In diesem Beitrag wird eine modifizierte Definition des Krisenbegriffs zur Diskussion gestellt, die Krise als eine außergewöhnliche Notsituation versteht, die die Nutzung außergewöhnlicher Ressourcen rechtfertigt.

Im Kontext des Krisenmanagements wird unter Krise generell eine Bedrohung wesentlicher Rechtsgüter verstanden. Anders als im Notfall ist die Bedrohung so außergewöhnlich, dass zu ihrer Bewältigung auch außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich sind.

Nennt eine Krisen-Definition jedoch nur einzelne solcher Maßnahmen, kann der Eindruck entstehen, diese allein würden bereits zur Krisenbewältigung genügen. So definiert das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in seinem Glossar die Krise als eine Situation, die „mit der normalen Ablauf- und Aufbauorganisation nicht mehr bewältigt werden kann, so dass eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) erforderlich ist“. Dass die Krisenbewältigung weit mehr erfordert als eine BAO, zeigt die Auskunftsunterlage Krisenmanagement 2011 des Bundesministeriums des Inneren (BMI). Sie beschreibt Krisenmanagement als „die Schaffung von konzeptionellen, organisatorischen und verfahrensmäßigen Voraussetzungen, die eine schnellstmögliche Zurückführung der eingetretenen außergewöhnlichen Situation in den Normalzustand unterstützen durch staatliche und nichtstaatliche Akteure“.

Um die allein schon in dieser Formulierung anklingende Vielfalt von Maßnahmen abdecken zu können, wird hier eine Definition vorgeschlagen, die sich an den zur Krisenbewältigung erforderlichen Ressourcen orientiert.

Krise als spezifischer ­Ressourcenbedarf

Eine der wertvollsten Ressourcen der Krisenbewältigung ist die Bereitschaft, bei Alarm "alles stehen und liegen zu lassen" und einfach da zu sein. Hier Feuerwehrleute beim mitternächtlichen Hochwassereinsatz in Veringenstadt, Baden-Württemberg, im Juni 2013. (Bild: Christian Brauner)

Eine der wertvollsten Ressourcen der Krisenbewältigung ist die Bereitschaft, bei Alarm „alles stehen und liegen zu lassen“
und einfach da zu sein. Hier Feuerwehrleute beim mitternächtlichen Hochwassereinsatz in Veringenstadt, Baden-Württemberg, im
Juni 2013. (Bild: Christian Brauner)

Ob Notfall oder Krise: Immer bedarf es zur Bewältigung humaner, finanzieller, normativer, organisatorischer, technischer, natürlicher, kultureller usw. Ressourcen. Worin aber unterscheidet sich der Ressourcenbedarf zur Bewältigung gewöhnlicher Notfälle von demjenigen bei außergewöhnlichen Krisen? In beiden Fällen braucht es eine Aufbauordnung, in der Krise jedoch eine Besondere Aufbauordnung. Immer braucht es eine Rechtsordnung, in der Krise ein besonderes Verwaltungsrecht, das die Freischaltung weitreichender rechtlicher Befugnisse ermöglicht. Stets sind finanzielle Ressourcen erforderlich, die im Krisenfall jedoch beispielsweise unter Umgehung (kommunal-)parlamentarischer Genehmigungsprozesse bereitzustellen sind.

Krise als Ausnahme von der Regel

Krisenspezifische Ressourcen erlauben oder ermöglichen temporär Vorgehensweisen, die in der Normalsituation rechtlich unzulässig oder mit unverhältnismäßig hohen Belastungen, Einschränkungen oder Anstrengungen verbunden wären. Sie dienen als Quelle (vgl. das französische und englische Wort „source“) für die zur Bewältigung der Bedrohung erforderliche Kraft und Macht. Deshalb wird zum Beispiel die Exekutive in der Krise soweit von der Kontrolle durch Legislative und Jurisdiktion befreit, wie es notwendig ist, um schnellstmöglich wieder den Normalzustand herstellen zu können. Dazu wird die (möglicherweise behindernde) Rechtsordnung jedoch nicht aufgehoben. Sie wird durch eine besondere Rechtsordnung ergänzt.

