Die Vulnerabilität unserer Gesellschaft, ihrer Kritischen Infrastrukturen, die Zunahme von geologischen und meteorologischen Schadensereignissen, Gefahren durch biologische und chemische Agentien sowie die Möglichkeiten terroristischer Attacken sind im neuen Jahrtausend verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, Politik und Administration gekommen und werden entsprechend als Gefährdung wahrgenommen. Daher ist es auch kein Tabu mehr, über die Konsequenzen sowie Maßnahmen zur Bewältigung von Großschadensereignissen und Katastrophen mit einem außergewöhnlichen Massenanfall von Verletzten, Erkrankten und Infizierten zu reden und nachzudenken. Der vorliegende Beitrag versteht sich als Fortsetzung im Rahmen der Vorstellung der Aufgaben und Arbeitsbereiche der AKNZ und stellt die Herausforderungen der Notfall- und KatastrophenPharmazie dar.

Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz

Der Schutz der Gesundheit ist nach der Verfassung ein hohes Schutzgut. Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit zählen nach § 1 Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG) zu den Aufgaben des Zivilschutzes. Die neue Strategie umfasst dieGesundheitsvorsorge als relevanten Themenkomplex. Sie ist die Grundlage für die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen zur Sicherstellung einer angemessenen Gesundheitsvorsorge und eines angemessenen Gesundheitsschutzes.

Der Gesundheitliche Bevölkerungsschutz dient mit vorbeugenden Maßnahmen der bestmöglichen gesundheitlichen Versorgung in Notfallsituationen, insbesondere bei Großschadensereignissen, Katastrophen und bedrohlichen (Infektions-)Krankheiten. In die medizinische-personelle Hilfeleistung sind sämtliche Versorgungssektoren eingebunden; dazu gehören auch die Heilberufe.

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Zu den Schwerpunktaufgaben gehören u. a.:

  • Medizinische Versorgung bei Großschadenslagen,
  • konzeptionelle Vorgaben für Krankenhausalarmplanungen oder Krankenhausalarmpläne,
  • Sanitätsmaterialbevorratung/-vorsorgeplanung,
  • medizinische Vorsorgeplanung für großflächige und/oder national bedeutsame CBRN-Gefahren,
  • Standards für Organisation, Einsatzplanung und -taktik, Logistik, Qualitätsmanagement, personelle und materielle Ausstattung im medizinischen Bevölkerungsschutz,
  • Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Apothekern.

 

Einbindung der Apotheker in den ­Bevölkerungsschutz

Auf § 1 der Bundesapothekerordnung beruht der „öffentliche“ Auftrag der Apotheker zur Arzneimittel-Versorgung der Bevölkerung:
Der Apotheker ist berufen, die Bevölkerung ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen. Er dient damit der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes.
Dieser Auftrag beinhaltet nicht nur eine sichere Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten in normalen Zeiten. In Krisensituationen, bei Großschadensereignissen und Katastrophen kommen auf die pharmazeutische Versorgung Anforderungen zu, die mit den normalen Mechanismen der Betriebsführung und Logistik nicht zu bewältigen sind.
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Die Mitwirkung der Apotheker und ihrer Standesvertretungen im Katastrophenschutz ist – in sehr unterschiedlicher Weise – in den Katastrophenschutzgesetzen der Länder geregelt. Dieser Verpflichtung wird aber bislang noch nicht mit adäquaten Aktivitäten nachgekommen. Wesentliche Ursachen dafür sind ein relativ hohes Sicherheitsgefühl, fehlende Einbindung der Pharmazie in die Notfallvorsorge sowie nicht vorhandene Kenntnisse zum pharmazeutischen Notfallmanagement. Fest steht:

  • Die Apothekerinnen und Apotheker sowie das pharmazeutische Personal sind bislang in keiner Weise aus- und fortgebildet für ein Notfall- und Krisenmanagement zur Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten entsprechend § 1 Apothekengesetz.
  • Die pharmazeutische Betreuung zur Qualitätssicherung in den operativen Bereichen des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes fehlt.
  • Für die Internationale Hilfe werden verstärkt dafür qualifizierte Apothekerinnen und Apotheker benötigt.

 

Fachbuch „Notfall- und Katastrophen­Pharmazie“

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Apothekerinnen und Apotheker haben in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in dem 2009 erschienen Fachbuch „Notfall- und Katas­trophenPharmazie“ (KatPharm) Grundlagen und erste Standards für das Pharmazeutische Notfallmanagement entwickelt. Dazu gehört auch eine den Aufgaben entsprechende Definition:
Die Notfall- und KatastrophenPharmazie dient der Sicherstellung einer bestmöglichen pharmazeutischen Versorgung der Bevölkerung bei Großschadensereignissen und Katastrophen sowie in sonstigen Ausnahmesituationen. Dazu entwickelt sie Konzeptionen für das pharmazeutische Notfallmanagement der Öffentlichen Apotheken und der Krankenhausapotheken.
Mit aller Fachkompetenz der Apotheker wirkt die Notfall- und KatastrophenPharmazie grundlegend an der notfall- und katas­trophenmedizinischen Versorgung beim Massenanfall von Verletzten, Erkrankten oder Infizierten mit, insbesondere mit Konzeptionen und Qualitätsstandards für die Sanitätsmaterialversorgung

  • der Rettungsdienste und Hilfsorganisationen,
  • des Bevölkerungsschutzes,
  • bei Massenveranstaltungen,
  • bei Einsätzen in der Internationalen Hilfe,
  • für Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit.

