Feuerwehrleute, die zu einem Einsatz gerufen werden, sollen Menschen und Gebäude retten. Immer häufiger müssen Sie aber auch technische Hilfeleistung durchführen, bei der oft die Rettung und Erstversorgung von verletzten Personen vorkommt.

Dies können Einzelpersonen sein, die schwer verletzt und zudem eingeklemmt sind. Bei einem Busunfall sind viele Personen beteiligt. Hier können zudem unterschiedliche Grade an Verletzungen auftreten.

Bei Gebäuden kann die Rettung von Einzelpersonen aus größerer Höhe oder Tiefe, aber auch die Evakuierung vieler Menschen anstehen.

Sehr komplex kann die Evakuierung einer Intensivstation in einem Krankenhaus werden, wenn darunterliegende Stockwerke in Brand geraten sind.

Großräumige Katastrophen und Großschadenslagen nach Unfällen (z. B. Zug-, Massenunfall Autobahn) zeichnen sich durch viele Verletzte aus, die zunächst alle Ressourcen überfordern.

In diesen Fällen spielen auch ‘Human Factors’, wie Kommunikation, Koordination und Ressourcenmanagement eine wichtige Rolle.

Großübungen zur Ausbildung

Die aktuelle Ausbildung zeichnet sich durch Großübungen aus, die lange geplant werden und zur Durchführung viele Personen und Gerätschaften benötigen.

Unter www.youtube.com/watch?v=pmPYh7637g0&­ feature=related findet man ein Beispiel einer solchen realen Übung. Zahlreiche Schauspieler sind erforderlich, welche die Opfer darstellen und aufwändig geschminkt werden müssen.

Unter www.sogro.de findet man ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Forschungsprojekt für die Erstversorgung von Unfallopfern, insbesondere beim Massenanfall von Verletzten (MANV). Hier wurden Großübungen mit realen Fahrzeugen und Personen abgehalten.

Die aktuelle Ausbildung der Feuerwehrleute umfasst auch die Ausbildung zum Rettungssanitäter oder zum Rettungsassistenten (www.duesseldorf.de/feuerwehr/auf/aufr.shtml). Damit sind die Feuerwehrleute bei einem Einsatz fachlich bestens vorbereitet.

Wie kann man nun die Ausbildung bei der Feuerwehr zur Menschenrettung und Erstversorgung mittels Simulation ausgestalten? Im Folgenden wird versucht, hierzu einen Überblick zu geben. Zu den jeweiligen Projekten sind vielfach die Internetlinks angegeben. Hiermit kann man auf Bild- und Videomaterial zugreifen sowie die nähere Produkt- oder Projektbeschreibung erhalten.

Im Text werden unter dem Begriff Feuerwehrmann natürlich auch Feuerwehrfrauen verstanden, auf umständliche geschlechtsspezifische Formulierungen wird verzichtet.

E-Learning und Blended Learning

Für die Vermittlung des theoretischen Fachwissens gibt es neben den sehr häufig eingesetzten Präsenzkursen auch eine Reihe von Kursen, die das Internet als Lernplattform nutzen. Manche vermitteln das Wissen über e-learning, andere kombinieren die Ausbildung zusätzlich mit Praxisphasen (blended learning).

Ingenium bildet Ersthelfer im Betrieb mittels e-learning aus. Der angebotene Kurs nutzt Texte mit integrierten Bildern und reale Filmaufnahmen.

ExpertCollege setzt Videos ein, die mittels Avataren erstellt wurden. Die Software ist serious game-artig, die Avatare verfügen über Vitalitätszeichen.

HSI bietet ein Booklet mit Informationen und Abbildungen. Filmszenen mit verschiedenen Szenarien sind verfügbar. Die Filme mit Demohandlungen wurden mittels Patientenpuppen gedreht.

Das DRK bietet unter www.elearning.lv-rlp.drk.de ebenfalls e-learing an.

