Es sind noch viele Probleme zu lösen

Verschiedene Regionen Deutschlands waren während des Sommers 2013 vom Hochwasser betroffen. Viele Menschen mussten schwere Schäden an ihrem Eigentum hinnehmen. Vereinzelt war es erforderlich, dass bedrohte Bewohner aus ihren Wohnungen evakuiert und in Notunterkünften mehrere Tage verbringen mussten. Auch bei der Entschärfung von Bombenblindgängern aus dem II. Weltkrieg werden immer wieder großflächige Evakuierungen durchgeführt (z. B. Koblenz 2011).

Diese Entschärfungen verlaufen meist erfolgreich, so dass die Menschen in ihr unbeschädigtes Heim zurückkehren können. Es muss jedoch auch bedacht werden, dass die Wohnungen in der evakuierten Region irreversible beschädigt sein könnten. Die Gefahrenabwehrbehörden stehen in der Pflicht, mit einer detaillierten Evakuierungsplanung allen Eventualitäten fachgerecht zu begegnen.

Viele Beispiele der Vergangenheit zeigen, dass, wenn die Vorbereitung einer Evakuierung unzureichend oder mangelhaft ist, vermeidbare irreversible Schäden an Leib und Leben eintreten können (Evakuierung in Texas anlässlich des Hurrikans RITA mit ca. 100 Todesopfern in 2005). Um hier spezifische Lösungen für einzelne Regionen oder grundsätzliche Handlungsanweisungen zu gewinnen, wurden verschiedene Forschungsprojekte initiiert. Da die Problematik einer effektiven Evakuierungsplanung von internationalem Interesse ist, hat das Technische Komitee „Sicherheit des Gemeinwesens“ der Internationalen Standard Organisation (ISO TC 223 Societal Security) sich dieser Problematik angenommen und in diesem Jahr einen entsprechenden Standard verabschiedet (Mass Evacuation – Guidelines for Planning – ISO 22315). Aufgrund der Erkenntnisse aus den Ereignissen des Reaktorunfalls in Fukushima haben die Länder eine Empfehlung für die Evakuierungsplanung entwickelt und verabschiedet. Nunmehr stehen die unteren Katastrophenschutzbehörden vor der Aufgabe, aus diesen Rahmenempfehlungen und internationalen Guidelines effektive und detaillierte Evakuierungspläne in Abhängigkeit zu den regionalen Risiken (Hochwasser, Störfälle in Chemieanlagen, Unfälle in Kernkraftwerken oder dgl.) zu entwickeln, zu trainieren und kontinuierlich fortzuschreiben. Bei der Umsetzung müssen jedoch verschiedene Probleme konkret einer Lösung zugeführt werden, die bisher in den Rahmenempfehlungen und Guidelines nur ansatzweise genannt sind.

Abb. 1: Differenzierung verschiedener Evakuierungssituationen.

Abb. 1: Differenzierung verschiedener Evakuierungssituationen.

Gefahrengrad und Zeitparameter

Bei akuten Gefahrenzuständen müssen die gefährdeten Menschen schnellstens in Sicherheit gebracht werden. Dabei greifen die Parameter „akute Gefahr für Leib und Leben“ und wie viel Zeit wird benötigt, um einen sicheren Ort zu erreichen ineinander. Es geht in dieser Diskussion nicht um die Frage, wie viele Menschen einen Schaden erlitten hätten, wenn auf die Evakuierung verzichtet worden wäre, sondern es geht um das Problem, wie durch eine effektive Planung zusätzliche irreversible Schäden bei der Evakuierung zu begrenzen bzw. auszuschließen sind.

In diesem Kontext ist zu berücksichtigen, dass sich die Menschen aufgrund der subjektiven Einschätzung der Gefährdung auch selbständig evakuieren, was sich in Einzelfällen zu einer Massenflucht entwickeln kann. Auch auf diesen Fall muss die örtlich zuständige Gefahrenabwehrbehörde vorbereitet sein, damit sie sich diesem Phänomen der Massenflucht stellen und zum Schutz der Menschen agieren kann, auch wenn aus objektiver Sicht eine Evakuierung für nicht erforderlich eingestuft wurde.

