Schadenereignisse mit Gefahren durch atomare (radioaktive bzw. radiologische), biologische oder chemische Stoffe stellen Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen. Aufgrund der möglicherweise vorliegenden großflächigen, sich dynamisch entwickelnden Lage, der erheblichen Gefährdung von Menschen sowie dem Handlungsdruck durch den Einsatz zahlreicher Kräfte, steht auch die Einsatzleitung unter hohem psychischem Druck.

Entwicklung des ABC-Bereiches

Die Anforderungen an Einsatzkräfte haben sich in den vergangenen Jahren durch Ereignisse, wie z. B. den 11. September 2001, den steigenden Ausbau ABC-typischer Wirtschafts- und Industriezweige mit entsprechend anwachsenden Gefahrguttransporten sowie der zunehmenden technischen Weiterentwicklung, welche sich u. a. in neuen Messgeräten widerspiegelt, erhöht. So gehören asymmetrische und dadurch anspruchsvolle Einsatzlagen mit „Verdächtigen Stoffen“ (Weiße Pulver u. ä.) unter Einbeziehung von Spezialeinheiten wie der „Analytischen Task Force (ATF)“ oder der Bio-Probenahme zur Laboruntersuchung mittlerweile zum täglichen Einsatzspektrum der deutschen Feuerwehren. Aber auch Einsätze mit komplexen technischen Methoden der Dekontamination sowie den stark gewachsenen Anforderungen des ABC-Schutzes durch Bund- und Ländervorgaben gehören zum heutigen Aufgabenfeld.

Als konkretes Beispiel sei hier die technische Vorhaltung der Feuerwehr München im Aufgabenbereich der Dekontamination genannt. In den zehn Feuerwachen der Berufsfeuerwehr und 21 Gerätehäusern der Freiwilligen Feuerwehr werden fünf Spezial-Abrollbehälter zur Dekontamination, strategisch verteilt über das Stadtgebiet, 24 Stunden täglich vorgehalten. Diese enthalten die Methoden der Dekontamination von

  • Einsatzkräften (AB Dekon-E),
  • nicht-gehfähig Verletzten (AB Dekon-V),
  • gehfähig-verletzten Zivilpersonen in der Bund-Ausstattung (LKW Dekon-P) und
  • zusätzlich einem Münchner-Ausbau (AB Dekon-Z) ­sowie
  • Geräten (AB Dekon-G).

Um die zeitlichen Vorgaben der Feuerwehr-Dienstvorschrift (FwDV) 500 für die Einsatzbereitschaft des Dekon-E (<15min) im ausgedehnten Münchner Stadtgebiet erreichen zu können, ist jeder der insgesamt 31 Münchner Feuerwehrstandorte dazu ertüchtigt, beim Eintreffen an der Einsatzstelle die sofort verfügbare „Not-Dekon“ (Wasser am Strahlrohr) zu einer so genannten „Behelfs-Dekon*“ aufzurüsten. Diese erfüllt den Standard des Dekon-E, z. B. mit für den Gefahrstoff geeigneten Dekon-Mitteln nach Richtlinie 10/04 der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb), Zulassung durch das Robert-Koch-Institut sowie der Verwendung von Körperschutz Form 2 für das Dekon-Personal. Die neu eingeführte und einmalig im Stadtgebiet vorgehaltene 24h-Funktion des „Dekon-Assistenten*“ unterstützt alle anderen Dekon-Einheiten mit spezifischen Fachwissen und weiteren Geräten. Der Dekon-Assistent ist durch seine zentrale Lage im Stadtgebiet und der Nutzung eines flexiblen PKW schnell einsetzbar sowie durch die Anpassung der Alarm- und Ausrückeordnung in der Erstalarmierung integriert. Für umfangreiche ABC-Schadensereignisse, bei welchen zusätzlich zum ABC-Fahrzeugmodul Dekon-E weitere Einheiten zum Einsatz gebracht werden und sich allein durch die Dekon-Dokumentation ein erheblicher Handlungsaufwand ergibt, kommt eine zusätzliche Führungskraft aus der Gruppe der Inspektionsdienste in der Qualifikation eines Verbandsführers als „Einsatzabschnittsleiter Dekon“ zum Einsatz. Diese Führungskraft wird im Jahr 2013 zum ersten Mal im Rahmen der Sondereinsatzplanung Oktoberfest fest im Dienstplan verankert.

