Im kommenden Jahr findet die Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine statt. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls mit ABC-Gefahrstoffen als sehr unwahrscheinlich gilt, so muss wegen der verheerenden Schadenrisiken umfassend vorgeplant werden. Bereits im Mai fand in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ein ABC-Workshop der NATO statt. Den Ausrichtern der EM wurde umfangreiche Unterstützung bei der Terrorabwehr zugesagt. Mit Blick auf die seither drastischen Ereignisse in Nordafrika stellt sich die Bedrohungslage mit einem neuen, schwer zu bewertenden Aspekt dar: in Libyen lagern mehr oder weniger gut gesichert große Mengen moderner Waffen und mehrere Tonnen chemische Kampfstoffe.

Abb. 1: Dekon-Station Zivilisten, Typ Hannover. Hersteller: Fa. OWR

Abb. 1: Dekon-Station Zivilisten, Typ Hannover. Hersteller: Fa. OWR

Etwas entfernt von der großen Weltpolitik besuchte auf Einladung der Stadtkommandantur der Feuerwehr Poznan (Polen) im Rahmen ihrer Städtepartnerschaft eine Delegation der Feuerwehr Hannover die Ausrichterstadt von drei Spielen der EM 2012. Hannover war selbst Austragungsort bei der FIFA-Fußball-WM 2006 in Deutschland und hat umfangreiche Erfahrungen in der Planung der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr bei sportlichen Großveranstaltungen mit besonderem Schwerpunkt ABC-Abwehr gesammelt. Im Juni 2011 fand daher eine gemeinsame Großübung in Poznan statt, an der 31 Feuerwehrleute aus Niedersachsen mit ihrem Spezialgerät AB-Dekon-Z teilgenommen haben.

Rückblick

Die 2006 im Auftrag des Weltfußballverbandes FIFA vom Deutschen Fußball-Bund unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ ausgetragene Weltmeisterschaft stellte die Behörden der polizeilichen und nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr vor besondere organisatorische Herausforderungen. 32 Nationalmannschaften sollten insgesamt 64 Fußballspiele in zwölf Stadien (Hamburg, Hannover, Dortmund, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt, Kaiserlautern, Berlin, Leipzig, Nürnberg, Stuttgart, München) austragen. Schließlich gelang es, für alle zwölf WM-Austragungsorte eine einheitliche Systematik abzustimmen, die es erlaubte, anhand von einheitlichen Sicherheitsstandards übereinstimmende Vorbereitungen zu betreiben.

Im Fokus der Gefahrenabwehrplanungen standen neben den Stadien auch zahlreiche Public-Viewing-Flächen sowie die lokale Infrastruktur zur An- und Abreise und Einquartierung von Gästen aus aller Welt an den Spielorten.

Die Gefahrenabwehrplanung am Beispiel Hannover gliederte sich konkret in die folgenden vier Stufen:

Stufe 1: Gefahrenabwehr im WM-Stadion Hannover – AWD-Arena (Grundschutz)

Stufe 2: Örtliche Gefahrenabwehr in der Stadt Hannover

Stufe 3: Nachbarschaftliche Gefahrenabwehr in der Region Hannover

Stufe 4: Überörtliche Gefahrenabwehr (Katastrophenschutz); benachbarte und überörtliche Landkreise sowie Städte mit Berufsfeuerwehren aus Niedersachsen.

