Mit nur wenigen Mausklicks zur passenden Hilfsorganisation

Das in Karlsruhe gestartete Projekt HelfenKannJeder.de mit gleichnamiger Internetpräsenz soll potenziellen Mitmachern anhand ihrer Interessen mit nur wenigen Mausklicks für sie passende Einsatzorganisationen vorschlagen.
Handelte es sich anfangs um ein auf den Stadtkreis Karlsruhe begrenztes Projekt, haben seit Sommer 2012 alle baden-württembergischen Hilfsorganisationen die Möglichkeit, sich auf der Plattform zu registrieren. Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall hat die Schirmherrschaft für das Portal übernommen, welches auf der Messe Florian im Herbst 2011 erstmals vorgestellt wurde. Finanziell gefördert wird es durch das Land Baden-Württemberg. Auf der Landeskatastrophenschutzbeiratssitzung im Juli 2012 wurde der offizielle Startschuss für die baden-württembergweite Öffnung des Portals gegeben.

Mitmacher gewinnen im Web-2.0-Zeitalter

Mit dem Wegfall der Wehrpflicht ist auch der Wehrersatzdienst Geschichte geworden, den junge Männer bei der Bergwacht, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), den Feuerwehren, den Rettungsdiensten und dem Technischen Hilfswerk (THW) ableisten konnten. Stets war dieser eine zuverlässige Quelle für neue Mitmacher. Aber nicht nur der Entfall des Wehrersatzdienstes stellt die Hilfsorganisationen vor die Herausforderung, im Beruf stehende Menschen im Umfeld einer schnelllebigen Gesellschaft, die immer mehr Flexibilität und Mobilität erfordert, für ein langfristiges Engagement zu gewinnen, die ihr wertvolles Gut „Freizeit“ in die Mitwirkung in einer Hilfsorganisation investieren. Auch die demografische Entwicklung und das geänderte Freizeitverhalten wirken sich nachteilig auf die Personalsituation aus. Dem entgehen stehen eine Verdoppelung der durch Naturkatastrophen hervorgerufenen Schäden im Zeichen des Klimawandels in den letzten zehn Jahren und die zunehmende Komplexität zur Bewältigung der Aufgaben durch die verschiedenen Hilfsorganisationen.
Um im Zeitalter der globalen Vernetzung das Interesse von Menschen für die Mitarbeit in den Hilfsorganisationen zu wecken, haben acht Karlsruher Einsatzorganisationen ein gemeinsames organisationsübergreifendes Konzept umgesetzt. Es basiert auf den drei Säulen

  • Bereitstellung eines gemeinsamen Informations- und Personalgewinnungsportals.
  • Intensive gemeinsame Bewerbung des Portals.
  • Entwicklung und Umsetzung innovativer Konzepte nicht nur zur Personalgewinnung und –erhaltung.

Ziel des Konzepts: Mit wenigen Mausklicks unentschlossenen Interessenten das Tätigkeitsspektrum der Organisationen transparent darstellen.

Karlsruher Idee bald landesweit

Mit der Bereitstellung einer Registrierungsfunktion hat jede baden-württembergische Hilfsorganisation die Möglichkeit, die Plattform zu nutzen und Interessenten als Mitmachmöglichkeit vorgeschlagen zu werden. Startschuss hierzu war Mai 2012.
Die Registrierung gestaltet sich sehr einfach, da in einem mehrstufigen Dialog Schritt für Schritt der Organisationsverantwortliche die notwenigen Angaben, wie zum Beispiel regelmäßige Ausbildungstermine und Ansprechpartner, erfragt werden. Im weiteren Registrierungsprozess kann das Leistungs- und Ausstattungsspektrum der Organisation durch Auswahl aus einem Katalog von Einheiten, Fachgruppen, Ausstattungen und Spezialisierungen im Baukastenprinzip beschrieben werden. Zudem kann dies mit Ansprechpartnern und individuellen Dienstzeiten und -orten in Verbindung gebracht werden. Damit steht ein sehr flexibles Werkzeug zur Verfügung.
Jedem Auswahlelement werden durch die Plattform entsprechende Tätigkeiten intern zugeordnet, so dass letztendlich das vollständige Leistungsspektrum der Organisation einschließlich aller dortigen Betätigungsmöglichkeiten abgebildet und dem Interessenten transparent dargestellt werden kann.