Abb. 1: Einstiegsseite des ABC-ATLAS.

Abb. 1: Einstiegsseite des ABC-ATLAS.

Im Rahmen des Katastrophenschutzes betreibt die Feuerwehr München auch die „Notfallstation Bayern“, um bei Unfällen in kerntechnischen Anlagen (Forschungsreaktor München-Garching) auch einem „Massenanfall von Kontaminierten“ (MANK*) begegnen zu können.

Die obige Auflistung der Dekon-Methoden zeigt, welche umfangreichen Kompetenzen allein zum fachgerechten Betrieb der Dekon-Sparte notwendig sind, wobei Dekontamination in erster Linie auch Eigenschutz bedeutet.

Zusätzlich steht am Anfang nach wie vor das Handwerk jeder einzelnen Feuerwehreinsatzkraft, den Erstangriff entsprechend „GAMSN-Regel*“ (s. u.) und der jeweils in der Kommune vorgehaltenen feuerwehrtechnischen und -taktischen Möglichkeiten zu bewältigen bis ggf. ABC-Spezialeinheiten eintreffen.

 

Anforderungen an Aus- und ­Fortbildung

Hinter der bestehenden Lehre und den Weiterentwicklungen in der ABC-Abwehr verbergen sich zahlreiche Regelwerke und Richtlinien, die effizient in die Aus- und Fortbildung integriert werden müssen.

Abb. 2: Modulare Nutzung der ABCStufen für ein ABC-Standardereignis nach Feuerwehrbedarfsplanung.

Abb. 2: Modulare Nutzung der ABCStufen für ein ABC-Standardereignis nach Feuerwehrbedarfsplanung.

Aufgrund der umfangreichen Fülle der ABC-Schrift­stücke wurde bei der Feuerwehr München ein modulares und zielgruppenorientiertes Dokumenten- und Wissensmanagement etabliert. Trotz der standardisierten Festlegungen, welche das Erlernen der Tätigkeiten für jede Einsatzkraft erleichtern, muss jedoch der Flexibilität weiterhin hohe Bedeut

ung zukommen.

Die Feuerwehr München hat deshalb ein Dokumentensystem entwickelt, dass auf drei Ebenen basiert (Abb. 1).

Zielgruppenorientiertes Dokumenten- und Wissensmanagement

Die erste von drei Dokumentenebenen erläutert die strategischen Belange des gesamten ABC-Einsatzes und beschreibt daher die grundsätzliche Vorgehensweise sowie Führungsstruktur, Aufbauorganisation und Strategie.

Die zweite Dokumentenebene, bestehend aus den bei einem ABC-Einsatz zu bewältigenden vier Aufgabensektoren „Gefahrenabwehr“, „Messen“, „Dekontamination“ und „Warnen“, erläutert die taktische Umsetzung der strategischen Belange auf der Basis von Handlungsanweisungen. In dieser Ebene ist die konkrete Aufgabenverteilung, z. B. des ersteintreffenden Zuges und der Spezialeinheiten, verankert.

Die dritte Dokumentenebene wird durch feuerwehrinterne und -externe Anlagen gebildet. Dies können z. B. Gesetzestexte, FwDV, vfdb-Richtlinien, Gerätetechnikbeschreibungen oder sonstige Regelwerke sein. Die Inhalte dieser „Technik“-Ebene sind im Wesentlichen bereits in der Strategie- und Taktikebene berücksichtigt.

Abb. 3: Eine Unterseite des ABC-ATLAS. Auf dieser Seite sind in der ABC-Stufe I (innerer Ring) nur die für alle Einsatzkräfte gültigen Handlungsanweisungen verlinkt.

