Mit einer Hafengröße von 74 km², einer Gesamtlänge von 3 325 m des neuen Elbtunnels und einer Einwohnerzahl von mehr als 1 815 000 richtet der Stadtstaat Hamburg besondere Anforderungen an die Katastrophenschutzbehörden bzgl. der Einsatz- und Bedarfsplanung sowie hinsichtlich des Brand- und Katastrophenschutzes. Mit CP sprach OBD Klaus Maurer, Leiter der Berufsfeuerwehr Hamburg, über die Aufgaben und Herausforderungen sowie das Gesundheitsmanagement der Feuerwehr Hamburg und den innerstädtischen Strukturwandel.

Klaus Maurer, OBD Berufsfeuerwehr Hamburg. (Bild: Feuerwehr Hamburg)

Klaus Maurer, OBD Berufsfeuerwehr Hamburg. (Bild: Feuerwehr Hamburg)

CP: Herr Maurer, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview mit CP genommen haben. Bitte stellen Sie sich und die Feuerwehr Hamburg unseren Lesern kurz vor.

Klaus Maurer: Seit Oktober 2006 bin ich Leiter der Feuerwehr Hamburg. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens trat ich 1987 als Brandreferendar in den höheren feuerwehrtechnischen Dienst der Berufsfeuerwehr Köln ein. Von 2001 bis 2006 war ich Leiter der Feuerwehr Karlsruhe. Seit dieser Zeit bin ich als Experte im EU-Gemeinschaftsverfahren und seit 2007 als aktives Mitglied des United Nations Disaster Assessment und Coordination Teams (UNDAC) tätig.

CP: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie bei der Feuerwehr Hamburg und wie verteilen sich die Einsatzzahlen?

Klaus Maurer: Bei der Feuerwehr Hamburg sind über 5 000 Menschen haupt- und ehrenamtlich tätig. Mit 17 Feuer- und Rettungswachen, zwei Löschbootstationen, zwei Tunnelwachen am Elbtunnel, der Technik und Umweltwache, 15 Rettungswachen, 8 Notarztstandorten und den 87 Häusern der Freiwilligen Feuerwehren ist die Feuerwehr Hamburg an 124 Standorten im Stadtgebiet präsent.

Im zurückliegenden Jahr 2013 waren 253.600 Einsätze zu bewältigen. Davon entfielen ca. 11.500 auf Alarmierungen zu Bränden, etwa 21.700 auf Technische Hilfeleistungen und das Gros der Einsätze mit 220.400 auf den Rettungsdienst. Neben den klassischen Aufgaben einer Feuerwehr von der Prävention im Feuerwehrinformationszentrum über den Vorbeugenden Brandschutz, die Gefahrenabwehr sowie den Bereich Technik und Logistik sorgt die Feuerwehrakademie für gut ausgebildetes Personal. Eine Besonderheit ist der in Hamburg ebenfalls in der Feuerwehr beheimatete Kampfmittelräumdienst, der mit den Sprengmeistern und Entschärfern, aber auch mit den Luftbildauswertern, im Bereich der Gefahrenerkundung einen großen Beitrag zur Aufarbeitung der Hinterlassenschaften zweier Weltkriege leistet.

Für die durch die Feuerwehr Hamburg erbrachte Vorhaltung im Rahmen der Daseinsvorsorge entstehen jährliche Kosten in Höhe von ca. 175 Mio. Euro.

Hamburger Löschgruppe der Feuer- und Rettungswache Berliner Tor.

Hamburger Löschgruppe der Feuer- und Rettungswache Berliner Tor.

CP: Ihr Standort birgt besondere Herausforderungen im Brand- und Katastrophenschutz. Welchen Anforderungen sehen Sie und Ihre Mitarbeitenden sich in Ihrer alltäglichen Feuerwehrarbeit in der Millionenstadt Hamburg gegenüber gestellt?

