Die THW-Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland (SEEBA)

Erdbeben stellen nach wie vor eine große und schwer kalkulierbare Bedrohung in allen Teilen der Welt dar. Das Expertengremium INSARAG (International Search and Rescue Advisory Group) sorgt für eine internationale Zusammenarbeit im Krisenfall und setzt Qualitätsstandards, um die Arbeit von Erdbebenteams zu optimieren. Eines dieser Teams ist die THW-Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland (SEEBA). Sie ist nach den Richtlinien der INSARAG als „Heavy Team“ klassifiziert und in der Lage, Verschüttete zu orten und zu retten – vor allem nach Erdbeben.

Erdbebenforschung wird weltweit intensiv betrieben. Sie führt dazu, dass wir genauere Aussagen über das Epizentrum und die voraussichtliche Stärke von Erschütterungen treffen können. Ob und wann ein Erdbeben tatsächlich ausgelöst wird, darüber lässt sich nach wie vor nur spekulieren. Vor Längerem fanden Wissenschaftler heraus, dass sich ein starkes Erdbeben in unmittelbarer Nähe der türkischen Metropole Istanbul mit hoher Wahrscheinlichkeit ereignen wird. Durch seine tektonisch unsichere Lage an der Grenze zweier Erdplatten und die schlechte Statik vieler Gebäude ist Istanbul ein großer Risikoherd; ein Erdbeben hätte womöglich zehntausende Tote zur Folge. Die Bauten könnten nachgerüstet werden; diese Maßnahmen benötigen aber neben hohen finanziellen Investitionen eine Menge Zeit.

Gerade weil Prävention so schwer zu leisten ist, müssen wir nach einer Katastrophe schnell, koordiniert und effektiv reagieren. Deswegen haben die Vereinten Nationen unter ihrem Dach Erdbebenteams aus mehr als 80 Ländern in der INSARAG vereint. Eine der Hauptaufgaben dieser Gruppe ist die Entwicklung von Qualitätsstandards für ihre Mitgliedsorganisationen. Diese bilden nach den Richtlinien der INSARAG sogenannte urbane Ortungs- und Rettungseinheiten (USAR), die international in dichtbesiedelten Gebieten nach Erdbeben eingesetzt werden.

Die INSARAG

Internationale ­Zusammenarbeit im Krisenfall

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Abb. 2: THW-Kräfte schaffen mit dem Kernbohrgerät einen Zugang für die Searchcam.

Gegründet im Jahr 1991 ist die INSARAG seit 2002 als sogenannter legal body der Vereinten Nationen etabliert. Sie wird in drei Regionalgruppen unterteilt. Eine davon ist die Regionalgruppe Afrika/Europa/Mittlerer Osten. Ihr gehören mehr als 40 Staaten an. Den Vorsitz hat bis Ende 2013 das THW inne. Die INSARAG ist Teil der UN-OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs). Tatsächlich war das THW maßgeblich an der Gründung des UN-Katastrophenschutzverbundes beteiligt. Als Mitglied der Expertenarbeitsgruppe D-A-CH, einem Zusammenschluss von Katas­trophenschutzorganisationen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, engagiert sich das THW seit Jahrzehnten für eine engere Zusammenarbeit im Ka­tas­trophenschutz. Ein von der D-A-CH initiiertes Treffen mit 22 weiteren Katastrophenschutzorganisationen im baden-württembergischen Schloss Beuggen führte schließlich zur formalen Zusammenarbeit unter dem Mantel der INSARAG.

Die INSARAG-Richtlinien schaffen Standards für alle Mitglieder im Hinblick auf Ausbildung, Ausstattung und das Vorgehen im Einsatz. Dadurch wird die Grundlage für eine problemlose Zusammenarbeit zwischen den Erdbebenteams geschaffen. Die Richtlinien sorgen zudem dafür, dass Einsätze weltweit unter ähnlichen Voraussetzungen stattfinden. Wissensvermittlung und Wissensmanagement innerhalb des Netzwerkes sowie zu externen Partnern sind zentrale Aspekte dieser Zusammenarbeit.