Krise als Erlaubnis

Versteht man Krise als eine unnormale Bedrohungssituation, zu deren Bewältigung unnormale Maßnahmen erforderlich sind, kann definiert werden: Eine Krise ist eine außergewöhnliche Notsituation, in der wesentliche Rechtsgüter bedroht sind und zu deren Bewältigung die verantwortlichen Akteure Ressourcen nutzen müssen, die ausschließlich in außergewöhnlichen Notsituationen angemessen und/oder zulässig sind.

Durch die Kriterien Gewohnheit, Zulässigkeit und Angemessenheit wird die Unterscheidung zwischen Notfall und Krise an die Bewältigungskapazität der (im Sinne des Subsidiaritätsprinzips) jeweils verantwortlichen Akteure gekoppelt. Welche Ressourcen einem Gefahrenabwehrsystem zur Verfügung stehen, hängt von den Risiken und der Ereignishistorie seines Zuständigkeitsbereichs ab. Die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben Berlins verfügen zwangsläufig über mehr und andere Ressourcen als die von Böllen, der mit 94 Einwohnern kleinsten Gemeinde Baden-Württembergs. Ob eine Krise droht oder eintritt, hängt also nicht von der Ereignisdimension allein, sondern von deren Verhältnis zu den örtlich verfügbaren Ressourcen ab. Was am einen Ort noch als gewöhnliches Schadenereignis routiniert abgearbeitet wird, kann andernorts eine kaum mehr zu bewältigende Krise bedeuten oder sogar die Feststellung des Katastrophenfalls verlangen.

Zusammenfassung

Zur Bewältigung einer Notsituation sind nicht nur einzelne Maßnahmen zu treffen; es müssen auch die dafür erforderlichen Voraussetzungen geschaffen werden. In diesem Beitrag wird dafür der Überbegriff Ressourcen verwendet, worunter neben personellen, technischen, finanziellen usw. insbesondere auch normative, organisatorische und verfahrensmäßige Ressourcen verstanden werden. Der Einsatz dieser Ressourcen ist stets mit Kosten und Aufwand und zudem oft mit der Freischaltung von Befugnissen und der Erlaubnis zu damit einhergehenden rechtlichen Einschränkungen verbunden. Deshalb sollen stets nur die Ressourcen eingesetzt werden, die zur Bewältigung der Notsituation tatsächlich erforderlich sind. In der Krise müssen Ressourcen genutzt werden, die in gewöhnlichen (das heißt auch: in den meisten) Notsituationen nicht erforderlich sind.

Praktische Konsequenz

In einer konkreten Notsituation bedeutete die praktische Anwendung der hier vorgeschlagenen Definition: Handelt es sich um eine Krise, dann – und nur dann – dürfen (und sollen dann auch!) diejenigen Ressourcen genutzt werden, die der Bewältigung außergewöhnlicher Notsituationen vorbehalten sind. In der praktischen Vorbereitung auf Krisensituationen könnte die ressourcenorientierte Krisen-Definition den Blick dafür schärfen, dass sich Krisenmanagement nicht auf einzelne Maßnahmen beschränkt, sondern alle Ressourcen zur Verfügung stellen muss, die für die schnellstmögliche Rückführung in den Normalzustand erforderlich sind.

Christian Brauner

Christian BraunerAnschrift des Verfassers:
Christian Brauner, MSc
Langackernstraße 16
79289 Horben
Tel.: 0761 / 290 90 22

Selbständiger Risikomanager
Dozent für Notfall- und Krisenmanagement der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften
Leiter des Bereiches Entwicklung der International Fire Academy Balsthal
Im Ehrenamt als Hauptbrandmeis­ter Angehöriger der Führungsstäbe der Stadt Freiburg und des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald

(Aufmacherbild: Eine Ressource für die Bewältigung von Notlagen können beispielsweise auch Gebetsteppiche sein, die hier beim Erdbeben im Juli 1990 im Iran geborgen werden, um dann darauf das kraftspendende Gebet verrichten zu können. (Bild: Christian Brauner))