Das Produkt „Resus Sim Prehospital’’ bietet einen e-learning Kurs mit photobasierten Anwendungen und realen Szenen an und wird inhaltlich sehr gut bewertet. Mancher Nutzer bezweifelt jedoch die Aktualität.

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Bee Gees retten Leben

Für bestimmte Rettungsmaßnahmen sind 3D Simulationen verfügbar. So retten in www.stayingalive.fr/en/ auch die Bee Gees Leben. Die Anwendung ‘Staying Alive’ ist als webbasierte 3D Anwendung konzipiert (benötigt 3D Via Player, kostenlos), in der der Umgang mit einem Defibrillator aufgezeigt wird. Hintergrund: Das Lied ‘Staying Alive’ bietet den nahezu optimalen Takt für die Herzdruckmassage.

Klinische Simulationszentren

Im Bereich der Ausbildung von Notfallmedizinern kommen heute an fast allen deutschen Kliniken Simulationszentren zum Einsatz. Dort sind alle relevanten Einrichtungen und Geräte aufgebaut. Die Patienten werden über Hightech Patienten- und Simulationspuppen dargestellt, welche auch behandelt werden können. Die Puppen verfügen über Vitalitätszeichen, Puls, Blutdruck und weitere Parameter.
Durch Hinzufügen entsprechender Module können Erste-Hilfe-Maßnahmen und Bergungspraktiken in die Ausbildung integriert werden. Anbieter sind u. a. Laerdal und Gaumard.

Neben ‘’normalen’’ Patientenpuppen sind auch Schwerverletzten-Puppen verfügbar, die bei einem Unfall-Training eingesetzt werden könnten.
Es gibt Anbieter im Bereich der Rettungsdienstausbildung, die diese Puppen für das praktische Training nutzen (z. B. www.rkish.de).

Computerspiele

Im Bereich der Computerspiele ist die Emergency-Serie (USA 911: First Responders) die wohl bekannteste Reihe von Titeln. Der Spieler muss eine Reihe von spannenden Missionen im Bereich

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Katastrophen und Unfällen lösen. Die Partner-Websites listen zahlreiche freiwillige Feuerwehren auf, die dieses Spiel mit Begeisterung aufnehmen. Die exzellente Graphik erzeugt realistische Szenen.

Der amerikanische Gegentitel ist ‘’Zero Hour: Americas Medic’’. Finanziert wurde das Projekt laut washingtonpost.com (31.03.2009) durch das Department of Homeland Security. Unter inside.gwumc.edu findet man einen Bericht über den Einsatz bei der Ausbildung von Ersthelfern.

Serious Games

Ein aktueller Trend für die Erstellung von Lernsimulationen (‘’serious games’’) ist die Verwendung der Software, mit der 3D Computerspiele erstellt werden.

Unter www.hcilab.uniud.it findet man das Projekt EMSAVE („Emergency Medical Services for the disAbled“ Virtual Environment). Dieses Projekt ist ein Bildungssystem, das Virtual-Reality-Szenarien für die Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern bzgl. des Umgangs gegenüber Menschen mit Behinderungen in Notfalleinsätzen verwendet. Das Training mit behinderten Menschen dürfte im Realtraining nur schwierig umzusetzen sein.

Eine andere Zielgruppe hat das unter www.inmedea-simulator.net zu findende simulierte Krankenhaus. Hier können sich Patienten über die Struktur und Abläufe eines Krankenhauses informieren.

Eine fachlich eng fokussierte VR Anwendung (Virtual Reality) ist unter ww.vrmagic.com/de/medizinische-simulatoren zu finden. Hier kann ein Arzt in der Augenheilkunde mittels VR Techniken trainieren.

Der Aufbau von Simulationszentren mit Patientenpuppen ist sehr gut für die Praxisphase geeignet. Es stellt sich jedoch die Frage, ob man diese Ausbildung nicht auch mit Simulation kombinieren könnte?

