Seit vielen Jahren wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Selbsthilfekompetenz der Bevölkerung in Deutschland unbedingt gesteigert werden muss. Konkrete Vorschläge, wie bzw. durch welche Maßnahmen sich die Selbsthilfekompetenz tatsächlich erhöhen lässt, gibt es jedoch kaum – erziehungswissenschaftliche Untersuchungen liegen zu dieser Thematik nur vereinzelt vor. In der bislang verfügbaren Fachliteratur finden sich fast ausschließlich Allgemeinplätze, in denen lediglich ein „Mehr“ an Ausbildung gewünscht wird. Dabei sind viele didaktische und methodische, aber auch bildungsorganisatorische Fragestellungen empirisch weitgehend ungeklärt.

Erziehungswissenschaft im ­Bevölkerungsschutz?

Als pädagogisches Handlungsfeld wird der Bevölkerungsschutz überhaupt erst seit kurzem wahrgenommen: Einerseits wurde die Förderung der Selbsthilfekompetenz von Erziehungswissenschaftlern jahrelang völlig unbeachtet gelassen, andererseits wurde erziehungswissenschaftliche Expertise von den Akteuren in der Praxis des Bevölkerungsschutzes auch nicht einbezogen. Durchaus vorhandene Chancen für einen wechselseitigen, bereichernden Austausch sind über einen längeren Zeitraum weitgehend ungenutzt geblieben. So wird die Förderung der Selbsthilfekompetenz in Kindergärten und Schulen beispielsweise kaum angesprochen. Spezifische Schulungszentren, wie z. B. die Floriansdörfer in Aachen und Iserlohn oder ein „Feuerwehr-Informationszentrum“ (FIZ), gibt es nur an sehr wenigen Orten. Zudem sind sie der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Auch in der Erwachsenenbildung ist die Förderung der Selbsthilfekompetenz schlichtweg kein Thema. Insofern darf es nicht verwundern, dass sich die meisten Menschen in Notfallsituationen ausschließlich auf Hilfeleistungen durch entsprechende Institutionen bzw. Organisationen verlassen. In der Fachliteratur wird in diesem Kontext auf ein „selbstschutzspezifisches An­alphabetentum“ und eine „Vollkaskomentalität“ der Bevölkerung hingewiesen. Nicht zuletzt offenbart sich hier allerdings auch ein (Aus-)Bildungsdefizit!

Ein notfallpädagogisches Gesamtkonzept?

Möglicherweise könnte es daher hilfreich sein, analog zur Notfallpsychologie und zur Notfallmedizin künftig auch eine spezielle „Notfallpädagogik“ zu etablieren: Bisherige Handlungsansätze zur Förderung der Selbsthilfekompetenz könnten erziehungswissenschaftlich reflektiert, ggf. modifiziert und zu einem modular aufeinander aufbauenden Gesamtkonzept zusammengeführt werden. Einige Eckpunkte, die bei der Entwicklung und Umsetzung eines derartigen Gesamtkonzeptes diskutabel erscheinen, sind nachfolgend dargestellt:

Beginn

Elementare Maßnahmen zur Förderung von Selbsthilfekompetenz müssen unbedingt bereits im Kindergarten, spätestens in der Grundschule einsetzen. Zunächst sollten die Stärkung kindlicher Resilienz sowie die eher spielerische Vermittlung einfacher Verhaltensgrundsätze für Notfälle im Vordergrund stehen. Entsprechende Forderungen werden zwar seit vielen Jahren erhoben, sie sind jedoch nach wie vor nicht flächendeckend umgesetzt.

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Organisationsformen

Im Vergleich zu relativ umfangreichen Schulungsmaßnahmen in Form üblicher Lehrgänge könnten kürzere und v. a. niedrigschwellig erreichbare Informations- und Trainingsangebote zielführender sein: Bedingt durch die zunehmende Verdichtung und Flexibilisierung des Arbeitsalltags einerseits sowie immer knappere Ressourcen für die tatsächliche Freizeitgestaltung andererseits scheinen z. T. mehrtägige Kursformate kaum noch praktikabel. Zudem belegen Studien zu den Effekten unterschiedlicher Erste-Hilfe-Programme, dass Dauer und Umfang für den Lernerfolg offenbar nicht entscheidend sind: Auch Teilnehmer, die eine sehr zeitaufwändige Ausbildung absolviert haben, sind nicht unbedingt handlungskompetenter als Teilnehmer eines kompakteren Alternativangebotes.

