Rezeption von Sturmwarnungen in TV-Wetterberichten

Wetterinformationen in Form von Wetterberichten sind ein unverzichtbarer Teil unseres Alltags. Hohe Einschaltquoten verdeutlichen das allgemeine Interesse, welches über alle Zuschauergruppen reicht. Die Kommunikation via Massenmedien muss damit leben, dass sie oft in nur eine Richtung erfolgt, indirekt ist und dabei ein extrem breites Spektrum an Rezipienten ansprechen muss.

Das Projekt WEXICOM (Improving the process of weather warnings and extreme weather information in the chain from the meteorological forecasts to their communication), gefördert vom Deutschen Wetterdienst, beschäftigt sich u. a. damit, wie Wetterwarnungen im Zusammenhang mit Sturmereignissen über Massenmedien kommuniziert werden und ob die auf diesem Weg verbreiteten Informationen einen nachweisbaren Effekt auf das Verhalten der Bevölkerung haben. Diese Frage ist mehr als nur akademisch oder die Neugier des Wetterproviders oder Wettermoderators befriedigend. Wetterbedingte Katastrophen gehören zu unserem Alltag. Eher selten, aber sie gehören dazu. Wir leben in einer – was das Wetter betrifft – eher stabilen Gesellschaft. Einerseits sind wir kaum von Extremereignissen wie Hurrikanen betroffen und Tornados treten zwar auf, aber jeder Tornadojäger weiß, dass das ein sehr seltenes Ereignis ist. Andererseits funktioniert unsere Energieversorgung auch unter widrigen Umständen, ebenso das öffentliche Leben.

Die Frage ist, wie und vor allem ob die Bevölkerung durch die öffentlich verbreiteten Wetterberichte in der Lage ist, auch im Gefahrenfall die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und angemessen zu handeln. Eigenverantwortliches Verhalten und Selbstverantwortung sind die immer wieder bemühten Schlagworte, die in ihren Auswirkungen bis auf die Ebene der Einsatzkräfte spürbar werden. Wie informiert und vorbereitet ist die Bevölkerung im Einsatzfall? Welche Schäden werden möglicherweise vermieden, d. h. treten sie unter bestimmen Bedingungen seltener oder gar nicht auf?

Neue Medien oder Fernsehen – Wer warnt besser?

Immer wieder wird auf das Internet, Twitter und Facebook hingewiesen und darauf, dass sich aus dem Netz jederzeit alle notwendigen Informationen gewinnen lassen. Das gilt nicht uneingeschränkt, vor allem nicht im Vorfeld extremer Wetterereignisse. Im Netz wimmelt es von Anwendungen, die mehr oder minder professionelle Wettervorhersagen verbreiten, es aber dem Konsumenten überlassen oder auch ihn dazu zwingen, sich zu entscheiden, welchen der zum Teil widersprüchlichen Informationen er vertraut. Das ist problematisch, als das Kompetenzniveau der Nutzer bei der Interpretation dieser speziellen Informationen sehr schwankt.

Der aus Warngesichtspunkten entscheidende Vorteil des Fernsehens liegt darin, dass dem Empfänger oder Zuschauer die Entscheidung abgenommen wird, wann er sich informiert. Im Programm erfährt er zu fixen Zeitpunkten die aus Sicht des Meteorologen aktuellste Information. Der zweite, schwerer wiegende Vorteil ist die Gatekeeper-Funktion des Fernsehens. Bei einer TV-Wettervorhersage kann man davon ausgehen, dass sie gewisse Hürden der Qualitätskontrolle passiert hat, bevor sie ausgestrahlt wird. Danach entscheidet sich der Zuschauer, je nach seinen Erfahrungen und Bedürfnissen für Variante 1: „Alles im grünen Bereich“ oder Variante 2 „Das sieht nicht gut aus“. Bei Variante 2 wird er möglicherweise weitere Informationen suchen und wahlweise Entscheidungen treffen.

Informationsverständnis und Handlungs­bereitschaft

Verstehen Zuschauer die Informationen der Wetterberichte und sind sie bei Bedarf auch bereit zu handeln? Bei früheren Studien wurde einerseits untersucht, wie gut die Qualität der öffentlich verbreiteten Wetterinformationen ist und andererseits, was die Nutzer professioneller Vorhersagen und Warnungen wie Polizei, Feuerwehr, Energieversorger etc. benötigen. In den vergangenen Jahren wurde auch damit begonnen, verschiedene Kommunikationselemente in den Fokus zu rücken. Das sprachliche System der Wetterberichte wurde untersucht, aber auch die Frage, ob Menschen in ganz alltäglichen Situationen und normalem Wetter mit aktuellen Wetterinformationen andere Entscheidungen treffen, als Menschen ohne diese Informationen. Im Projekt WEXICOM geht es aber ganz speziell um die Frage, was passiert, wenn große Stürme heranziehen. In diesem Fall steht eine Wettersituation bevor, die eine ernsthafte Bedrohung für Sachwerte oder auch für Leib und Leben darstellen kann. Sind die Menschen dann durch Wetterberichte sensibilisiert worden und sich einer drohenden Gefahr eher bewusst? Sind sie bereit, Vorkehrungen zu treffen? Der Aspekt, was die Zuschauer in dieser Situation von den präsentierten Informationen verstehen und erinnern, was sie daraus schlussfolgern und wie sie sich daraufhin verhalten, ist bisher noch kaum untersucht.

