An Pfingsten 1999 lassen starke Regenfälle in den Alpen und im Alpenvorland die umliegenden Flüsse über ihre Ufer treten. Ca. 40 000 ha Land werden dabei überschwemmt, etwa 1 000 Menschen müssen aus den Hochwassergebieten evakuiert werden. Fünf Menschen sterben, es entsteht ein wirtschaftlicher Schaden von geschätzten 345 Mio. Euro. Das Elbehochwassers drei Jahre später ist noch verheerender. Die BRK-Wasserwacht ruft daraufhin die Hubschraubergestützte Wasserrettung ins Leben.

Anfänge und Entwicklung

Das Deutsche Rote Kreuz musste nach den Flutkatastrophen von 1999 und 2002 ganz konkrete Schlüsse ziehen. Bisher hatte es keine Standards für die Rettung aus Überschwemmungsgebieten gegeben. Die DRK-Wasserwacht Bayern entwickelt daraufhin 2003 erstmalig ein Konzept zur Hubschraubergestützten Wasserrettung. 2005 folgt die deutschlandweite Einführung in allen DRK-Wasserwachten. 2006 übernehmen schließlich auch DLRG und Feuerwehr unter Leitung der Wasserwacht die Hubschraubergestützte Wasserrettung. In diesem Jahr feiern die Verantwortlichen das zehnjährige Bestehen der Hubschraubergestützten Wasserrettung in der DRK-Wasserwacht – ein wahrlich erfolgreiches Projekt.

Aufgaben und Einsatz

Die Luftretter der Wasserwacht sind primär zuständig für die Ver­sorgung und Evakuierung von in Überschwemmungsgebieten eingeschlossenen Personen, die Rettung aus stehenden und fließenden Gewässern sowie die medizinische Erstversorgung. Als Katastrophenschutzeinheit arbeitet die Hubschraubergestützte Wasserrettung der Wasserwacht eng mit den Hubschrauberstaffeln der Bundespolizei zusammen. Im Rettungseinsatz kommt ein Hubschrauber mit Winde zum Einsatz, der in der Regel von der Bundespolizei, in Ausnahmefällen von den Länderpolizeien oder der Bundeswehr, gestellt wird. Nachdem der Luftretter an einem Stahlseil hinabgelassen wurde, kann er das Opfer mit Hilfe einer Rettungsschlinge in den Hubschrauber hinaufziehen. Im Notfall lassen sich gleichzeitig drei bis vier Flutopfer im Hubschrauber transportieren.

Ausbildung

Einsatz während des Juni-Hochwassers 2013. (Bild: Kevin Wirtz)

Einsatz während des Juni-Hochwassers 2013. (Bild: Kevin Wirtz)

Die Luftretter der Wasserwacht sind ehrenamtlich tätige Mitglieder. Nach dem deutschlandweit standardisierten Konzept setzt der Einsatz als Luftretter eine Ausbildung zum Wasserretter bei der Was­serwacht voraus. Dies schließt eine sanitätsdienstliche Ausbildung mit ein. Um die Zusatzqualifikation als Luftretter zu erlangen, muss der Auszubildende Schulungen im Bereich der Fließwasserrettung, eine Grundausbildung am Hubschrauber mit Absturzsicherung sowie Lehrgänge zur Evakuierung aus Hochwassergebieten und zum Umgang mit Betroffenen in Ex­tremsituationen durchlaufen.

Organisation

Deutschlandweit gibt es insgesamt sechs Luftrettungsgruppen. Die Standorte Bad Bramstedt, Gifhorn, Fuldatal, Blumberg, Oberschleißheim und Hangelar sind an die jeweiligen Hubschrauberstandorte der Bundespolizeifliegerstaffeln angegliedert. Standortkoordinatoren halten den Kontakt zwischen der Bundespolizei und den verschiedenen Hilfsorganisationen. Die Rettungsgruppen können sowohl im gesamten Bundesgebiet als auch im nahen Ausland Einsätze fliegen. Der hohe Standardisierungsgrad ermöglicht dabei eine konstruktive Zusammenarbeit.

Der Hochwassereinsatz 2013

Vom 2. Juni bis zum 19. Juni 2013 waren in den Hochwassergebieten in Sachsen und Sachsen-Anhalt insgesamt 49 Luftretter im Einsatz. Gemeinsam leisteten die ehrenamtlichen Helfer von Wasserwacht, DLRG und Feuerwehr an mehr als 13 Einsatzorten etwa 5 064 Stunden Dienst. Der 18-tägige Ausnahmezustand war damit die bisher größte Herausforderung seit Gründung des Projekts. Zu den Hauptaufgabenbereichen gehörten neben der Erkundung und der Absicherung von Einsatzkräften im Hochwassergebiet vor allem die Versorgung und Evakuierung gefährdeter Personen.
Hinzu kamen verschiedenste Tätigkeiten innerhalb und außerhalb des Hubschraubers, wie die Unterstützung beim Materialtransport durch das Einhängen von Lasten, sogenannten „Big Packs“; ebenso war die vorübergehende Umrüstung eines Hubschraubers als Rettungshubschrauber durch das gut ausgebildete Personal möglich. Am Ende waren sechs Rettungen, zwei erfolgreiche Reanimationen und 273 Evakuierungen zu verzeichnen.

Fazit

Das Hochwasserereignis von 2013 zeigt exemplarisch, was die Hubschraubergestützte Wasserrettung leisten kann. Durch die gute Ausbildung der Luftretter können diese universell eingesetzt werden. Die konstruktive Zusammenarbeit aller Beteiligten und eine gut funktionierende Koordination ermöglichen strukturierte und erfolgreiche Rettungseinsätze in Hochwassergebieten. Dies ist insbesondere dem hohen Standardisierungsgrad zu verdanken, der eine problemlose Abstimmung zwischen den verschiedenen Standorten und Hubschrauberbesatzungen garantiert. Vor allem aber sind es die vielen ehrenamtlichen Helfer, die durch ihr Engagement und ihren tatkräftigen Einsatz die effektive Arbeit der Hubschraubergestützten Wasserrettung ermöglichen.

Tino Hausmann

AutorenbildAnschrift des Verfassers:
Tino Hausmann
Abteilungsleiter
Deutsches Rotes Kreuz
LV Thüringen e. V.
Heinrich-Heine-Str. 3
99096 Erfurt
Tel.: 0361/3440-120

Jahrgang 1976
1998 – 2002: Unteroffizier Bundesmarine
2002 – 2009: Rettungsdienst
Seit 2005: Luftretter/Multiplikator Luftrettung
Seit 2008: Jahren Techn. Leiter der Wasserwacht im DRK
2009 – 2011: Referent Katastrophenschutz
Seit 2011: Abteilungsleiter NHG und K-Beauftragter im DRK-LV Thüringen

(Aufmacherbild: Teilnehmer des zentralen Ausbildungslehrgangs in Ingolstadt üben die hubschraubergestützte Personenrettung aus Fließgewässern. (Bild: Wasserwacht Bayern))