Wie Rettungskräfte gemeinsam üben können

Die Nord- und Ostsee gehören zu den am häufigsten befahrenen Meeren der Welt. Rund ein Fünftel des deutschen Außenhandels wird über den Seeweg abgewickelt. In Zukunft werden immer mehr und immer größere Schiffe auf den Weltmeeren unterwegs sein. Doch was passiert, wenn bei hohem Verkehrsaufkommen und Seegang etwa zwei Schiffe zusammenstoßen? Oder wenn sich auf einem Schiff eine Explosion ereignet?

Technisches und menschliches Versagen, aber auch Gefahren wie moderne Piraterie und maritimer Terrorismus können den Handel und sogar die Personenschifffahrt empfindlich treffen. Wie kann die Schifffahrt noch sicherer gestaltet werden? Neueste Erkenntnisse aus der zivilen Sicherheitsforschung, gefördert von der Bundesregierung, können deutsche Häfen, Rettungskräfte, Behörden und Reeder bei Risikoanalysen und Entscheidungstraining für den Ernstfall unterstützen.

Unfälle, wie der Brand auf dem Fährschiff „Lisco Gloria“ 2010 vor Fehmarn oder die Havarie des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ 2012 vor Italien, haben gezeigt: Die größte Herausforderung liegt im Zusammenspiel der helfenden Akteure. Dazu gehören die Seenotleitung und die Rettungskreuzer der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ (DGzRS), die Schiffe und Helikopter der auf See aktiven Behörden, wie Bundespolizei oder Fischereischutz, aber auch die landseitigen Rettungsdienste und -leitstellen.

Berufsschiffe, wie beispielsweise Handels-, Kreuzfahrt- oder Forschungsschiffe, die sich gerade in der Nähe eines Schiffs in Seenot aufhalten, sind gesetzlich ebenso zur Hilfeleistung verpflichtet. Das bedeutet, Schiffsbesatzungen und Rettungskräfte müssen sich immer darauf vorbereiten, ad hoc eine Seenotrettung mit unterschiedlichen Akteuren zu bewältigen. Doch Großübungen sind aufwändig und können nur selten durchgeführt werden.

BMBF-Rahmenprogramm

Hier setzen Forschungsprojekte aus dem BMBF-Rahmenprogramm „Forschung für die zivile Sicherheit“ an. In den Verbünden forschen Natur-, Ingenieur-, Gesellschaftswissenschaftlerinnen sowie -wissenschaftler gemeinsam mit Praktikern an Technologien und Konzepten für mehr maritime Sicherheit. Die Forschenden untersuchen z. B., wie Evakuierungen auf See optimiert werden können. Sie analysieren, welche Entscheidungsstrategien Rettungskräfte in ihren Einsätzen nutzen und sie erforschen neue innovative Übungssimulatoren für die Rettungskräfte. Erste Ergebnisse sollen hier exemplarisch anhand von drei BMBF-Forschungsprojekten gezeigt werden.

Häfen vor Anschlägen schützen

Menschliches Versagen, technische Unfälle oder maritimer Terrorismus – Großschadenslagen auf See sind kaum vorhersehbar. Doch Häfen können Sicherheitsvorkehrungen treffen. Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 wurde 2004 der ISPS-Code (International Ship and Port Facility Security Code) in deutschen Häfen eingeführt. Er enthält zahlreiche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr an Häfen und Schiffen.

Umschlag in einem Containerhafen. (Bild: VDI Technologiezentrum GmbH/Wey)

Umschlag in einem Containerhafen. (Bild: VDI Technologiezentrum GmbH/Wey)

Der ISPS-Code sieht im Ernstfall mehrere Gefahrenstufen mit erweiterten Sicherheitsmaßnahmen vor. Das stellt die Häfen vor neue Herausforderungen: Wie kann im Fall einer ersten Gefahrenstufe dafür gesorgt werden, dass sich die Abläufe, wie das Verladen von Gütern oder die Aufnahme von Passagieren, so wenig wie möglich verzögern?

Für eine Optimierung der Sicherheitsstrukturen müssen einzelne Anlagen, Schiffe und der Hafen zusammen betrachtet werden. Mit dieser Thematik hat sich das BMBF-Forschungsprojekt „Verbesserung der Sicherheit von Personen in der Fährschifffahrt (VESPERPLUS)“ auseinandergesetzt. Der Verbund unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) hatte das Ziel, den aktuellen Stand systematisch aufzuarbeiten und die Sicherheit aller Prozesse an Häfen und auf Fährschiffen zu erhöhen. So haben die Forschenden beispielsweise ein neues Verfahren für eine Risikoanalyse an Häfen erarbeitet. Mit diesem Verfahren können Schwachstellen des Geländes und der Hafenanlagen in Bezug auf denkbare terroristische Bedrohungen schneller und einfacher als bisher identifiziert und vor allem behoben werden. Das innovative Verfahren zur Erstellung von Risikoanalysen wurde 2014 von allen Bundesländern mit Hafenanlagen gemäß dem ISPS-Code eingeführt.

