Wenn es brennt, zählt jede Sekunde. Das gilt schon bei Gebäudebränden, erst recht aber bei Fahrzeugbränden in Tunneln, in denen lange Wege eine besondere Herausforderung für Einsatzkräfte darstellen. Durch die großen Eindringtiefen von mehreren hundert Metern bis zu Kilometern werden alle Einsatzabläufe zeitlich gedehnt. Die Schweizer Tunnel-Einsatzlehre versucht, dies durch spezielle taktische und technische Maßnahmen zu kompensieren.

Brände entwickeln sich nicht gleichmäßig, sondern in Sprüngen. In der Entwicklungsphase steigt die Temperatur in der Regel zunächst langsam an. Mit der Durchzündung nimmt sie dann schlagartig zu. Solange der Brand noch klein ist, spielt es demnach keine sehr große Rolle, ob mit der Brandbekämpfung eine Minute früher oder später begonnen wird. Ist die Brandentwicklung hingegen weit fortgeschritten, können schon wenige Sekunden den Unterschied beispielsweise zwischen Entwicklungs- oder Vollbrand ausmachen.

Ähnlich verhält es sich mit der Wirkung von Brandgasen auf Menschen. Im Intoxikationsmodell der ORBIT-Studie wird (bei dem zugrunde gelegten Brandgeschehen in einem Wohnraum) „erst“ nach 13 Minuten die Erträglichkeitsgrenze, jedoch bereits vier Minuten später die Reanimationsgrenze erreicht. Welchen Unterschied es im konkreten Fall macht, ob ein Mensch eine Minute früher oder später aus dem Brandrauch gerettet wird, hängt folglich entscheidend davon ab, wie stark dieser bereits mit Rauchgasen vergiftet ist.

Nicht keine aber sehr wenig Zeit

Brandschäden entstehen über die Zeit. Das hat zwei weitreichende Konsequenzen: Zum einen sind die Schäden auch noch einige Zeit nach Brandausbruch zu begrenzen. Die Rettung beziehungsweise die Brandbekämpfung muss nicht zwingend sofort wirksam werden. Zum anderen entwickeln sich Brände jedoch so schnell, dass jeder Zeitverzug zu vermeiden ist. Für eine erfolgreiche Intervention steht also durchaus Zeit zur Verfügung – aber eben nur sehr wenig Zeit. Deshalb sind den Feuerwehren die üblichen Hilfsfristen von zehn bis fünfzehn Minuten gesetzt, innerhalb derer sie nach Eingang des Notrufes an der Einsatzstelle eintreffen sollen.

Es zählt tatsächlich jede Sekunde

Im Moment ihrer Alarmierung können Feuerwehrangehörige nicht wissen, wie weit ein Brand oder eine Intoxikation bereits fortgeschritten ist. Möglicherweise ist eine betroffene Person zum Zeitpunkt des Notrufes bereits tot. Es kann aber beispielsweise auch sein, dass Personen erst während des Anrückens der Feuerwehr Brandgasen ausgesetzt werden und noch erfolgreich gerettet werden können. Zu Beginn des Einsatzes ist deshalb davon auszugehen, dass tatsächlich jede Sekunde, die die Intervention früher oder später wirksam wird, erfolgsentscheidend sein kann.

Da jede Sekunde zählt, ist der gesamte Prozess von der ersten Meldung bis zum Wirksamwerden der ersten Maßnahmen im Sekundenbereich aufzulösen. Anders formuliert: Für jeden einzelnen Schritt ist zu untersuchen, ob und wie der erforderliche Zeitaufwand reduziert werden kann, wodurch der gesamte Prozess in der Summe dann möglicherweise nicht nur um Sekunden, sondern gar um Minuten verkürzt werden kann.

Wofür braucht die Feuerwehr Zeit

Der Zeitraum zwischen Brandausbruch und Wirksamwerden der Intervention wird in der Praxis grob in die folgenden Phasen gegliedert: Brandausbruch, Detektion des Brandes, Meldung beziehungsweise Notruf an die Feuerwehr, Notrufgespräch, Alarmierung der Ersteinsatzeinheiten, Einrücken in das Feuerwehrhaus (oder, bei Wachen, direkt:) Ausrücken, Anfahrt zur Einsatzstelle, Erkundung vor Ort, Entwicklung des Einsatzes.

