Das Deutsche Rote Kreuz (DRK), Nationale Rotkreuz-Gesellschaft in Deutschland nach den Genfer Abkommen und Teil der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung, feierte im vergangenen Jahr 150-jähriges Jubiläum. Als Hilfsorganisation und Wohlfahrtsverband nimmt das DRK umfangreiche nationale Aufgaben wahr und leistet als Teil der weltweiten Rotkreuz-Gemeinschaft umfassend Hilfe für Menschen in Konfliktsituationen, bei Katastrophen und gesundheitlichen oder sozialen Notlagen. Im Januar 2014 hatte CRISIS PREVENTION die Gelegenheit, mit DRK-Präsident Dr. Rudolf Seiters über das Jubiläum, Aufgaben und Herausforderungen des DRK und des Hilfsdienstes in Deutschland zu sprechen.

CP: Das DRK blickt auf eine beeindruckende, langjährige Geschichte zurück. Seit der Gründung vor 150 Jahren ist viel passiert. Welchen Wandel hat es in der humanitären Hilfe seit dem Gründungsjahr 1863 gegeben?

Dr. Seiters: Wir sind heute Teil einer weltweiten Gemeinschaft von 189 nationalen Rot-Kreuz- und Rot-Halbmond-Gesellschaften, die allesamt nach denselben Prinzipien arbeiten, die seit der Zeit von Henry Dunant, dem Gründer des Internationalen Roten Kreuzes, feststehen. Dazu gehören unter anderem Menschlichkeit, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Das hat sich vom Grundsatz her in den 150 Jahren seit Gründung des Roten Kreuzes nicht geändert.
Am Anfang des Roten Kreuzes in Deutschland stand die Gründung des Württembergischen Sanitätsvereins in Stuttgart. Heute sind wir mit 3,5 Millionen Mitgliedern, 400 000 ehrenamtlichen Helfern und 140 000 hauptamtlichen Mitarbeitern mit Abstand die größte nationale humanitäre Organisation. Im Ausland betreuen wir rund 50 verschiedene Projekte in der ganzen Welt. Es ist eine Erfolgsgeschichte, auf die wir sehr stolz sind. Dennoch dürfen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.

CP: Im vergangenen Jahr gab es zahlreiche Festlichkeiten seitens des DRK. Wen haben Sie mit Ihren Veranstaltungen angesprochen?

Dr. Seiters: Wir haben danke gesagt: zu unseren Mitgliedern, Helfern, Unterstützern, Förderern und Sponsoren. Gleichzeitig haben wir die großen Herausforderungen genannt, vor denen wir angesichts der demografischen Entwicklung und der Alterung unserer Gesellschaft und auch angesichts zunehmender Spannungen und Gefährdungen und anhaltendem Elend in vielen Teilen der Welt stehen.

CP: Was ist Ihnen im Jubiläumsjahr in besonderer Erinnerung geblieben, was hat Sie bewegt?

Dr. Seiters: Das Jubiläumsjahr hatte mit einem wunderbaren Blick auf 1 800 Rotkreuzler begonnen, die vor dem Brandenburger Tor in Berlin ein gigantisches rotes Kreuz gebildet hatten. Das war zweifellos gleich zu Beginn ein Höhepunkt zum Auftakt und ein unvergessliches Erlebnis. Zu den bleibenden Eindrücken gehören aber auch ein grandioses Festkonzert am Gendarmenmarkt und natürlich der Festakt am 31. Oktober mit Bundespräsident Joachim Gauck in der Stuttgarter Liederhalle.

CP: In der 150-jährigen Geschichte des DRK gab es immer wieder neue Herausforderungen. Wie begegnet das DRK den größten deutschen gesellschaftlichen ­Herausforderungen hinsichtlich der medizinischen Grundversorgung, des Bevölkerungsschutzes und der Katastrophenhilfe?

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Abb. 2: Die mit dem Flug vom 13.11.2013 versandten Hilfsgüter werden an die Wirbelsturmopfer auf Bantayan verteilt. (Bild: Jörg Fischer/DRK)

 

Dr. Seiters: Wir wollen unsere führende Stellung im Rettungsdienst und im Bevölkerungsschutz ausbauen – und zwar auf ehrenamtlicher Basis. Dazu zählen eine flächendeckende Breitenausbildung bei den DRK-Bereitschaften, der Berg- und der Wasserwacht, die Sicherung der Blutversorgung in Deutschland weiterhin zu 75 % trotz der demografischen Entwicklung, der Ausbau der Freiwilligendienste und die Stärkung auf allen Feldern der so wichtigen Wohlfahrts- und Sozialarbeit.