Idee des Portals

Die Idee zur Erstellung der gemeinsamen Personalgewinnungsplattform entstand beim Brand im Karlsruher Zoo im November 2010, als die Einsatzorganisationen Hand in Hand zusammenarbeiteten. Initiiert durch den Stadtfeuerwehrverband und das Technische Hilfswerk Karlsruhe ist es das Ziel des Vorhabens, eine nachhaltige Basis zur Personalgewinnung ohne die Herbeiführung von Konkurrenzsituationen zwischen den Organisationen um die immer knapper werdenden freiwilligen Mitmacher zu schaffen. Da das Angebot an zahlreichen Mitmachmöglichkeiten in den einzelnen Organisationen oft nicht oder nur bruchstückhaft dargestellt ist, Ansprechpartner oder regelmäßige Ausbildungsdienste auf Organisationshomepages nicht genannt werden, soll Interessenten durch eine zentrale Plattform das umfangreiche Angebot an Mitmachmöglichkeiten konsolidiert dargestellt werden. Ohne, dass der Interessent viel Zeit in die Recherche nach passenden Aktivitätsmöglichkeiten investieren muss und gleichzeitig die passenden Ansprechpartner vermittelt bekommt. Ziel dabei ist es aber auch, mit nur wenigen Mausklicks Antworten auf etwaige Fragen zu liefern:

  • Was kann ich in Abhängigkeit meines Alters machen?
  • Wo kann ich mich in meiner Nähe engagieren?
  • Zu welchen Zeiten ist das möglich?
  • Welches Team erwartet mich?
  • Wen kann ich für weitere Fragen ansprechen?

Um die Plattform für alle Altersklassen attraktiv zu machen, werden dem Interessenten nur Tätigkeiten vorgeschlagen, die für sein zuvor angegebenes Alter passend sind. Jugendliche erhalten somit speziell die für sie infrage kommenden Mitmachmöglichkeiten gelistet, die sie sofort wahrnehmen können. Somit wird dann gleich eine Bindung hergestellt. Die Plattform möchte auch dazu beitragen, potenziellen Nutzern die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme zu nehmen. Dies geschieht, indem sich bereits langjährige Mitmacher der Einsatzorganisationen mit einem Steckbrief (bestehend aus Foto und Text) vorstellen und mitteilen, warum sich ehrenamtliches Engagement bei ihrer Organisation und in ihrem Team lohnt. Hierdurch soll ein persönlicher Bezug geschaffen werden, der in dieser Form auf vielen Organisationshomepages zu kurz kommt.
Da die Plattform bereits für Mehrsprachigkeit vorbereitet ist, sollen zukünftig auch Interessenten mit Migrationshintergrund mit Hilfe eines geeigneten Patenkonzeptes individuell und daher gezielter angesprochen werden.

Durch die Bereitstellung einer gemeinsamen Personalgewinnungsplattform erhoffen sich die Beteiligten eine stärkere Verbreitung des Aufrufs zum Mitmachen, als es durch jede der Organisationen alleine geleistet werden kann. In Karlsruhe wurde die Plattform bereits in Informationsbroschüren für Bürger im Stadtkreis Karlsruhe oder durch Aushang von Werbeplakaten in den rund 100 Karlsruher Schulen und auf dem Universitätscampus intensiv beworben. Auch wurde festgestellt, dass die Bereitschaft von Unternehmen, das Portal und damit alle Hilfsorganisationen gemeinsam zu unterstützen, im Vergleich zu einer punktuellen Förderung höher ist. So konnte im Karlsruher Raum auch Dank der Bewerbung durch zahlreiche Medien bereits neue Aktive gewonnen werden. Dabei profitieren auch Organisationen, die aufgrund ihrer originären Tätigkeit keine allzu offensive Öffentlichkeitsarbeit machen können, wie beispielsweise die Notfallseelsorge oder Kriseninterventionsteams, welche gleichsam als Mitmachmöglichkeiten beworben werden.
Indem der Interessierte hier idealerweise gleich auf Anhieb auf für ihn in Frage kommende Mitmachmöglichkeiten verwiesen wird, reduziert sich auch auf Seiten der Hilfsorganisationen der Aufwand zur Beratung entsprechend. Dies kann sich positiv zur Reduzierung der Zahl an noch zuvor interessierten Mitmachern auswirken, welche aufgrund falscher Vorstellungen oder Informationen nach kurzer Zeit wieder ausscheiden und dann ggf. damit dann auch für andere Organisationen dauerhaft „verloren“ sind.

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Wie funktioniert die Plattform?

