Der Deutsche Wetterdienst (DWD), der vergangenes Jahr sein 60-jähriges Bestehen feierte, ist als oberste Bundesbehörde für die Erstellung und Verteilung von Wetterinformationen bis hin zu Wetterwarnungen zuständig. Wie sich die Zusammenarbeit mit Bevölkerungs- und Katastrophenschutzeinheiten gestaltet und wie die Kommunikation mit der Öffentlichkeit funktioniert, erläuterten DWD-Präsident Prof. Dr. Gerhard Adrian und sein Pressesprecher Gerhard Lux im Gespräch mit CP. Das Interview führten Dr. Horst Schöttler, Leitende Redaktion, und Sarah Heggen, Zentrale Redaktion.

CP: Seit den Erfahrungen mit den Winterstürmen „Lothar“ und „Martin“ zum Jahresende 1999 wurde die Wettervorhersagepraxis entscheidend geändert: War es vorher nur  e i n e  Vorhersage (mit entsprechender Fehlerquote), wird inzwischen ein Vorhersagebündel von etwa 50 Einzelrechnungen in einer probabilistischen „Ensemble-Vorhersage“ angewandt. Was genau hat sich geändert?

DWD: Der DWD versorgt die Feuerwehren seit etwa 2000 direkt und unmittelbar mit eigenen Informationen und Warnungen über das Feuerwehr-Wetterinformationssystem (FeWIS). Somit sind die Einsatzkräfte in der Lage, die vom DWD erstellten Wetterinformationen zu bewerten. Grundlage dieses Konzeptes ist es, dass ausgewählte Mitarbeiter einer Leitstelle die unterschiedlichsten Informationen bewerten können müssen. Die dafür benötigten Hintergrundinformationen kann man über FeWIS beziehen. Das System beschränkt sich allerdings auf die Berufsfeuerwehren und den von diesen betriebenen Integrierten Leitstellen (IL).

CP: Somit ist ab 2000 von einer Kommunikationsoptimierung zwischen Bund und Ländern zu sprechen. Wie wurde dieses System entwickelt und wie gestaltet sich die Funktionsweise? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften?

DWD: Die Zusammenarbeit zwischen DWD und Einsatzkräften wird durch das gemeinsam mit den Berufsfeuerwehren und dem DFV entwickelte FeWIS gewährleistet. Grundlage sind Kooperationsverträge des DWD mit den Bundesländern mit ihren Feuerwehren, der Polizei, dem THW und anderen Hilfsorganisationen, wie dem DRK. Die Ansprechpartner in den Berufsfeuerwehren und Leitstellen können aktuelle Wetterentwicklungen beobachten und je nach Lage Vorsorgemaßnahmen treffen, z. B. zusätzliches Personal anfordern. DWD-Experten des Referates Produktentwicklung und Kundenkommunikation sind die direkten Ansprechpartner für den Katastrophenschutz und übernehmen die entsprechenden Schulungen. Zusätzlich veranstaltet der DWD auch Nutzerforen, um Feedback zu bekommen und z. B. den Schulungsbedarf zu evaluieren.

CP: Diese Fachinformationen durch Meteorologen müssen indes auch durch die Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes verstanden und in ihren Folgen und Auswirkungen beurteilt und bewertet werden können. Wie stellen Sie sicher, dass beispielsweise ein Hauptbrandmeister als Disponent einer IL mit Angaben zu Quadratmeter-Niederschlag oder Regenmengen umgehen und die entsprechenden Schlüsse ziehen kann?

DWD: Das Konzept geht davon aus, dass die jeweiligen Mitarbeiter entsprechend ausgebildet sind und über einen gewissen technisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügen. An unseren sechs Niederlassungen gibt es immer einen Ansprechpartner für die Katastrophenstäbe usw. Dort sitzt speziell ausgebildetes Personal; zusätzlich gibt es immer einen Wetterberater mit Unterstützung durch unseren technischen Dienst, der die Kommunikation organisiert.

