Historische Aufgabe zwischen Sofort- und Langzeiteinsatz

Die Johanniter leisten akute Hilfe wie auch längerfristige Betreuung und Unterstützung bei den ersten Schritten zur Integration von Flüchtlingen. Es begann am letzten Augustwochenende mit einem nächtlichen Kraftakt. In Bramsche-Hesepe sollte ein Zeltdorf für 600 Flüchtlinge aufgezogen werden und gleichzeitig eine Notunterkunft in Rosdorf in einer Schule aufgebaut und in Hannoversch Münden eine Sanitätsstation in der Polizeiakademie eingerichtet werden. Aus dem ganzen Landesverband Niedersachsen/Bremen der Johanniter-Unfall-Hilfe kamen ehrenamtliche Helfer zusammen und Material wurde an die Zielorte verbracht.

Ab diesem Zeitpunkt riss der Strom der Ankommenden nicht mehr ab und damit wuchs die Herausforderung für den Staat wie auch für die Hilfsorganisationen. Seitdem hat sich aber auch viel verändert – in der Handhabe der Lage und der Umsetzung vor Ort. Es ist ein komplexes System mit drei Phasen von der ersten Erkundung des Terrains und der Akuthilfe bis zur Aufrechterhaltung eines Regelbetriebs in den Notunterkünften entstanden. Die Aufgaben sind dabei klar verteilt und nicht nur der ehrenamtliche Bereich Bevölkerungsschutz mit seinem Know-how in Führung, Kommunikation, Sanität und Logistik ist gefordert. Vom Einkauf, Distribution inklusive Lagerhaltung über Personal- und IT-Abteilung, Fuhrparkmanagement, Controlling bis hin zum Fachbereich Soziale Dienste, Rettungsdienst und zu den Pressestellen sind viele Disziplinen und Ressorts gefragt – im operativen Bereich vor Ort, wie auch im Management in der Zentrale.

Es haben sich unter Leitung des gesamtverantwortlichen Einsatzleiters Michael Homann, Fachbereichsleiter Bevölkerungsschutz im Landesverband Niedersachsen/Bremen, Einsatzleitungsteams in den Regionalverbänden herausgebildet, die die ehrenamtlichen Einheiten in den ersten Tagen führen. Sie bauen die Strukturen auf und bereiten den Regelbetrieb vor, der dann vom hauptamtlichen Personal wahrgenommen wird. Hier zeigt sich, dass insbesondere Hilfsorganisationen, wie die Johanniter, eine breitgefächerte Kompetenz einbringen können, die über die reine Bevölkerungsschutzebene hinausgeht.

Betreuung in Flüchtlingsunterkunft. (Bild: Johanniter/Birte Zellentin)

Betreuung in Flüchtlingsunterkunft. (Bild: Johanniter/Birte Zellentin)

Liegenschaften

Durch den stetigen Zulauf an Flüchtlingen waren die Belastungsgrenzen der Erstaufnahmeeinrichtungen bald überschritten und andere Unterbringungsmöglichkeiten wie Kasernen, Turnhallen und Schulen mussten sofort aufgetan, geprüft und erschlossen werden. Dabei ergeben sich durch die Immobilie vorgegebene Umrüstungsspezifika, je nachdem ob es sich um eine polizeiliche Fortbildungsstätte mit kleinen Zimmereinheiten oder ein ehemaliges Logistikzentrum in Sarstedt mit allein 25 000 qm Fläche handelt. Manche Schwierigkeiten mit Versorgungsleitungen, der baulichen Substanz und anzugliedernder Infrastruktur tun sich meist auch erst im Zuge des Aufbaus auf. Ohne das bewährte Zusammenspiel aller Helfer der Johanniter mit den regionalen Feuerwehren, dem THW und den anderen Hilfsorganisationen wäre und ist dies nicht zu bewältigen.

Für die Asylsuchenden allerdings ist das Ankunftsszenario – erste Identifikationsangaben, medizinische Erstuntersuchung, Ausstattung u. a. mit Bettzeug, Hygieneartikeln – und die Verpflegungs- und Betreuungssituation gleich. Doch ob diejenigen in Klassenzimmern einer Schule untergebracht sind oder ob sie mit 500 anderen in Kompartimenten à acht Personen in einer Lagerhalle wohnen: Dies allein macht einen gewaltigen Unterschied.

