Innovative Materialien für BOS-­Fahrzeuge

Neue Einsatzszenarien bestimmen seit einigen Jahren den Alltag bei Streitkräften, aber auch bei den Kräften der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) wie auch den Kräften der Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Von Afghanistan über den Nahen Osten bis Afrika werden unsere Kräfte und unser Material in Gegenden und Klimazonen eingesetzt, für die sie in der Regel ursprünglich nicht vorgesehen waren.

Insbesondere extreme Temperaturen und Temperaturschwankungen sind Herausforderungen für Fahrzeuge, eingebautes Gerät wie IT- oder Mess- und Prüfgeräte und natürlich auch für die Besatzungen und das Bedienpersonal. Herkömmliche Klimaanlagen von Fahrzeugen, die für die gemäßigten Breiten konzipiert wurden, reichen hier im allgemeinen nicht aus oder haben einen unangemessen hohen Energiebedarf. Hinzu kommen Straßenverhältnisse, die einen besonderen Prallschutz für Fahrzeuginsassen erforderlich machen. Darüber hinaus spielen mögliche Gefährdungen durch Anschläge, z. B. Sprengfallen bzw. -ladungen u. ä. (sog. Improvised Explosive Devices, „IEDs“) eine immer größere Rolle. Hier ist insbesondere die Frage von Interesse, wie durch geeignete Auskleidung des Innenraums Gefährdungen der Insassen durch abplatzende Teile verhindert werden können. Auch ist die zusätzliche Armierung von BOS-Fahrzeugen im Boden- und Seitenbereich zunehmend ein Thema, um wenigstens einen gewissen Schutz gegen Infanteriewaffen zu bieten. Fahrzeuge, die ursprünglich für solche Einsatzszenarien nicht vorgesehen waren, müssen daher nachgerüstet werden, wenn keine groß angelegten Sonderbeschaffungen zu realisieren sind.

Nachrüstung von Serienfahrzeugen

Dabei spielen verschiedene Faktoren eine entscheidende Rolle:

Große Bedeutung hat zunächst das Gewicht. Zusätzliche Materialien, die in Fahrzeugen eingebaut werden sollen, die im Falle der BOS ja im allgemeinen straßentaugliche Serienfahrzeuge sind, dürfen die Fahreigenschaften, die mögliche Zuladung und im Ergebnis natürlich das zulässige Gesamtgewicht nicht beeinträchtigen bzw. zur Überschreitung des zulässigen Gesamtgewichts führen. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Lufttransportfähigkeit nicht eingeschränkt wird. Das führt zur Forderung nach leichten Materialien, im Allgemeinen also Glasfaserverbundwerkstoffen, verschiedenen Aramidgeweben oder Laminaten unter Verwendung von Phenol, Polyester oder Poly­olefin-Schaumstoffen. Schutz vor Explosionen im Bodenbereich erfordert heute keine Panzerung mehr im klassischen Sinne, vielmehr lassen sich Fahrzeugarmierungen durch Laminate in Wabenstruktur erzielen, die für die Einsatzzwecke der BOS ausreichenden Schutz bieten dürften. Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Frage, wie weit der nutzbare Innenraum möglicherweise zugunsten des Schutzes verkleinert wird. Mit Wandstärken, die den nutzbaren Innenraum in den Fahrzeugen nur unwesentlich einschränken, lassen sich heute die geforderten Dämmeigenschaften erreichen, sei es thermische oder akustische Dämmung, Prallschutz, Penetrations- oder Splitterschutz oder auch zusätzliche Armierungen.

Da vermutlich in der Regel bereits vorhandene Fahrzeuge nachgerüstet werden sollen, ist die Frage des nachträglichen Einbaus und möglicherweise auch die spätere Entfernung der zusätzlichen Materialien von Bedeutung. Gängige Lösungen sind hier Platten, die beliebig zugeschnitten werden können, form- oder biegbar sind oder aber auch verklebbare bzw. selbstklebende Matten, die sich allen Oberflächenformen anpassen können und die im Allgemeinen passgenau zugeschnitten werden können.

Inzwischen sind Lösungen am Markt verfügbar, die sowohl im zivilen Fahrzeugbau zur thermischen oder akustischen Dämmung im Motorenbereich und Innenraum verwendet werden, als auch bei gepanzerten Einsatzfahrzeugen zum Einsatz kommen (Abb. Thermoliner), z. B. zur Auskleidung von Kabinen, sog. “inside panelling“. Für den schnellen, kurzfristigen Schutz gibt es inzwischen auch flexible, leichte Laminate, die biegsam sind und z. B. in Fahrzeugtüren eingebaut werden können, so dass bei entsprechenden Einsatzerfordernissen auch ad-hoc Lösungen für bislang ungeschützte BOS-Fahrzeuge denkbar sind. Alle diese zusätzlichen, nachträglichen Schutzmaßnahmen sind vergleichsweise leicht und zeichnen sich durch Flexibilität aus. Daher eignen sie sich auch für Schutzmaßnahmen auf Booten für Polizei- oder Zolleinsatzkräfte, die möglicherweise in Zukunft auch vermehrt mit Auslandeinsätzen in unbefriedeten Regionen rechnen müssen.

Abb. 2: Materialschichten des Isoglamat 4/21 ALU. (Bild: Steinbach AG)

Abb. 2: Materialschichten des Isoglamat 4/21 ALU. (Bild: Steinbach AG)

Thermoliner – inside panelling

Als ein Beispiel für innovative Materialien im Fahrzeugbau soll nachfolgend der Thermoliner etwas näher betrachtet werden:

Der Thermoliner ist eine effiziente und robuste thermische Innenverkleidung mit einem gewissen Schutz gegen Abplatzungen bei äußerer Einwirkung, die seit Jahren erfolgreich bei Spezialfahrzeugen in warm/feuchten Klimazonen der Welt zum Einsatz kommt. Das Material, das in verschiedenen Dicken verwendet wird, erzielt eine gute thermische Isolation der Wand- und Dachbereiche im Fahrzeuginneren. Es kann standardmäßig oder nachträglich eingebaut werden. Zur Anwendung kommen sog. geschlossenzellige Polyolefin-Schaumstoffe mit niedriger Wärmeleitfähigkeit. Thermokaschierte Oberflächen mit verschiedenen Materialien (PVC, Kunstleder, Textil, Elastomere) in verschiedenen Farben und faltenfreien Oberflächen erlauben eine Anpassung an den Einsatzzweck und können z. B. die Reinigung nach Einsätzen erleichtern. Das Material ist in Klimakammern nach militärischen Standards geprüft. Wahlweise ist eine mechanische, flüssigklebende oder selbstklebende Befestigung möglich. Für den nachträglichen Einbau kann das Material in Platten- oder Rollenform geliefert werden und wird bei Bedarf passgenau mit Hilfe eines Wasserstrahlzu­schnittes hergestellt.

(CP wird die Berichterstattung über Innovative Materialien in späteren Ausgaben fortsetzen).

Aufmacherbild: Thermoliner als innovatives Material für die Fahrzeugausstattung. (Bild: Steinbach AG)

(HHS)