Das THW im Hochwassereinsatz

Das Flusshochwasser 2013 führte den zweitgrößten Einsatz in der Geschichte des THW mit sich. Von Bayern bis an die Nordsee waren von Mitte Mai  über einen Zeitraum von mehr als sechs Wochen, mehr als 16 000 THW-Kräfte im Einsatz. Jede eingesetzte Kraft war im Schnitt 100 Stunden dabei – in der Summe waren es somit für das THW 1,6 Millionen Stunden.

Während aller Orten zu Beginn des Flusshochwassers auf Defizite des Hochwasserschutzes der betroffenen Städte, Gemeinden und Landkreise geachtet wurde und das mediale Interesse auf spektakulären Bildern und Schicksalen lag, ergab sich bei den eingesetzten Organisationen ein differenzierteres Bild. In der Gesamtschau kann durchaus positiv Bilanz gezogen werden: Vieles ist in den vergangenen Jahren, insbesondere seit 2002, verbessert worden, noch mehr muss allerdings noch getan werden. Vor allem die Einsatzorganisationen haben aus den vergangenen Einsätzen gelernt und insbesondere in den Bereichen Führung und Koordinierung ihre Lehren gezogen. Eine unumstößliche Erkenntnis ist, dass die Natur dem Menschen immer wieder die Grenzen aufzeigen wird. Wir können letztendlich nur versuchen, die Ausmaße von Katastrophen zu reduzieren. Hierbei ist hervorzuheben, dass dies eine gesamtheitliche Aufgabe ist, die nicht alleine gelöst werden kann. Hier müssen alle Akteure zusammen und in eine Richtung arbeiten.

Neue Herausforderungen

Ein Aspekt, der nicht nur medial seinen Wiederhall gefunden hat, ist die Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, die sich über die sozialen Netzwerke organisierten, um spontan Hilfe zu leisten. Ein positiver Trend, der zu begrüßen ist. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass durch demografischen Wandel, geändertes Freizeitverhalten, die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie und nicht zuletzt durch den Wegfall der Wehrpflicht die Einsatzorganisationen um Nachwuchs ringen. Für Fußballvereine ist es sicherlich undenkbar, nicht eingespielte Mannschaften mit Trainingsdefizit auf den Platz zu schicken. Für Einsatzorganisationen wie das THW sind aber vielleicht gerade hier neue Wege der Nachwuchsrekrutierung deutlich geworden.

Wie diese Bereitschaft, sich spontan zu engagieren, in die Einsatzkonzepte eingearbeitet werden kann, muss nun überlegt werden. Im Bereich der Forschung ist das THW bereits an dem Forschungsvorhaben INKA – Professionelle Integration von freiwilligen Helfern in Krisenmanagement und Katastrophenschutz beteiligt. Inhalt und Ziel dieses Forschungsvorhabens ist eine Betrachtung der Möglichkeiten und Grenzen für die Einsetzbarkeit von spontanen Freiwilligen in Katastrophen. Klar ist – zumindest nach derzeitigem Kenntnisstand –, dass eine Führung von Einheiten via Facebook und anderen sozialen Netzwerken noch nicht als alternatives Mittel in Frage kommt. Vielmehr wird es künftig eine Aufgabe für die Einsatzleitungen vor Ort sein, das Phänomen der „Sandsack-Flashmobs“ zu integrieren und zu koordinieren. Natürlich ist es besser ins THW zu kommen, die Grundausbildung abzuleisten und dann als vollwertige Einsatzkraft zur Verfügung zu stehen.

Warten, obwohl Hilfe gebraucht wird

Der „Sandsack-Flashmob“ steht zwar nicht in Konkurrenz zu den Facheinheiten, dennoch lässt er menschliche Aspekte zu Tage treten: Warum zum Beispiel stehen Hundertschaften in Bereitschaft, wenn vor Ort offenbar solch große Not am Mann ist, dass auf spontan organisierte Freiwillige zurückgegriffen werden muss? Warum müssen gut ausgebildete Fachkräfte in Bereitstellung ausharren, wenn Laien Sandsäcke füllen und sogar verbauen? Hier liegen die Herausforderungen der Zukunft. Die Vorzüge zu erkennen, fällt auf den ersten Blick sicherlich nicht leicht. Letztendlich aber hat der Einsatz der Laien dazu geführt, dass die Facheinheiten gerade des THW gemäß ihrer Expertise eingesetzt werden konnten und eben nicht überall in das Befüllen von Sandsäcken eingebunden war.