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Virtuelles Krankenhaus

Ein sehr interessantes Projekt findet man hierzu unter www.humansim.com. Das Projekt entwickelt virtuelle Patienten mit inneren Organen, Haut, Knochen und entsprechenden Vitalitätszeichen. Die Wirkung von Medikamentengaben können studiert werden. Die virtuellen Patienten sind in einem simulierten Krankenhaus mit den entsprechenden Räumlichkeiten verfügbar. Das System ist speziell für ein Team-Training ausgelegt.

Basierend auf dieser Core-Technologie werden verschiedene Produkte vorbereitet. Das Produkt „3DiTeams“ dient für die medizinische Ausbildung und dem Team-Training mit bis zu 32 Personen.

Triage

Eine besondere Herausforderung stellen Großschadenslagen dar. Das BMBF fördert hierzu im Bereich „Forschung für die zivile Sicherheit“ 17 Projekte (www.bmbf.de/de/13091.php). Ein Hauptziel vieler Projekte ist u. a. die datentechnische Verknüpfung aller an der Rettung beteiligten Organisationen mittels IT-Technologien. Ein ähnliches Ziel verfolgte das EU-Projekt WISECOM.

Eines der BMBF Projekte ist VoTeKK (Vorbereitung auf Terroranschläge, Krisen und Katastrophen; Koordinator Dr. Fischer, Uniklinik Bonn), bei dem unterschiedliche Formen des webbasierten Lernens erprobt werden sollen. Computerbasierte Simulationen und Virtual Reality sollen zum Einsatz kommen.

Unter www.esitriage.org oder www.windrosemedia. com findet man Triage-basierte e-learing Angebote.

Das Projekt SAFeR (Strategische und Ablauf-unterstützende Einsatzinformationen für Feuerwehr und Rettungsdienst) der ­Feuerwehr- und Katastrophenschutzschule in Rheinland-Pfalz wird zur Ausbildung von Führungskräften eingesetzt. Hier ist man den Weg gegangen, zwei kommerziell verfügbare Soft­wareprodukte (XVR, ISEE) miteinander zu verknüpfen. Der Hersteller E-Semble (www.e-semble.com) kann als ein Marktführer im Bereich Ausbildung, Training und Evaluierung der Katastrophenlogistik bezeichnet werden. Patienten und Verletzungen werden dynamisch mittels einer Datenbank dargestellt, die auf Realdaten basiert. SAFeR hat den Praxistest bestanden und wird regelmäßig eingesetzt.

Auch HUMANSIM zielt mit dem Projekt ‘’Pivotal Decision’’ in diese Richtung. Zielgruppe sind Ersthelfer, die in zwei Stunden ausgebildet werden.

Das Produkt Triage-Trainer bietet ein sehr realistisches Avatar-System. Es hat jedoch den Anschein, dass die Entwicklung nicht weiter verfolgt wird.

Vitalsysteme und Avatare

Ein sehr anspruchsvoller Avatar ‘SantosHuman’ ist aus einer Kooperation zwischen einer Hochschule und der US-Army entstanden (www.ccad.uiowa.edu/ vsr/ bzw. www.santoshumaninc.com). Wie Santos nutzen viele CAD-basierte Entwicklungen Avatare. Der Fokus liegt häufig auf biomechanischen Fragenstellungen bis hin zu virtuellen Crashsimulationen. Firmen wie Zygote (www.zygote.com) oder Dipp GmbH (www.vr-laboratory.com) bieten Modelle, die innere Organe einbeziehen.

KATIE

KATIE ist ein Projekt der Universität Kassel, das u. a. Avatare für Simulationsanwendungen entwickelt. Die für Katastrophen entwickelten Modelle nutzen keine graphischen Modelle der inneren

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Organe, die Funktionalität der wichtigsten Parameter des Vitalsystems erfolgt über deren Simulation.

Die häufigsten Verletzungen bei Unfällen sind Frakturen, Verbrennungen, Gasvergiftungen und Blutungen sowie der damit zusammenhängende Schock. Für Hilfsmaßnahmen relevant sind das Atemsystem, das Kreislaufsystem, das Bewusstsein und die Körpertemperatur. Um virtuelle Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführen zu können, sind die Bereiche Transport, Lagerung, Verletztenanhängekarte, Beatmung, Herzdruckmassage, Schocklage, Ansprechen und Rütteln wichtig.

