bei der Beurteilung der Katastrophenlage und empfehlen den zivilen Katastrophenstäben die von Seiten der Bundeswehr mögliche Hilfe. Dazu sind in den zivilen Krisenstäben Reservisten der Verbindungskommandos eingesetzt. Im Verantwortungsbereich des Lkdos lag es auch, die Einsätze von Soldaten der Bundeswehr im Katastrophengebiet vorzubereiten und zu koordinieren. Im Lagezentrum des Lkdos Sachsen als zentralem Anlaufpunkt wurden während des Juni-Hochwassers 2013 entsprechend dieses Aufgabenspektrums die Einsätze der Bundeswehr im gesamten Bundesland abgestimmt und begleitet.

Hochwasser, Bundeswehr, THW, ZMZ, zivil-militärische Zusammenarbeit

Ein sächsisches Kreisverbindungskommando während einer Übung an der Lagekarte. (Bild: Ahrendt/Lkdo Sachsen)

Bundeswehr-Verbindungs­kommandos im Einsatz

Auf Regierungsebene fungierte der Kommandeur des Lkdos Sachsen als Ansprechpartner der Landesregierung. Im Krisenstab des Sächsischen Staatsministeriums des Innern sicherte ein Verbindungsoffizier den Informationsaustausch zwischen Lkdo und Regierung. Wenn von ziviler Seite Unterstützung durch die Bundeswehr beantragt wurde und das Lkdo Sachsen diesen Antrag bewertet und Stellung genommen hatte, prüfte das Kommando Territoriale Aufgaben in Berlin den jeweiligen Antrag und ordnete gegebenenfalls den entsprechenden Einsatz an.

Hochwasser, Bundeswehr, THW, ZMZ, zivil-militärische Zusammenarbeit

Bundeswehr-Hubschrauber kamen während des Hochwassers unter anderem zum Einsatz, um Deiche zu sichern. (Bild: Lkdo Sachsen)

Als nach den lang andauernden Regenfällen am 2. Juni Katas­trophenalarm in mehreren Landkreisen in Sachsen ausgerufen wurde, alarmierten die Krisenstäbe des Landes und der Landkreise die Verbindungskommandos. Die Reservisten der Bezirks- und Kreisverbindungskommandos berieten die zivilen Einsatzstäbe zu Möglichkeiten und Grenzen militärischer Hilfe, zum Beispiel zum Einsatz von Hubschraubern und schwerem Räumgerät. Sie koordinierten die Hilfeleistungen in enger Abstimmung mit dem Lagezentrum im Lkdo und mit Land, Kommunen und Landkreisen. Die eingesetzten Reservisten kommen ausnahmslos aus der sächsischen Region, üben regelmäßig und werden im Katastrophenfall durch das Lkdo Sachsen einberufen.

„Idee des Gefechts“

Die Anpassung genereller Verfahrensabläufe an konkrete Situationen wurde während des Hochwassers im Juni 2013 auf allen Ebenen durchgeführt und ermöglichte eine effiziente Katastrophenhilfe. Die Trennung der Bereiche „Operative Führung“ und „Koordination der Hilfeleistungen“ wurde dabei im Freistaat sehr erfolgreich praktiziert. Mit der operativen Führung war die Panzergrenadierbrigade 37 beauftragt, die Koordination der Hilfeleistungen mit zivilen Verwaltungsstäben lag in der Hand des Lkdos Sachsen. Hier war die enge Abstimmung zwischen den beiden Dienststellen wesentliche Voraussetzung für reibungslose Arbeitsabläufe in diesen beiden Verantwortungsbereichen. Der Einsatz während des Juni-Hochwassers 2013 erfolgte dabei in fünf Schritten, die im Folgenden an einem Beispiel erläutert werden:

In Phase 1 (Eilhilfe) wurden alle lokal an den Standorten verfügbaren Kräfte gebündelt und koordiniert durch das Lkdo Sachsen. Als im Landkreis Zwickau Katastrophenalarm ausgelöst wurde, informierte das Feldjägerdienstkommando Leipzig den Offizier vom Führungsdienst im Lkdo Sachsen. Die Alarmierung erfolgte am Wochenende und außerhalb der gewöhnlichen Dienstzeit. Deshalb standen nur die Kräfte auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz sowie Feldjägerkräfte in Leipzig zur Verfügung. Die Reservisten der Bezirks- und Kreisverbindungskommandos, in deren Zuständigkeitsbereich ziviler Katastrophenalarm ausgelöst worden war, stellten Arbeitsbereitschaft her.

