Die Ergebnisse einer Bürgerbefragung in Berlin

Ein großflächiger und lang anhaltender Stromausfall würde in Deutschland zu existenziellen Bedrohungen für die Bevölkerung führen. Bereits nach kurzer Zeit befänden sich die Katastrophenschutzkräfte jedoch an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Dies führt zu der Frage, wie die Bürgerinnen und Bürgern stärker in die Bewältigung eines solchen Szenarios einbezogen werden können. Welche Hilfebedarfe und -erwartungen hat die Bevölkerung im Falle eines Stromausfalls, besteht die Bereitschaft selbst zu helfen? Diesen Fragen wurde im Rahmen des BMBF-geförderten Forschungsprojektes „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ mittels einer Bürgerbefragung nachgegangen (vgl. CP 4/2013). Der vorliegende Beitrag gibt einige Kernergebnisse der Studie „Hilfebedarf, Hilfeerwartung und Hilfebereitschaft bei einem Stromausfall“ wieder.

Würde in einer deutschen Großstadt wie Berlin über einen längeren Zeitraum der Strom flächendeckend ausfallen, wären die Folgen weitreichend und potentiell verheerend. Die betroffene Stadt befände sich schlagartig in einer Situation, in der buchstäblich nichts mehr geht. Mit der Fortdauer des Blackouts würde es zu weiteren Systemausfällen kommen und die Auswirkungen auf die Bevölkerung gingen weit über Einschränkungen und Unannehmlichkeiten hinaus. Schon nach kurzer Zeit müsste der Katastrophenfall ausgerufen werden.

Wichtigkeit staatlicher Hilfeleistungen aus Bürgersicht. Die Präferenzwerte geben darüber Auskunft, in wie weit die Befragten die genannten Hilfeleistungen als wichtig bzw. unwichtig erachten.

Wichtigkeit staatlicher Hilfeleistungen aus Bürgersicht. Die Präferenzwerte geben darüber Auskunft, in wie weit die Befragten die genannten Hilfeleistungen als wichtig bzw. unwichtig erachten.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Verbundvorhaben Katastrophenschutz-Leuchttürme (www.kat-leuchtturm.de) geht der Frage nach, wie in Krisen- und Katastrophenfällen die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden kann. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Kräfte von Polizei, Feuerwehr, THW, Rotem Kreuz und anderen Hilfeeinrichtungen selbst unter den Systemausfällen leiden und durch die besondere Lage und daraus resultierende Notfälle weitgehend gebunden sein werden. Eine Evakuierung der Bevölkerung wäre weder sinnvoll noch möglich und die Bewältigung eines großen Stromausfalls kann am besten durch eine Stabilisierung vor Ort gelingen. Insbesondere sollen dabei die Selbsthilfepotenziale der Bevölkerung aktiviert werden.

Zentrales Element in diesem Ansatz sind Anlaufstellen für die Bevölkerung, so genannte Katastrophenschutz-Leuchttürme. Diese sollen so ausgestattet sein, dass dringende Hilfeleistungen dort angeboten oder organisiert werden können. Die Notstromversorgung und Kommunikationsfähigkeit müssen gewährleistet sein. Nicht weniger wichtig ist jedoch die Einbeziehung und Aktivierung der Bevölkerung. Je besser dies gelingt, so die Kernannahme dieses innovativen Ansatzes, desto stärker können die Resilienz- und Selbsthilfepotenziale der Bevölkerung genutzt und umso effektiver das Krisen- und Katastrophenmanagement bei einem Blackout oder anderen Katastrophen organisiert werden.

Diese Leuchttürme haben eine Schnittstellenfunktion und bei der Einbeziehung und Aktivierung der Bevölkerung kommt ihnen eine Schlüsselrolle zu. Voraussetzung ist jedoch eine möglichst genaue Kenntnis der Hilfebedarfe und -erwartungen sowie der Hilfebereitschaft und ihrer Voraussetzungen. Ein bürgernahes und aktivierendes Krisen- und Katastrophenmanagement muss daher an den lokalen Vulnerabilitätsprofilen, den vorhanden Ressourcen und bestehenden Hilfementalitäten ansetzen. Da belastbare empirische Erkenntnisse hierzu jedoch kaum vorliegen, wurden in drei Berliner Bezirken 800 Bürgerinnen und Bürger mit den nachfolgend umrissenen Ergebnissen befragt (siehe auch:  http://www.kat-leuchtturm.de/veroeffentlichungen.html).

Abb. 2: Bereitschaft zu eigenen Hilfeleistungen.

Abb. 2: Bereitschaft zu eigenen Hilfeleistungen.

Vulnerabilität

Ein nicht unerheblicher Teil der Befragten sieht sich körperlich eingeschränkt. Kommen belastende Umstände wie eine Wohnung oberhalb des 4. Stockwerks oder pflegebedürftige Angehörige hinzu, ist von einer stark erhöhten Vulnerabilität auszugehen. Es hat sich auch gezeigt, dass Vorräte an Lebensmitteln und Getränken überwiegend nach spätestens vier Tagen aufgebraucht sein werden und Kerzen, Taschenlampen, Campingkocher oder auch batteriebetriebene Radios nicht gezielt bevorratet werden. Bei einem längeren Stromausfall müssen folglich entsprechende Ressourcen nachgeführt werden.