Zunächst ergeben sich bei der Planung der Evakuierung größerer Regionen folgende Fragestellungen:

  • Welche Bedrohungen, Risiken oder akute Gefahren erfordern die Evakuierung für einzelne Bereiche der Region?
  • Wie viel Zeit steht bei welchem Ereignis für die Evakuierung zur Verfügung, bis irreversible Schäden eintreten könnten?
  • Wer trifft aufgrund welcher Parameter wann die Entscheidung zur Evakuierung?
  • Welche Beförderungsmittel sollen/können oder müssen genutzt werden?
  • Können ausreichend Beförderungsmittel in der verfügbaren Zeit bereitgestellt werden?
  • Welche Wege sollen/können oder müssen bei welchen Bedrohungen, Risiken oder akuten Gefahrenzuständen genutzt werden?
  • Wie weit ist die Entfernung, um einen sicheren Ort zu erreichen?
  • Wie wird die Bevölkerung informiert, gewarnt und alarmiert?
  • Wie und wer sorgt für die Menschen, die sich nicht selbst evakuieren können?
  • In welchen Regionen werden die Menschen aufgenommen, registriert, versorgt und fachgerecht betreut?
  • Welche Versorgungsgüter müssen in Abhängigkeit zu den Bedrohungen, Risiken oder akuten Gefahrenzuständen den betroffenen Menschen zur Verfügung gestellt werden (z. B. Ersatz für kontaminierte Kleidung, Medikamente oder dgl.)?

Diese Themenbereiche lassen sich in der Evakuierungsplanung detailliert bearbeiten. Auch wenn einzelne Informationen erst im konkreten Fall gewonnen und entsprechende Maßnahmen abschließend definiert werden können (Witterungsparameter beim Durchzug einer radioaktiven Wolke, Pegelstände, Deichbrüche oder dgl.), so sind die Möglichkeiten hinreichend bekannt oder es müssen geeignete Varianten entwickelt werden, die dann anlassbezogen aktiviert werden.

Effektive Planung

Ergänzend ist jedoch festzustellen, dass eine Vielzahl von Problemen noch nicht einer ausreichenden wissenschaftlichen Bearbeitung zugeführt und allgemeingültige Lösungen entwickelt wurden. Dies bedeutet, dass effektive Planungen (good practise) für diese Themenfelder noch nicht gegeben sind, obwohl sie insbesondere den volkswirtschaftlichen Schaden nachhaltig reduzieren könnten. Die Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung wurden beispielhaft bei der Evakuierung der gefährdeten Menschen beim Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull auf Island deutlich.

Abb. 2: Evakuierung beim Hurricane Rita, September 2005.

Abb. 2: Evakuierung beim
Hurricane Rita, September
2005.

Im Folgenden werden beispielhaft Probleme aufgezeigt, die bei einer umfassenden Evakuierungsplanung entsprechend den jeweiligen regionalen Gegebenheiten berücksichtigt werden müssen. Dabei erscheint es erforderlich, für einzelne Fragestellungen auch Forschungs- und Entwicklungsprojekte im nationalen Sicherheitsforschungsprogramm zu generieren. Um beispielhafte Lösungen für alle Regionen nutzbar zu machen, sollte eine umfassende Kommunikation etabliert werden, damit alle unteren Katastrophenschutzbehörden mit vergleichbaren Fragestellungen partizipieren können.

Verkehr

Mit der Entscheidung zur Evakuierung einer Region ist gleichzeitig verbunden, dass niemand mehr in dieses Gebiet hineinfährt. Hier wäre zunächst zu prüfen, welche Fahrzeuge oder Versorgungsgüter müssen trotz der Evakuierung hineinfahren, um die erforderliche Unterstützung zu gewährleisten (Rettungskräfte, Transportfahrzeuge oder dgl.). Hier ist eine klare Planung für die Sperrstellen erforderlich, damit nicht dringend benötigte Ressourcen angehalten werden. Ob und in wie weit spezielle Zufahrtsrouten ausgewiesen werden, ist vom Ereignis und den örtlichen Gegebenheiten abhängig. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass der Wirtschaftsverkehr mit der Sperrung unterbunden wird. Dies muss für die betroffene Region akzeptiert werden, es hat jedoch auch Wirkungen auf den Transitverkehr. Somit entstehen wirtschaftliche Schäden auch außerhalb der eigentlich betroffenen Region.