Rettung und Evakuierung von Passagier­schiffen

Nicht nur die Handels-, sondern auch die Personenschifffahrt auf den Meeren nimmt weiter zu. Die Zahl der Kreuzfahrttouristen hat sich weltweit von vier Millionen im Jahr 1990 auf über 20 Millionen erhöht. Zudem werden die Schiffe immer größer. Mit tausenden von Passagieren gleichen sie schwimmenden Städten. Was für größtes Vergnügen sorgt, kann bei einem Unfall zur größten Herausforderung für die Evakuierung werden. Wie können im Notfall bis zu 5 000 Personen innerhalb kürzester Zeit in Sicherheit gebracht werden? Gefragt sind eine systematische Analyse und Empfehlungen für Evakuierungsmaßnahmen auf Passagierschiffen. Diese erarbeitet das interdisziplinäre BMBF-Forschungsprojekt „Sicherheit von Personen bei Rettungs- und Evakuierungsprozessen von Passagierschiffen (SIREVA)“.

SIREVA untersucht die Prozesse einer Schiffsevakuierung, die bisher teilweise noch über Funk oder Telefon gesteuert werden. Ziel ist es, diese Prozesse so umzugestalten, dass sie in innovative technische Sicherheitslösungen integriert werden. Auf diese Weise sollen Evakuierungsprozesse zukünftig schneller und ausfallsicherer ablaufen. Dies betrifft beispielsweise die Zählung, Ortung oder Suche von Personen auf den Schiffen ebenso wie die Lenkung von Passagierströmen. Wichtig ist, dass die Gesamtlage rascher und übersichtlicher dargestellt wird, damit entsprechend schnell reagiert werden kann.

Damit stellt sich auch gleich die Frage: Wie können Evakuierungen noch besser geübt werden? Das Projekt untersucht, wie sich Trainings- und Simulationskonzepte für Evakuierungen weiter optimieren lassen. Trainings sind besonders effektiv, wenn sie reale Situationen und Schwierigkeiten abbilden.

Notsituationen auf See

Obwohl Evakuierungen von Schiffen regelmäßig trainiert werden, entstehen immer wieder neue und komplexe Situationen, in denen vor allem die Verantwortlichen vor schwerwiegenden Entscheidungen stehen. Effektive Koordination und Kommunikation – diese Fähigkeiten sind bei einer schwierigen Situation auf hoher See vor allem von der Seenotleitung und von den Besatzungen der Rettungsschiffe gefragt.

Doch wie entscheiden Menschen in komplexen Notsituationen, wenn Zeitdruck, eine gefährliche Lage und Übermüdung dazukommen? Bekannt ist bisher nur die Tatsache, dass sich jeder Mensch bei Entscheidungen auf einem Kontinuum von „rational, überlegt und langsam“ bis hin zu eher „emotional, intuitiv und schnell“ einordnen lässt. Untersuchungen darüber, wie unterschiedliche Entscheidungstypen im Notfall zur effektivsten Entscheidung gelangen können, werden innerhalb des BMBF-Forschungsprojekts „Entscheidungsfindung in komplexen Einsatzlagen (EIKE)“ der Universität zu Köln, der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und weiteren Partnern erforscht.

Bedeutung der zivilen Sicherheits­forschung für die Seefahrt

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die maritime Sicherheit ist weiter in den Fokus von Praxis und Forschung gerückt. Trotz des technologischen Fortschritts bleibt der Mensch bei der Seenotrettung als Entscheidungsinstanz der wichtigste Faktor. Die zivile Sicherheitsforschung leistet daher mit ihren Analysen sowie neuen innovativen Technologien und Konzepten einen wichtigen Beitrag, um die Sicherheit der Menschen im Hafen und auf See zu erhöhen. Die neuen Erkenntnisse helfen, Risikoanalysen für Häfen zu erstellen und Entscheidungsprozesse bei Evakuierungen zu unterstützen. Die innovativen Konzepte fließen zugleich in Ausbildung und Training ein. Denn: Bei einer Großschadenslage gibt es nur einen Anlauf – und der muss klappen.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit dem Projektträger für das nationale Sicherheitsforschungsprogramm, der VDI Technologiezentrum GmbH, entstanden. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.sifo.de. (SH)

Aufmacherbild: An Unfällen, wie dem Brand auf der Fähre „Lisco Gloria“ vor der Insel Fehmarn im Oktober 2010, wird deutlich, welche komplexen Einsatzlagen Schiffsbesatzungen und Rettungskräfte bewältigen müssen. (Bild: Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger)