Das Deutsche Komitee Katastrophenvorsorge (DKKV), gegründet vor mehr als 20 Jahren, ist die nationale Plattform zur Katastrophenvorsorge in Deutschland und Mittler zu internationalen, auf dem Gebiet der Katastrophenvorsorge tätigen Organisationen und Initiativen. Es unterstützt fachübergreifende Forschungsansätze zur Katastro­phenvorsorge in anderen Fachsektoren sowie in Politik und Wirtschaft. Zudem fördert das DKKV die Verbreitung der Erkenntnisse der Katastrophenvorsorge auf allen Ebenen des Bildungsbereichs. Das Interview führten Dr. Horst Schöttler, Leitende Redaktion CP, und Sarah Heggen, Zentrale Redaktion CP.

CP: Herr Rottländer, mit Erscheinen dieser Ausgabe der CP arbeiten Sie seit über zwei Jahren im Amt als Geschäftsführer des DKKV. Welchen Werdegang haben Sie durchlaufen?

DKKV: Als studierter Politikwissenschaftler, Geograph und Historiker begann mein beruflicher Werdegang 2001 beim Arbeiter Samariter Bund in Kroatien. Dabei habe ich Stationen vom Praktikanten über den Pressereferenten und Projektmanager hin zum stellvertretenden Büroleiter Kosovo durchlaufen. Im April 2005 habe ich meine Arbeit bei CARE Deutschland-Luxemburg aufgenommen und mich zunächst mit Tsunami-Projekten in Sri-Lanka und Tunesien befasst, bevor ich 2006 Nothilfereferent wurde. Hier habe ich unter anderem in Simbabwe, Kenia, Bangladesch, Indonesien (Banda Aceh), Japan und Chile Hilfsprojekte begleitet. Darüber hinaus habe ich mich auch mit strategischen Fragen wie etwa der Verbesserung der Kapazitäten des sogenannten WASH Clusters beschäftigt.

CP: Was macht die Arbeit des DKKV aus?

DKKV: Das DKKV bewegt sich thematisch in einem breiten Spektrum rund um das Thema Katastrophenvorsorge. Im Zuge dessen befassen wir uns zum Beispiel mit der Neufassung des HFA (Hyogo Framework for Action), dem internationalen Abkommen zur Katastrophenvorsorge. Aber auch die Verbindung von Katastrophenvorsorge und humanitäre Hilfe spielt für den DKKV eine wichtige Rolle. So engagieren wir uns mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes bei der Vorbereitung des World Humanitarian Summits, der für 2016 in Istanbul geplant ist. Die Katastrophenvorsorge hat auch in der humanitären Hilfe einen wichtigen Stellenwert, um die Auswirkungen von humanitären Katastrophen abzumildern. Wir sind aber auch auf nationaler Ebene engagiert. Derzeit bewerten wir innerhalb eines vom BMBF geförderten Hochwasserprojekts die Ereignisbewältigung der Hochwasserereignisse in Deutschland von 2002 und 2013. Auf europäischer Ebene sind wir in das European Forum for Disaster Risk Reduction eingebunden, in dem wir mit anderen Europäischen Nationalen Plattformen für Katastrophenvorsorge zusammenarbeiten.

CP: Wie ist das DKKV strukturell aufgebaut?

DKKV: In Deutschland sind wir in der Zusammensetzung unserer Einrichtung einmalig. Wir sind sowohl vom Themenspektrum als auch auf Seiten der Experten innerhalb unserer Mitglieder und Beiräte breit aufgestellt. Beim DKKV vereinen wir renommierte Experten sowohl aus dem technischen als auch aus den Gesellschaftswissenschaften. Außerdem engagieren sich ausgewiesene Fachleute aus dem operativen Bereich im DKKV, wie etwa aus der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, ein langjähriges Mitglied des DKKV, aber auch aus den Bundesbehörden wie zum Beispiel BBK oder THW.

CP: Inwiefern arbeitet das DKKV mit den entsprechenden Ministerien zusammen?

