Am Freitag, den 13., im Monat Januar des Jahres 2012 lief der Kreuzfahrtriese auf Grund. In der Toscana vor der Insel Giglio. 290 m lang, 35 m breit, 8,2 m Tiefgang, 115 000 BRZ, für max. 4 900 Passagiere plus Besatzungsmitglieder ausgelegt. Zum Unglückszeitpunkt waren 4 229 Menschen an Bord; 32 sterben, davon 12 Deutsche; ein Besatzungsmitglied wird noch immer vermisst.

Im September 2005 erfolgt der Stapellauf des Schiffs der italienischen Reederei Costa Crociere als bisher größter Kreuzfahrer unter italienischer Flagge; die Baukosten werden mit 450 Mio. Euro angegeben.

Die Unglücksursache scheint geklärt. Der Kapitän, Francesco Schettino, wollte durch eine möglichst große Nähe zur Küste einen Chefsteward (mit einer sog. inchino – einer Verneigung) an Land grüßen, sein Schiff berührte dabei Felsen und schlug leck. Die Evakuierung verlief chaotisch. Der Kampf um die Rettungsboote führte zu Schlägereien unter den Passagieren. Etwa 200 Reisende schwammen an Land zu der nur etwa 100 Meter entfernten Küste. Das sinkende Schiff versetzt nach viel zu später Alarmierung die Passagiere in Todesangst; Überlebende sind traumatisiert. Der Kapitän „fällt per Zufall“ in ein Rettungsboot und verweigert trotz mehrfacher Aufforderung der „Capitaneria di Porto“ (Hafenbehörde) die Rückkehr auf das Schiff, um die Rettungs- und Bergungsarbeiten zu leiten.

Rund 900 Tage später: nun ist es weg, das Wrack. Am 23. Juli 2014 wird der Havarist auf‘s offene Meer gebracht, um zum Verschrotten nach Genua geschleppt zu werden. Dort trifft es am Sonntag, 27. Juli gegen 14.00 Uhr am Kai von Genua-Voltri ein. In den zweieinhalb Jahren vor der Lilien-Insel in der Toskana haben Ingenieure eine Meisterleistung vollbracht. Allen voran der Südafrikaner Nicholas Sloane. „Nick“ hat zunächst den Havaristen im September 2013 aus seiner 60 Grad-Schräglage wieder aufgerichtet.

Sloane ist gemeinsam mit dem Chefingenieur der Costa-Crociere-Gruppe, Franco Porcellacchia, und dem Chef des Italienischen Zivilschutzes, Franco Gabrielli, ein Dreier-Team, auf das sich die Italienische Regierung und die Bewohner von Giglio verlassen können. Das tut der Seele gut, hatten die Italiener doch in der Person von Schettino den unzuverlässigen, verantwortungslosen Don Juan, genannt „Kapitän Feigling“ gesehen. Einem Kapitän, dem das Kapitänspatent im März 2012 entzogen wurde, der sich als einziger Angeklagter seit Juli 2013 in einem Hauptverfahren verantworten muss und der noch heute behauptet, er habe alles richtig gemacht. Die Schuld liege bei seinen Offizieren und der Mann am Ruder habe seinen Befehlen nicht gehorcht.

„Nick“ Sloane, der Bergungsleiter, hatte mit seinen Aussagen recht: am 14. Juli 2014 gab er die Anweisung zum Einpumpen von Luft in die Wassertanks, um den Auftrieb des Rumpfs in seiner schwimmenden, dock-ähnlichen Plattform zu bewirken. Wenige Stunden später hatte sich dieser um einen Meter gehoben. Doch noch immer musste das Zerbrechen des Rumpfes von 290 Meter Länge und einem 70 Meter langen Riss befürchtet werden. Die Umweltschäden wären dramatisch geworden. Mitten in einem Naturschutzgebiet – als Touristenmagnet – wären kontaminiertes Wasser und Öl ins Meer gelaufen. Die Umweltorganisationen hatten davor gewarnt; die Reederei eine Rückstellung von vielen Millionen vorgenommen.

Weitere zwei Stunden später teilte Sloane mit: Das Schiff habe sich um zwei Meter „wie geplant“ gehoben. In insgesamt 17 Stunden wurde die Costa Concordia aus 30 Meter Tiefe auf 18,5 Meter angehoben. Dann wurde das Wrack 30 Meter ins offene Meer geschleppt, dort verankert und mit Stahltrossen in der Felsküste befestigt.

