Bei der Auswertung größerer Übungen im Rahmen der Ausbildung und größerer Einsätze in der täglichen Gefahrenabwehr – insbesondere mit Beteiligung anderer Fachdienste, wie z. B. Feuerwehr, THW, Wasserrettung usw., – wurde zunehmend die unzureichende Führungsorganisation im Bereich fachdienstübergreifende Führung der Rettungs-, Sanitäts- und Betreuungsdiensteinheiten deutlich. Sowohl im Bereich des Rettungs-, Sanitäts- und Betreuungsdienstes untereinander als auch bei der Zusammenarbeit mit oben genannten Fachdiensten entstanden Schwierigkeiten, die die Abschnittsbildung und die Strukturierung des Raumes behinderten. Der Grund: Ersteintreffenden Komponenten des Rettungsdienstes beginnen unmittelbar mit der Gefahrenabwehr und sind damit völlig eingebunden.

Erst nach Eintreffen des Organisatorischen Leiters Rettungsdienst (OrgL RD) und des Leitenden Notarztes werden Führungsstrukturen des Rettungsdienstes an der Einsatzstelle sichtbar, Kommunikationsstrukturen aufgebaut und eine Zusammenarbeit des Rettungsdienstes mit der Technischen Einsatzleitung (TEL) möglich.

Fehlende Führung im Sanitäts- und ­Betreuungswesen

In der täglichen Gefahrenabwehr handeln die Rettungsdiensteinheiten meistens autark und eigenverantwortlich. Erst bei Schadenslagen, die den Einsatz mehrerer dieser Einheiten zusätzlich zum Einsatz von Sanitäts- und Betreuungseinheiten und auch anderer Fachdienste erforderlich machen, tritt derzeit eine „Führungsleere“ auf, die einen sinnvollen und effizienten Einsatz der Kräfte bei knappen Ressourcen erschwert.

Im Jahr 2004 bündelte eine Arbeitsgruppe des Johanniter Regionalverbandes Leipzig/Nordsachsen ihre Ideen zur Lösung des Problems „Führungsleere“ im Bereich des Sanitäts- und Betreuungswesens. Aufbauend auf der Rahmenempfehlung 001, die die Führungsorganisation im Bereich der Feuerwehr regelt, sollte eine gleichwertige Fassung – eine Rahmenempfehlung 004 (RE 004) – für die Führungsorganisation beim Massenanfall von Verletzten (MANV) entstehen.

Rahmenempfehlung 004

Kernkomponente der RE 004 ist das Schaffen einheitlicher Strukturen in der Aufstellung von Schnelleinsatzgruppen (SEG) im Land Sachsen. Hierzu wurden aus den im Jahr 2004 vorhandenen Sanitäts- und Betreuungszügen im Land Sachsen Schnelleinsatzgruppen für den Bereich Sanität, Betreuung und Versorgung/Logistik moduliert.

Erste Gespräche mit verschiedenen Katastrophenschutzeinheiten im Land führten zu der Erkenntnis, dass die über die letzten zehn Jahre gewachsenen Strukturen sehr unterschiedlich waren. Die Idee, einheitliche Strukturen zu schaffen, stieß nicht überall auf Akzeptanz. Oft war es schwer, den Helferinnen und Helfern verständlich zu machen, dass die von ihnen aufgebauten Einheiten zum Teil radikal umgestellt werden müssten.

Katastrophenschutz­verordnung

Im Dezember 2005 trat in Sachsen eine neue Katastrophenschutzverordnung in Kraft, die erstmals eine Vermischung von Sanitäts- und Betreuungseinheiten beinhaltete. Auch hier gab es rege Kritik aus den Reihen der Verbände, was dazu führte, dass diese Katastrophenschutzverordnung nie umgesetzt wurde.
Eine Ruhephase trat ein, in der die RE 004 beworben wurde und um wichtige Themen, wie Struktur eines Behandlungsplatzes 50 (BHP 50) und landeseinheitliche Inhalte in der Ausbildung von Gruppen-, Zug- und Verbandführern ergänzt.

Kreisgebietsreform des Landes ­Sachsen

Die 22 bisherigen Landkreise wurden 2008 auf zehn und die sieben bisherigen kreisfreien Städte auf drei reduziert. Dies führte unter anderem dazu, dass auch die Verteilung und Struktur des Katastrophenschutzes überdacht werden mussten.

