Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit dem richtigen Personal und Material, um Menschen in Not national und international zu unterstützen – dieser Anspruch spiegelt die Prinzipien der Auslandshilfe der Johanniter-Unfall-Hilfe wider. Seit der Gründung der Johanniter vor 60 Jahren, dem größten Werk des über 900 Jahre alten Johanniterordens, engagieren sich die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter neben anderen satzungsgemäßen Aufgaben im Bevölkerungsschutz im Inland und in der Humanitären Hilfe im Ausland. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf die Kernkompetenz der Johanniter: Gesundheit mit den Themenschwerpunkten Basisgesundheit, Rehabilitation von Menschen mit Behinderung/Orthopädietechnik und Katastrophenhilfe und -vorsorge.

Soforthilfe der Johanniter

Die Auslandshilfe verfügt über knapp 30 Mitarbeiter in der Bundesgeschäftsstelle in Berlin und circa 45 internationale und mehrere hundert lokale Mitarbeiter in Projektbüros in zwölf Ländern weltweit. Neben langfristigen Projekten der humanitären Hilfe sind die Johanniter im Rahmen der Soforthilfe aktiv, das heißt bei kurzfristigen Einsätzen nach Katastrophen weltweit. Sie helfen der betroffenen Bevölkerung durch die schnelle und bedarfsorientierte Entsendung von Einsatzteams sowie Hilfsgütern. Gemäß dem Prinzip „Führung aus einer Hand“ koordiniert die Bundesgeschäftsstelle alle Einsätze der Soforthilfe. Die vier Unterstützungszentren der Soforthilfe, die organisatorisch den Regionalverbänden in Hamburg, Frankfurt am Main und Offenbach-Kinzig, Köln und der Johanniter-Akademie Münster zugeordnet sind, arbeiten dieser in verschiedenen Gebieten zu.

Soforthilfe Einsätze seit 2004_web

Abb. 1: Soforthilfe-Einsätze der Johanniter

Bedeutung von Networking und Kooperation

Von großer Bedeutung für den Einsatzerfolg ist die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Organisationen, sowohl in Einsatzzeiten, als auch außerhalb. Der Aufbau und die Pflege eines verlässlichen Netzwerks an Partnern schafft die Basis für den gegenseitigen Austausch an Informationen und Neuigkeiten. Absprachen und gemeinsame Aktivitäten können zum Beispiel im Bereich der Logistik helfen, vorhandene Ressourcen, wie Transportmöglichkeiten, effizient zu nutzen. Mit dem Technischen Hilfswerk (THW) verbindet die Johanniter seit 2005 eine Strategische Allianz, um gemeinsam einen Beitrag für einen leistungsfähigen und effektiven Bevölkerungsschutz zu leisten, gemäß den individuellen Kernkompetenzen. Auch über die Landesgrenzen hinaus setzen die Johanniter auf Kooperation und Kommunikation mit Partnern. So besteht seit 2009 mit der Landesregierung der Steiermark/Österreich eine Kooperationsvereinbarung im Rahmen der Aus- und Fortbildung.

Engagement der Johanniter im EU-Gemeinschaftsverfahren

Abb. 2: Zusammenarbeit mit THW und DLRG beim Fieldcamp Johanniter 2011. (Bild: JUH/Studnar)

Abb. 2: Zusammenarbeit mit THW und DLRG beim Fieldcamp Johanniter 2011.
(Bild: JUH/Studnar)

Networking ist auch in der Soforthilfe ein Schlüssel und Katalysator für einen erfolgreichen Einsatz. Neben dem „Office for the Coordination of Humanitarian Affairs“ (OCHA) der Vereinten Nationen arbeiten die Johanniter mit dem Bereich Katastrophenschutz der Europäischen Kommission zusammen. Seit der Gründung des EU-Gemeinschaftsverfahrens (GemV) 2001 engagieren sich haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in verschiedenen Aktivitäten, unter anderem bei Ausbildungskursen für Erkundungs- und Koordinierungsexperten, die im Auftrag der Europäischen Kommission in Einsätze entsandt werden. Beim Assessment Mission Course (AMC) unterstützen die Johanniter seit 2006 die Durchführung mit dem THW und dem zyprischen Zivilschutz. Darüber hinaus kommen neun der genannten Experten aus den Reihen der Soforthelfer und stehen für Einsätze der Europäischen Kommission zur Verfügung. Ein Schwerpunkt des Engagements liegt in der Durchführung von Projekten im Auftrag der Europäischen Kommission zu Aufbau, Ausbildung und Ausstattung von Einsatzteams.

