Bei einem schwerwiegenden Unfall in einer kerntechnischen Anlage kann es zur Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umgebung der Anlage kommen. Zum Schutz der Bevölkerung müssen in einem solchen Fall unter Umständen Maßnahmen des Katastrophenschutzes getroffen werden.

Zur Planung dieser Maßnahmen existieren für die Standorte der kerntechnischen Anlagen besondere Katastrophenschutzpläne. In diesen Plänen sind einerseits die möglichen Maßnahmen und andererseits die Verfahren zur Feststellung des Erfordernisses der Durchführung vorgeplant.

Die geplanten Sofortmaßnahmen sind

– eine Evakuierung der betroffenen Gebiete,
– die Aufforderung zum Verbleiben in Häusern (sheltering),
– das Einnehmen von Kaliumjodidtabletten,
– das Aussprechen von Verzehrverboten für frisch geerntete Lebensmittel.

Planungsradien

Für die Planung dieser Maßnahmen sind Zonen um die Anlage herum festgelegt. Die Radien dieser Zonen werden auf Empfehlung der Strahlenschutzkommission des Bundesumweltministeriums deutlich erweitert. Die Planungsradien sind zukünftig 5 km für die Zentralzone, 20 km für die Mittelzone und 100 km für die Außenzone, mit einer 30° Sektoreneinteilung in der Mittel- und Außenzone. Grundlage hierfür war eine Überarbeitung der Empfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen unter dem Eindruck des Reaktorunfalls von Fukushima Daichi in Japan. Das auslösende Ereignis hier war eine Hochwasserschadenslage, für die die Anlage nicht ausgelegt war. Die bisherigen Planungen stützten sich auf die mögliche Schwere eines Unfalls und dessen Eintrittswahrscheinlichkeit, wobei extrem seltene Ereignisse keine Berücksichtigung in der Planung fanden. Bei der jetzigen Festlegung wurden hohe Quellterme aus Reaktorsicherheitsstudien ohne Betrachtung der Eintrittswahrscheinlichkeit und reale Wetter- und Ausbreitungssituationen zu Grunde gelegt. Damit werden auch nicht betrachtete Unfallursachen, wie z. B. nicht erkennbare Auslegungsmängel oder sehr unwahrscheinliche Unfallabläufe sicher abgedeckt.

Die genannten Katastrophenschutzmaßnahmen werden durch die jeweiligen Katastrophenschutzbehörden der betroffenen Bundesländer angeordnet, wenn die entsprechenden Eingreifrichtwerte (Personendosen in Integrationszeitraum, z. B. 100 mSv in sieben Tagen als Eingreifrichtwert für Evakuierung) erreicht werden oder dieses erwartet wird. Um dieses festzustellen wird eine radiologische Lage ermittelt. Diese geschieht durch das radiologische Lagezentrum, das üblicherweise beim Umweltministerium des Landes angesiedelt ist, in dem sich die kerntechnische Anlage befindet. Die benachbarten Bundesländer sollen diese radiologische Lage übernehmen.

Diese Lage wird aus unterschiedlichen Datenquellen erstellt:

– Prognoserechnungen,
– Daten aus stationären Messnetzen,
– Daten aus Messungen in den betroffenen Gebieten.

Prognosedaten

Die Prognoserechnungen für den unmittelbaren Bereich um die Anlage werden durch das betroffene Land erstellt und stützen sich auf Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes und dem prognostizierten Quellterm. Für weiterreichende Prognosen werden durch das Bundesamt für Strahlenschutz mit Hilfe des sog. RODOS (Realtime Online Decision Support System) die zu erwartenden Belastungen ermittelt.

Nach einer erfolgten Freisetzung radioaktiver Stoffe aus der Anlage werden diese Prognosedaten zunehmend durch Messwerte abgesichert.