Soweit möglich sollen sich diese Schritte überlappen, um den Zeitbedarf zu reduzieren. So werden die Ersteinsatzeinheiten heute beispielsweise bereits alarmiert, während im Notrufgespräch noch Detailfragen geklärt werden.

Besonderheiten von Tunnelbränden

Zeitressource Gewöhnung: In der Tunnel-Übungsanlage machen sich Einsatzkräfte mit den zu erwartenden Einsatzbedingungen bei Tunnelbränden vertraut. (Bild: Markus Vogt)

Zeitressource Gewöhnung: In der Tunnel-Übungsanlage machen sich Einsatzkräfte mit den zu erwartenden Einsatzbedingungen bei Tunnelbränden vertraut. (Bild: Markus Vogt)

Brandeinsätze in Straßen- und Bahntunneln unterscheiden sich von Einsätzen in Gebäuden primär durch die erheblich größere Eindringtiefe. Als Eindringtiefe definiert die International Fire Academy die „Weglänge vom sicheren Bereich eines Bauwerks bis zum Arbeitsbereich der Feuerwehr“ und spricht ab Distanzen von 80 Metern von „großer Eindringtiefe“. Je nach Tunnel können die Eindringtiefen mehrere hundert Meter oder sogar einige Kilometer betragen. Bei Tunneln, die den Richtlinien für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunneln (RABT) entsprechen, betragen die Abstände zwischen Notausgängen (und damit die maximal zu erwartende Eindringtiefe) 300 Meter, also ein Mehrfaches der in Gebäuden üblichen Angriffswege.

Die langen Wege stellen besonders hohe körperliche Anforderungen an die Einsatzkräfte und bewirken eine zeitliche Dehnung aller Einsatzabläufe. Eine zweite Besonderheit von Tunnel­anlagen besteht im meist schwierigen Zugang. Viele Bahntunnel können nicht direkt mit Straßenfahrzeugen angefahren werden. Die Zugänglichkeit von Straßentunneln ist in hohem Maße verkehrsabhängig. Staut sich der Verkehr in einer zweispurigen Röhre mit Richtungsverkehr, ist die Zufahrt für die Feuerwehrfahrzeuge mitunter blockiert, und die Einsatzkräfte müssten, gegebenenfalls über hunderte Meter oder gar Kilometer, zu Fuß vorrücken. In solchen Fällen bietet oft die vom Brand nicht betroffene Parallelröhre einen schnellen Zugang zum Brandort; vorausgesetzt die beiden Röhren sind entsprechend der RABT durch begeh- oder befahrbare Querschläge verbunden.

Liegen die Portale weit außerhalb dicht besiedelter Gebiete, kann auch der Anmarsch vom Feuerwehrhaus zum Tunnel sehr zeitaufwändig sein; hier ist aber zu berücksichtigen, dass immer mehr Tunnel im städtischen Bereich gebaut werden. Zeitkritisch ist bei diesen weniger die Distanz zum Feuerwehrstandort als vielmehr die bereits beschriebenen Behinderung durch vor und im Tunnel stauende Fahrzeuge.

Anders als noch vor einigen Jahren allgemein argumentiert, stellen die bei Fahrzeugbränden in Straßentunneln auftretenden Temperaturen für die Feuerwehren kein spezielles Problem dar. In der Regel sind die Brände ventiliert. Dann kann auf der Abströmseite zwar tatsächlich unerträgliche Hitze herrschen. Auf der Anströmseite, also mit dem Wind, sind die Einsatzbedingungen für Feuerwehrleute jedoch meist gut erträglich, was eine schnell wirksame Brandbekämpfung ermöglicht.

Zeitbedarf ­kompensieren

Durch die langen Wege, sowohl beim Anmarsch als auch beim Vorrücken im Tunnel selbst, wird der Zeitbedarf der Intervention erheblich vergrößert. Deshalb entwickelte die International Fire Academy in Zusammenarbeit mit vielen Feuerwehren in Europa spezielle Einsatztaktiken und -techniken, die auch auf eigenen Versuchen basieren.

Nach Versuchen der International Fire Academy sind bei entsprechender Ausbildung der Einsatzkräfte und unter Einsatz einer Wärmebildkamera in Straßentunneln Vordringgeschwindigkeiten bis zu 20 Meter pro Minute erreichbar. Um die Distanz von 300 Metern zwischen zwei Notausgängen zu überwinden, benötigt ein Trupp demnach 15 Minuten.