Abb. 3: Eine Unterseite des ABC-ATLAS. Auf dieser Seite sind in der ABC-Stufe I (innerer Ring) nur die für alle Einsatzkräfte gültigen Handlungsanweisungen verlinkt.

Bildlich wird die zweite Dokumentenebene durch einen Kreis verdeutlicht, unterteilt in die vier genannten Aufgabensektoren. Jeder Ausgabensektor ist wiederum in drei Stufen gegliedert. Die entsprechenden Erkennungsfarben finden sich in allen Dokumenten an der entsprechenden Stelle wieder und sorgen so für einen intuitiven Wiedererkennungseffekt.

Die ABC-Stufe I aller vier Aufgabensektoren bildet in der Mitte einen „inneren Ring“ um die symbolisch verdeutlichte ABC-Einsatzstelle und deckt die bekannten Maßnahmen des erst eintreffenden Zuges nach GAMSN ab:

  • Gefahr erkennen → Messen ABC-Stufe I,
  • Absperren → Warnen ABC-Stufe I,
  • Menschenrettung → Gefahrenabwehr ABC-Stufe I
  • Spezialkräfte → Nachforderung entsprechend ABC-Strategie (1. Dokumentenebene) und
  • (Not)-Behelfs-Dekon → Dekontamination ABC-Stufe I.

Die Spezialeinheiten sind den ABC-Stufen II (kommunale Spezialeinheiten) und III (externe Spezialeinheiten) zugeordnet. Außerhalb der ABC-Stufe III finden sich Sonderpläne des länderübergreifenden Katastrophenschutzes.

Zur Verdeutlichung des Stufensystems sei im Aufgabensektor „Gefahrenabwehr“ in der kommunalen ABC-Stufe II das ABC-Fahrzeugmodul „Gefahrgutzug*“ (Auffangen, Abdichten, Umfüllen; nicht Messen, Dekon usw.) mit einem Gerätewagen-Gefahrgut und in der ABC-Stufe III das externe Modul „Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS)“ der chemischen Industrie genannt. Im Aufgabensektor „Messen“ ABC-Stufe III ist dementsprechend das Modul „ATF“ angesiedelt, wobei München einer der sieben bundesweiten ATF-Standorte ist.

Je nach Einsatzlage werden die verschiedenen ABC-Stufen in den vier Sektoren unterschiedlich „hoch-“ bzw. im Laufe des Einsatzgeschehens „zurückgefahren“. Da jede ABC-Stufe in jedem Aufgabensektor ein eigenständiges Modul ist, welches in Personal und Material unabhängig arbeitet, sind auch die notwendigen schriftlichen Unterlagen zur Aus- und Fortbildung zielgruppenspezifisch (Abb. 2).

Durch das konsequente Einhalten der modularen Dokumentenstruktur und insbesondere durch den Abgleich der Dokumenteninhalte gelingt es, dass die erste Ebene (Strategie) nur Schriftstücke mit relevanten Inhalten für Führungskräfte enthält. In der zweiten Ebene (Taktik) erläutern konkret verfasste Handlungsanweisungen das „Feuerwehrhandwerk“ für die Mannschaftsmitglieder, jeweils unterschieden in Dokumente für „alle Einsatzkräfte“ z. B. Behelfs-Dekon oder für ABC-Spezialeinheiten mit zielgruppenorientierter Zuteilung z. B. Dekon E oder Dekon V.

ABC-ATLAS

Um die verschiedenen Dokumente mit ihrem zielgruppenspezifischen Inhalten zu vermitteln, wurde bei der Feuerwehr München eine Gesamtübersicht über alle im ABC-Bereich gültigen Schriftstücke erstellt. Der ABC-ATLAS wird im Intranet der Branddirektion München als „Flash-Applikation“ angeboten. Der Flash-ABC-ATLAS nutzt somit die Synergieeffekte, welche die meisten Einsatzkräfte aus der täglichen Bedienung ihrer „Smartphone-Apps“ bereits kennen. Ohne ein einfaches, intuitives und zielgruppenorientiertes Wissensmanagement der komplexen Inhalte ist ein nachhaltiger und vor allem motivierender Lerneffekt nicht zu bewerkstelligen.