Hochwasser, Bundeswehr, THW, ZMZ, zivil-militärische Zusammenarbeit

Die Verbindungskommandos in Sachsen: KVK: Kreisverbindungskommando / BVK: Bezirksverbindungskommando / Vkdo ACR: Verbindungskommando zur Armee der Tschechischen Republik / Vkdo SMI: Verbindungskommando im Sächsischen Staatsministerium des Innern
Vkdo POA: Verbindungskommando Polnische Armee (Bild: Reisenbüchler/Lkdo Sachsen)

In Phase 2 wurden auf Weisung des Kommandos Territoriale Aufgaben schnell verfügbare Kräfte für den Katastropheneinsatz abgestellt. Dazu gehörten etwa gerade auf Truppenübungsplätzen übende Einheiten. Erste genehmigte Hilfeleistungsanträge wurden zum Beispiel durch die Truppen des Panzergrenadierbataillons 371, zu dieser Zeit auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz, und durch das Panzerpionierbataillon 1, auf dem Truppenübungsplatz Bergen übend, umgesetzt.

Hochwasser, Bundeswehr, THW, ZMZ, zivil-militärische Zusammenarbeit

Sandsäcke verladen durch Bundeswehrsoldaten während des Hochwassereinsatzes im Juni 2013 in Sachsen. (Bild: Lkdo Sachsen)

Schwerpunkt der Phase 3 war, eine Unterstützung mit in der Nähe verfügbaren Kräften so zu organisieren, dass sie über einen längeren Zeitraum durchhaltefähig war. Durch die Aktivierung der 16 Verbindungskommandos des Lkdos Sachsen war gewährleistet, dass sich einerseits die einzelnen Kommandos gegenseitig halfen und zudem eine durchgehende schichtfähige Beratung der zivilen Verwaltungsstäbe sichergestellt war. Die Operationsführung erfolgte in enger Abstimmung mit der Panzergrenadierbrigade 37. Alle verfügbaren Truppenteile der Brigade wurden eingesetzt. Bis zum 5. Juni erhöhte sich dadurch die Zahl der verfügbaren Kräfte auf ca. 3 500 Soldaten. Ein wichtiger Teil der Arbeit war, Verständnis für militärische Truppenbewegungen bei den zivilen Akteuren zu wecken. Was für zivile Verwaltungsstäbe wie ein „Truppenabzug“ aussah, war aus militärischer Sicht ein Schaffen von Reserven oder auch ein Herauslösen von Kräften, um die Durchhaltefähigkeit zu gewährleisten. Hierbei war es auch Aufgabe des Lkdos, den zivilen Entscheidungsträgern zu verdeutlichen, dass die Kräfte der Bundeswehr abhängig von der Hochwasserlage eingesetzt werden müssen und nicht als „Vorratskräfte“ eines Landkreises betrachtet werden dürfen.

Phase 4 hatte zum Ziel, entsprechend der Lage deutschlandweit die Kräfte so zu bündeln, dass eine durchhaltefähige Unterstützung für die betroffenen Menschen in den Kreisen und Städten gewährleistet war. Im Wirkungsbereich des Lkdos Sachsen wurden so unverändert Truppenteile der Panzergrenadierbrigade 37 sowie zusätzliche Teile der Deutsch-Französischen Brigade aktiviert und ein niederländisches Panzerpionierbataillon vom Truppenübungsplatz Ohrdruf aufgenommen, dass seinen Einsatz angeboten hatte. Damit wuchs die Zahl der verfügbaren Soldaten im Verlauf des 6. Juni auf über 4 000. Nur so konnten alle Unterstützungsanfragen der zivilen Seite wahrgenommen und erfüllt werden.