Die Schweizer Tunnel-Einsatzlehre zielt im Kern darauf ab, den für Tunneleinsätze typischerweise hohen Zeitbedarf durch folgende Maßnahmen zu kompensieren: frühzeitige Alarmierung der Feuerwehr, generell Zweiseitenangriff, Erkundung während der Anfahrt, Löschen um zu retten, Einsatz von Geräten, die den Zeit- und Kraftaufwand reduzieren, umfassende Einsatzvorbereitung.

Löschen, um zu retten

Die International Fire Academy empfiehlt, die Feuerwehr bereits bei den ersten Hinweisen auf einen möglichen Brand zu alarmieren, also beispielsweise bereits dann, wenn nur schon ein Feuerlöscher aus einer Halterung entnommen wird, was der Tunnelzentrale über einen Kontaktschalter angezeigt wird. Manche Feuerwehren rücken generell zu jedem Verkehrsunfall im Straßentunnel aus, auch wenn keine Technische Hilfeleistung erforderlich ist. Denn bei jedem Unfall besteht latente Brandgefahr.

In der Anfangsphase ist unklar, von welcher Portalseite die Feuerwehr bei der jeweils aktuellen Verkehrssituation den schnellsten Zugang zum Brand finden kann. Deshalb empfiehlt die International Fire Academy grundsätzlich von beiden Seiten her anzurücken, also gegebenenfalls immer zwei Feuerwehren zu alarmieren. Gelöscht wird von derjenigen Einheit, die situativ den schnellsten und besten Zugang zum Brandort finden kann.

Zur Erkundung gehört die Auswertung von Bild- und Videomaterial der Überwachungskameras, zu denen die Feuerwehr direkten Zugang haben muss. Eine Interpretation allein durch die Polizei genügt nicht, weil diese andere Fragen an die Bilder stellt als die Feuerwehr. Idealerweise können Videodaten zurückgespult werden, um die Situation unmittelbar vor Verrauchung des jeweiligen Tunnelabschnitts zu beurteilen.

In Übereinstimmung mit vielen Feuerwehren in Europa lehrt die International Fire Academy, bei Fahrzeugbränden in Straßentunneln zuerst den Brand zu bekämpfen und dann – so zeitnah wie nur möglich – mit dem Suchen und Retten zu beginnen, weil durch eine rasche Unterbindung der Rauchproduktion die Bedingungen für alle weiteren Rettungsmaßnahmen erheblich verbessert werden können.

Zeit- und Kraftaufwand hängen direkt zusammen. Deshalb empfiehlt die International Fire Academy den Einsatz von arbeitserleichternden Geräten. Bewährt haben sich Blindenstöcke zum Absuchen der Fahrräume und die Ausstattung von Schleifkorbtragen mit Rollen.

Zeitressource Einsatzvorbereitung

Wie bei anderen Sonderobjekten (Kliniken, Industrieanlagen) stellt die umfassende Einsatzvorbereitung auch für Brandeinsätze in Tunneln die wichtigste Zeitressource dar. Je besser Einsatz- und Führungskräfte „ihren“ Tunneln durch Begehungen und Übungen kennenlernen, umso besser und schneller finden sie sich darin im Einsatz zurecht. Einsätze sind generell nur bedingt planbar. Durch die Festlegung der grundsätzlichen taktischen Vorgehensweise (eben zum Beispiel Zweiseitenangriff oder das Löschen um zu retten) können jedoch die Entscheidungsprozesse beschleunigt und unnötige Verzögerungen vermieden werden.

Christian Brauner

Christian BraunerAnschrift des Verfassers:
Christian Brauner, MSc
Langackernstraße 16
79289 Horben
Tel.: 0761 / 290 90 22

Selbständiger Risikomanager
Dozent für Notfall- und Krisenmanagement der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften
Leiter des Bereiches Entwicklung der International Fire Academy Balsthal
Im Ehrenamt als Hauptbrandmeis­ter Angehöriger der Führungsstäbe der Stadt Freiburg und des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald

(Aufmacherbild: Effizientes Löschen als Zeitressource: In der Tunnel-Übungsanlage der International Fire Academy kann das schnelle Löschen von Fahrzeugbränden trainiert werden. (Bild: Justin Hession))