Abb. 3: Einsatz EUTAC TAST Haiti 2010 (Bild: JUH/Kampelmann)

Abb. 3: Einsatz EUTAC TAST Haiti 2010
(Bild: JUH/Kampelmann)

EUTAC TAST

Von 2009 bis 2010 wurde im Projekt „European Technical Assistance Cooperation“ (EUTAC) – ein Team zur technischen Unterstützung der EU-Missionen – ein sogenanntes „Technical Assistance Support Team“ (TAST) aufgebaut. In Kooperation mit dem zyprischen Zivilschutz wurde ein Pool von 36 Einsatzkräften ausgebildet, um in einer Teamstärke von bis zu zwölf Mitgliedern für Expertenteams die Unterstützung in den Bereichen Administration, Telekommunikation, Transport und Unterkunft/ Ver­pflegung sicherzustellen. Das Team übte gemeinsam bei mehreren Veranstaltungen, u. a. in Tinglev/Dänemark sowie bei einer Übung bei Graz/Österreich. Mit zwei Einsatzkräften unterstützte es im November 2010 ein Expertenteam der Europäischen Kommission bei einer Erkundung in Haiti in Zusammenhang mit dem Cholera-Ausbruch.

EURAMET

Seit 2010 füllten die Johanniter eine Lücke bei den Fähigkeiten der Europäischen Kommission im Bereich der weltweiten medizinischen Evakuierung per Flugzeug: Gemeinsam mit dem Arbeiter-Samariter-Bund von Österreich und der Slowakischen Republik sowie der Landesregierung der Steiermark wurde von 2010 bis 2011 ein Team aufgebaut und trainiert. Das Ziel des Einsatzes ist die medizinische und psychosoziale Betreuung von europäischen Bürgern bei einer Rückführung per Flugzeug aus Katastrophengebieten nach Europa. Das European Aerial Medical Evacuation Team (EURAMET) trainierte in der zweijährigen Projektlaufzeit mehrmals, unter anderem beim Flight Training Centre von Lufthansa am Flughafen Frankfurt a. M., den Umgang mit Notsituationen an Bord. Die Deutsche Lufthansa AG unterstützte von Beginn an das Projekt als Partner. Abschluss des Projektes war eine Übung am Flughafen Köln/Bonn im November 2011 mit einer simulierten Rückführung von Verletzten.

Beide Teams werden nach Projektende mit Beteiligung von Partnern als Teams der Johanniter-Auslandshilfe aufrechterhalten und weitergebildet, um für Einsätze zur Verfügung zu stehen. Sie sind bei der Europäischen Kommission als einsatzbereit registriert und können jederzeit in den Einsatz geschickt werden, sowohl für die EU als auch zur Unterstützung für andere Soforthilfe-Teams der Johanniter.

EURACARE

Im März 2012 begann ein weiteres Projekt zum Aufbau eines Einsatzteams: Das European Assistance Team for Citizens in Areas of Evacuation (EURACARE) wird gemeinsam mit der Landesregierung der Steiermark entwickelt. Das Team kann auf Anforderung der am GemV teilnehmenden Staaten im Einsatzfall Unterstützung für europäische Bürger bieten, die nach Katastrophen in großer Zahl an bestimmten Orten, wie zum Beispiel Flughäfen, gestrandet sind. Neben der medizinischen und psychosozialen Versorgung hilft das Team den Betroffenen im Rahmen von logistischer Unterstützung und des Informationsmanagements. Ein erster Meilenstein des Projekts fand Ende März 2012 mit einem Workshop für eine breit gefächerte Gruppe an Interessenvertretern in Hamburg statt. In verschiedenen Arbeitsgruppen diskutierten unter anderem Vertreter vom Generaldirektorat für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission, des Europäischen Auswärtigen Dienstes, von Katastrophenschutzorganisationen anderer europäischer Länder und Soforthelfer über die Möglichkeiten und Herausforderungen für dieses neue Team der Soforthilfe.

Prinzipien der Johanniter in der Soforthilfe – Konzentration auf Strategie der Johanniter

Abb. 4: Kernkompetenz Medizin (Bild: JUH/Studnar)

Abb. 4: Kernkompetenz Medizin
(Bild: JUH/Studnar)

Die Johanniter haben sich bewusst für ein Engagement im Europäischen Katastrophenschutz, vor allem im Gemeinschaftsverfahren, entschieden. Grundlage dafür ist die Chance für die Johanniter, die Angebote der EU zu nutzen und die strategische Ausrichtung der Auslands- und Soforthilfe auch hier umzusetzen. Das 2006 verabschiedete Konzept der Soforthilfe und die Ergebnisse einer Zwischenevaluierung von 2008 bieten in vielen Bereichen Raum für die Umsetzung gemeinsamer Ziele der Johanniter und der Europäischen Kommission. Für die Auslandshilfe und letztendlich die Soforthelfer als ehrenamtliche Mitarbeiter der Johanniter, die sich für kurzfristige Einsätze nach Katastrophen weltweit zur Verfügung stellen, sind die oben genannten Aktivitäten eine weitere Möglichkeit, umfassende Erfahrungen im internationalen Rahmen zu sammeln und den betroffenen Menschen reaktionsschnell weltweit zu helfen. Dies beinhaltet u. a. die Nutzung von Ausbildungsaktivitäten, wie zum Beispiel den AMC, die Teilnahme an Übungen für Module und TAST sowie die Durchführung von Projekten, die dem Profil der Johanniter entsprechen.