Überall dort, wo ein Erdbeben die Ausrüstung und die Kompetenzen der lokalen First Responder-Kräfte übersteigt, können nationale oder internationale USAR-Teams in Absprache mit den örtlichen Behörden eingesetzt werden. Seit 2005 hat die INSARAG ein System, um die operationalen Möglichkeiten ihrer USAR-Teams einzuordnen. Diese Klassifizierung ist freiwillig, sie bietet sich jedoch an, da Hilfeleistungen auf diese Weise effektiv herbeigerufen werden können. Die Einordnung nehmen Vertreter und Vertreterinnen anderer USAR-Teams (Peer System) bei ihren Kollegen selbst vor.

Die Gruppen werden unterteilt in sogenannte Medium und Heavy Teams. Die THW-SEEBA ist als einzige deutsche USAR-Einheit als Heavy Team klassifiziert. Damit beweist die SEEBA ihre Kompetenzen im internationalen Vergleich. Die Anforderungen an die Teams sind hoch: Sie müssen über eine Ortungs- und eine Bergungskomponente verfügen. Die Ortung muss dabei sowohl über technische Mittel als auch mit Hilfe von Rettungshunden erfolgen. Die medizinische Versorgung von Verschütteten und Hilfskräften ist ebenfalls Voraussetzung. Management und Logistik werden eigenständig geführt. Die Teams müssen nachweisen, dass sie über längere Zeiträume völlig autark arbeiten können. Heavy Teams müssen an zwei unterschiedlichen Orten gleichzeitig im Einsatz sein und einen Einsatz 24 Stunden am Tag über zehn Tage durchführen können. Es gibt Richtlinien dafür, welche Materialien die Teams durchschneiden, welche Lasten sie bewegen und mit welchen technischen Ortungsgeräten sie agieren, um als Heavy Team klassifiziert zu werden.

Erkunden, orten, retten und bergen

THW-SEEBA

Nach dem schweren Erdbeben 1987 in der Nähe von Mexiko-Stadt wurde die SEEBA aufgrund der dort gewonnenen Erfahrungen gegründet. Damals wurde deutlich, dass wir in Deutschland eine Einheit brauchen, die ständig und unmittelbar verfügbar ist, um nach Erdbebeneinsätzen weltweit und vor allem zeitnah professionelle Hilfe zu leisten. Die Rettung Verschütteter ist stets ein Wettlauf gegen die Zeit. Nach 72 Stunden verschlechtern sich die Aussichten, in den Trümmern Überlebende zu finden. SEEBA-Personal und -Ausrüstung sind deshalb spätestens zehn Stunden nach einer Alarmierung abreisebereit. Die Mitglieder sind ehrenamtlich tätig; mit ihren Arbeitgebern haben sie Vereinbarungen, die ihnen einen sofortigen Einsatz erlauben. Zuletzt war die SEEBA bei dem schweren Erdbeben in Japan und der anschließenden Tsunamiwelle im Jahr 2011 im Einsatz. Nachdem die Ortungs- und Rettungsarbeiten in Absprache mit den örtlichen Behörden eingestellt wurden, unterstützte sie die deutschen Vertretungen durch Evakuierungen von Menschen aus dem Katastrophengebiet.