Zur Förderung der Selbsthilfekompetenz müssen möglicherweise ohnehin nicht immer „eigene“, curricular abgegrenzte Veranstaltungen durchgeführt werden. Vielmehr bietet es sich an, nach Anknüpfungsmöglichkeiten an individuelle Lebenswelten, d. h. an ohnehin etablierte (Versorgungs-)Strukturen zu suchen: Herz-Lungen-Wiederbelebung könnte mit Schülern im regulären Biologieunterricht thematisiert werden, die Versorgung von Knochenbrüchen im Sportunterricht, der Umgang mit dem Deutschen Notfall-Informations-System DeNIS in Gesellschaftskunde usw. Auch in die Ausbildung von Handwerkern und Facharbeitern sowie in diverse Studiengänge lassen sich (Teil-)Aspekte der Förderung von Selbsthilfekompetenz integrieren.

Die bestehende „Intentions-Verhaltens-Lücke“ erfordert ferner, Informations- und Trainingsangebote für Gruppen durch individualisierte, nachgehende Follow-Up-Strategien zu ergänzen: Bei der Planung und Umsetzung einzelner Notfallvorsorgemaßnahmen wäre z. B. eine persönliche Beratung und Begleitung – etwa durch Notfallvorsorge-Informationszentren oder eine „Bevölkerungsschutzagentur“ – wünschenswert.

Das in Veranstaltungen vermittelte Wissen und Können muss zudem regelmäßig aktualisiert werden: Selbsthilfekompetenz lässt sich nicht als ein in sich abgeschlossenes Produkt innerhalb einzelner Schulungen vermitteln, sondern kann immer nur das Ergebnis eines lebenslang andauernden Lern- und Entwicklungsprozesses sein!

Interdisziplinäre, integrative Ausrichtung: Bislang fehlt ein umfassendes und v. a. einheitliches Verständnis dessen, was „Selbsthilfekompetenz“ eigentlich beinhalten soll. Vertreter der relevanten Fachdisziplinen engagieren sich meist nur in ihrem eigenen Betätigungsfeld. So sehr dies nachvollziehbar ist, so problematisch ist es auch: Feuerwehren informieren über Brandschutzthemen, Hilfsorganisationen und verschiedene private Anbieter führen Erste-Hilfe-Ausbildungen durch, kriminalpräventive Strategien vermittelt ausschließlich die Polizei usw. Auf diese Weise erscheint das Betätigungsfeld „Förderung der Selbsthilfekompetenz“ jedenfalls nicht als harmonisches, vernetztes Gesamtkonstrukt „aus einem Guss“, sondern eher als eine zergliederte Ansammlung einzelner Bruchstücke. Thematische Überschneidungen bleiben dadurch unbeachtet, mögliche Synergieeffekte ungenutzt und Schnittstellen unverbunden.

Einige andere Staaten verfolgen längst einen interdisziplinären, integrativen Ansatz, zumal dies aus vielen Überlegungen heraus ausgesprochen sinnvoll erscheint. Gerade in komplexen Gefahren- und Schadenslagen setzt Selbsthilfekompetenz fundierte Kenntnisse und Fähigkeiten in mehreren Bereichen voraus: Die medizinische Versorgung kann dabei ebenso bedeutsam sein, wie z. B. die Sicherstellung der familiären Lebensmittelversorgung, die Bekämpfung eines Schadensfeuers, die Durchführung von Rettungsarbeiten sowie nicht zuletzt der Schutz des persönlichen Eigentums. In diesem Sinne sollten Strategien zur Förderung der Selbsthilfekompetenz zukünftig auch nicht mehr von den Fähigkeiten einzelner Institutionen bzw. Organisationen, sondern stattdessen von den Anforderungen konkreter Notfall- bzw. Katastrophenszenarien abgeleitet werden: Hinter der Einführung von lernfeldorientiertem Unterricht an allgemein- und berufsbildenen Schulen verbirgt sich letztlich kaum etwas anderes.