DKKV: Seit je her sind wir als Deutsche Nationale Plattform für Katastrophenvorsorge ein Partner der jeweiligen Resorts. Um ein Beispiel zu nennen: In der Vorbereitung der Neufassung des HFA sind wir ein Teil einer interministeriellen Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern von AA, BMI und BMZ. Das DKKV hat von Anfang an den Konsultationsprozess zum neuen HFA mit seinen Mitgliedern und Beiräten intensiv begleitet. Zurzeit laufen die Verhandlungen in Genf, und das DKKV berät die Deutsche Regierungsdelegation. Im Moment gestalten sich die Verhandlungen zwar schwierig, aber wir sind dennoch zuversichtlich, dass auf der Weltkonferenz der Katastrophenvorsorge nächstes Jahr im März ein neues internationales Abkommen steht.

Darüber hinaus verbindet uns aber auch mit dem BBK und dem THW eine langjährige Kooperation. Das BBK zum Beispiel bringt sich mit fachlicher Expertise in die Umsetzung des Hochwasserprojektes ein und mit dem THW haben wir im August 2014 einen Antrag zum Europäischen Forschungsprogramm „Horizont 2020“ eingereicht.

Aber auch die Akteure der Zivilgesellschaft sind beim DKKV engagiert, wie das Deutsche Rote Kreuz oder die Welthungerhilfe, die immer wieder wichtige Akzente innerhalb des DKKV setzen.

CP: Wie finanziert sich das DKKV? Werden Sie als Verein vom Bund unterstützt?

DKKV: Im Hinblick auf die Finanzierung sprechen wir von einem Finanzrahmen von 500 000 bis 600 000 Euro, die wir aufgrund unserer inhaltlichen Ausrichtung, zum Großteil vom Auswärtigen Amt (AA) erhalten. Grund ist, dass das AA zuständig für alle UN-Angelegenheiten ist und unser Referenzrahmen, die International Strategy for Disaster Risk Reduction (ISDR) ist, in den Zuständigkeitsbereich der UN fällt. Aber auch andere Ministerien wie etwa das BMBF unterstützen projektgebunden das DKKV.

Weitere Einnahmen erfolgen durch die Erhebung von Mitgliedsbeiträgen oder die Teilnahme an nationalen wie internationalen Forschungsprojekten.

CP: Gestaltet sich die Arbeit als Nichtregierungsorganisation (NGO) deshalb schwieriger?

DKKV: Das DKKV tritt als Deutsche Nationale Plattform und NGO auf. In unserer Struktur unterscheiden wir uns deshalb von den anderen Nationalen Plattformen, derer es momentan 77 an der Zahl sind, denn die meisten sind Regierungsorganisation. Als Verein sind wir zwar in unserer Arbeit aufgrund der Loslösung eines politischen Rahmens unabhängig, doch hinsichtlich der Finanzierung ist dies zugleich ein Nachteil. Wir müssen uns für jedes Projekt zunächst Gedanken um die Finanzierung machen.

CP: Welche Freiheit bietet sich dem DKKV in seiner Arbeit als NGO?

DKKV: Als Verein und Deutsche Nationale Plattform können wir anders agieren als eine rein staatliche Einrichtung. Wir stellen – auch kritische – Fragen danach, ob Staat und Behörden bei der Katastrophenvorsorge ausreichend vorgesorgt haben, Risiken richtig beurteilt und ausreichend Schutzmaßnahmen für Mensch und Infrastruktur getroffen haben. Besonders bei der Katastrophenvorsorge ist es entscheidend, Versäumnisse aus der Vergangenheit offen anzusprechen, damit die Katastrophenvorsorge stetig verbessert werden kann. Wie die Lehren aus der Vergangenheit die Auswirkungen von Naturereignissen abmildern, zeigen derzeit die Philippinen: Im Vorfeld des Sturms „Hagupit“ wurden wesentlich mehr Menschen aus den Gefahrenzonen evakuiert als noch bei „Haiyan“, der im vergangenem Jahr eine Schneise der Verwüstung gezogen hatte und tausende Menschenleben forderte.

CP: Wie binden Sie die Arbeit des DKKV in nationale bzw. internationale Projekte und Forschungsvorhaben ein?

DKKV: Wir haben uns bei „Horizont 2020“ [das neue Rahmenprogramm für Forschung und Innovation der EU, dass sich an das 7. EU-Forschungsrahmenprogramm anschließt, Anm. d. Red.] mit drei Projekten beworben, die vor allem Ansätze zur Zusammenarbeit mit anderen Nationalen Plattformen für Katastrophenvorsorge fokussieren. Ziel dieser geplanten Projekte ist es, die Kapazitäten und Netzwerke von mehreren Nationalen Plattformen zu bündeln und grenzüberschreitend zusammen zu arbeiten, denn Risiken machen vor Grenzen nicht halt.