Klaus Maurer: Zu Recht sprechen Sie in Ihrer Frage die vielen Menschen an, um deren Sicherheit wir uns kümmern. Dort liegt auch klar der Schwerpunkt des Einsatzgeschehens. Dabei sind es nicht nur die Einwohner und Pendler, sondern auch Touristen oder Besucher zahlreicher Großveranstaltungen, von denen mehrere mit jeweils mehreren 100.000 Besuchern parallel an verschiedenen Orten in der Stadt zeitgleich stattfinden Unsere Vorhaltung muss darauf flexibel und angemessen reagieren.

Das wirtschaftliche Herz der Stadt schlägt natürlich im Hafen und in den damit verbundenen Betrieben, Warenströmen und Arbeitsplätzen. Der immense Umschlag unterschiedlichster Güter in Deutschlands größtem Hafen erfordert eine umfangreiche Einsatzplanung, besondere Informationssysteme, die Vorhaltung einer besonders geschulten Gruppe von Spezialisten an der Technik- und Umweltwache und nicht zuletzt auch die Vorhaltung von Löschbooten zum Schutz der ein- und auslaufenden Schiffe sowie der Terminals und Kaianlagen.

CP: Gibt es weitere Herausforderungen neben jenen, die der Hafen mit sich bringt?

Klaus Maurer: Weitere Herausforderungen ergeben sich aus der Situation, dass Hamburg weltweit drittgrößter Standort der Luftfahrtindustrie ist und eine Reihe großer Forschungsinstitute mit ausgedehnten unterirdischen Versuchsanlagen und zahlreiche Betriebe auf dem Gebiet der Life-Science beheimatet. Abgerundet wird das Bild durch große Industrieanlagen im Bereich der Petrochemie, der Metallherstellung und -verarbeitung sowie über 60 Betrieben, die unter die Seveso-Guidelines fallen.

Eine – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Hamburgischen Geschichte mit der schweren Sturmflut von 1962 – besondere Aufmerksamkeit genießt der Schutz vor Sturmfluten. In jährlich zu Beginn der Sturmflutsaison durchgeführte Übungen auf allen Ebenen werden die operativen Einheiten und die Koordinationsstrukturen ständig überprüft und trainiert. Ein ausgefeiltes Prognose- und Warnsystem, ein ständig ertüchtigter baulicher Hochwasserschutz und langfristige Planungen zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels sind ein Schwerpunkt der Arbeit.

CP: Wie ist Hamburg im Hinblick auf diese Besonderheiten aufgestellt?

Dachstuhlbrand eines fünfgeschossigen Mehrfamilienhauses in Hamburg Eimsbüttel im November 2014.

Dachstuhlbrand eines fünfgeschossigen Mehrfamilienhauses in
Hamburg Eimsbüttel im November 2014.

Klaus Maurer: Deutlichen Einfluss auf die Gefahrenabwehrstrukturen hat die Tatsache, dass Hamburg als Stadtstaat sowohl kommunale als auch landesspezifische Aufgaben in seiner Administration und Gefahrenabwehrstruktur bewältigen und abbilden muss und kann – vieles sehr unmittelbar, auf kurzen Wegen und ohne Zwischeninstanzen. Die Erfahrungen und Bewältigungsstrategien der schweren Sturmflut von 1962 wirken dabei bis heute nach. Sie war die Geburtsstunde der Behörde für Inneres und Sport – sie entspricht den Innenministerien der Flächenländer – die für die gesamte Freie- und Hansestadt Hamburg mit im Katastrophenfall sehr weitgehenden Kompetenzen ausgestattet ist und im „Zentralen Katastrophendienststab (ZKD)“ nicht nur Leitlinien zur Schadensbewältigung festlegt und koordiniertes Verwaltungshandeln aller anderen Behörden und Ämter sicherstellt, sondern durchaus in erheblichem Umfang operative Maßnahmen steuert. Dem ZKD nachgeordnet sind verschiedene Fachstäbe, wie der Hafenstab, der alle Maßnahmen zum Schutz der Schiffe und der Hafeninfrastruktur leitet, der Führungsstab der Polizei und die Feuerwehr-Einsatz-Leitung (FEL), die sich neben der Bewältigung des Tagesgeschäfts um den Einsatz der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr kümmert.