Hinzu kommt, dass das Warten in Bereitschaft in der Nähe der Einsatzorte und das Bilden von Reserven oft schon die Erfüllung eines Auftrages ist. Hier wurde deutlich, dass die Aufgaben während eines Einsatzes klarer kommuniziert werden müssen. Vielleicht helfen uns hier künftig auch die sozialen Netzwerke. Alle Kräfte im Einsatz zu haben bedeutet übrigens, dass keine Reserven mehr für weitere möglicherweise dringlichere Einsätze zur Verfügung stehen, dass dringender Personalaustausch nicht vorgenommen werden kann – dass ein fahrlässiger Umgang mit unserer wichtigsten Ressource, den Einsatzkräften, erfolgt.

Die Bilanz des THW

Dass das THW bei diesem Flusshochwasser seine Aufgaben erfüllt hat, war aller Orten offensichtlich. Dabei haben die Helferinnen und Helfer der zivilen Einsatzorganisation des Bundes gezeigt, dass die Bevölkerung sich auf das THW verlassen kann. Das vom THW abgeforderte Leistungsspektrum während der sechs Wochen Hochwassereinsatz war groß, die Bandbreite der Hilfeleistungen immens: In den Krisenstäben unterstützten die THW-Fachberater, indem sie die Lage beurteilten und Einsatzoptionen vorschlugen. Dabei bewährten sich insbesondere die Deichfachberater, die überall gleichzeitig zu sein schienen. Die THW-Einheiten sicherten zudem Deiche, bauten Hochwasserstege und -schutzwände, räumten Verkehrswege frei und leuchteten die Einsatzstellen aus, um Arbeiten bei Nacht zu ermöglichen. Ungezählt sind zudem die Evakuierungsfahrten in den überfluteten Bereichen und das Bergen von Treibgut, um die Deiche vor Schäden aus dem Wasser zu schützen. Mehrfach unterstützten THW-Experten Deichsprengungen. Mit rund 200 Einsatzkräften wurde unter anderem die einzigartige Sprengung dreier Schiffswracks unterstützt, um einen Deichbruch bei Fischbeck zu schließen. Bei Stendal sprengte das THW Deiche um ein schnelleres Rückfließen der Wassermassen in die Saale und die Elbe zu ermöglichen. Darüber hinaus stellte das THW vielerorts die Strom- und Trinkwasserversorgung für Haushalte und Gewerbe sicher.

Mit den seit 2002 beschafften Hochleistungspumpen entfernten die Helferinnen und Helfer Wasser und Schlamm von Straßen, aus Kanälen und Kellern, THW-ler separierten ausgetretene Giftstoffe wie Heizöl vom Wasser, um größere Umwelt- und Gesundheitsschäden zu verhindern. Bis zuletzt waren die mobilen Pegel im Einsatz, um Wasserstände zu messen und Veränderungen zu dokumentieren. Darüber hinaus übernahm das THW Spezialaufgaben. Die hauptamtlichen Mitarbeiter in der THW-Leitung, den Landesverbänden und Geschäftsstellen sorgten durch einen 24-Stunden-Betrieb für den reibungslosen Ablauf der Einsätze vor Ort.

Um die Helferinnen und Helfer zu sammeln und zu koordinieren, betrieb das THW zehn große Bereitstellungsräume. Hier wurden jeweils zwischen 100 und 900 Kräfte mit Feldbetten, sanitären Einrichtungen und Verpflegung versorgt. Allein in Magdeburg waren bis zu 2 300 THW Helferinnen und Helfer zeitgleich unterzubringen und zu versorgen. Hier ging es unter anderem darum, gemeinsam mit der Feuerwehr ein Umspannwerk ohne Hochwasserschutz nahe Magdeburg zu schützen. Mit Erfolg, denn die Stromversorgung für Magdeburg wurde aufrechterhalten und sichergestellt.

Der Hochwassereinsatz kostete das THW rund 30,5 Millionen Euro. Die Kosten hierfür übernimmt der Bund in voller Höhe aus dem dafür vorgesehenen Hilfstopf.

Fazit

Jetzt heißt es, nicht nur für das THW, aus den gewonnenen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen, um in Zukunft vergleichbare Einsätze in der gleichen, bewährten beziehungsweise noch besserer Qualität zu bewältigen. Besser geht es bekanntlich immer. Hier sind insbesondere die Aspekte der Einbindung der spontanen Hilfsbereitschaft der Bevölkerung vor Ort sowie die kontinuierliche Verbesserung der Ausbildung für den Einsatz und der Einsatzausstattung hervorzuheben. Hier darf aufgrund des möglicherweise zeitweisen Ausfallens weiterer Katastrophen nicht auf halber Strecke aufgehört werden. Eine nicht fertig gestellte Schutzwand ist genau so nutzlos wie nicht umgesetzte Einsatzkonzepte.

Anschrift des Verfassers:

_Broemme_Albrecht_farbig_Foto_Hans_Schafgans_webAlbrecht Broemme
Präsident
Bundesanstalt Technisches Hilfswerk
Provinzialstr. 93, 53127 Bonn
Tel.: 0228/940-0
E-Mail: Albrecht.Broemme@thw.de