Industrie

Gewerbliche Unternehmen in der betroffenen Region müssen ihren Betrieb einstellen. Betriebe, die in drei Schichten rund um die Uhr produzieren, können möglicherweise ihre Lieferverpflichtungen nicht einhalten. Dies kann zur Folge haben, dass auch weit außerhalb der betroffenen Region Produktionsprozesse aufgrund fehlender Zulieferung nachhaltig beeinträchtigt werden. Weiterhin sind in einigen Fertigungsprozessen technische Anlagen im Betrieb, die bei einer Unterbrechung irreversibel zerstört werden (z. B. bestimmte Schmelzöfen). Bei der Planung der Evakuierung müssen die potenziell betroffenen Betriebe beteiligt werden, um den wirtschaftlichen Schaden so gering wie möglich zu halten.

Landwirtschaft

Gleichermaßen müssen die landwirtschaftlichen Betriebe mit Nutzviehbestand gesondert betrachtet werden. Für Produktionsbetriebe mit 5 000 Milchkühen, 5 000 Legehennen, 1 000 Schafen oder 150 Reit- und Zuchtpferden müssen individuelle Evakuierungsplanungen entwickelt, trainiert und im Ereignisfall umgesetzt werden. Es gilt zu klären, unter welchen Umständen der Nutzviehbestand wie lange in der Region verbleiben kann. Wenn keine Fachkräfte und Anlagen zum regelmäßigen melken der Milchkühe verfügbar sind, muss geklärt werden, was mit dem Nutzviehbestand geschieht: Kann dieser in der verfügbaren Zeit gleichermaßen evakuiert und wo bzw. wie kann das melken der Kühe in der Aufnahmeregion sichergestellt werden? Hier sind eindeutige Lösungen in der Planung zu entwickeln und mit den betroffenen Betrieben abzustimmen. Jede Katastrophenabwehrleitung ist im Ereignisfall überfordert, wenn sie solche Fragestellungen akut im Ereignisfall lösen müsste.

Kritische Infrastrukturen

Soll, muss oder kann die Infrastruktur (elektrische Energieversorgung, Gasverteilungsnetz, Abwasserentsorgung, Trink- und Löschwasserversorgung, Telekommunikation mit Brand- und Gefahrenmeldeanlagen) in der evakuierten Region außer Betrieb genommen werden? Müssen Versorgungs- oder Entsorgungsleitungen, die das betroffene Gebiet nur durchqueren, stillgelegt werden? Welche Wirkungen hat dies auf die benachbarten Regionen? Muss die Kläranlage eines Zweckverbandes in der evakuierten Region stillgelegt werden und welche Wirkungen hat dies auf die nicht betroffenen Gemeinden? Ist dort damit die Abwasserentsorgung dann gleichermaßen stillgelegt?

Abb. 3: Sammelpunkt für Evakuierungen. (Grafi ken: Peer Rechenbach)

Abb. 3: Sammelpunkt für Evakuierungen. (Grafi ken: Peer Rechenbach)

Evakuierungsplanung

Welche Prozesse müssen umgesetzt werden, wenn die Bevölkerung zurückkehrt, um die stillgelegte Infrastruktur wieder in Betrieb zu nehmen? Wie kann die Versorgung der zurück gekehrten Bevölkerung gewährleistet werden, wenn die Straßen durch Schlamm oder Treibgut unpassierbar sind? Wie erfolgt die Abwasserentsorgung, wenn die Schmutzwasserkanäle noch verstopft sind? Ist die regionale Müllbeseitigung in der Lage, die anfallenden Mengen in angemessener Zeit zu entsorgen? Bei den extremen Starkregenereignissen am 28. Juli 2014 in Münster haben sich beispielsweise infolge der überfluteten Keller und Wohnungen 20 000 t Sperrmüll ergeben (üblich sind ca. 6 000 t pro Jahr).

Wie wird die Bevölkerung einer Region an der Evakuierungsplanung inhaltlich beteiligt? Wie kann sie eigene Ideen einbringen? Wie werden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen (ethnische, religiöse, soziale und kulturelle Unterschiede) über die Planungen informiert und wie wird die Evakuierung im konkreten Fall aktiviert? Wie ist beispielsweise die Reaktion der Menschen in einem Asylbewerberheim, wenn plötzlich die Polizei kommt und die Evakuierung einleiten will? Wie werden die Urlauber auf den Campingplätzen oder in den Ferienhäusern während der Urlaubssaison informiert?