Klassische Einsatzbereiche der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr waren der Brandschutz, die Hilfeleistung und die Notfallrettung. Für die mögliche Anfahrt von Einsatzkräften und den Transport Verletzter in Kliniken wurden Notfallrouten definiert. Im WM-Stadion Hannover wurde an den Spieltagen eine örtliche Einsatzleitung, in unmittelbarer Nähe zum Stadion Bereitstellungsräume mit entsprechender Infrastruktur eingerichtet und betrieben. Für die strukturierte Heranführung von örtlichen, nachbarschaftlichen und überörtlichen Einsatzkräften wurden in der Landeshauptstadt Hannover vier Sammelplätze eingerichtet und betrieben. Die Technische Einsatzleitung (TEL) als Kernzelle der operativen Gefahrenabwehr wurde ebenfalls in Stadionnähe aufgebaut. Auf der Feuer- und Rettungswache 1 wurde an den Spieltagen ein Stab Außergewöhnliche Ereignisse (SAE) als administrativ-organisatorische Führungskomponente besetzt. Hier wurden auch Fachberater z.B. der Hannoverschen Verkehrsbetriebe und des Technischen Hilfswerkes (THW) sowie Verbindungsbeamte der Polizei und der Bundeswehr fest integriert. Die besondere Führungsorganisation mit TEL und SAE sowie die Einbindung überörtlicher Kräfte wurde jeweils vier Stunden vor Spielbeginn aktiviert und blieb bis vier Stunden nach Spielende erhalten.

Abb. 2: Schienensystem zur Dekontamination Verletzter (VTS).

Abb. 2: Schienensystem zur Dekontamination Verletzter (VTS).

Während der FIFA Weltmeisterschaft war auf Beschluss des AK V der Innenministerkonferenz (IMK) vom 10.02.2004 die notfallmedizinische, rettungs- und sanitätsdienstliche Versorgung für zwei Prozent der Besucherkapazität der Stadien und damit die Versorgung von circa 1.000 Patienten durch geeignete Strukturen zu gewährleisten. Bei diesem nach den hannoverschen Strukturen sog. Massenanfall von Verletzten (MANV) der Stufe 4 (> 200 Verletzte) werden die Aufgaben des Behandlungsplatzes auf die schnellstmögliche Sichtung und Herstellung der Transportfähigkeit der Patienten der Sichtungskategorie I und II konzentriert, um anschließend diese vital bedrohten Patienten unverzüglich in spezielle Erstversorgungskliniken (EVK) transportieren zu können. Dort wird dann die weitere stationäre Behandlungs- und ggf. Transportfähigkeit in weiterbehandelnde Sekundärkliniken sichergestellt. Dazu stellen diese EVK ihren Routinebetrieb ein und widmen sich unter Nutzung aller Ressourcen ausschließlich der Notfallversorgung. Auf Basis der Vorgaben der IMK sind im Bereich des Stadions Hannover, der näheren Umgebung sowie im Stadtgebiet von Hannover Behandlungsplätze ausreichender Größe (2.000 qm) und Anzahl im Rahmen der vorbereitenden Planungen fest definiert worden.

ABC-Gefahrenabwehr

Unter dem Oberbegriff „Besondere Lagen“ wurden auch ABC-Gefahrenlagen subsumiert. Gemäß dem nationalen Sicherheitskonzept wurden Gefahren durch chemische, biologische und radiologische/nukleare Stoffe/Tatmittel als Folge terroristischer Anschläge als eher unwahrscheinlich eingeschätzt. Auf Grund der potenziell aber hohen Schadensrisiken mussten entsprechende Szenarien jedoch umfangreich vorgeplant werden. Auch in Hannover wurde ein spezielles ABC-Gefahrenabwehr-Konzept-WM 2006 entwickelt. Die Maßnahmenplanung orientierte sich an den Folgen möglicher terroristischer Anschläge mit ABC-Gefahrstoffen im Bereich des WM-Stadions sowie an Orten mit hohem Personenaufkommen im Stadtgebiet. Es wurden grundsätzlich drei Einsatzunterabschnitte vorgesehen:

  1.  Einsatzunterabschnitt Messen und Spüren:
    • Messtechnische Erkundungsaufgaben (mögliche Einbindung der ATF)
    • Messen und Spüren von ABC-Gefahrstoffen (unter Einbindung der Bundeswehr)
  1. Einsatzunterabschnitt Dekon-Zivilbevölkerung (Dekon-Zivil):
    • Aufbau und Betrieb der Notdekontaminationsplätze zwischen den Ausgängen am Stadion und besonderer Dekonplätze zur Massen-dekontamination gehfähiger, unverletzter Betroffener
    • Aufbau und Betrieb einer besonderen Dekon-Station zur Dekontamination von Verletzten (Liegendpatienten)
  1.  Einsatzunterabschnitt Dekon-Einsatzkräfte (Dekon-E):
    • Aufbau und Betrieb von Dekontaminationsplätzen zur Dekontamination von Einsatzkräften.

