Nach den politischen Unruhen und dem Sturz des Präsidenten in 2011 wurde mit Unterstützung des Golf-Kooperationsrates (GKR) der Transitionsprozess im Jemen angestoßen. In einem nationalen Dialogprozess arbeiteten die relevanten politischen und gesellschaftlichen Akteure an einem Konsens über die künftige Gestaltung des Landes.

Vor diesem Hintergrund wurde das Vorhaben „Unterstützung des jemenitischen Transformationsprozesses“ (Transformation Support Programme – TSP) ins Leben gerufen. Finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und durchgeführt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH zielt das Vorhaben auf eine nachhaltige Gestaltung des politischen Transitionsprozesses im Jemen. Durch die Zusammenarbeit staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure sollen die öffentliche Aufmerksamkeit und die Möglichkeit zur Teilhabe an diesem Prozess erhöht werden.

Kompetenzen für Veränderung

Maßnahmen zur Internationale Kompetenzentwicklung im Rahmen des TSP. Erstellt von Sarah Demir (2015)

Maßnahmen zur Internationale Kompetenzentwicklung im Rahmen des TSP. Erstellt von Sarah Demir (2015)

Grundlage für die GIZ, um nachhaltige Veränderungen in sozialen Systemen wie im Jemen anzustoßen, bildet ihr Capacity-Development-Ansatz. Dieser setzt auf drei Ebenen an – auf der Ebene des Individuums, auf der Ebene von Organisationen sowie auf der systemischen Ebene der Gesellschaft.

Capacity Development beschreibt hierbei den Prozess, durch den Menschen, Organisationen und Gesellschaften selbstverantwortlich ihre Fähigkeiten ausbauen, um Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten.

Die GIZ begreift Internationale Kompetenzentwicklung als integralen Bestandteil des Capacity Development. Sie setzt beim Individuum/Menschen an: Dabei gilt es, die persönlichen und fachlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und Individuen in Netzwerken zusammenzubringen. Der gemeinsame Lernprozess wird so gestaltet, dass Menschen in ihrem jeweiligen Bezugssystem bzw. in Wechselwirkung mit den anderen Ebenen zu nachhaltigen Wirkungen beitragen.

Wirksam und nachhaltig zu planen und zu agieren kann herausfordernd sein; angestoßene Veränderungen müssen Bestand haben und weiterentwickelt werden. Schlüsselakteure sind hierbei lokale Partnerfachkräfte! Von Beginn an bis über den Abschluss eines Projekts/Programms hinaus und nicht zuletzt in Krisensituationen liegt es an ihnen, Veränderungsprozesse vor Ort zu gestalten und auch die Bereitschaft für Veränderungen weiterzutragen. In diesem Sinne sollten lokale Partnerfachkräfte die Möglichkeit erhalten, notwendige Kompetenzen zu erwerben.

So findet dieser Ansatz auch Anwendung im Rahmen des Vorhabens im Jemen. In einer gemeinsamen Strategie mit dem jemenitischen Menschenrechtsministerium hat die GIZ Maßnahmen zur Kompetenzentwicklung von lokalen Schlüsselakteuren konzipiert und umgesetzt. Sowohl staatliche wie auch zivilgesellschaftliche Partner des TSP erhielten Training und Unterstützung, um eigene Kampagnen im Bereich der Meinungsfreiheit entwickeln und durchführen zu können.

Die Strategie umfasste hierbei fünf Schritte: Ein erfolgreicher Start war mit der Auswahl von 20 Teilnehmenden aus über 100 Interessenten für einen Workshop zu strategischer Planung und Kommunikation von Kampagnen gegeben. Während dieses Workshops in Sana’a im Dezember 2013 galt es das Erlernte gleich in die Praxis umzusetzen. In Kleingruppen entwickelten die Teilnehmenden anhand eines Modells systematisch Pläne für eigene und sehr verschiedene Kampagnen, die sie im Anschluss durchführten bzw. auf Plattformen (überwiegend sozialer Medien) veröffentlichten. So konnten die einen durch Theateraufführungen mit Kindern in Schulen und die anderen mit produzierten Dokumentarfilmen auf YouTube auf unterschiedliche Weise Bewusstsein für Meinungsfreiheit schaffen. Neben regelmäßigen Treffen zum Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch wurden die Teilnehmenden während dieser Zeit von einem Trainer-Tandem, bestehend aus einem lokalen und einem internationalen Experten, begleitet.

Mit dem Erfolg des Workshops und der Kampagnen folgte als nächster Schritt ein Training-of-Trainers (ToT). Um eine größere Reichweite im Jemen zu erzielen, wurden neben den bereits ausgewählten Teilnehmenden Personen aus anderen Gouverneraten des Landes in das Training eingebunden. Mit dem Konzept der GIZ konnten die Neulinge rasch integriert werden und sich wie die anderen Teilnehmenden bereits in der Rolle des Trainers ausprobieren. Für den gesamten Lernprozess wurde gemeinsam mit Partnern und Teilnehmenden kontextspezifisch ein Handbuch zur strategischen Planung und Implementierung von Kampagnen verfasst. Zudem erhielten die Teilnehmenden einen Leitfaden mit praktischen Hinweisen für ihre zukünftige Rolle als Trainer/innen und Multiplikatoren.

Aufgrund der Sicherheitslage im Jemen sind seit Dezember 2013 Reisen regionaler und internationaler Experten im Auftrag der GIZ nicht mehr möglich. Daher musste auch das ToT ausgelagert werden und fand in Äthiopien statt.

Fazit

Die Sicherheitslage im Jemen hat sich in den vergangenen Monaten stetig verschlechtert – zahlreiche internationale Institutionen und Botschaften haben kürzlich geschlossen und Einzelne das Land verlassen. Die aktuelle Situation am Beispiel Jemen zeigt die Bedeutung, die die Qualifizierung lokaler Fachkräfte für nachhaltige Entwicklung hat: Insbesondere in fragilen Kontexten ist es essentiell, den Menschen vor Ort für die Stabilisierung und Wiederaufbaubemühungen im Sinne von Nachhaltigkeit und Ownership entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten. So konnten sich im Transformation Support Programm zahlreiche Personen durch die Weiterbildung soweit qualifizieren, dass sie danach als “ready to fly” bezeichnet werden können. Sie wirken weiterhin als Multiplikatoren bei Veränderungsprozessen im Land mit. Sie unterstützen dabei, das staatliche und gesellschaftliche Bewusstsein für das Grundrecht auf Meinungsäußerung zu stärken; auch wenn dies sowohl aufgrund der politischen Situation als auch der volatilen Sicherheitslage erschwert wird.

Aufmacherbild: Die wechselseitige Beeinflussung unterschiedlicher Capacity Development-Prozesse auf den drei Ebenen. (Bild: GIZ (2014): Interne Orientierung der GIZ – HCD: Internationale Kompetenzentwicklung durch die GIZ)

Sarah Demir

Anschrift der Verfasserin
_MG_0431_beb_colSarah Demir
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Rheinstr. 4
53604 Bad Honnef
Tel.: 02224/926-310

 

geb. am 13. Februar 1987 in Warburg
2006 – 2009: Studium der International Business Studies an der Universität Paderborn
2008: Studium an der Nottingham Business School, GB
2009 – 2010: Praktika im Personalwesen und Vertrieb der Volkswagen AG
Seit 2011: Beraterin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH mit Schwerpunkt auf Beratung und Konzeption von Weiterbildungsmaßnahmen im Kontext fragiler Staatlichkeit, Sicherheit, Wiederaufbau und Frieden