CP: Wie funktioniert das DWD-Warnmanagement im Einzelnen?

DWD: Die vier Warnstufen des DWD – „Wetterwarnung, Markante Warnung, Unwetterwarnung, Extreme Unwetterwarnung“ – sind den haupt- und ehrenamtlichen Hilfsdiensten ja bekannt. Die Warnungen des DWD werden in der Zentrale in Offenbach und teilweise auch in den Regionalzentralen generiert. Das können großflächige Sturm- oder Niederschlagsereignisse sein, die sich uns schon einige Tage zuvor ankündigen – oder auch kurzfristige, lokale Ereignisse wie Gewitter, Hagel, Starkregen, die sinnvollerweise erst wenige Stunden zuvor bewarnt werden, wenn Ort und Zeit ausreichend gut simuliert sind. Die zeitliche Kategorisierung in Früh-, Vor- und eigentliche Warnung ist mit den Katastrophenschutzeinrichtungen abgestimmt. Unsere Warnkriterien unterscheiden sich teilweise von denen in anderen Ländern. So geht man beispielsweise in den Alpenländern mit Schneefall anders um als in Deutschland oder in Belgien.

CP: Wer erhält Zugang zu FeWIS?

DWD: Innerhalb des Feuerwehrinformationssystems sind alle Berufsfeuerwehren angeschlossen, einschließlich Werksfeuerwehren usw. Es gibt aufgrund der geschlossenen Nutzergruppe jeweils mindestens einen identifizierten Ansprechpartner, der Zugang zu dem System hat und sich bei Problemen, im Falle von Schulungen oder Einweisungen in neue Informationen an den DWD wendet.

CP: Welchen Fortschritt weisen heutige Wettervorhersagen im Vergleich zu denen von Ende der 1990er Jahre auf?

DWD: Qualität und Quantität wurden weiter optimiert. Die Qualität der Wettervorhersage – auch über mehrere Tage hinweg – hat sich massiv gebessert. In diesem Jahr haben wir aufgrund der kontinuierlichen Verifikation unserer Vorhersagen und Modellverbesserungen unsere Vorwarnzeiten ausdehnen können – ohne dabei die sog. Falschalarmrate zu erhöhen.

CP: Wie gestaltet sich das Warnmanagement des DWD?

DWD: Unsere Warnungen gehen frühzeitig und mit allen Zusatzinformationen parallel an die Einrichtungen des Katastrophenschutzes, an die Medien und an die Öffentlichkeit heraus. Alle drei Bereiche bekommen fast identische Informationen, herunter gebrochen bis auf Landkreisebene und zum selben Zeitpunkt. Für uns ist das ein hoher technischer Aufwand, aber sehr sinnvoll unter dem Aspekt der Daseinsvorsorge, so wie es auch im Gesetz über den Deutschen Wetterdienst formuliert ist.

Organigramm des DWD mit Stabsstellen und Geschäftsstellen. (Grafik: DWD)

Organigramm des DWD mit Stabsstellen und Geschäftsstellen. (Grafik: DWD)

CP: Auf welche Weise erreichen Sie die Öffentlichkeit?

DWD: Zunächst natürlich über unsere Internet-Seiten www.dwd.de und www.wettergefahren.de. Darüber hinaus versenden wir zahlreiche Newsletter mit den verschiedensten Inhalten und Warnungen. Wir nutzen zunehmend auch Social-Media, wie facebook und Twitter. Wir haben einen eigenen YouTube-Kanal, über den wir bei kritischen Wetterlagen aktuelle Vorhersagen aus unserem Wetter-Studio verbreiten. Natürlich nutzen wir auch die klassischen Medien als Multiplikatoren, um im Ernstfall möglichst die gesamte Bevölkerung zu erreichen und mit neuesten Informationen zu versorgen.

CP: Nennen Sie uns bitte ein Beispiel für das erfolgreiche Warnmanagement.