Hier kommen fest installierte Messgeräte zum Einsatz. Das sind das Messnetz zur Bestimmung der Ortsdosisleistung des BfS, die Luftmessstationen des DWD, die Messnetze der Bundesländer und Messstationen der Betreiber der Anlage. Das Messnetz des BfS besteht aus 1800 Dosisleistungsmessgeräten, die in einem 15 x 15 km Raster über die Bundesrepublik verteilt sind. Durch die Messnetze der Bundesländer und die Betreibermessungen wird eine Verdichtung der Informationen um die kerntechnischen Anlagen herum erreicht. Diese Messnetze sichern einerseits die Prognosedaten ab und dokumentieren den Durchzug der Wolke radioaktiver Stoffe.

Messfahrt. (Grafik: KHGmbH)

Messfahrt. (Grafik: KHGmbH)

Messungen

Nach dem Durchzug der Wolke werden Messungen durch Messtrupps des Katastrophenschutzes und des Betreibers der Anlage (Messtrupps der Anlage und Messtrupps der Kerntechnischen Hilfsdienst GmbH, KHG) durchgeführt. Hier besteht eine Aufteilung der Aufgaben: Der Betreiber ist verantwortlich für die Überwachung eines Radius von 2 km und des hauptbeaufschlagten Bereichs (drei Sektoren) in einem Radius von 10 km. Die angrenzenden Bereiche des 10 km Ringes und der Bereich mit einem Radius von 20 km wird von den Kräften des Katastrophenschutzes mit Hilfe sog. ABC-Erkundungskraftwagen erfasst.

Es kommen zwei, sich ergänzende Messverfahren zum Einsatz. Während der Fahrt der Messwagen werden Standort und Ortsdosisleistung aufgezeichnet und diese Daten in Karten eingefügt. Diese Spuren werden ergänzt durch Messungen der Ortsdosisleistung, der Oberflächenkontamination und durch Probenahmen von Bewuchs, Boden und Wasser an vordefinierten Messpunkten (Störfallmessprogramm gem. Richtlinie zur Emissions- und Immissionsüberwachung kerntechnischer Anlagen (REI)).

Diese durch Messtrupps erhobenen Daten werden durch Messungen aus der Luft erweitert. Das BfS verfügt über Messsysteme, die in Hubschraubern der Bundespolizei eingebracht werden. Mit Hilfe dieser sog. Gammaaeroradiometrie können große Flächen schnell erfasst werden.

Alle diese Messdaten werden in dem radiologischen Lagezentrum zusammengeführt und bilden die Grundlage für das Auslösen der notwendigen Maßnahmen des Katastrophenschutzes.

Fazit

Mit der dargestellten Vorgehensweise ist es möglich, schnell zu einer sicheren Beurteilung der radiologischen Lage und der resultierenden Gefährdung zu kommen. In der Folge des Reaktorunfalls in Japan kam es in Deutschland zu überzogenen Reaktionen, wohl auf Grund einer großen Angst vor der schädlichen Wirkung radioaktiver Stoffe. Die Wirksamkeit der eingeleiteten Maßnahmen wird daher auch davon abhängig ysein, ob es gelingt, diese Fakten der betroffenen Bevölkerung zu kommunizieren und Vertrauen in die Wirksamkeit der Maßnahmen zu wecken.

Aufmacherbild: RODOS Prognose. (Bild: BfS)

Stefan Prüßmann

PassbildAnschrift des Verfassers:
Stefan Prüßmann
Deutsch-Schweizerischer Fachverband für Strahlenschutz e. V.
Sekretär des Arbeitskreises Notfallschutz
Postfach 1205, 85740 Garching
Tel.: 07247/81-135

Stefan Prüßmann
Dipl.-Ing. (BA) Strahlenschutz
geb. am 24. November 1960 in Hamburg
Studium an der Berufsakademie Karlsruhe
Tätigkeit bei Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe als
– Schichtingenieur Strahlenschutz
– Schichtleiter (KTA)
– Leiter des Bereichs Strahlenschutz
– Fachbereichsleitung Restbetrieb
Seit 2005: Leiter des Bereichs Strahlenschutz und Dekontamination bei der Kerntechnischen Hilfsdienst GmbH
Tätigkeit als Sekretär des Arbeitskreises Notfallschutz innerhalb des Fachverbands für Strahlenschutz e. V.
Mitglied des Ausschusses Notfallschutz der Strahlenschutzkommission des BMUB