In einem virtuellen Training sollten diese Maßnahmen bei Personen mit den aufgeführten Verletzungen durchgeführt bzw. angewendet werden können.

Das KATIE-Projekt hat eine Prototypsoftware entwickelt, mit der Verletzte skriptgesteuert erzeugt werden können. Die oben genannten Verletzungen können damit in flexiblen Abstufungen nachgebildet werden. Die verwendeten Werte fließen in das interne Vitalsystem ein, das die wichtigsten Vitalwerte wie Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Körpertemperatur bereitstellt.

Eine Bibliothek mit den erforderlichen realistischen Bewegungen für die Avatare wurde im KATIE-MOCAP Labor aufgezeichnet. Damit sind virtuelle Erste Hilfe Maßnahmen durchführbar. Auch eine virtuelle Verletztenanhängekarte steht zur Verfügung. Nach einer Untersuchung kann diese ausgefüllt werden.

Auch die Durchführung von Maßnahmen des Ersthelfers am Verletzten, wie z. B. das Anlegen eines Verbandes, ist möglich. Mittels RTW können die Verletzten in ein simuliertes Krankenhaus transportiert werden. Die einzelnen Komponenten werden aktuell in weiteren Schritten miteinander zusammengefügt.

Fazit

Der Artikel hat aufgezeigt, dass leistungsfähige Simulationssysteme zum Training von Ersthelfern zur Verfügung stehen. Der Einsatz bei der Ausbildung von Feuerwehrleuten steht damit eigentlich nichts mehr im Weg. Eine Kombination mit den verfügbaren Patientenpuppen könnte sogar moderne Ausbildungskonzepte wie Blended Learning ermöglichen.

Wie die Erfahrungen bei Großschadenslagen zeigen, ist der Faktor ‚Human Skills’ für die erfolgreiche Bewältigung der Aufgaben von großer Bedeutung. Auch hier sind Simulationen von großräumigen Schadenslagen ein effektives Mittel, um verschiedene Situationen vorzugeben und Ausbildungen durchzuführen.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr.-Ing Dieter Wloka, M.Eng
Universität Kassel
Fachgebietsleiter
Fachbereich 16 Elektrotechnik/Informatik Fachgebiet Technische Informatik
Wilhelmshöher Allee 73, 34121 Kassel
Tel.: 0561 / 804-6335
Fax: 0561 / 804-6003
E-Mail: wloka@inf.e-technik.uni-kassel.de

Prof. Dr.-Ing. Dieter Wloka
geb. am 19. Januar 1955 in Görlitz

  • 1981: Beginn seiner Auseinandersetzungen mit der Computergraphik bei einem Aufenthalt an der McGill University, Montreal
  • Er begann seine Laufbahn im Bereich Simulationen auf dem Gebiet der graphischen Simulation von Robotern. Paketentwicklung ­„ROBSIM“
  • Einführung der Spacemouse als 3D Eingabegerät in der Computergraphik gemeinsam mit der DLR
  • Seit 1993: Vertreter des Fachs Technische Informatik an der Universität Kassel.
  • Leitung des BMBF-Projekt „RMS – Radfahren mit Multimediasoftware“ gemeinsam mit Partnern, wie der Bundesanstalt für Straßenverkehr (BAST), dem RWTÜV sowie Fachexperten im Bereich Verkehrserziehung. Die entwickelte Software wurde bei mehr als 400 deutschsprachigen Schulen europaweit eingesetzt.
  • Wörteranzahl: 1633
  • Entwurf wurde um 12:26:34 Uhr gespeichert.
  • Das Fachgebiet betreibt als Vertriebsplattform die Seite: www.e-brandschutz.de. Hier werden e-learning Kurse vermarktet.
  • Aktuell initiiert das Fachgebiet das Projekt KATIE, welches erstmals auf der Interschutz 2010 der Fachwelt vorgestellt wurde.