DWD: Nehmen wir den Orkan Kyrill Anfang 2007. Frühzeitige und sichere Warnungen ermöglichten der Bevölkerung Vorsorge zu treffen und ihr Hab und Gut weitgehend in Sicherheit zu bringen. Die Schäden waren in der Summe etwa 20 % niedriger als das Ausmaß der Wetterlage vermuten ließ. Ähnlich verhielt es sich mit dem Hochwasser 2013. Vor der prekären Situation an Donau und Elbe war frühzeitig gewarnt worden. Die Kommunikation mit den Hochwasser-Warnzentralen und den diversen Hilfsorganisationen verlief routiniert und sehr kompetent.

CP: Welchen Herausforderungen sehen Sie sich gegenüber?

DWD: Die generelle Herausforderung liegt im Gesetz über den DWD. Dort ist geregelt, was unsere Aufgabe ist. Wichtig ist demnach als nationaler Wetterdienst Deutschlands nicht nur meteorologische Dienstleistungen für die Allgemeinheit bereitzustellen, sondern gemäß § 4, Abs. 4 des geltenden „Gesetzes über den Deutschen Wetterdienst (DWDGesetz)“ – Fassung von 2009 – auch die Länder beim Katastrophenschutz zu unterstützen. Der DWD ist darüber hinaus aber auch dazu verpflichtet, private Informationsprovider mit Informationen zu versorgen. So gehören beispielsweise auch alle privaten Wetterfirmen zu unserem Kundenkreis.

Leistungen des DWD

• 179 hauptamtliche Wetterwarten und Wetterstationen
• 11 Klimareferenzstationen
• 48 Stationen mit Radioaktivitätsmessungen
• 90 000 Vorhersagen, 30 000 Wetter- und Unwetterwarnungen jährlich
• Zusätzlich etwa 14 000 Beratungen/Gutachten für Behörden, Katastrophenschutz etc.
• Mitarbeit in 50 größeren nationalen und internationalen Projekten
• Erstellung von gut 15 000 Produkten zur Klimaüberwachung
• Rund 300 Millionen Klimadaten für Forschung und Lehre

CP: Eine gute Vorhersage nutzt also den Betroffenen, die durch frühzeitige Information und Vorwarnung sich selbst und ihr Eigentum vor größeren Schäden schützen können, den Versicherungen, wie Erst- und Rückversicherung sowie dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, der aufgrund geringerer Schäden weniger zahlen muss?

DWD: Richtig, die Versicherungswirtschaft weiß, welch gute Dienste der DWD hier leistet. Bei frühzeitiger Warnung können viele Schäden minimiert werden. Zwar zahlt der Steuerzahler für den DWD, volkswirtschaftlich gesehen ist die Kosten-Nutzen-Relation für den DWD jedoch ausgesprochen positiv, d. h. der Nutzen übersteigt die Kosten um ein Vielfaches.

CP: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des DWD mit anderen nationalen Wetterdiensten und Katastrophenschutzinstanzen?

DWD: Weitgehend problemlos. Größere Dienste helfen den Kleineren. Der DWD stellt dabei vielen Entwicklungsländern seine Kenntnisse beratend zur Seite. Natürlich arbeiten wir eng mit vielen internationalen Institutionen wie WMO, EUMETSAT und UNESCO zusammen, aber auch mit IGOs und NGOs. Und wir sind Teil einer Behördenallianz, zu der BBK, BBSR, THW und UBA gehören.

CP: Welche Ziele verfolgt der DWD für die Zukunft?

DWD: In naher Zukunft wird die europäische Kommission eine Neufassung ihrer Public Sector Information Direktive veröffentlichen. Unser Ziel ist es, dass alle Informationen frei sind. Dieser Bereich thematisiert den Umgang mit den Medien, die für bestimmte Informationen bezahlen, für Wetterwarnung beispielweise aber nicht. Hier sind wir aber auf einem guten Weg.

CP: Wir bedanken uns für das informative Gespräch und wünschen dem DWD weiterhin optimale Wetterprognosen.