Ein flächendeckender Stromausfall ist eines der meist diskutierten Szenarien in der deutschen Sicherheitsforschung. Grund hierfür sind einerseits die Erfahrungen mit konkreten Ereignissen wie dem Stromausfall im Münsterland 2005. Zugleich ist es die Warnung der Stromforscher vor den veränderten Randbedingungen der Stromversorgung – etwa durch die Liberalisierung des Strommarktes und die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien. Das „Was-wäre-wenn-Prinzip“ erhält am Beispiel eines mehrtägigen Stromausfalls Einzug in die Debatte um die Öffentliche Sicherheit in Deutschland.

Der Stromausfall ist damit zum Paradebeispiel geworden, wenn es um die Beschreibung der Verwundbarkeit der Gesellschaft geht. In verschiedenen, oft zitierten Studien wird dargelegt, dass die Menschen in Deutschland eine völlig falsche Vorstellung davon haben, wie lange ihre Vorräte ohne Strom nutzbar sind. Hieraus wird die mangelnde Vorsorge der Bevölkerung für diesen Ernstfall abgeleitet und die Informationskampagnen von Politik und Behörden zur Aufklärung über die Gefahren durch einen Stromausfall begründet. Die Bevölkerung wird Adressat der aufgeklärten Sicherheitsforscher und Bevölkerungsschutzexperten, die ein Ende der Vollkaskomentalität und ein höheres Risikobewusstsein reklamieren.

Doch wird die Bevölkerung, so zeigen die Erfahrungen, in ihrer Leistungsfähigkeit bisweilen unter- und hinsichtlich ihrer destruktiven Potentiale überschätzt. Schnell ist von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein auf der einen sowie Chaos und Plünderungen auf der anderen Seite die Rede. Die Argumentationen sollen dazu dienen, eine entsprechende Öffentlichkeit für das Thema zu erzeugen und damit die Aufmerksamkeit für die notwendige Ausstattung der Katastrophenschützer und der Sicherheitsforschung zu erzielen. Dennoch soll an dieser Stelle ein etwas anderes Bild der Bevölkerung in eben diese Diskussion eingebracht werden: Die Bevölkerung als Akteur (nicht nur als Adressat) der Öffentlichen Sicherheit.

Stromausfälle fordern die betroffenen Menschen heraus, denn sie bedeuten eine abrupte Veränderung erwartbarer Entwicklungen. Implizite oder explizite Vorstellungen darüber, wie der heutige oder der nächste Tag bzw. die kommende Woche aussehen und verlaufen, zerfallen und es muss ad hoc eine Handlungsfähigkeit in einer Situation mit vielen ungewohnten Bedingungen gefunden werden. Aus psychologischer Sicht kann von einer Stresssituation gesprochen werden, die individuell unterschiedlich empfunden wird. Verschiedene Handlungsstrategien setzen ein: Informationen zur Ursache und Dauer des Stromausfalls suchen (z. B. beim Nachbarn schauen und fragen), aktiv Maßnahmen zu Verbesserung der Situation einleiten (z. B. nachts Kerzen anzünden, im Winter Decken hervorholen), die emotionale Lage regulieren (mögliche Folgen verdrängen, andere beruhigen).

Mit dem Andauern eines Stromausfalls sinkt die Erfolgsträchtigkeit dieser Handlungen. Angst und Sorge können auftreten, Unsicherheit über den weiteren Verlauf entstehen. Dennoch ist damit nicht verbunden, dass zwangsläufig Massenpanik entsteht. Vielmehr zeigen sozialwissenschaftliche Studien des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit (z. B. Lorenz 2010 zu „Kritischen Infrastrukturen aus Sicht der Bevölkerung), dass zwar Einzelfälle von Panik, aber bislang keine Nachweise für umfassende Massenpaniken als Folge eines Stromausfalls bekannt sind. Gleiches gilt für mutmaßlich erwartete Plünderungen. Zwar sind wenige Fälle von Plünderungen als Folge von Stromausfällen bekannt, allerdings stellen sie vielmehr ein Charakteristikum innerstaatlicher sozialer Unruhen dar (Lorenz 2010).

Die Erfahrungen aus vergangenen Fällen zeichnen ein anderes Bild der Bevölkerung in Deutschland. Die Bevölkerung wird – bzw. macht sich selbst – zum Akteur der Öffentlichen Sicherheit. Soziale Kohäsion findet ihren Ausdruck in solidarischem und fürsorglichem Verhalten. Nicht zuletzt zeigten auch die Ereignisse des Rekordhochwassers in Deutschland 2013 die überraschend hohe Organisationsfähigkeit und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung.

Die Herausforderungen im Katastrophenschutz und in der Sicherstellung der Öffentlichen Sicherheit liegen damit nicht mehr nur in der grundsätzlichen Aktivierung und Sensibilisierung der Bevölkerung für mögliche Bedrohungen. Sie bestehen nun vorrangig in der drängenden und bislang ungeklärten Frage, wie freiwillige Helfer aktiv in die Bewältigung katastrophaler Lagen, wie sie auch durch einen Stromausfall hervorgerufen werden können, eingebunden werden. Bisweilen besteht bei Katastrophenschützern eine gewisse Reserviertheit gegenüber freiwilligen Helfern, wenn sie nicht den trainierten und organisierten Einheiten entstammen. Sicherlich ist dies in den etablierten Abläufen und dem ungleich verteilten fachlichen Knowhow begründet. Zumdem bestehen zahlreiche offene rechtliche (etwa bei Haftungsfragen) oder auch gesundheitstechnische Fragen, etwa wenn es um die Wahrung von Gesundheitsstandards bei der Versorgung Betroffener geht.

Dennoch liegt in der Aktivierung der Bevölkerung als Kooperationspartner von Staat und Behörde in der Bewältigung von Stromausfällen, Winterstürmen und Hochwassern eine Herausforderung, welche anzugehen sich zu lohnen verspricht: Denn sie erhöht beinahe beiläufig den Zusammenhalt in der Gesellschaft, die Sensibilität gegenüber Bedrohungslagen und die Attraktivität der Hilfsorganisationen für Interessierte. „Team Österreich“ und „Team MV“ haben dies erkannt und bilden die Vorreiter einer hoffentlich anhaltenden und erfolgreichen Idee zur Anerkennung der Bevölkerung als AKTEUR der Sicherheit.

Aufmacherbild: uschi dreiucker/pixelio.de

Dr. Lars Gerhold

Lars Gerhold_kleinAnschrift des Verfassers:
Dr. Lars Gerhold
Forschungsforum Öffentliche Sicherheit
Freie Universität Berlin
Fabeckstraße 15
14195 Berlin
Tel.: 030 / 838-51693

geb. am 27. Juli 1976 in Kassel
1997 – 2002: Studium der Politikwissenschaften, Psychologie und Soziologie an der Universität Kassel
2008: Promotion zum Umgang mit makrosozialer Unsicherheit
2003 – 2005: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Kassel
2005 – 2009: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Futur der Freien Universität Berlin
Seit 2009: Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungsforums ­Öffentliche Sicherheit an der Freien Universität Berlin. Verantwortlich für die fachliche Strukturierung ­sowie die Konzeption und Koordination der angesiedelten wissenschaftlichen Projekte
Forschungsschwerpunkte: Sozialwissenschaftliche Risiko- und ­Sicherheitsforschung, wissenschaftliche Zukunftsforschung