CP: Wie blicken Sie in diesem Zusammenhang auf die Zukunft der Rettungsdienste in Deutschland?

Dr. Seiters: Einen Schwerpunkt unserer Arbeit haben in den vergangenen Monaten unsere Bemühungen dargestellt, zu verhindern, dass europäische Vorgaben beim Vergaberecht das erfolgreiche und bewährte System des Rettungsdienstes in Deutschland gefährden. In diesem Kampf hatten wir wichtige Verbündete: Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlaments, die Bundesländer und auch den Deutschen Landkreistag.
Deutschland verfügt über ein im europäischen Vergleich einzigartiges, aufeinander abgestimmtes Verbundsystem von Zivil- und Katastrophenschutz sowie der alltäglichen Gefahrenabwehr, zu der insbesondere auch der Rettungsdienst gehört, bestehend aus Notfallrettung und Krankentransport sowie der Berg-, Luft- und Wasserrettung. Dieses System ist auch deshalb so einzigartig, weil es gleichermaßen und modular aufeinander aufgebaut von haupt- und ehrenamtlichen Kräften getragen wird. Durch diese gemeinsame Lobbyarbeit konnten wir eine Vereinbarung zwischen dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und dem Ministerrat zur Novellierung des Europäischen Vergaberechts erreichen, wonach die Träger des Rettungsdienstes die Notfallrettung auch künftig direkt den Hilfsorganisationen übertragen können.
Mit den ehrenamtlichen Strukturen wird damit in Deutschland auch weiterhin ein leistungsfähiger, effizienter Zivil- und Katastrophenschutz sichergestellt sein – auch in ländlichen Regionen. Die entsprechenden Ausnahmeregelungen hat das Europaparlament Mitte Januar beschlossen.

CP: Wichtigstes Standbein im Zivil- und Katas­trophenschutz ist der Mensch. Welche Strategie verfolgt das DRK bei der Mitgliedergewinnung?

Dr. Seiters: Wir wollen Menschen für die Arbeit des DRK und für die Werte des Roten Kreuzes begeistern. Unser Jubiläum im vergangenen Jahr war die große Chance, an dieser Herausforderung weiter zu arbeiten. Bei einer ganzjährigen Werbe-Kampagne im Jubiläumsjahr wurde der Mensch mit seiner Leistung für und mit dem DRK präsentiert. Sei es bei der Bergwacht oder dem Blutspendedienst, um nur zwei Beispiele herauszuziehen. Es wurden Menschen bei ihrem Engagement für das Deutsche Rote Kreuz gezeigt. Daran wollen wir auch 2014 anknüpfen.

CP: Wie beziehen Sie haupt- und ehrenamtliche Helfer mit Migrationshintergrund in diese Arbeit mit ein?

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Dr. Seiters: Das DRK hat in den letzten vier Jahren einen verbandspolitischen Schwerpunkt der „Interkulturellen Öffnung“ verfolgt. In diesem Zeitraum wurde eine Vielzahl von Projekten initiiert, mit dem Ziel, Menschen mit Migrationshintergrund für eine Mitarbeit im DRK zu gewinnen. Hintergrund war die Erkenntnis, dass sich im DRK weniger Menschen mit Migrationshintergrund engagieren als sie verhältnismäßig einen Teil unserer Bevölkerung ausmachen. Die Angebote der lokalen DRK-Verbände und -Einrichtungen reichen von niederschwelligen Tagesveranstaltungen zum gegenseitigen Kennenlernen bis hin zu speziellen Kurs- und Ausbildungsangeboten oder kultursensiblen Eltern-Kind-Gruppen. Auch im Bereich der Personalgewinnung wurden Maßnahmen eingeführt, um Menschen mit Migrationshintergrund für eine hauptberufliche Tätigkeit im DRK zu gewinnen. Der Anteil der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund im DRK ist bei den hauptamtlich Tätigen mit zwölf Prozent inzwischen doppelt so hoch wie bei den Ehrenamtlichen mit sechs Prozent.