Im Laufe des Jahres 2009 schlossen sich die Landesverbände der Hilfsorganisationen des Landes Sachsen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen und griffen Themen wie die Umstrukturierung der bisherigen Katastrophenschutzeinheiten, die Aufstellung von landeseinheitlichen SEG sowie die Struktur eines BHP 50 neu auf. Die Autoren der Rahmenempfehlung 004 wurden aktiv am Prozess beteiligt. Aus dieser Arbeit entstand ein Vorschlag für das Sächsische Innenministerium zur kommenden Neuauflage einer Katastrophenschutzverordnung.

Katastrophenschutzverordnung 2012

Am 9. November 2010 trat eine erneute Katastrophenschutzverordnung in Kraft. Hiermit wurden erstmals in Sachsen Katastrophenschutz-Einsatzzüge definiert. Jeder dieser Züge setzt sich aus einer Führungs-, Sanitäts-, Transport-, Betreuungs- und Versorgungskomponente zusammen. Über die Verteilung des Katastrophenschutz-Einsatzzuges gab es zwischen dem Sächsischen Innenministerium und der Arbeitsgemeinschaft der Hilfsorganisationen unterschiedliche Vorstellungen. Grundgedanke war es, in jedem der zehn neuen Landkreise einen BHP 50 entfalten zu können. In den ersten Planungen hierzu setzte man Kräfte und Mittel von vier Katastrophenschutz-Einsatzzügen an. Die Verteilung von jeweils vier Katastrophenschutz-Einsatzzügen pro Landkreis wurde jedoch sehr schnell vom Sächsischen Innenministerium abgewiesen. Man einigte sich auf die Verteilung von jeweils drei Katastrophenschutz-Einsatzzügen pro Landkreis, der notwendige vierte soll im Bedarfsfall überörtlich aus einem benachbarten Landkreis alarmiert werden.

Ebenfalls wurde vom Freistaat Sachsen eine Struktur einer Schnell Einsatz Gruppe Sanität vorgeschrieben. Die Kräfte und Mittel der SEG Sanität werden aus den Katastrophenschutz-Einsatzzügen gewonnen.

BHP 50

In enger Zusammenarbeit mit dem Landesfeuerwehrverband e. V. (hier speziell mit Mathias Bessel) entstanden die ersten Entwürfe eines landeseinheitlichen BHP 50. Speziell für die Komponente Dekontamination Verletzter und taktische Vorgehensweise war seine Zuarbeit unverzichtbar.

Im BHP 50 „Modell Sachsen“ kommen vier Module Führung, vier SEG Sanität, zwei SEG Betreuung und zwei SEG Versorgung/Logistik zum Einsatz. Bei Bedarf kann eine vorgeschaltete Dekontamination Verletzter erfolgen. Dazu wird ein fünfter Abschnitt gebildet, den Feuerwehrkräfte betreiben. Geführt wird der BHP 50 „Modell Sachsen“ durch eine Abschnittsleitung Rettungsdienst, die sich aus einem Leitenden Notarzt, einem Organisatorischen Leiter Rettungsdienst, einer Führungsgruppe Sanität/Betreuung, einem Funktrupp und dem Kreisauskunftsbüro des Deutschen Roten Kreuzes zuammensetzt.

Die Führungsgruppe Sanität/Betreuung wurde ebenfalls auf Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft der Hilfsorganisationen in der Katastrophenschutzverordnung definiert und muss in jedem Landkreis mindestens einmal vorhanden sein (Abb. 1).

Beschaffung Gerätewagen Sanität

CP-412_14_Abb_2Am 21. Februar 2011 wurde durch eine öffentliche Ausschreibung bekannt, dass der Freistaat Sachsen die Anschaffung von 30 neuen Gerätewagen Sanität (GW SAN) plant. In verschiedenen Arbeitsgruppen wurde über das Fahrgestell und die technische und medizinische Beladung beraten. Hierzu orientierte man sich am Bedarf zur Entfaltung eines BHP 50 „Modell Sachsen“. Jeder GW SAN sollte in der Lage sein, jede Sichtungskategorie auf solch einem Behandlungsplatz betreiben zu können. Dr. Jens Schiffner, Kreisverbandsarzt des DRK Zittau, entwarf eine Ausrüstungsrichtlinie zur Ausstattung der einzelnen Sichtungskategorien mit technischem und medizinischem Material. Diese Ausrüstungsrichtlinie verfolgt das Ziel, jeder Führungskraft einen Wegweiser zum einheitlichen Aufbau eines BHP 50 „Modell Sachsen“ an die Hand zu geben.