Erfahrungsgemäß sind die unzähligen Betätigungsmöglichkeiten, welche die Einsatzorganisationen leisten, der breiten Bevölkerung nur ansatzweise bekannt und nur unzureichend transparent und verstreut dargestellt. Aus diesem Grund verfolgt das HelfenKannJeder.de-Portal nicht das Ziel, als reine Plattform für Verlinkungen auf die verschiedenen Homepages der Hilfsorganisationen zu agieren. Das Portal möchte den Interessierten nach seinen Präferenzen fragen und ihm hierzu passende Mitmachmöglichkeit in seiner Nähe vorschlagen.
Für die Realisierung dieses Ansatzes wurde ein nicht unerheblicher Aufwand an ehrenamtlicher Programmierleistung investiert: Das Portal wurde mit einer leistungsfähigen Datenbank ausgestattet, in welcher ein Katalog aus allen möglichen durch alle Einsatzorganisationen erbrachten Tätigkeiten hinterlegt wurde. Hier sind neben den klassischen und meist bekannten Themen, wie Brandbekämpfung und medizinischen Hilfeleistung, zusätzlich rund 70 weitere Tätigkeiten erfasst, welche der Bevölkerung meist unbekannt sind: Der Katalog beschreibt, in welcher Organisation Interessierte u. a. ihre Kenntnisse im Bereich der Chemie oder Umweltanalytik einbringen bzw. erlernen können, ABC-Gefahren abwehren oder als Bauingenieur bei Gebäudeschäden beratend tätig zu werden. Zu jeder dieser verschiedenen Tätigkeiten wurden in der Datenbank auch rund 3 000 verschiedene thematisch verwandte Schlüsselworte und Synonyme zugeordnet, auf welche ein Interessent mittels Freitexteingabe suchend zugreifen kann. Gibt ein Interessent beispielsweise den Suchbegriff „Wasserrettung“ ein, erhält er die damit verbundene Aktivität „Boot fahren“ genannt, um dann im weiteren Schritt alle Organisationen genannt zu bekommen, bei welchen er seiner Wunschtätigkeit nachkommen könnte, einschließlich ihrer Entfernung zu seinem Arbeits-/Wohnort. Für einen Gesamtüberblick über alle Organisationen steht auch eine Kartenansicht zur Verfügung, aus der die Lage aller auf der Plattform hinterlegten Organisationen ersichtlich wird. Ein Klick auf die entsprechende Stecknadel, welche das Gerätehaus bzw. den Sitz der örtlichen Organisation symbolisiert, führt zur Seite mit der Darstellung der Organisationsdetails und Möglichkeit zur Weiterleitung zur Organisations-Homepage.

Um Interessenten über die einfache Vorschlagsfunktion hinausgehend einen tieferen Einblick in die unterschiedlichen Einsatzschwerpunkte der Organisationen zu ermöglichen, wurde über alle Einsatzorganisationen hinweg in einer Art Tätigkeitsmatrix allen Aktivitäten verschiedener Einsatzbereiche (z. B. Brände, Erdbeben, Hochwasser, Naturschutz, Versorgungsengpässe, öffentliche Ausbildung) zugeordnet und jeweils zueinander in Abhängigkeit gebracht. In Abhängigkeit der Ausstattung und Spezialisierung der jeweiligen Organisation ergibt sich so ein individueller „Fingerabdruck“ des Leistungsspektrums, welches dem Interessenten ggf. weiterhilft, eine gemäß seiner Interessenslage für ihn passende Mitmachmöglichkeit zu finden.

Ausblick

In Abhängigkeit der Akzeptanz der Plattform und der aus Spenden gewonnenen Mittel ist geplant, einen Verein als Träger zu gründen und zukünftig innovative Konzepte zu realisieren: Einsatzkräfte sollen sich selber registrieren und so potenziellen Mitmachern als Paten vorab zur Verfügung stehen. Auch für die Entwicklung von Applikationen auf mobilen Telefonen werden noch Unterstützer gesucht.
Bevor die Plattform bundesweit zur Nutzung freigegeben wird, sollen erst durch die anfängliche Begrenzung auf Baden-Württemberg Erfahrungen zum erforderlichen Unterstützungsaufwand im Rahmen der Hilfestellung bei der Registrierung im Pilotbetrieb gesammelt werden. Im Hinblick auf eine bundesweite Öffnung der Plattform werden vorbereitend Partner für die Bewerbung und Weiterentwicklung des Portals, welches in bisher rund 3 500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit entstanden ist, gesucht.

Autoren:
David Domjahn, Florian Geldner

Anschrift für die Verfasser:
David Domjahn
Zunftstr. 12c
76227 Karlsruhe
Tel. 0175 / 9359349
E-Mail: david.domjahn@helfenkannjeder.de

David Domjahn
geb. am 29. Juli 1969 in Karlsruhe

  • 1990 – 1996: Chemiestudium Universität Karlsruhe
  • 1998: Firmengründung im IT-Umfeld in Karlsruhe
  • Seit 1987: ehrenamtlich im THW Karlsruhe tätig
  • Seit 2006: Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit und Projektleiter von HelfenKannJeder.de