Prinzip Ehrenamt

Synergie und Komplementarität zwischen Johanniter und EU gelten auch für das Prinzip der Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit. Diese Bedingung ist die Basis für die erfolgreiche Gestaltung des deutschen Zivil- und Katastrophenschutzes. Die Johanniter sind eine der bekanntesten mitwirkenden Organisationen in diesem System. Sie tragen mit ihren mehr als 13 000 hauptamtlichen und etwa 30 000 ehrenamtlichen Aktiven zur Daseinsfürsorge bei Notfällen und Katastrophen in Deutschland bei. Auch die schnelle Hilfe weltweit trägt diesem Prinzip Rechnung: ca. 130 Soforthelfer werden in der Bundesgeschäftsstelle in Berlin geführt, um innerhalb kürzester Zeit in einem der Soforthilfeteams die Betroffenen vor Ort zu unterstützen. Während Soforthilfe wesentlich von Ehrenamtlichen geleistet wird, sind in den Folgephasen der Humanitären Hilfe hauptamtliche Helfer gefragt. Zwar sind die jeweiligen nationalen Konzepte für den Katastrophenschutz in den 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie den fünf teilnehmenden Staaten des Gemeinschaftsverfahrens unterschiedlich strukturiert. Das Prinzip der ehrenamtlichen Basis im Katastrophenschutz von Deutschland und der Johanniter kann jedoch auch im Europäischen Katastrophenschutz effizient umgesetzt werden.

Abb. 5: Zusammenarbeit Johanniter und EU. (Bild: JUH/Kessens)

Abb. 5: Zusammenarbeit Johanniter und EU.
(Bild: JUH/Kessens)

Förderung von Nachhaltigkeit

Der Schlüssel zu einer sicheren Zukunft liegt für die Johanniter in der Stärkung der Präventions-, Vorbereitungs- und Abwehrsysteme, sowohl in Deutschland, in der Europäischen Union als auch weltweit. Die Auslandshilfe der Johanniter setzt dieses Prinzip in den längerfristigen Projekten der humanitären Hilfe weltweit und in der Soforthilfe um: Das Prinzip der Verknüpfung von Sofort- beziehungsweise Not- und Übergangshilfe, Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit wird bereits in den ersten Phasen von Soforthilfeeinsätzen umgesetzt. Hier werden die Grundlagen gelegt, um der Bevölkerung auch langfristig benötigte Hilfe zukommen zu lassen. Dies gilt auch für die mittel- und langfristige humanitäre Hilfe: In den Länder- und Regionalbüros werden Projekte im Rahmen des Themenschwerpunktes von Katastrophenhilfe und Katastrophenvorsorge umgesetzt, unter anderem Erste-Hilfe-Trainings. Durch diesen gesamtheitlichen Ansatz unterstützen die Johanniter den Leitgedanken der Nachhaltigkeit, indem die Resilienz als Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeit zur Selbsthilfe gefördert wird, um die Vulnerabilität der Bevölkerung zu senken.

Zukunft

Abb. 6: Patiententransport beim Johanniter Fieldcamp 2011. (Bild: JUH/Studnar)

Abb. 6: Patiententransport beim Johanniter Fieldcamp 2011.
(Bild: JUH/Studnar)

Auch in der Auslandshilfe fühlen sich die Johanniter der ständigen Qualitätskontrolle und der stetigen Verbesserung verpflichtet. Die turnusgemäße Überarbeitung und Neufassung des Soforthilfekonzeptes wird 2012 abgeschlossen. Im neuen Konzept 2012 werden Erfahrungen aus den Einsätzen aufgegriffen und umgesetzt, vor allem nach dem bisher größten Einsatz in der Geschichte der Johanniter-Auslandshilfe in Haiti im Frühjahr 2010. Der zuständige Fachbereich in der Bundesgeschäftsstelle begleitet die aktuellen Entwicklungen in der internationalen Katastrophenhilfe und leistet auch u. a. einen Beitrag zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit der EU. Dies beinhaltet neben Neuerungen bei den Vereinten Nationen auch Entwicklungen im Rahmen des Europäischen Katastrophenschutzes. Die Johanniter haben die Erarbeitung des Entwurfes zur Änderung des bisherigen Gemeinschaftsverfahrens im Katastrophenschutz bei den Konferenzen der Interessenvertreter in Brüssel aktiv begleitetet – und werden dies auch weiterhin bis zur Finalisierung des „Katastrophenschutzverfahrens der Union“ tun.

Anschrift der Verfasserin:

Photo Sabine LurzSabine Lurz
Auslandshilfe
Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Lützowstraße 94
10785 Berlin
Tel: 030 / 26997-232
E-Mail: sabine.lurz@johanniter.de

Sabine Lurz
geb. am 20. Juni 1981
in München

2000 – 2007: Studium der Soziologie, Abschluss an der Universität Leipzig
2007 – 2008: THW Bundesschule Neuhausen
Seit 2009: Koordinatorin Projekte EU-Katastrophenschutz für die Johanniter-Auslandshilfe, Bundesgeschäftsstelle Berlin
Seit 2011: Dozentin (Honorarbasis) für Notfall- und Katastrophensoziologie, Studiengang Emergency Practitioner an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften Berlin