Mit Indienststellung des Kommandos Territoriale Aufgaben in Berlin bündelt und koordiniert die Bundeswehr sämtliche Fähigkeiten in der Zivil-­Militärischen Zusammenarbeit und dem Katastrophenschutz. Derzeit koordiniert das Kommando Territoriale Aufgaben zentral die Unterstützung der Bundeswehr in der Flüchtlingshilfe. Mit CP sprach Generalmajor Jürgen Knappe über die Aufgaben seines Kommandos, über die besonderen Herausforderungen in der aktuellen Flüchtlingsunterstützung und die gute Zivil-­Militärische Zusammenarbeit. Das Gespräch führte Hans-Herbert Schulz, CP-Redaktion.

CP: Herr General, im Sommer dieses Jahres haben Sie die Führung des Kommandos „Territoriale Aufgaben der Bundeswehr“ übernommen. Zunächst möchten wir Ihnen zu Ihrem neuen Amt gratulieren und zugleich die Frage stellen: Sind Sie gut ­Ihrem neuen Arbeitsumfeld angekommen?

Hr. Knappe: Ja, ich bin ausgesprochen gut angekommen, weil ich aus allen Bereichen eine sehr intensive Einweisung, auch durch meinen Vorgänger, erfahren habe. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass ich natürlich mit dem Thema Flüchtlingsunterstützung von Anfang an konfrontiert war. Das begann schon einen Tag nach meiner Übergabe, sodass ich mich im Moment in einer Doppelfunktion befinde: Auf der einen Seite muss und möchte ich mein Kommando kennenlernen, meine normalen, truppendienstlichen Führungsaufgaben wahrnehmen sowie alle anderen Fachaufgaben, die in meinem Kommando liegen. Auf der anderen Seite bin ich momentan sehr intensiv in dem Thema Flüchtlingsunterstützung gebunden, da in meinem Kommando die Gesamtkoordination auf operativer Ebene für die Bundeswehr liegt.

CP: 2013 sah sich Ihr Vorgänger unmittelbar nach seinem Amtsantritt der Koordinierung der Hilfseinsätze der Bundeswehr beim Hochwassereinsatz gegenübergestellt. Eine Bewährungsprobe, die für alle Beteiligten erfolgreich war. Nun stellt sich direkt nach Ihrem Amtsantritt eine neue Herausforderung – die eben angesprochene Flüchtlingssituation. Wie sind Sie hier aufgestellt?

Hr. Knappe: Diese eigentliche subsidiäre Aufgabe für die Bundeswehr, Amtshilfeleistung oder Katastrophenhilfe, ist eine der originären Aufgaben in meinem Kommando und stellt die ­Zivil-Militärische Zusammenarbeit für die Bundeswehr als Hauptaufgabe dar. Mein Kommando und mein gesamter Kommandobereich sind diesbezüglich ausgesprochen gut aufgestellt. Bei einem Hochwassereinsatz handelt es sich natürlich um einen begrenzten Einsatzzeitraum von ein bis maximal drei Wochen. Nicht alle Bundesländer sind gleichzeitig betroffen, sodass in der Koordinierungsaufgabe in den jeweiligen Einsatzgebieten Schwerpunkte gebildet werden können. Jetzt bei der Flüchtlingsunterstützung reden wir von einer Aufgabe, in der das Kommando Territoriale Aufgaben und insbesondere meine Landeskommandos seit Ende Juli gebunden sind. Insbesondere im Hinblick auf die Durchhaltefähigkeit stellt dies eine ganz andere Herausforderung dar, da wir die Koordinations- und Führungsaufgabe innehaben. Aber die Hauptlast liegt natürlich bei den Truppenstellern, die von Heer, Luftwaffe, Marine, Sanitätsdienst, Streitkräftebasis gestellt werden.

CP: Kommen wir noch einmal zurück auf die Koordinierungsaufgabe, die Sie gerade angesprochen haben. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

Hr. Knappe: In meinem Staab gibt es eine Operationszentrale, aus der heraus ich das gesamte Meldewesen der einzelnen Landeskommandos in Hinblick auf die Flüchtlingsunterstützung zusammenführe. Dies schließt auch die Personalabstellungen für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit ein, die Koordinierung von Abgabe bzw. Bereitstellung von Liegenschaften im zivilen Bereich oder den Einsatz des militärischen bzw. zivilen Personals.

CP: Was genau verbirgt sich hinter dieser facettenreichen Flüchtlingsunterstützung?