Zielgruppenorientierung

In einer sich zunehmend diversifizierenden Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Bevölkerungsteilgruppen ist es angebracht, auch in der didaktisch-methodischen Konzeption notfallpädagogischer Bildungsangebote eine entsprechende Vielfalt anzustreben. Ein einheitliches Lehrgangsprogramm als „Allround-Angebot“ kann demnach kaum zielführend sein; überspitzt formuliert benötigt jede Bevölkerungsteilgruppe ein spezialisiertes, sozusagen „maßgeschneidertes“ Angebot – und zwar nicht nur bezogen auf Methoden und Inhalte, sondern auch auf die Gestaltung der jeweiligen Lernsituation insgesamt: Kinder müssen anders unterrichtet bzw. gefördert werden als Erwachsene, Eltern anders als alleinstehende Senioren, Mitarbeiter einer Kindertagesstätte anders als Mitarbeiter eines Industrieunternehmens usw. Bestimmte Gruppen werden beispielsweise auch nur an ebenso bestimmten Lernorten erreicht. Bei der Planung zielgruppenspezifischer Angebote sind ferner Verhaltensweisen zur Mediennutzung, verinnerlichte Handlungsmuster sowie – noch übergreifender – auch die jeweilige soziokulturelle Prägung zu beachten. Unterschiedliche Lernbedarfe und -bedürfnisse, v. a. aber auch individuelle Ressourcen sind entsprechend davon abzuleiten.

Partizipation

Die tradierten Ansätze zur Förderung der Selbsthilfekompetenz gehen weiterhin von der Vorstellung aus, dass die Bevölkerung durchweg aus Laien besteht und demnach nur intensiv „beschult“ werden muss, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Die Umsetzung dieser Grundannahme impliziert, dass Partizipation an der Gestaltung eigener Lernprozesse mehr oder weniger ausgeschlossen ist. Gleichwohl ist das klassische Lehrverständnis – „vorne steht einer, die anderen hören zu“ – längst völlig überholt. Theorien der Erwachsenenbildung gehen stattdessen von gleichberechtigten Lernpartnerschaften auf Augenhöhe aus. „Ausbilder“ und „Dozenten“ sollten insofern von Notfallvorsorgeberatern, -paten und -multiplikatoren abgelöst werden. Instruktives vs. reflexives Lernen: Ein notfallpädagogisches Gesamtkonzept sollte nicht nur auf die rein instruktive Vermittlung (technischer) Fertigkeiten und Fähigkeiten fokussieren (Herstellen der stabilen Seitenlage, Anlegen eines Lebensmittelvorrates usw.), sondern v. a. auch zur Entwicklung einer hilfreichen inneren Haltung beitragen. Dazu gehört das Lernen für Notfälle, aber auch das Lernen, Wachsen und Reifen an Notfällen. So sollte die Auseinandersetzung mit Unglücken, Krisen und Katas­trophen künftig z. B. auch eine konstruktive und das Selbstbewusstsein fördernde Beschäftigung mit eigenen Grenzen, Fehlern, Sinnfragen sowie Wert- und Zielvorstellungen beinhalten. Ferner wäre ein notfallpädagogisches Gesamtkonzept sicherlich unvollständig, würde man nicht explizit auch Ängste und Befürchtungen, die Phänomene „pluralistische Ignoranz“ und „Verantwortungsdiffusion“, möglicherweise nach einem Unglück auftretende Belastungsreaktionen sowie geeignete (psychologische!) Copingstrategien, thematisieren.

