Gefahrenanalyse, vorbereitende Planung des Ressourceneinsatzes und realitätsnahe Übung sind Schlüsselfaktoren im vorbeugenden Katas­tro­phen­schutz. Die Ergebnisse von Übungen können Mängel in der Ausstattung und der taktischen Vorbereitung aufzeigen und für weitere nachhaltige Vorbereitung einen wertvollen Beitrag leisten.

Retten aus der Höhe und aus engen Räumen.

Retten aus der Höhe
und aus engen Räumen.

Die Versorgung von Opfern und Verletzten stellt meistens die wesentliche Leistung dar und ist somit ein Schlüsselele­ment für die präventiven Planungen (Abb. 1). Die Darstellung von Verletzungen oder Erkrankungen wird herkömmlich durch Laiendarsteller si­muliert. Hier ist häufig die fehlende Realität in einigen Szenarios zu bemängeln. So können selten erforderliche medizinische Interventionen real durchgeführt werden, der Material-, Personal- und Zeitbedarf bleiben unsicher. Bestimmte Lagen oder die technische Rettung können die Gesundheit des freiwilligen und motivierten Darstellers gefährden. Diese fehlende realitätsnahe Darstellungsfähigkeit kann mittlerweile durch die Nutzung von modernen Patientensimulatoren geschlossen werden (Abb. 2).

Patientensimulatoren

Die neue Generation von Patientensimulatoren ist robust, drahtlos und für den Einsatz im Freien konzipiert (Abb. 3). Diese Hightech-Mannequins (der Begriff „Puppen“ ist nicht mehr zeitgemäß) simulieren die Physiologie und die Pathophysiologie des Menschen und reagieren auf die Interventionen nahezu identisch. Ein Trainer beobachtet aus der Distanz das nun standardisierte Szenario und wertet dieses unter Berücksichtigung von Crew-Ressource-Management (CRM) und Simulationsdebriefing bei Bedarf aus (Abb. 4). Fehlende oder falsche Maßnahmen gefährden nun nachvollziehbar – wie im richtigen Alltag – „das Leben des Patienten“!

Ein Traumapatientensimulator und Ausstattung auf dem Weg zum Einsatz.

Ein Traumapatientensimulator und Ausstattung auf dem Weg zum Einsatz.

Die gesamte Rettungskette kann nun vom Ort der Verletzung bis zum Operationssaal realitätsnah dargestellt, verfolgt und ausgewertet werden (Abb. 5). Dies ist möglich, da diese ca. 75 kg schweren Simulatoren bis zu acht Stunden und gegebenenfalls darüber hinaus betrieben werden können. Der zielgerichtete Einsatz von Personal, Material und Transportmittel kann somit überprüft werden. Engpässe und Fähigkeitslücken in den Einsatzplänen können im Vorfeld erkannt werden. Entscheidungsträger können mit „Zahlen-Daten-Fakten“ ihre weiteren Schritte und Strategien evaluieren.

Crew-Ressource-Management

In einem komplexen Katastrophenszenario stellt die Kommunikation im Team während der Versorgung und Rettung eines Verletzten eine weitere Herausforderung dar. Gerade unter schwierigen Bedingungen geraten die Helfer schnell an die individuellen physischen und psychischen Grenzen. Hier kann ein Teamtraining unter Nutzung von CRM-Kriterien unter Nutzung eines Patientensimulators wertvolle Erkenntnisse für jeden Beteiligten liefern. Diese Erfahrung fördert im Realeinsatz die Eigen- und die Patientensicherheit.

Ein erfahrener Trainer beobachtet den Patientenzustand während der Rettung.

Ein erfahrener Trainer beobachtet den
Patientenzustand während der Rettung.

Einige Simulationsmodelle sind wasserabweisend und können durch eine ABC-Dekontaminationseinheit geschleust werden, während durch das eingesetzte Personal unter Vollschutz lebensrettende Interventionen durchgeführt werden. Die unbeabsichtigte Verschleppung von radioaktiven, chemischen oder biologischen Agenzien kann zeitgleich durch die Nutzung von UV-Licht nachweisbaren Farbflüssigkeiten geübt werden (Abb. 6).