Die SEEBA wurde erstmals im Jahr 2007 klassifiziert und war damit das erste von der INSARAG geprüfte deutsche Bergungsteam. Eine Reklassifizierung findet turnusgemäß alle fünf Jahre statt. 2012 war es wieder so weit: Die Helferinnen und Helfer der Einheit stellten sich während einer 36-stündigen Großübung in Wesel (Nordrhein-Westfalen) den Augen der UN-Experten. 66 Kräfte und sechs Rettungshunde bewiesen ihre Einsatzfähigkeit. Insgesamt besteht der Pool von SEEBA-Kräften aus 200 Personen und 18 Hunden. Als Übungsszenario wurde ein Erdbeben der Stärke 7,8 angenommen. Nach Bekanntwerden der Katastrophe wurde das Team alarmiert und verlegte seine Ausrüstung zum Flughafen in Weeze. In Zusammenarbeit mit den Flughafenmitarbeitern beurteilten die USAR-Beobachter jeden Schritt der SEEBA: Den Check-in am Flughafen, die Einfuhr von kritischen Medikamenten und Chemikalien, logistische Vorbereitungen und den Aufbau des Reception and Departure Center (RDC), um später ankommende internationale Teams mit Informationen zu versorgen. Parallel zum Aufbau des eigenen Lagers galt es, ein Onsite Operations Cooperation Centre (OSOCC) aufzubauen und zu betreiben. Dort wurden die Absprachen zwischen den internationalen Teams in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden getroffen. Unter den Augen der Prüfer stellten die Teammitglieder Kontakt zu den – simulierten – lokalen Behörden und den Vereinten Nationen her, um das weitere Handeln abzustimmen. Anschließend begannen die Erkundungsarbeiten im Gebiet.

Das SEEBA-Team demonstrierte die Suche nach Verschütteten mit Rettungshunden und moderner Ortungstechnik. Ein wichtiger Teilaspekt ist die eigene Sicherheit: wie dringen die Teams zu den Verschütteten Personen vor, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Die SEEBA-Einheit nahm hierfür technisch anspruchsvolle Durchbrüche durch verschiedene Materialien wie Beton, Stahl oder Holz vor. Während des Einsatzes untersuchte die SEEBA außerdem vorhandene Gebäude auf ihre Stabilität. Einsturzgefährdete Teilbereiche sicherten die Einsatzkräfte zu ihrem persönlichen Schutz, steiften sie aus und stützten sie ab.

Im nächsten Schritt retteten die Fachkräfte Erdbebenopfer mit Hilfe verschiedener vorgegebener Bergungstechniken aus den Trümmern und versorgten sie. Teil der Übung war es, immer auch die landestypischen Besonderheiten im Blick zu haben. Der Einsatz spielte sich beispielsweise im fiktiven Rhenania ab; Einzelheiten wie die Staatsform des Landes, geographische Bedingungen und die Wetterlage wurden vorgegeben und mussten in dem Szenario berücksichtigt werden. Insgesamt 128 Prüfpunkte bewerteten die Gutachter während der Übung. Besonders gut abgeschnitten hat die SEEBA im Bereich Sicherheit.

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Abb. 3: Gemeinsam mit ihren Rettungshunden beweist die SEEBA immer wieder ihre Einsatzfähigkeit nach Erdbeben. (Bilder:THW)

Effektive Hilfeleistung ist Teamarbeit

Zeitgleich mit der SEEBA ließ sich die Hilfsorganisation I.S.A.R. (International Search and Rescue) Germany reklassifizieren, die als Medium Team der INSARAG geführt wird. Die erneute positive Beurteilung beider Einheiten bedeutet weiterhin eine sehr gute Zusammenarbeit im deutschen Bevölkerungsschutz. Die Besonderheit: Erstmalig betrieben SEEBA und I.S.A.R.-Kräfte ein gemeinsames OSOCC.

Die Bemühungen um einen gleichmäßig hohen Standard in der Erdbebennachsorge und um enge Kooperationen zwischen allen involvierten Akteuren ist eine Chance, schnelle, koordinierte Hilfsmaßnahmen durchzuführen. Den primären Aufgaben im Erdbebeneinsatz, Verschüttete zu orten und zu retten, können wir im geregelten Verbund am effektivsten nachgehen.

Aufmacherbild: Unter den Trümmern suchen die SEEBAKräfte nach Vermissten. (Bild: THW)

Verena Bongartz, Stefanie Frank

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