Eine besondere Rolle kommt den ebenfalls dem ZKD nachgeordneten „Regionalen Katastrophendienststäben (RKD)“, für die die Bezirksämter verantwortlich zeichnen. Ihnen nachgeordnet sind nicht nur die Technischen Einsatzleitungen der Deichverteidigung (TEL), die von unterschiedlichen Organisationen beschickt werden, sondern auch Aufgabenbereiche wie Warnung, Evakuierung, Unterbringung und Versorgung. Ein enges Miteinander aller Haupt- und ehrenamtlichen Organisationen von Bund und Land ist dabei Programm.

CP: Gibt es ein besonderes Ereignis, das Ihnen in Ihren mehr als acht Jahren Amtszeit als Leiter der Feuerwehr Hamburg in Erinnerung geblieben ist?

Klaus Maurer: Natürlich fallen mir hier eine Reihe von Großbränden wie der Brand eines mit 1.000 t Kautschuk gefüllten Lagers in Harburg, der Brand eines Wohnhauses mit drei Toten in Eimsbüttel oder der schwere Zusammenstoß eines Löschfahrzeugs mit einem Linienbus ein, bei dem 2 Menschen starben und 23 verletzt wurden.

Herausragend ist sicher auch der Brand an Bord des RoRo-Container-Schiffs „Atlantic Cartier“, der neben zahlreichen Standard-Gefahrgütern auch mehrere Einheiten radioaktiven Materials und Munition verschiffte. Schwierige Zugänglichkeiten, erhebliche Abmessungen – das Schiff war knapp 300 m lang – und sehr aufwendige Logistikketten bei der Brandbekämpfung und beim schnellen Entladen waren sicher eine besondere Herausforderung. Dieser Einsatz warf auch ein Licht auf die Bedeutung und Grenzen der Krisenkommunikation.

Löschboot Florian Hamburg 31 LB der Berufsfeuerwehr Hamburg. (Bilder: Heiner Lahmann)

Löschboot Florian Hamburg 31 LB der Berufsfeuerwehr Hamburg.
(Bilder: Heiner Lahmann)

CP: Wo sehen Sie kommende Anforderungen und Herausforderungen?

Klaus Maurer: Die Feuerwehr Hamburg befindet sich derzeit in einem grundlegenden Strukturwandel. Auf der Basis eines umfangreichen Gutachtens haben wir eine Dekadenstrategie zur Entwicklung der Feuerwehr in einer wachsenden Stadt aufgestellt. Kern ist eine Umstellung des Schutzziels von einer Risikoklassenorientierung hin zum „Kritischen Wohnungsbrand“ als Bemessungsereignis. Dieser Wechsel ist grundsätzlich vollzogen. Nun gilt es, die erforderlichen Standortanpassungen zur Erhöhung des Erreichungsgrads und die personelle Verstärkung der Feuerwehr voranzubringen.

Große Veränderungen bringt auch die Umsetzung des Notfallsanitätergesetzes mit sich. Sie hat weitreichenden Einfluss auf die Personalgewinnung, die Ausbildung und den Laufbahnverlauf, um die Multifunktionalität der Feuerwehrfrauen und -männer auch zukünftig anbieten zu können.

Wir haben uns in den zurückliegenden Jahren auf den Weg gemacht, innerhalb der Feuerwehr einen Kulturwandel zu gestalten und den Gesundheitsschutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Maßstab für die interne Entwicklung der Feuerwehr zu nehmen. Große Erfolge der zurückliegenden Jahre sind für uns Verpflichtung, diesen Weg konsequent weiter zu beschreiten.

CP: Lieber Herr Maurer, vielen Dank für diesen interessanten und informativen Austausch. Für die Umsetzung Ihrer Ziele wünschen wir weiterhin viel Erfolg