Abb. 4: Auch die Sonderpläne des ABC-Katastrophenschutzes sind erfasst. (Grafiken: Branddirektion München)

Abb. 4: Auch die Sonderpläne des ABC-Katastrophenschutzes sind erfasst. (Grafiken: Branddirektion München)

Im ABC-ATLAS werden die konkreten Inhalte der Dokumente mit einem graphisch aufgewertetem Layout verknüpft. Besondere Bedeutung wurde neben der Übersichtlichkeit und Bedienerfreundlichkeit auch der Entwicklung der Grafik zum „Empfohlenen Wissensstand“ beigemessen. Durch die Verwendung von Helmpiktogrammen mit den in Bayern eingeführten Helmkennzeichnungen ist jeder Funktionsebene – vom Truppmann bis zum Direktionsdienst – auf einen Blick ersichtlich, welche Relevanz die im ABC-ALTAS verknüpften Dokumente haben. Dies konnte realisiert werden, indem die Inhalte der Dokumente streng dem modularen Aufbau des ABC-Gesamtkonzeptes folgen (Abb. 3 und 4).

Weitere ­ATLANTEN

Der ABC-ATLAS liegt mittlerweile in der Version 3.0 vor und stößt bei den Einsatzkräften auf Zustimmung. Deshalb ist geplant, auch im Rettungsdienstbereich (RD) mit dem besonderen Schwerpunkt MANV-Einsatz sowie den beiden anderen Feuerwehraufgabenfeldern „Brandschutz (BS)“ und „Technische Hilfeleistung (TH)“ eine ATLANTEN-Dokumentenstruktur zu etablieren. Die zukünftigen vier ATLANTEN (BS, TH, ABC, RD) werden miteinander verknüpft, so dass eine Querverlinkung der Inhalte intuitiv erfolgt. Die Einsatzkraft „muss“ dabei nicht mehr explizit wissen, „wo“ sie gerade liest oder „wo“ sie im umfangreichen Intranet etwas finden kann. Zielgruppenorientierte, intuitiv verlinkte und graphisch aufbereitete Inhalte sind zukünftig verstärkt notwendig, um die wachsende Menge an „Feuerwehrwissen“ in unserer sich rasch entwickelnden Gesellschaft beherrschen zu können.

* Die Begriffe und Abkürzungen sind Zitate aus dem „Einsatzkonzept ABC“ der Branddirektion München ©.

Anschrift des Verfassers:

2008_11_04 - Bewerbungsbild Dr. Tobias Erb mit KrawatteBrandrat Dr. rer. nat. Tobias Erb
Sachgebietsleiter „Einsatzkonzepte“
Landeshauptstadt München
Kreisverwaltungsreferat
An der Hauptfeuerwache 8
80331 München
Tel.: 089 / 2353-4103
E-Mail: tobias.erb@muenchen.de

 

Dr. rer. nat. Tobias Erb
Dipl.-Ing. für Technische Physik
Jahrgang 1978

1999 – 2004: Studium im Fach „Technische Physik“ an der TU ­Ilmenau mit anschließender ­Promotion
2009 – 2011: Beamter auf Widerruf im höheren feuerwehrtechnischen Dienst am Institut der Feuerwehr NRW in Münster
2011 – 2013: Brandrat im Beamtenverhältnis auf Probe bei der BF München als Sachgebietsleiter „Einsatzkonzepte“ und Tätigkeit im Einsatzführungsdienst
Seit 04/2013: Brandrat im Beamtenverhältnis auf Lebenszeit bei der BF München als Sachgebietsleiter „Einsatzkonzepte“ und Tätigkeit im Einsatzführungsdienst
2009 – 2011: Zweiter und Erster Sprecher der IGBRef