Einbeziehung lokaler Instanzen

Die frühzeitige Einbindung der Lokalpolitik und -verwaltung sowie der Bevölkerung ist von Anfang unerlässlich. Bürgermeister und Landräte sowie die lokalen Medien sind die Multiplikatoren zur Bevölkerung. Nur durch eine offene Informationspolitik kann das Verständnis der Bürger gewonnen und aufrechterhalten werden. Deren angebotene Hilfeleistungen (freiwillige Mitarbeit und Sachspenden) müssen kanalisiert und koordiniert werden – dies benötigt zwar einen gewissen Zeitaufwand, lohnt sich aber im Sinne des Bürgerdialogs.

Erstbetrieb

Zusammenspiel der Helfer bei der Vorbereitung einer Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Logistikzentrum. (Bild: Johanniter/Edzard Schönrock)

Zusammenspiel der Helfer bei der Vorbereitung einer Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Logistikzentrum. (Bild: Johanniter/Edzard Schönrock)

Manchmal waren es noch nicht mal 48 Stunden, dann gab es auch mal vier Tage Zeit – innerhalb dieser temporären Vorgaben spielten sich zu Beginn die Umbau- und Einrichtungsmaßnahmen ab. Mit teilweise mehr als 500 ehrenamtlichen Einsatzkräften der Johanniter, Feuerwehren, THW sowie anderen Organisationen wurde oft in einem enormen Kraftakt die Aufnahme der Flüchtlinge möglich gemacht.

Neben dem laufenden Aufbau wird bereits mit der Personalsuche begonnen: medizinisches und pädagogisches Personal, Dolmetscher, Sozialbetreuer und Einrichtungsleiter. Der Bedarf ergibt sich aus dem Auftrag: Einrichtung einer Notunterkunft, Bereitstellung einer Sanitätsstation mit Vorhaltung eines 24 Stunden besetzten RTW, Gewährleistung der Sicherheit, Übernahme der Verpflegungsausgabe, Sozialbetreuung (inklusive Kinderbetreuung), Kleiderkammer, Ausgabe von Artikeln des täglichen Bedarfs. Allein im Landesverband Niedersachsen/Bremen wurden bis Ende Oktober 250 neue Arbeitsstellen geschaffen.

Dauerbetrieb

Teilweise entstehen Organisationsstrukturen vergleichbar mit einem mittelständischen Unternehmen – binnen weniger Tage. Allein in der Notunterkunft Sarstedt, in der bis zu 1 700 Personen untergebracht werden können, arbeiten rund 80 Mitarbeiter (von Voll- bis Teilzeit).

Neben der rein existenziellen Versorgung werden mit der Zeit Beschäftigungsangebote und auch Informationsvermittlung immer wichtiger. Insbesondere verlässliche Angaben zur Registrierung und den weiteren Verlauf des Asylprozesses – seitens der zuständigen Behörden – wirken sich auf die Stimmung der lange Wartenden eher positiv aus.

Deutschkurse, Spielangebote, Nähzimmer, Sportaktivitäten sind zudem erste Schritte der Integration. Flüchtlinge helfen beim Ausladen, bei der Reinigung der Räumlichkeiten, reparieren gespendete Fahrräder und üben in der Zusammenarbeit mit Helfern und Mitarbeitern den Umgang mit der hiesigen Kultur und Sprache. Und die andere Seite lernt die „Fremden“ und ihre Nöte kennen, erleben aber auch viel Freude und Menschlichkeit im Miteinander.

Flüchtlingshilfe im ­Landesverband ­Niedersachsen/Bremen

Die Johanniter betreiben in Niedersachsen und Bremen aktuell rund 20 Notunterkünfte mit ca. 5 000 Flüchtlingen, teils im direkten Auftrag der Bundesländer, teils im Auftrag der Kommunen im Rahmen der vom Niedersächsischen Innenministerium instruierten Amtshilfe. Daneben unterhalten die Johanniter Flüchtlingsheime, Gemeinschaftsunterkünfte bzw. Integrationszentren wie in Hannover, Eschershausen und Gronau im Auftrag verschiedener Gemeinden. Dort leben Flüchtlinge mit laufenden Asylverfahren, die noch nicht dezentral in Wohnungen vor Ort untergebracht werden können. Auch im Bereich unbegleiteter Jugendlicher sind die Johanniter tätig – eine Aufgabe, die in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Jugendämtern durchgeführt wird.

Aufmacherbild: Busankunft in Flüchtlingsunterkunft.  (Bild: Johanniter/Antje Heilmann)

Frauke Engel

Anschrift der Verfasserin:
Frauke Engel
Stellv. Pressesprecherin
Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
Landesverband Niedersachsen/Bremen
Kabelkamp 5
30179 Hannover
Tel.: 0511/67896-789
E-Mail: medien.nb@johanniter.de