Genealmajor Jürgen Knappe (l.) sprach mit Hans-Herbert Schulz, CP-Redaktion, u. a. über die besonderen heruasforderungen in der aktuellen Flüchtlingsunterstützung. (Bild: KdoTA(Kehrberg)

Genealmajor Jürgen Knappe (l.) sprach mit Hans-Herbert Schulz, CP-Redaktion, u. a. über die besonderen heruasforderungen in der aktuellen Flüchtlingsunterstützung. (Bild: KdoTA(Kehrberg)

Hr. Knappe: Die Flüchtlingsunterstützung umfasst das gesamte Spektrum, das wir an Leistung von Mensch und Material zur Verfügung stellen können. Es reicht von der kurzfristigen personellen Unterstützung bis hin zur Übernahme von länger andauernden Aufgaben. Bei uns läuft das unter dem Begriff „schnelle Unterstützungskräfte“ und meint einerseits den kurzfristigen Einsatz von Personal, um Zelte und Betten aufzubauen oder Material zu transportieren. Andererseits nehmen unsere Kameradinnen und Kameraden in den Flüchtlingscamps auch längerfristig angelegte Aufgaben wahr, beispielsweise um die dortige Leitung zu unterstützen. Das umfasst die Unterstützung bei Registrierungsaufgaben sowohl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als auch auf Länderebene. Darüber hinaus implizieren unsere Unterstützungsleistungen die Bereitstellung von Bussen für Transporte, die Bereitstellung von transportablen Röntgengeräten, die Abgabe von Zelten, Betten, Decken und anderen Materialen oder die Bereitstellung von Verpflegung.

CP: Welche Reaktion erleben Sie aus der Bevölkerung und von den zivilen Kräften in dieser Zusammenarbeit angesichts dieser vielfältigen Hilfe, die Sie anbieten?

Hr. Knappe: Ausgesprochen positive – in jeder Beziehung! Derzeit stelle ich mich bei den einzelnen Landesregierungen als neuer Kommandeur des Territorialkommandos vor und erfahre bei jeder Landesregierung Zuspruch, die deutlich macht, dass ohne die Unterstützungsleistung der Bundeswehr die Flüchtlingsunterstützung in dieser Form momentan nicht möglich wäre. Gleichwohl bin ich mir bewusst, dass wir dort nur einer von mehreren Playern sind. Das THW, das Rote Kreuz und die Johanniter, um nur drei dieser Organisationen zu nennen, sind sehr aktiv in der Flüchtlingsunterstützung.

CP: Wie erleben Sie die aktuelle Flüchtlingssituation für sich selbst und Ihr Kommando?

Hr. Knappe: Ich bin beeindruckt, mit welch hoher Motivation die Soldaten und Soldatinnen und die zivilen Mitarbeiter ihre Aufgabe wahrnehmen. Alle sehen ihren Einsatz als ausgesprochen sinnhaft an. Das sehe ich auch jeden Tag bei meinen eigenen Mitarbeitern – und das nun über einen längeren Zeitraum von über drei Monaten. Und ich erkenne keinen Motivations­abbruch. Ganz im Gegenteil!

CP: Sie sprachen eben die gute Zivil-Militärische Zusammen­arbeit an. Diese lebt davon, dass alle Beteiligten auch gemeinsam große Übungen abhalten. Wie ist das Kommando Territo­riale Aufgaben in diesem Bereich aufgestellt?

Hr. Knappe: Wir haben einen intensiven Übungszyklus, den wir abwechselnd jährlich durchführen. Mal haben wir die ­Federführung als militärischer Part in der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit inne, mal das Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenhilfe (BBK) für den zivilen Bereich. Zweimal im Jahr führen wir zudem gemeinsame Besprechungen zu diesem Thema mit zivilen und militärischen Dienststellen durch.

In Anbetracht der aktuellen Flüchtlingslage wurde die Übung durch das BBK in diesem Jahr nicht durchgeführt. Unsere vorgesehene Übung für das nächste Jahr habe ich nach 2017 verschoben. Wir werden jedoch die Vorbereitungsphase intensivieren und selbst in die Übung integrieren, um so auch eine konti­nuierliche Beübung der Reservisten sicherzustellen.

CP: Welche Herausforderungen sehen Sie, neben der Flüchtlingslage, auf die Bundeswehr, das Kommando Territoriale Aufgaben und die Zivil-Militärische Zusammenarbeit im Katastrophenfall zukommen?

Hr. Knappe: Die Herausforderung ist, dass wir natürlich mit dem Thema Flüchtlingsunterstützung immens gebunden sind. Einerseits führt das dazu, dass unser Übungszyklus etwas durcheinander gerät, andererseits verzeichne ich – derzeit noch vertretbare – andere Einschränkungen bei der Aufgabenwahrnehmung in meinem Kommandobereich. Da unsere Kräfte jedoch jederzeit auch in einer Katastrophenlage, wie beispielsweise einem Naturereignis, gebunden sein können, sehe ich hier einen Handlungsbedarf für mich. Für das, was in diesem Jahr auf uns zukommt, sind wir im Moment gut gewappnet. Im nächsten Jahr werden aber organisatorische Veränderungen notwendig sein. Das wird meinen eigenen Staab und meinen Kommandobereich betreffen. Die dazu notwendigen Maßnahmen, die auch externe Unterstützung beinhalten, habe ich bereits mit dem Inspekteur Streitkräftebasis abgesprochen, sodass ich positiv gestimmt bin, dass wir auch im nächsten Jahr gut aufgestellt sein werden.

CP: Vielen Dank für das informative Gespräch. Ihnen und den Kameraden wünschen wir weiterhin viel Erfolg und gutes ­Gelingen in Ihrem vielfältigen Aufgabenportfolio.

Aufmacherbild: Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin: Soldaten unterstützen bei Transport und Aufbau. (Bild: KdoTA/Lopez)

(SH/HHS)