Hilfeerwartung

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse muss erwartet werden, dass es im Fall eines mehrtägigen Stromausfalls bei einer Vielzahl von Personen zu Situationen kommt, in denen Hilfe erforderlich oder zumindest gewünscht wird. Die Befragungsergebnisse lassen darauf schließen, dass sich die Großstadtbewohner in hohem Maße auf informelle Netzwerke verlassen. Mit wenigen Ausnahmen wird Hilfe von Familienangehörigen und Freunden aber auch mehrheitlich aus der Nachbarschaft erwartet.

Allerdings wird die Nachbarschaftshilfe vergleichsweise als weniger zuverlässig beurteilt. Auch deshalb bedarf es paralleler Hilfestrukturen, die wesentlich durch das System von Kat-Leuchttürmen getragen werden sollen. Aber wo sollen diese eingerichtet werden und welche Hilfsangebote sollen sie vorhalten? Tendenziell werden Anlaufstellen favorisiert, die aufgrund ihres Aufgabenprofils mit Schutz und Hilfe in Verbindung gebracht werden (Polizei und Feuerwehr) oder zu denen subjektiv keine Zugangsbarrieren bestehen (öffentlicher Platz, Bahnhof). Kirchen bzw. Moscheen, Schulen und Nachbarschaftseinrichtung finden wenig Akzeptanz.

Abb. 3: Hilfebereitschaft nach räumlicher Nähe. (Grafiken HWR)

Abb. 3: Hilfebereitschaft nach räumlicher Nähe. (Grafiken HWR)

Es lassen sich gruppenspezifische Präferenzstrukturen feststellen, die bei der Planung von Anlaufstellen und Hilfeleistung zu beachten sind. Grundsätzlich ist auf eine Diversität der Anlaufstellen aber auch der Angebote zu achten. Für Befragte deutscher Herkunft sind die Verteilung von Lebensmitteln und die medizinische Versorgung von besonderer Bedeutung, für Befragte mit Migrationshintergrund die Bereitstellung von Kommunikationsmitteln. Generell werden die Versorgung mit aktuellen Informationen sowie kompetente Ansprechpartner für persönliche Probleme gewünscht.

Hilfebereitschaft

Die mitgeteilte Bereitschaft zur Leistung von Hilfe ist herausragend hoch. Allerdings ist diese Hilfsbereitschaft differenziert zu betrachten. In besonders hohem Maße sind die Befragten bereit, überschaubare und objektiv dringliche Leistungen wie Krankentransporte zu erbringen sowie ihre persönlichen Fähigkeiten und Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.

Die Hilfebereitschaft ist gegenüber Personen besonders ausgeprägt, die im eigenen räumlichen Umfeld leben. Bei der Entwicklung informeller Hilfestrukturen ist folglich zu beachten, dass Hilfe am leichtesten fällt, wenn sie Personen zu Teil wird, die den potentiellen Helfern räumlich und sozial nahe sind.

Die Bereitschaft zur nachbarschaftlichen Hilfeleistung ist bei Befragten, die schon lange im gleichen Quartier leben, besonders stark. Bei örtlich weniger gebundenen Bevölkerungsgruppen wie Studenten ist diese geringer und die Tendenz, bei einem anhaltenden Stromausfall die betroffene Stadt zu verlassen, stärker.

Besonders beachtenswert ist das Ergebnis, dass individuelle Hilfebereitschaft und individuelle Ressourcenstärke bzw. Resilienz tendenziell negativ korrelieren. Die Antworten deuten darauf hin, dass Bevölkerungsgruppen, für die die Folgen eines anhaltenden Stromausfalls besonders gravierend sein könnten, namentlich Ältere, Migranten oder Familien mit Kindern, in überdurchschnittlichem Maße bereit sind, anderen – auch unter Inkaufnahme persönlicher Einschränkungen – zu helfen, indem sie etwa knappe Güter teilen oder auch Fremde in der eigenen Wohnung aufnehmen würden.

Fazit

Die Ergebnisse dieser Befragung deuten zusammenfassend in zwei Richtungen:

Im Falle eines anhaltenden Stromausfalls würde in Großstädten ein massiver Hilfebedarf entstehen. Die Bevölkerung würde sich zwar auf informelle Netzwerke verlassen, erwartet aber ergänzend Anlaufstellen im Wohnumfeld sowie gezielte und qualifizierte Hilfeleistungen. Katastrophenschutz-Leuchttürme können diesen Bedarf weitgehend abdecken.

In einem unerwartet hohen Maße sind Großstadtbewohner bereit, selbst aktiv zu werden und Hilfe zu leisten. Damit diese Bereitschaft im Krisen- und ­Katastrophenfall zu  einer Ressource für Ansätze der Selbsthilfe werden kann, bedarf es jedoch ihrer Koordination. Auch hierbei können Katastrophenschutz-Leuchttürme eine wichtige Funktion übernehmen.

Bildnachweis Aufmacherbild: S. Abb. 3.

Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. Claudius Ohder
Julian Röpcke
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Fachbereich 5 Polizei und Sicherheitsmanagement
Alt-Friedrichsfelde 60
10315 Berlin

FSI_Claudius_OhderProf. Dr. Claudius Ohder
geb. am 14. März 1954 in Jena
Studium: FU Berlin und University of California Berkeley
Wissenschaftliche Mitarbeit in ­kriminologischen Projekten
Leiter Geschäftsstelle Berlin gegen Gewalt
Professur für Kriminologie, ­Prorektor, Dekan
Jetzige Position: Professor für ­Kriminologie, Studiengangsleiter ­Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht ­Berlin