CP: Wie verfahren Sie bei der Nachwuchsgewinnung und Einbindung jugendlicher Helfer?

Dr. Seiters: Hier gibt es unterschiedliche Ansätze. Der Jugendverband des DRK, das Jugendrotkreuz, bietet eine breite Palette von Mitmachmöglichkeiten. Von regelmäßigen Gruppenstunden bis hin zu Projekten gegen Gewalt sowie zu bestimmten Themen wie Klimaschutz oder über die Erste Hilfe an Schulen (Schulsanitätsdienste) gewinnt das Jugendrotkreuz seinen Nachwuchs. Sofern diese das notwendige Alter von 16 Jahren erreicht haben, können sich Interessierte ganz oder teilweise auch in Aufgabenfeldern des Bevölkerungsschutzes engagieren und wachsen auf diese Weise in die zentralen DRK-Aufgaben hinein. Andere ehrenamtliche Gemeinschaften wie die Wasser- oder Bergwacht gewinnen Kinder und Jugendliche über deren spezifischen Interessen am Schwimmen oder am Wandern und Klettern.

CP: Welche Maßnahmen verfolgen Sie, um die Helfer- und Mitgliedszahlen auch zukünftig konstant zu halten?

Dr. Seiters: Die Erfahrung zeigt: Die langjährige ehrenamtliche Verbundenheit zu einer Organisation gibt es bei vielen in den jüngeren Generationen nicht mehr. Beliebt ist vielmehr ein kurzfristiges oder projektbezogenes Engagement. Ein deutliches Beispiel ist die Hochwasserkatastrophe des vergangenen Jahres, bei der junge Menschen via Facebook spontan bereit waren, über ein oder zwei Tage Sandsäcke zu stapeln und den Menschen zu helfen. Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist in Deutschland nach wie vor sehr hoch. Was sich ändert, sind jedoch die Formen ehrenamtlichen Engagements. Und darauf können wir uns als Rotes Kreuz einstellen.

CP: Bei der Bundesvollversammlung am 29.11.2013 wurden Sie für weitere vier Jahre in Ihrem Amt als Präsident der größten humanitären Hilfsorganisation in Deutschland bestätigt. Welche Aufgaben und Herausforderungen gilt es zu bewerkstelligen?

Dr. Seiters: Das wohl drängendste gesellschaftspolitische Problem der Zukunft betrifft die Pflege, bei der wir seit langem eine Neuausrichtung fordern. Wir haben heute schon erhebliche Engpässe und spüren dies auch in unseren Pflegeeinrichtungen. Bei allen Prognosen werden in den nächsten Jahrzehnten 800 000 neue Pflegekräfte in der Altenpflege benötigt. Mit Zuwanderungen aus dem Ausland allein ist das Problem nicht zu lösen, ja noch nicht einmal wesentlich zu mildern. Daher wird das DRK weiterhin nachdrücklich dafür eintreten, den Pflegeberuf attraktiver zu machen, sowohl mit Blick auf die Bezahlung als auch mit Blick auf mehr Eigenverantwortung. In diesem Zusammenhang brauchen wir auch eine Neudefinition des Pflegebedürftigkeitsbegriffes und dabei unter anderem eine stärkere Berücksichtigung von Demenzkranken in den Pflegeeinstufungen. Auch hapert es in einigen Bundesländern bei der Ausbildung, bei denen junge Menschen für die Ausbildung zum Altenpfleger Schulgeld zahlen – in einer Höhe zwischen 30 und 300 Euro pro Monat. Das Rote Kreuz fordert daher bundesweit eine kostenfreie Ausbildung für die Pflegeberufe. Für diese Ausbildung muss der Staat aufkommen.

Die Fragen stellte Sarah Heggen.

Abb. 1: Am 13. Januar 2013 sammelten sich 1 800 Mitglieder, Freiwillige und Mitarbeiter des DRK vor dem Brandenburger Tor in Berlin und bildeten ein rotes Kreuz. Unter den Teilnehmern: DRK-Präsident Dr. h. c. Rudolf Seiters, Berlins Innensenator Frank Henkel, DRK-Botschafterin und Sängerin Jeanette Biedermann und DRKBotschafterin und Designerin Jette Joop. (Bild: Michael Handelmann/ DRK)