Massenmedien und – in unserer Untersuchung speziell – Fernsehsender haben einige Vorteile, die sie von anderen mittlerweile existenten und sehr unterschiedlich bewerteten Kommunikationsformen unterscheiden. TV-Stationen, besonders die überregionalen, sind einfach zu empfangen. Es gibt aber Einschränkungen: Wenn auch die Zahl der in Deutschland frei empfangbaren TV-Sendern bei 148 liegt, spielen aus meteorologischer Sicht davon ca. 20 eine Rolle. Davon sind acht überregional und zwölf regional. Für den Raum Berlin können zwei nationale (ARD und RTL) und ein regionaler Sender (rbb) untersucht werden, wobei drei verschiedene Wetterprovider für die meteorologischen Daten und das Know-how zuständig sind. Die dabei ausgegebenen Informationen müssen, besonders bei überregionalen Sendern, für einen massenmedial verbreiteten Wetterbericht sehr verknappt werden. Für die längsten Wetterberichte in unserer Untersuchung stehen maximal drei Minuten zur Verfügung, in denen ein Vorhersagezeitraum von 24 bis 72 Stunden abgedeckt wird und das teilweise für das gesamte Gebiet der Bundesrepublik.

Methoden und Ziele der Untersuchung

In der Untersuchung werden die stärksten Sturmwetterlagen analysiert, die zwischen 2004 und 2011 in Berlin und dem Umland aufgetreten sind. Hier werden wiederum die 26 stärksten für die weitere Untersuchung ausgewählt. Anschließend werden die aufgetretenen Windgeschwindigkeiten und Windspitzen mit verschiedenen Schadensarten in Zusammenhang gesetzt. Bei einigen Stürmen entspricht die Höhe der aufgetretenen Schäden dem, was statistisch bei den aufgetretenen Windgeschwindigkeiten zu erwarten war. Bei manchen Stürmen treten geringere oder aber auch höhere bzw. andere Schäden auf, als durch die Sturmstärke zu erwarten gewesen wären. Diese Fälle sind interessant, weil hier die Vermutung besteht, dass nicht-meteorologische Effekte eine schadensmindernde oder auch schadensverstärkende Rolle spielen. In einem zweiten Teil der Untersuchung werden die im Vorfeld dieser starken Stürme ausgestrahlten TV-Wetterberichte einer Inhaltsanalyse unterzogen. Hier wird geklärt, ob Unterschiede in den ausgegebenen Wetterinformationen in einem Zusammenhang mit den verschiedenen Schadenshöhen stehen. In einer empirischen Untersuchung wird in einer mittelfristig durchgeführten Umfrage festgestellt, ob und wie das Publikum die untersuchten Wetterberichte rezipiert, versteht und ob es daraus resultierend eine Notwendigkeit zum Handeln sieht.

Ein Ziel dieses Teils des Projektes ist es, mit den gewonnenen Resultaten neue Konzepte zu entwickeln, die die Vermittlungskompetenz angehender Meteorologen aber auch anderer Wissenschaftler bereits in der akademischen Ausbildung zu verbessern. Ein weiteres Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, wie allgemeine und niedrigschwellige Angebote (nicht nur TV-Wetterberichte) zu einem verbesserten Verhalten der Bevölkerung im Sinne von mehr Eigenverantwortung und besserer Eigenvorsorge führen könnten. Erste Ergebnisse sind bis 2014 zu erwarten.

Anschrift des Verfassers:

Dipl. Met. Horst Ulbrich
Freie Universität Berlin, Institut für Meteorologie
Carl-Heinrich-Becker-Weg 6-10, 12165 Berlin
E-Mail:u.h.ulbrich@fu-berlin.de
www.geo.fu-berlin.de/met/wexicom/

 

Horst Ulbrich
Dipl.-Meteorologe
geb. am 11. Oktober 1959 in Annaberg

1979 – 1984: Studium zum Diplommeteorologen an der Humboldt-Universität zu Berlin
1984 – 1989: Arbeit in verschiedenen Bereichen der militärischen und zivilen Wettervorhersage
Seit 1990: freiberuflicher Wissenschaftsjournalist
Seit 1998: Radio- und TV-Medienmeteorologe (aktuell im „Nordmagazin“ des NDR Mecklenburg-Vorpommern)
Seit 2002: Trainer und Coach, schwerpunktmäßig für Wissenschaftler und Journalisten
Seit 2011: verantwortlich für den medienmeteorologischen Teil im Projekt WEXICOM der FU Berlin