Am 17. Dezember 2011 wurden 30 neue Gerätewagen Sanität feierlich an die Einheiten im Land Sachsen auf dem Theaterplatz in Dresden übergeben. Damit hat der Freistaat Sachsen das erste Mal seit 1995 wieder landeseigene Fahrzeuge im Wert von insgesamt 5,5 Millionen Euro beschafft (Abb. 2).

Barbara 2012

Nach langer Vorbereitung fand am 22. September 2012 die Landeskatastrophenschutzübung „Babara 2012“ statt. Hier sollten die neuen Gerätewagen Sanität zu ersten Mal ihre Einsatzfähigkeit beweisen. Geübt wurde die Entfaltung eines BHP 50 „Modell Sachsen“ nach einer missglückten Airbus-Notlandung. Gleichzeitig wurden die neuen Strukturen der Katas­trophenschutz-Einsatzzüge und der SEG beübt. Die Abschnittsleitung Rettungsdienst wurde zum ersten Mal nach der neuen Struktur entfaltet.

Ausblick

Die Strukturen der Abschnittsleitung Rettungsdienst, der Katastrophenschutz-Einsatzzüge und des Behandlungsplatz 50 „Modell Sachsen“ haben sich bewährt.

Der nächste große Schritt, den es zu bewältigen gilt, ist die Ausbildung der Gruppen-, Zug- und Verbandführer. Hier müssen die bisherigen Ausbildungsinhalte an die neuen Strukturen angepasst und vermittelt werden.

In diesen Zusammenhang ist eine Neuausrichtung der derzeitigen Qualifikation von Rettungsassistenten und OrgL RD im Land Sachsen anzustreben. Der Rettungsassistent sollte mit Abschluss seiner Ausbildung bzw. durch Zusatzqualifikation die Kompetenz besitzen, eine Lage hinsichtlich ihrer möglichen Entwicklung zum MANV und die damit verbundenen notwendigen Handlungsweisen zu ihrer Bewältigung erfassen und bewältigen können. Er soll bis zu fünf Rettungsmittel allein führen können und damit selbstständig oder ihm zugewiesene Aufgaben erfüllen. Somit wird er als Gruppenführer Rettungsdienst tätig.

Die Ausbildung des OrgL RD ist im Land Sachsen nicht einheitlich geregelt. Entsprechend seiner Aufgabe in der Einsatz Abschnittsleitung Rettungsdienst muss die Ausbildung auf Verbandsführerniveau erfolgen. In der Rahmenempfehlung 004 wird auf dieses Thema eingegangen und eine mögliche Ausbildung dargestellt.

Wichtig ist hierbei, dass die Bezeichnung Organisatorischer Leiter Rettungsdienst nur noch als Funktionsbezeichnung verwendet wird; dies kann nur die Person sein, welche eine entsprechende Qualifikation (Verbandsführer) hat und zu dieser Funktion berufen wurde.

Autoren:
Frank Strönisch, Mike Alsleben

Anschrift der Verfasser:
Frank Strönisch
Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
Regionalverband Leipzig/Nordsachsen
Marcusgasse 7, 04315 Leipzig
Tel.: 0341 / 69626 0, Fax.: 0341 / 69626 66
E-Mail: info@seg-sachsen.info
www.johanniter.de

Frank Strönisch
geb. am 4. Oktober 1975 in Leipzig

  • 1992: Ausbildung zum Rundfunk- und Fernsehtechniker
  • 1998: Zivildienst Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
  • 2000: Ausbildung zum Gruppenführer
  • 2004: Ausbildung zum Zugführer Hilfsorganisationen
  • 2009: Ausbildung zum Verbandführer Hilfsorganisationen
  • 2012: Berufung zum Zugführer Katas­trophenschutz-Einsatzzug ­Mitte Landkreis Leipzig