Die Bergung des Höhlenforschers Johann Westhauser aus der Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen im Juni 2014 dauerte elf Tage, zehn Stunden und vierzehn Minuten.

Insgesamt 728 Helfer aus verschiedenen Ländern – Deutschland, Österreich, die Schweiz, Italien, Kroatien und Slowenien – waren an der spektakulären Rettungsaktion beteiligt. Es sollte der bis dato größte Höhlenrettungseinsatz der Geschichte auf deutschem Boden sein.

Der Unfallhergang

Als der Höhlenforscher Johann Westhauser am 7. Juni 2014 mit zwei Kollegen in die Riesending-Schachthöhle im Untersberg-Massiv hinabsteigt, ahnt er nicht, auf welch folgenschwere Expedition er sich an diesem Pfingstwochenende begibt. In der Nacht auf Pfingstsonntag, den 8. Juni, kommt es gegen 1.30 Uhr tief in der Schachthöhle zu einem schweren Unfall. Der Höhlenforscher Westhauser wird von einem Steinschlag am Kopf verletzt und verliert das Bewusstsein.
Seine Begleiter reagieren schnell: Sie schneiden ihren Kollegen vom Sicherungsseil herunter und legen ihn auf abschüssigem Gelände ab. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Gruppe bereits in einer Tiefe von etwa 1 000 Metern. Ein Begleiter macht sich sofort auf den Weg zu einem knapp zwei Stunden entfernten Lager, um dort Schlafsäcke und Wasser zu holen. Der zweite Kollege wacht in dieser Zeit an der Seite des Verletzten. Schließlich beginnt einer der Forscher den beschwerlichen, rund zwölf Stunden langen Aufstieg aus der Schachthöhle. Gegen 13.45 Uhr kann er schließlich von einer Berghütte aus einen Notruf absetzen.

Die Bergung

Am Höhleneingang der Riesending-Schachthöhle: der Verunfallte erreicht mit Hilfe eines „Seilaufzuges“ das Tageslicht. (Bild: Berwacht Bayern)

Am Höhleneingang der Riesending-Schachthöhle: der Verunfallte
erreicht mit Hilfe eines „Seilaufzuges“ das Tageslicht. (Bild: Berwacht Bayern)

Per Ferndiagnose gehen die Ärzte zunächst von einem Schädel-Hirn-Trauma bei dem Verunglückten aus. Nach intensiver Beratung mit den Höhlenrettungschefs der Nachbarländer und der Erstellung eines Rettungskonzeptes lässt die Bergwacht Bayern am späten Nachmittag des 8. Juni die ersten Helfer in die Höhle einsteigen. Sie sind mit minimaler medizinischer Ausrüstung ausgestattet. Nach etwa sieben Stunden erreichen sie den Verletzten und können ihn medizinisch erstversorgen. Eine zweite Rettungsmannschaft in Begleitung eines Höhlenrettungsarztes beginnt den Abstieg um Mitternacht, scheitert aber an den enormen psychischen Belastungen und den widrigen klimatischen Bedingungen. Die Temperatur liegt in dieser Tiefe bei gerade einmal vier Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit beträgt fast 100 %.
Am Montagabend macht sich eine Gruppe schweizerischer Höhlenretter mit einem Rettungssanitäter auf den Weg in die Höhle. Die Helfer erreichen Westhauser am 9. Juni und können die medizinische Erstversorgung fachgerecht erweitern. Westhauser ist zu diesem Zeitpunkt ansprechbar, sodass ein baldiger Transport möglich scheint. Gleichzeitig arbeiten Wegebautrupps am Ausbau der Rettungsstrecke, um die Sicherheit der nachrückenden Einsatzkräfte und Ärzte zu gewährleisten. Zusätzlich werden Telefon- und Funkverbindungen zur Außenwelt eingerichtet und die Lagerstätten, sogenannte Biwaks, ausgebaut. Bei Eintreffen der Retter am 13. Juni befindet sich Westhauser in stabilem Zustand und kann transportfähig gemacht werden. Der Transport dauert insgesamt sechs Tage. Am 19. Juni um 11.44 Uhr erreicht das Rettungsteam schließlich den Ausgang der Riesending-Schachthöhle. Mehr als 274 Stunden nach dem Unfall kann Westhauser in die Unfallklinik nach Murnau geflogen werden.
Dr. Johannes Schiffer, Leitender Bergwacht-Notarzt und Mitglied der Einsatzleitung, sieht im Nachhinein die Tiefe der Riesending-Höhle, die mit 1 148 Metern als die größte und längste Höhle Deutschlands gilt, als die größte Herausforderung. Schiffer zufolge resultierte daraus ein grundlegendes Problem: der lange Informationsweg. Die Melder aus der Höhle konnten wegen des schwierigen Auf- und Abstiegs anfangs nur mit einer Zeitverzögerung von zwölf Stunden über den Gesundheitszustand des Patienten informieren.
Größere Schwierigkeiten sah Schiffer auch im Bereich der ­­Logistik: Strecken- und Kommunikationsaufbau nahmen viel Zeit in Anspruch, die Versorgung des Patienten und die Verpflegung des Einsatzteams setzten den ständigen Ausbau und die Erhaltung der Passierbarkeit der Versorgungswege voraus. Zeitweise waren bis zu 70 Personen gleichzeitig in der Höhle tätig, um einen reibungslosen Ablauf der Rettung zu gewährleisten.

Internationale Zusammenarbeit

Entscheidend für den Erfolg der Rettungsaktion war vor allem die hervorragende internationale und organisationsübergreifende Zusammenarbeit. Trotz der Sprachbarriere offenbarte sich die ungewohnte Kooperation als überaus harmonisch und konstruktiv. Mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen verloren Nationalitäten und Sprachunterschiede schnell an Bedeutung. Das grenzübergreifende Teamwork schaffte letztendlich die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bergung.
Tatsächlich hatte der gemeinschaftliche Großeinsatz am Ende sogar noch weitreichendere Vorzüge. Die Extremsituation förderte nämlich auch den Erfahrungsaustausch zwischen den Rettungskräften der verschiedenen Nationen: So konnten die deutschen Höhlenretter etwa im technischen Bereich viel von ihren italienischen und schweizerischen Kollegen lernen, die Rettungen sehr oft in großen Tiefen trainieren.

Fazit

Die Bergung aus der Riesending-Höhle war nicht nur ein organisatorisches Meisterstück, sondern vor allem eine grenz- und organisationsübergreifende Gemeinschaftsleistung. Ärzte, Höhlenretter und -forscher konnten zusammen möglich machen, was nur schwer möglich schien. Obwohl die Retter dabei an ihre psychischen und physischen Grenzen gehen mussten, überwog am Ende bei allen die Erleichterung.

Die Riesending-Höhle ist seit Einsatzende verschlossen. Wer sie erforschen will, muss einen Antrag bei den zuständigen Behörden stellen. Johann Westhauser, der bei seinem Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und einen Jochbeinbruch erlitt, behielt keine bleibenden Schäden zurück und konnte bereits nach zweimonatiger Genesungszeit wieder seiner gewohnten Arbeit nachgehen.

Der Beitrag ist mit freundlicher Unterstützung der Bergwacht Bayern entstanden.

(Sarah Heggen)

(Aufmacherbild: Transport des Verunfallten in einer Raupe zum Einsatzhubschrauber. (Bild: Bergwacht Bayern)