 

Neben der Feststellung (Nachweis), der Eingrenzung und der Dekontamination kontaminierter Bereiche spielte hierbei insbesondere die Rettung, Behandlung und Versorgung von Verletzten und damit auch ihre Dekontamination eine besondere Rolle. Eine Verschleppung der Kontamination in die EVK sollte vermieden werden.

Abb. 3: Dekontamination gehfähiger Fußball-Fans vor dem Fußballstadion Miejski in Polen

Abb. 3: Dekontamination gehfähiger Fußball-Fans vor dem Fußballstadion Miejski in Polen

Der Aufbau und Betrieb von Notdekontaminationsplätzen zwischen den Ausgängen am Stadion und den dahinter vorgesehenen Behandlungsplätzen wurde standardmäßig vorbereitet. Das Grundprinzip für diese Form der Dekontamination nach Kontamination mit chemischen Stoffen und Kampfstoffen beruht auf der Entfernung der Kleidung und dem Abspülen der gesamten Körperoberfläche mit viel Wasser bei wenig Druck. Diese Notdekontaminationsstellen wurden mit Hilfe von jeweils zwei Löschfahrzeugen je Dekontaminationsstelle vorbereitet, welche parallel zueinander aufgestellt werden, so dass sie eine Gasse bilden. An den Dachaufbauten der Löschfahrzeuge werden zur Gasse hin vier B-Hohlstrahlrohre zur Wasserabgabe befestigt und somit eine „Wassergasse“ zur schnellen Ganzkörperduschreinigung gebildet. Diese Wassergassen wären auch im Falle eines Brandanschlages einsetzbar gewesen.

Neues Dekon-System beschafft

Darüber hinaus kam am WM-Stadion Hannover ein bei der Firma OWR in Elztal-Rittersbach beschafftes und auf einem Abrollcontainer verlastetes Dekontaminationssystem (AB-Dekon Zivilpersonen) erstmalig zum Einsatz. Mit Hilfe dieses Systems können nach terroristischen Anschlägen mit A-, B- und C-Stoffen bzw. nach Gefahrgut- oder Chemieunfällen sowohl gehfähige kontaminierte Personen wie auch Liegendpatienten effektiv dekontaminiert werden. Desweiteren kann dieser Container auch als Massendusche z.B. bei Hochwasserlagen, Großveranstaltungen oder sonstigen Großschadensereignissen zum Einsatz kommen, ebenso zur Dekontamination eigener Kräfte nach Gefahrguteinsätzen.

Dieses kompakte System ist in zwei Duschbereiche mit insgesamt 8 Duschplätzen – optional geschlechtergetrennt – unterteilt. Die kontaminierten Personen entkleiden sich im „Schwarzbereich“, duschen selbständig und kleiden sich dann mit einem bereitgestellten Trainingsanzug wieder an. Je nach nachgewiesenem Gefahrstoff können dem Wasser auch automatisch verschiedene Duschmittel zur Dekontamination zugemischt und der Duschvorgang zeitlich getaktet werden.

Sofern nicht mehr eigenständig gehfähige Personen dekontaminiert werden müssen, kann ein Duschbereich zur Dekontamination von Liegendpatienten umfunktioniert werden. Hierfür wird ein speziell für diesen Zweck entwickeltes Verletztentransportsystem (VTS), auf dem Rettungstragen sicher bewegt werden können, in einem der beiden Duschräume aufgebaut. Die Liegenpatienten werden durch das Bedienpersonal unter rettungsdienstlicher Betreuung zunächst entkleidet, anschließend im Duschraum dekontaminiert und der weiteren notfallmedizinischen Behandlung am Behandlungsplatz bzw. in einer EVK zugeführt.