Nutzung moderner Medien

Das Internet könnte in Zukunft – zumindest für einige Bevölkerungsteilgruppen – deutlich intensiver zur Förderung von Selbsthilfekompetenz genutzt werden als bisher. Insbesondere das sogenannte „Web 2.0“ bietet mit Diskussionsforen, Informations- und Lernplattformen hierzu vielfältige Perspektiven: In einer für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Studie gaben immerhin 70 Prozent der befragten Personen an, dass sie das Internet zur Vorbereitung auf Naturkatastrophen, Krisen, Terroranschläge oder Großschadensereignisse als Informationsquelle „ausdrücklich willkommen“ heißen würden. Image, Terminologie: Maßnahmen zur Förderung der Selbsthilfekompetenz sind derzeit schlichtweg nicht „in“. Ihnen haftet noch immer ein eher „altbackenes“ und „verstaubtes“ Image aus Zeiten des kalten Krieges an. Der Begriff „Erste Hilfe“ ist für viele Menschen weiterhin mit Gedanken an schwere Verkehrsunfälle, blutende Wunden sowie die Anwendung komplexer Verbandtechniken verknüpft. Vor diesem Hintergrund könnte es angebracht sein, nicht zuletzt auch „sprachlich neue Wege zu gehen“. Ein aktueller, empirisch begründeter Vorschlag beinhaltet beispielsweise, nicht mehr von der „Förderung der Selbsthilfekompetenz“, sondern stattdessen von „persönlicher Notfallvorsorge“ (PNV) zu sprechen.

Risikobewusstsein

Eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung notfallpädagogischer Strategien soll abschließend nicht verschwiegen werden: Solange die Bevölkerung über spezifische Handlungsbedarfe sowie die Folgen von Notfall- und Katastrophenszenarien nicht wirklich transparent aufgeklärt ist und Organisationen der Gefahrenabwehr sich überwiegend als „omnipotente Perfektionisten“ präsentieren, wird allgemeine Einsicht in die Notwendigkeit persönlicher Notfallvorsorgemaßnahmen sicherlich nicht zu erwarten sein. Eine tatsächliche Förderung der Selbsthilfekompetenz lässt sich insofern nur dann realisieren, wenn auch mit dem entsprechenden politischen Willen zunächst ein angemessenes Risikobewusstsein geschaffen wird. In welchen Situationen auch professionelle Helfer nun einmal auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen sind, sollte schon aus ethischen Überlegungen offen und ehrlich angesprochen werden. Bislang geschieht dies, wie es scheint, oftmals jedoch nicht.

Fazit

Mangelnde Selbsthilfekompetenz ist ein wesentliches Defizit des Bevölkerungsschutzsystems in Deutschland. Die hier nur kurz skizzierten Grundzüge eines notfallpädagogischen Gesamtkonzeptes zeigen jedoch Chancen und Perspektiven auf, mit denen sich die unbefriedigende Situation verbessern lassen könnte. Eindeutig besteht in diesem Bereich weiterer Forschungsbedarf – die Fachdiskussion über Strategien und Maßnahmen zur Förderung der Selbsthilfekompetenz hat im Grunde genommen gerade erst begonnen!

Weiterführende Literatur beim Verfasser.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. phil. Harald Karutz
Notfallpädagogisches Institut
Müller-Breslau-Str. 30a, 45130 Essen
Tel.: 0201 / 439 38 82
E-Mail: karutz@notfallpaedagogik.de

Prof. Dr. phil. Harald Karutz
Jahrgang 1975

  • 1995 – 2001: Studium der Erziehungswissenschaft, Psychologie und ev. Theologie an der Universität Duisburg, Abschluss als Diplom-Pädagoge
  • Seit 2001: Leiter des Notfallpädagogischen Instituts in Essen
  • 2004: Promotion an der Universität Dortmund
  • 2005 – 2006: Lehrbeauftragter der Universität Witten-Herdecke
  • 2009 – 2010: Referent im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Referat „Psychosoziale Notfallversorgung“ (PSNV)
  • Seit 2011: Lehrbeauftragter im Studiengang „Katastrophenvorsorge und -management“ (KAVOMA) an der Universität Bonn
  • Seit 2012: Professor für Rescue Management und Studiengangsleiter an der Medical School Hamburg (MSH)