In Phase 5, der letzten Phase des Hochwasser-Einsatzes, standen der Schutz Kritischer Infrastruktur, die Deeskalation und die Rückverlegung im Mittelpunkt. Dazu gehörte auch, gemeinsam mit den zivilen Partnern zu entscheiden, dass die Bundeswehr nur dort eingesetzt wird, wo wirklich Kritische Infrastruktur zu schützen war. Der Hochwassereinsatz endete am 12. Juni in Abstimmung mit den zivilen Verwaltungsstäben und der Panzergrenadierbrigade 37. Die Truppenteile wurden nach und nach herausgelöst und dann die Hauptkräfte in einsatznahe Verfügungsräume verlegt.

Fazit

Mit dem Hochwasser 2013 hat sich die klare Trennung der Aufgaben sowohl zwischen ziviler und militärischer Seite als auch auf Ebene der verschiedenen Bundeswehr-Dienststellen und -Streitkräfte bewährt. Das waren der Schlüssel zum Erfolg und der Garant für einen reibungslosen Hochwassereinsatz der Bundeswehr gemeinsam mit den zivilen Partnern. Klare Verantwortungs- und Zuständigkeitsbereiche bildeten die Grundlage, um im Einsatz verschiedene Akteure und Kräfte zielorientiert zu koordinieren und einzusetzen.

Auch die Trennung in eine organisatorische Seite und eine durchführende Seite erwies sich als erfolgreich und effizient.

Hochwasser, Bundeswehr, THW, ZMZ, zivil-militärische Zusammenarbeit

Bundespräsident Joachim Gauck während des Hochwassers 2013 in Dresden. (Bild: Lkdo Sachsen)

Die Bundeswehr als Teil der Gesellschaft ist während der Hochwasser-Katastrophen in Sachsen wieder verstärkt ins Bewusstsein gerückt, und das nicht nur bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Krisenstäbe, der Behörden und den direkt vom Hochwasser Betroffenen, sondern auch in der gesamten deutschen Bevölkerung. Während des Katastropheneinsatzes 2013 in Sachsen war das Engagement der Bürgerinnen und Bürger hervorragend, „mit anpacken“ war überall die Devise. Für die Soldaten bedeutete das viel Zustimmung und Unterstützung – sowohl im Hochwassereinsatz als auch danach.

Viele von unseren Soldaten konnten Gelerntes das erste Mal in einer Gefahrensituation anwenden und sich in ihrer „zweiten Rolle“ als „Helfer an heimischer Front“ beweisen. Genauso erging es den Reservisten in den Kreis- und Bezirksverbindungskommandos und im Verbindungskommando beim Sächsischen Staatsministerium des Innern. Sie alle sind Bürger aus der Mitte der Gesellschaft, die während ihres militärischen Einsatzes ihre Erfahrungen zum Wohle der sächsischen Bevölkerung einbringen konnten.

Daraus resultiert sicherlich eine positive Wahrnehmung der Bundeswehr, die von großer Bedeutung für die Akzeptanz der Streitkräfte in Deutschland ist. Insbesondere auch im Hinblick auf die ausgesetzte Wehrpflicht und der zukünftigen Herausforderung, junge Menschen für den Dienst in den Streitkräften zu gewinnen, ist das von Wert. Die Bundeswehr hat sich einmal mehr als verlässlicher Partner in der Katastrophenhilfe und im Heimatschutz bewiesen. Und dies gilt auch zukünftig trotz laufender Auslandseinsätze, Umstrukturierungen und Standortauflösungen.

Aufmacherbild: In enger Zusammenarbeit mit den anderen Kräften, hier mit dem Technischen Hilfswerk, unterstützten Bundeswehrsoldaten im Hochwassereinsatz. (Bild: Lkdo Sachsen)

Michael Knop

02_Knop_OberstAnschrift des Verfassers:
Oberst Michael Knop
Landeskommando Sachsen
Graf-Stauffenberg-Kaserne
Marienallee 14
01099 Dresden

1974: Eintritt in die Bundeswehr
1998: Verwendungen in der Panzertruppe bis zum Kommandeur Panzerbataillon 64 (Hessen)
1993: Verwendungen im Bundes­ministerium der Verteidigung als Adjutant des Stellvertreters des ­Inspekteurs des Heeres
2002: Sprecher für den General­inspekteur der Bundeswehr
2010: Referatsleiter im Führungsstab des Heeres
2005 – 2010: Verwendungen als ­Abteilungsleiter im Einsatzführungs­kommando der Bundeswehr
Seit 1/2013: Kommandeur des Landes­kommandos Sachsen