Costa Concordia teilweise wieder flott gemacht. (Bild: Rvongher/wiki commons)

Costa Concordia teilweise wieder flott gemacht. (Bild: Rvongher/wiki commons)

Die Bergungsfirmen, Titan Salvage (USA) und Micoperi (IT), bereiteten das Schleppen des Havaristen nach Genua vor, wo es abgewrackt werden soll.

Um den lukrativen Auftrag hatten sich unter anderem Unternehmen aus China, Italien, Norwegen, Schottland und der Türkei beworben. Wegen der relativ kurzen Schlepproute – Giglio – Genua (rund 350 km) –, der umweltbewussten Entsorgung mit bis zu 80 Prozent recycelbaren Materials und der Sicherung von Arbeitsplätzen hatte sich die italienische Regierung für eine „nationale“ Lösung ausgesprochen. Zwar kostet die Verschrottung in Genua mit rund 100 Mio. € mehr als das Doppelte gegenüber der Türkei (40 Mio. €) aber es sichert mindestens 100 Arbeitsplätze für mehr als ein Jahr. Das überzeugte auch die Versicherungen.

So begrüßte denn Ministerpräsident Matteo Renzi den Schiffs­torso im Hafen, sprach von „gelungener italienischer Ingenieurs­kunst“ und sprach den Akteuren seinen Dank aus.

Zuvor war die „Costa Concordia“ durch zwei Schlepper (plus zwei in Reserve) in einem Konvoi von zwölf weiteren Schiffen binnen vier Tagen in einem aus 30 mit Pressluft gefüllten Stahlcontainern gefertigtem Korsett ohne Zwischenfälle nach Genua geschleppt worden, wo sie mit Sirenengeheul begrüßt wurde. Die gesamte Strecke wurde begleitet und überwacht durch das von Umweltschutzverbänden entsandte Segelschiff „Kidan“. Auch dessen Besatzung attestiert: „keine Umweltschäden“!

Juli 2014: Das Meer vor Giglio ist glatt und blau. Ein blauer Himmel wölbt sich darüber. Der Lärm der Stabilisierungsarbeiten am Wrack ist vorbei. Die Insel wie früher ein Urlaubsparadies. Und dennoch gibt es auch besorgte Gesichter, vorwiegend Hotelbesitzer und Gastronomen. Hunderte von Technikern, mehrere hundert Journalisten und tausende von Wrackbesuchern füllten die Betten, Pizzerias und Tavernen. Sie sind jetzt leer und die Wirtschaftsflaute zerzaust die Urlauberströme.

Schadensersatz von mehreren Millionen will deshalb auch Sergio Ortelli, der Bürgermeister von Giglio von der Reederei „als Wiedergutmachung für den entstandenen Schaden“.

Der dürfte laut Aussagen des neuen Vorstandschefs (seit 1. Juli 2012) der Reederei Costa Crociere, Michael Thamm, vorher Chef der Aida-Gruppe in Rostock, nur ein geringer Teil des Gesamtschadens sein: 1,5 Mrd. Euro betragen die Kosten für die Bergung und die Entschädigungen. Nicht in dieser Summe enthalten sind die Einnahmeverluste: Das Unternehmen schrieb 2012/2013 rote Zahlen, musste Hunderte Millionen abschreiben.

Da gilt die Bekundung, Schadenersatz vom geschassten Kapitän Schettino nach Abschluss des Strafprozesses zu verlangen, mehr als Symbol denn als Realität.

Die Schiffsglocke der Costa Concordia konnte geborgen werden; sie läutet die noch anstehenden Re-Naturierungsmaßnahmen am Strand der Insel ein. Michael Thamm bekennt sich zu dieser Pflicht.

Schettino ist vor dem Bezirksgericht in Grosseto wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung, Havarie, vorzeitigem Verlassen des Schiffs, Zurücklassung Hilfsbedürftiger und Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Behörden angeklagt. Fünf weitere Verantwortliche von Schiff und Reederei sind rechtskräftig zu Haft- und Geldstrafen verurteilt.

So geht die Tragödie von Gigilio zu Ende: mit der erwarteten Verurteilung von „Kapitän Feigling“, der nicht als Letzter, sondern als einer der Ersten das Schiff verlassen hat, mit der Enthüllung einer Gedenktafel mit den Namen der Opfer an dem Felsenriff, das der „Costa Concordia“ den Rumpf aufschlitzte und mit der Rechnung, dass dieses Schiffsunglück der teuerste Schaden in der Geschichte der Seefahrt war.

(Dr. Horst Schöttler)

(Aufmacherbild: Bergungsarbeiten an der havarierten Costa Concordia mit Auftrieb-Senkkästen und Schwerlastschiff „SAL Lone“ im Juli 2013. (Bild: Isjc99/wiki commons))