Bei der Umsetzung der Planungen in einem konkreten Fall arbeiten unterschiedliche Organisationen mit verschiedenen Teilaufgaben zusammen. Einige dieser Akteure sind es nicht gewohnt, während eines akuten Gefahrenzustands Mitarbeiter in ein Risikogebiet zu entsenden. Die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen vorher über die jeweiligen Gefahren bei der Wahrnehmung der besonderen Aufgaben informiert werden. Der Fahrer eines regionalen Reisebusunternehmers, der nunmehr die Menschen in die sichere Region befördern soll, soll wiederum zurückkehren, um weitere Menschen aus dem akut gefährdeten Gebiet zu holen. Was motiviert ihn, sich ggf. wiederum in die Gefahrenzone zu begeben?

Welches Leistungspotenzial der Katastrophenabwehrorganisationen (Freiwillige Feuerwehr, Hilfsorganisationen und dgl.) mit ihren ehrenamtlichen Mitgliedern aus der betroffenen Region kann erwartet werden, wenn ihre Familie und der eigene Betrieb evakuiert werden muss? In wie weit ist die Handlungsfähigkeit der Entscheidungsträger und handelnden Akteure gewährleistet, wenn z. B. die Katastrophenabwehrleitung mit ihrem Stab in der zu evakuierenden Zone untergebracht ist? Welches Ausweichquartier kann genutzt werden und wie wird die Handlungsfähigkeit gewährleistet?

Während einer laufenden Evakuierung müssen die verschiedenen Prozesse kontinuierlich beobachtet werden, um frühzeitig zu erkennen, an welchen Stellen Probleme (z. B. Flaschenhals) auftreten. Störungen müssen durch entsprechend vorbereitete Handlungsoptionen oder verfügbare „Task Forces“ sofort beseitigt werden, weil sie sonst letztendlich den gesamten Prozess nachhaltig gefährden. Es ist zu klären, welche Ressourcen für welche Aufgaben wo bereitgestellt werden, um schnellstens einzugreifen.

Fazit

Mit diesen dargestellten Problemfeldern wird deutlich, dass mit der konkreten Umsetzung der Rahmenempfehlungen oder des internationalen Standards auf die regionalen Gegebenheiten noch teilweise ungelöste Fragestellungen transparent werden. In den nächsten drei Jahren wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ein Projekt realisiert, welches einen Teil der genannten Fragen aufgreifen wird. Gleichwohl werden alle Probleme erst durch die Hinweise aus der nunmehr anlaufenden Planungsarbeit der unteren Katastrophenschutzbehörden transparent.

Wer im Gefahrenfall die betroffene Bevölkerung sicher evakuieren will, muss einen detaillierten Plan entwickeln und kontinuierlich fortschreiben. Dabei muss die Bevölkerung mit all ihren Gruppierungen an der Planung und Fortschreibung intensiv beteiligt werden. Nur wenn die Bevölkerung weiß, wie es gehen kann und soll, kann es im Ereignisfall funktionieren.

PassbildAnschrift des Verfassers:
Prof. Dr.-Ing. Peer Rechenbach
Lehrbeauftragter an der Hochschule für
Angewandte Wissenschaften Hamburg
Am Beedenkamp 2
22559 Hamburg

Prof. Dr.-Ing. Peer Rechenbach
geb. 1952 in Hamburg
Studium der Ingenieurwissenschaften im Fachbereich Elektrotechnik/Fachhochschule Hamburg und Universität Hannover
Anschließend: Versch. Tätigkeiten bei der Feuerwehr Karlsruhe, Braunschweig, Bremerhaven und Köln
1983: Eintritt in die Feuerwehr Hamburg
2004: Promotion/TU Hamburg-Harburg
2013: Ernennung zum Professor von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg
2007 – 2013: Leitung der Abteilung für Grundsatzangelegenheiten des Brandschutzes, des Rettungsdienstes, der Kampfmittelbeseitigung, Katastrophen-, Zivil- und Be­völkerungsschutz sowie zivil-­militärische Zusammenarbeit in der Behörde für Inneres und Sport in Hamburg
2010 – 2012: Vorsitzender des Arbeitskreises V der ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder
Berufung in das Disaster Assessment and Coordination Team der Vereinten Nationen berufen

High Level Coordinator im Mechanismus der Europäischen Union zur Gefahrenabwehr in Großschadenfällen
Mitglied der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern (stellv. Vorsitzender) und in der Arbeitsgruppe Notfallschutz der Strahlenschutzkommission