Abb. 4: Übergabe eines kontaminierten Liegendpatienten an der Dekon-Station Hannover

Abb. 4: Übergabe eines kontaminierten Liegendpatienten an der Dekon-Station Hannover

Der AB-Dekon-Z besticht durch hohe Funktionalität bei verhältnismäßig geringem Platzbedarf und ermöglicht eine zügige und effektive Dekontamination: in einer Stunde können entweder 120 – 160 gehfähige Personen oder 60 – 80 gehfähige und bis zu 20 Liegendpatienten dekontaminiert werden. Zum Aufbau werden 4 bis 6, zur effektiven Bedienung 12 Einsatzkräfte benötigt. Die Einsatzbereitschaft ist in ca. 20 Minuten hergestellt wobei der Dekonplatz am WM-Stadion bereits operationsbereit aufgebaut war. Zudem ist das System witterungsunabhängig und kann multifunktional eingesetzt werden.

Die im Rahmen der Vorbereitung und Durchführung der FIFA-Fußball-WM 2006 gemachten Erfahrungen flossen bis heute in die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehrplanung der Landeshauptstadt Hannover ein. Insbesondere die Bereiche Massenanfall von Verletzten (MANV) und ABC-Gefahrenabwehr konnten Planungen technisch wie auch einsatztaktisch entscheidend weiter entwickelt und auf neue Herausforderungen und Szenarien angepasst werden.

Großübung in Poznan (Polen)

Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Hannover und der polnischen Stadt Poznan wurden im Rahmen der Vorbereitungen für die Fußball-EM 2012 in der Ukraine und Polen intensiv Erfahrungen mit der Feuerwehr Poznan ausgetauscht. Poznan ist im Sommer 2012 Austragungsort von drei EM-Spielen.

Auf Einladung der Stadtkommandantur der Feuerwehr Poznan unterstützte die Feuerwehr Hannover schließlich im Juni dieses Jahres eine zweitägige Großübung in Poznan, welche im Vorfeld als Generalprobe für die Vorbereitungen der polizeilichen und nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr am EM Austragungsort deklariert worden war, mit einer 31-köpfigen Dekontaminationseinheit, dem AB-Dekon-Z und weiterem Sondergerät. Von polnischer Seite wurden 350 Feuerwehreinsatzkräfte in Poznan zusammengezogen.

Die Übung gliederte sich in folgende Szenarien, die mit hohem Aufwand dargestellt wurden:

  1. Terroristischer Anschlag im Stadion Miejski mit einem Massenanfall von Verletzten und der Notwendigkeit zur Dekontamination von ca. 40 Zuschauern
  2. Flugzeugabsturz im Bereich der Messe Poznan mit einem Massenanfall von Verletzten
  3. Austritt von Gefahrstoffen in einer chemischen Fabrik.

Schwerpunkt für die Feuerwehr Hannover war der Übungsteil 1: die Evakuierung der rund 40 kontaminierten Fußball-Fans zusammen mit polnischen Feuerwehreinheiten, die Dekontamination und die anschließende Übergabe an den Behandlungsplatz am Stadion. Ziel war die schnelle und gründliche Dekontamination um eine gefahrlose medizinische Versorgung der Patienten zu gewährleisten und eine Verschleppung der Kontamination in Krankentransportwagen und Kliniken zu vermeiden.

Die Einbindung der hannoverschen ABC-Einheit in die Gefahrenabwehrstruktur vor Ort erfolgte problemlos. Zusammen mit einer polnischen Einheit bildeten sie den „Einsatzabschnitt Dekontamination“, der von vier deutsch-polnisch sprechenden Feuerwehrleuten unterstützt wurde. Beide Dekon-Stationen wurden nebeneinander autark Aufgebaut und betrieben. Selbstverständlich wurden gegenseitig Erfahrungen ausgetauscht, genau beobachtet und mit dem jeweils anderen Gerät geübt.

Die Dekontaminationskräfte aus Niedersachsen konnten mit ihrem AB-Dekon-Z abermals ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen und die über 40 Zivilpersonen mit unterschiedlichen Verletzungen erfolgreich dekontaminieren – erstmals allerdings im Ausland.

Bahlman_webChristoph Bahlmann

Feuerwehr Hannover