Der gezielte Austausch von Laiendarstellern gegen Patientensimulatoren kann einen Betrag zur Realitätssteigerung eines Übungsszenarios leisten.

Lebensrettende Diagnostik und Maßnahmen können unter realistischen Bedingungen geübt und durchgeführt werden (z. B. Anlegen von Tourniquets oder i. V.-Zugängen, Atemwegsicherung, Pneumothoraxnadeldekompression, …). In der Militärmedizin werden so die Konzepte des TCCC (Tactical Combat Casulty Care – „platinum 10 minutes“) seit einigen Jahren Ersthelfern erfolgreich vermittelt. Die Inhalte des zivilen PHTLS (Prehospital Trauma Life Support) sind bei der Konzeption einiger Simulatoren ebenfalls berücksichtigt worden.

„Ein Patient“/Simulator wartet nach der Erstversorgung auf den Abtransport.

„Ein Patient“/Simulator wartet nach der Erstversorgung auf den Abtransport.

Die Evakuierung und der Transport sind aufgrund der realitätsnahen Größe und des Gewichts von 75 kg eine physische Herausforderung für die Retter. Gerade deswegen werden die Übungen für das eigesetzte Personal „echter“.

Der Einsatz und die Integration von modernen Patientensimulatoren in Katastrophenschutzübungen erfordern einige Vorbereitung. Ein Trainer / Bediener steuert der Simulator gemäß des Übungs- bzw. des Ausbildungsziels. Ein Szenario unter Einbeziehung der Lage und des Lageverlaufs muss entwickelt und dem SimTeam mit­geteilt werden. Abhängig von der Dauer und der Art des Verletzung muss der Simulator während des Verlaufs technisch gewartet oder befüllt („Blut“, geladene Akkus; s. Abb. 7) werden.

Simulierte Kontamination (ABC-Szenario) wird mit Hilfe von Schwarzlicht sichtbar.

Simulierte Kontamination (ABC-Szenario) wird mit Hilfe von Schwarzlicht sichtbar.

Die moderne Software erlaubt es, alle Maßnahmen und Interventionen zu evaluieren und bei Bedarf ein individuelles Feedback zu geben.

Die Hypothese, dass ein erfolgreiches Simulationstraining dem Auftreten eines PTSD positiv entgegenwirkt, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht.

Vorbereitung auf ein Szenario. (Bilder: B. Milde)

Fazit

Die Nutzung von modernen Patientensimulatoren zur Ausbildung und in Übungen, u. a. von Großschadensereignissen, ist ein wertvoller und vielschichtiger Beitrag zur Patientensicherheit und zum präventiven Katastrophenschutz.

Literaturangaben beim Verfasser.

Aufmacherbild: Ersthelfer nach einer Explosion. (Bild: B. Milde)

Dr. Burkhard Milde

CP_Passbild_Dr. MildeAnschrift des Verfassers:
Dr. Burkhard Milde
Immersive Simulation & Training
Herminenstr. 3
31675 Bückeburg
E-Mail: milde@immersive-simulation.training

 

Facharzt für Allgemeinmedizin, Betriebsmedizin und Flugmedizin
Oberfeldarzt d. R., seit 2005 in der Funktion BeaSanStOffzGesWesZMZ im KVK Schaumburg
1989 – 2005: Bundeswehr in der Laufbahn der Sanitätsoffiziersanwärter. u. a. Studium in Ulm/Donau, letzte Verwendung S3 StOffz Leitender Fliegerarzt des Heeres in Bückeburg
2002 – 2004: Postgraduiertenstudium TU Kaiserslautern: Management in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen
Seit 2006: Berater für Simulation in der Medizin und Luftfahrt, CRM-Trainer (Healthcare)