Zur Erfüllung dieser Aufgaben bedarf es einer zusätzlichen Qualifikation der Apotheker/innen für das pharmazeutische Notfallmanagement.
Ziel ist, Apothekerinnen und Apotheker mit dem Pharmazeutischen Notfallmanagement

  • für Öffentliche Apotheken und Krankenhausapotheken,
  • im Öffentlichen Gesundheitsdienst,
  • im Sanitäts- und Betreuungsdienst des Katastrophenschutzes sowie bei den Medizinischen Task-Forces im Bevölkerungsschutz,
  • in der Internationalen Hilfe

vertraut zu machen, um die pharmazeutische Versorgung in Notsituationen und Krisen sowie bei massiven Störungen der Kritischen Infrastrukturen soweit wie möglich sicherzustellen. Bei außergewöhnlichen Situationen und Schadensereignissen sind die Pharmazeuten mit dieser Aufgabe besonders gefordert; ohne Vorbereitung darauf können sie sehr schnell überfordert sein.
In der Arbeitsgemeinschaft Notfall- und KatastrophenPharmazie (AG KatPharm) wirken Apothekerinnen und Apotheker aller Fachgebiete praxisorientiert an den vielfältigen Aufgaben mit und stehen mit ihren Fachkenntnissen für das Pharmazeutische Notfallmanagement zur Verfügung.

Experten-Netzwerk KatPharm

Das Experten-Netzwerk der Arbeitsgemeinschaft Notfall- und KatastrophenPharmazie ist bestrebt, in enger Kooperation mit den Apothekerkammern sowie den Behörden, Einrichtungen und Organisationen im Bevölkerungsschutz und Gesundheitswesen das Pharmazeutische Notfallmanagement weiter auf- und ausbauen. Es ist gegliedert in fachbezogene Aufgabenbereiche.

Ausbildung

Vorrangig sind nun Informations- und Ausbildungsveranstaltungen zur Notfall- und KatastrophenPharmazie und zum Pharmazeutischen Notfallmanagement.
In Zusammenarbeit mit der Akademie für Krisenmanagement und Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) im BBK und den Apothekerkammern werden seit 2011 kostenfreie zertifizierte Seminare zur Notfall- und KatastrophenPharmazie und zum Pharmazeutischen Notfallmanagement an der AKNZ durchgeführt.
Aufbauend auf dem Fachbuch Notfall- und KatastrophenPharmazie wurde ein Curriculum mit Seminarinhalten für das Pharmazeutische Notfallmanagement für Apotheker/innen und Mitarbeiter/innen in den Apotheken erstellt. Damit sollen nicht nur Wissensinhalte vermittelt werden; vielmehr sollen die Teilnehmer aktiv Modellszenarien bewältigen und Lösungen zur Bewältigung der pharmazeutischen Versorgung bei Not- und Ka­tas­trophenfällen erarbeiten. Aus diesen Seminararbeiten könnte auch ein Handbuch mit Arbeitsanleitungen entwickelt werden, das als Muster-Notfallplan für Apotheken und das Pharmazeutische Notfallmanagement dienen kann.

Das Fachbuch „Notfall- und KatastrophenPharmazie“ ist kostenlos erhältlich beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe oder im Internet unter www.katastrophenpharmazie.de bzw. www.katpharm.de.

Informationen und Literatur beim Verfasser.
Anschrift des Verfassers:
Wolfgang Wagner
Apotheker für klinische Pharmazie
PHARM.CONSULT
Notfall- und KatastrophenPharmazie
Schanzenstr. 21, 40549 Düsseldorf
Tel.: 0211/5579514
E-Mail: w-wagner.pharm@t-online.de

Wolfgang Wagner
Apotheker für klinische Pharmazie
geb. am 12. Juni 1944 in Winterberg (Westf.)

  • 1967 – 1997: Studium der Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität ­Münster mit anschließender Approbation als Apotheker sowie berufliche Tätigkeiten als Leiter einer Öffentlichen Apotheke sowie von Krankenhausapotheken.
  • Seit 1997: Beratende Tätigkeiten: Pharmazeutisches Notfallmanagement, Hygiene­management – Dekontamination – Persön­liche Schutzausstattung, Sanitätsmaterial-Logistik: Zivil- und Katastrophenschutz – ­Internationale Hilfe
  • Seit 1961: Helfer, Einheitsführer und Stadtbeauftragter im Malteser Hilfsdienst e. V. in den Bereichen Sanitäts- und Rettungsdient, Zivil- und Katastrophenschutz sowie in der Internationalen Hilfe, Gründung des Fachbereichs Pharmazie; erster Bundesapotheker des Malteser Hilfsdienstes
  • Initiierung und Leitung der Malteser ­Hygienekommission
  • 1991 – 2013: Mitglied, Vizepräsident und Präsident der Deutsche Gesellschaft für ­Katastrophenmedizin e. V. (DGKM e. V.)
  • 1995 – 2010: Gründung und Leitung der DGKM-Arbeitsgemeinschaft Notfall- und KatastrophenPharmazie
  • 2006 – 2012: Projektleiter Fachbuch und Curriculum „Notfall- und KatastrophenPharmazie“ für das gleichnamige Gemeinschaftsprojekt des BBK und der DGKM e. V.