CP: Mit welchem aktuellen Projekt setzen Sie sich derzeit auseinander?

DKKV: Unser aktuelles Projekt mit Kirgisien – hier wollen wir die Zusammenarbeit zwischen der kirgisischen und der deutschen Nationalen Plattform für Katastrophenvorsorge stärken. In diesem vom Auswärtigen Amt und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanzierten Projektansatz unterstützt das DKKV die kirgisische Plattform dabei, Katastrophenvorsorge effizienter zu koordinieren.

CP: Über welche Kanäle informieren Sie über die Arbeit des DKKV?

DKKV: Katastrophenvorsorge ist ein soziales Problem, deshalb adressieren wir Experten und auch Bürger sowie -initiativen gleichermaßen. Um die gute und notwendige Aufklärungsarbeit des DKKV zum Thema Katastrophenvorsorge fortzuführen, betreiben wir viel Öffentlichkeitsarbeit, als Dozent beim Bochumer Studiengang NOHA und u. a. auch zum Beispiel dem Bonner Studiengang KaVoMa. Durch das Engagement auf europäischer Ebene beim European Forum bringen wir uns ein, um auch auf Europäischer Ebene für das Thema Katastrophenvorsorge zu werben – auch in Zeiten, in denen uns keine heftigen Naturereignisse mit Großschadenslagen heimsuchen. Die Wahrnehmung von Gefahr und Vorsorge muss stets aktiv sein. Denn Katastrophen bleiben nur kurzlebig im Gedächtnis der Gesellschaft, nachdem die Schadenslage vorbei und der Alltag wieder eingekehrt ist. Aufgabe des DKKV ist es, dahingehend Überzeugungsarbeit zu leisten, damit das Thema Katastrophenvorsorge und die damit verbunden Aktivitäten fest im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Handel verankert werden.

CP: Bei der Katastrophenvorsorge gilt die Faustregel: Jeder investierte Euro in die Prävention, bringt fünf Euro weniger Kosten im Schadensfall. Teilen Sie diese Ansicht?

DKKV: Ja, denn es stimmt, das Vorsorge massiv Kosten einsparen kann. Allerdings gehen die Ansichten über die Höhe der Einsparungen auseinander, manchmal ist die Rede von einer Quote von 1 zu 3, andere Quellen gehen von einer Quote von 1 zu 7 aus und wieder andere setzen sogar noch höhere Werte an. Die Herausforderung bei der exakten Beschreibung der Einsparungen durch Katastrophenvorsorge ist die wissenschaftliche Messbarkeit. Da der Schaden nach einer Katastrophe beziffert wird, ist es schwierig zu vermitteln, wie hoch dieser mit bzw. ohne Präventionsmaßnahmen ausgefallen wäre. Fakt ist allerdings, dass Vorsorge besser ist als Nachsorge und es ist auch klar, dass Vorsorge Menschenleben und Werte schützen kann – daher werden wir vom DKKV auch nicht nachlassen, uns für die Katastrophenvorsorge zu engagieren.

CP: Kürzlich fand das 14. DKKV-Forum in Leipzig statt. Welche Intention verfolgen Sie mit dieser Veranstaltung?

DKKV: Mit dem Forum Katastrophenvorsorge hat das DKKV eine jährliche Veranstaltungsreihe etabliert, bei der Experten aus Wissenschaft und Praxis zum fachlichen Austausch treffen. Mit seiner praktischen, wissenschaftlichen und kooperativen Ausrichtung vernetzen wir Experten mit langjähriger Erfahrung und Wissenschaftler, die neue Denkanstöße liefern. Für 2015 konnten wir das DRK als Mitveranstalter gewinnen und wir beginnen in Kürze mit den Vorbereitungen.

CP: Herr Rottländer, vielen Dank für das informative Gespräch. Wir wünschen Ihnen und dem DKKV weiterhin viel Erfolg, gute Projekte und eine – hoffentlich – besinnliche Weihnachtszeit.